Rezension über:

Halina Florkowska-Frančić: "Die Freiheit ist eine grosse Sache". Aktivitäten polnischer Patrioten in der Schweiz während des Ersten Weltkriegs (= Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft; Bd. 185), Basel: Schwabe 2014, 358 S., ISBN 978-3-7965-2947-4, CHF 58,00
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Rezension von:
Stefan Dyroff
Historisches Institut, Universität Bern
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Dyroff: Rezension von: Halina Florkowska-Frančić: "Die Freiheit ist eine grosse Sache". Aktivitäten polnischer Patrioten in der Schweiz während des Ersten Weltkriegs, Basel: Schwabe 2014, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 2 [15.02.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/02/28420.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Halina Florkowska-Frančić: "Die Freiheit ist eine grosse Sache"

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Beinahe pünktlich zum 100. Jahrestags des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs ist eine um die Deutschschweiz und das Jahr 1918 erweiterte Fassung einer 1997 auf Polnisch veröffentlichten Monografie über die polnischen Organisationen in der Schweiz 1914-1917 von Halina Florkowska-Frančić erschienen. [1] Die Professorin der Jagiellonen-Universität Krakau kann neben ihrem Danziger Kollegen Marek Andrzejewski als eine der wenigen Spezialistinnen für die schweizerisch-polnische Beziehungsgeschichte bezeichnet werden. Das Erscheinen ihrer Forschungsergebnisse in deutscher Sprache, das maßgeblich auf das Engagement des Baseler Emeritus Heiko Haumann zurückzuführen ist, ist daher grundsätzlich zu begrüßen.

Den Leser erwartet jedoch keine Studie, die aktuelle Trends der internationalen Exilforschung und Weltkriegshistoriografie rezipiert, sondern eine solide Zusammentragung von an vielen Orten archivierten Informationen, die dafür den Ausgangspunkt darstellen können. Zu würdigen ist in erster Linie die Akribie der Autorin und nicht ihre Syntheseleistung. Das Buch ist eine sich zu selten von der Perspektive seiner Quellen distanzierende Rekonstruktion der Vergangenheit und in erster Linie als Fundgrube zu folgenden Themen interessant: das polnische Rapperswil (Polnisches Museum und Nationalschatz), polnische Vereinigungen in der Schweiz (insbesondere die von Jan Kucharzewski - November 1917 bis Februar 1918 Ministerpräsident des Regentschaftsrates in Warschau - dominierte Gruppierung La Pologne et la Guerre) und der "schweizerische Beitrag" zur polnischen Auslandspropaganda (insbesondere an das Ausland gerichtete polnische Publikationsaktivitäten in der Schweiz). Über den schweizerischen Kontext hinaus von Bedeutung sind die von Florkowska-Frančić beschriebenen Streitigkeiten zwischen Aktivisten und Passivisten, die jedoch leider zu wenig mit den über die Schweiz hinausgehenden Diskussionen über die polnische Orientierung im Ersten Weltkrieg verknüpft werden. Die Beziehungen zu anderen in der Schweiz tätigen ostmitteleuropäischen Exilaktivisten werden dagegen nur im Schlusskapitel gestreift, obwohl hier wegen überlappender Gebietsansprüche gerade das polnisch-litauische Verhältnis von besonderem Interesse gewesen wäre und bereits zahlreiche Publikationen zu der sich auch gegen Polen richtenden Tätigkeit des litauischen Aktivisten Jouzas Gabrys vorliegen. [2] Es bleibt zu hoffen, dass die vorliegende Veröffentlichung eine derartige Verflechtungsgeschichte anregt.

Abschließend muss der Leser noch vor der schlechten sprachlichen Qualität der deutschen Fassung des Buches gewarnt werden, sollte sich jedoch deshalb nicht von der Lektüre abhalten lassen. Die oft schwierig zu lesenden Textpassagen sind wahrscheinlich auf mangelnde finanzielle Mittel zurückzuführen. Das Experiment, eine Übersetzung von einer Polonistin in Zusammenarbeit mit Studenten erstellen zu lassen, kann jedoch als gescheitert angesehen werden. Besonders bedauernswert ist, dass der sich an den polnischen Leser richtende patriotisch-pathetische Duktus der Narration nicht an das deutschsprachige Lesepublikum angepasst wurde. Des Weiteren sind einige Fachtermini und Ausdrücke zu wörtlich übersetzt worden. Pars pro toto sei hier auf den "Polnischen Kreis" (Koło Polskie, 26) in der Russischen Duma verwiesen, der besser als "Polnische Fraktion" oder "Polnische Parlamentariergruppe" bezeichnet worden wäre. Der "Nationalfonds" (Skarb Narodowy, 78) wird dagegen in der Fachliteratur meist als "Nationalschatz" bezeichnet, was dem Übersetzerteam aber anscheinend nicht bekannt war.


Anmerkungen:

[1] Halina Florkowska-Frančić: Między Lozanną, Fryburgiem i Vevey. Z dziejów polskich organizacji w Szwajcarii w latach 1914-1917 [Zwischen Lausanne, Freiburg und Vevey. Zur Geschichte der polnischen Organisationen in der Schweiz in den Jahren 1914-1917], Kraków 1997.

[2] Pars pro toto für weitere zahlreiche Publikationen dieses Autors: Eberhard Demm: Die "Union des Nationalités" Paris/Lausanne und die europäische Öffentlichkeit (1911-1919), in Martin Schulze Wessel / Jörg Requate (Hgg.): Europäische Öffentlichkeit. Transnationale Kommunikation seit dem 18. Jahrhundert, Frankfurt a.M. / New York 2002, 92-120. Interessant sind hier auch Erinnerungen von Gabrys: ders. / Christina Nikolajew (Hgg.): Auf Wache für die Nation. Erinnerungen. Der Weltkriegsagent Juozas Gabrys berichtet (1911-1918), Frankfurt a.M. 2013.

Stefan Dyroff