Rezension über:

Hubertus Butin (Hg.): Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst, Köln: Snoeck 2014, 375 S., 150 s/w-Abb., ISBN 978-3-86442-100-6, EUR 24,80
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Rezension von:
Michael Stockhausen
Kunsthistorisches Institut, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Stefan Gronert
Empfohlene Zitierweise:
Michael Stockhausen: Rezension von: Hubertus Butin (Hg.): Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst, Köln: Snoeck 2014, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 3 [15.03.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/03/26592.html


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Hubertus Butin (Hg.): Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst

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Wer einen fundierten Einblick in aktuelle bzw. noch immer aktuelle Begriffe, Diskurse und Strömungen der Kunst seit 1960 sucht, der greife zu dem vorliegenden Begriffslexikon. Die zunächst 2002 und 2006 im DuMont Verlag erschienenen, vergriffenen Auflagen belegen, dass das Nachschlagewerk in den Bibliotheken angekommen ist und sich dort bewährt hat. Die nun vorliegende dritte Ausgabe wurde noch einmal überarbeitet, um 19 Einträge erweitert und um neuere Literaturhinweise ergänzt. 87 Stichworte werden in Form von Kurzaufsätzen vorgestellt, 150 Schwarz-Weiß-Abbildungen, ein Namens- und Begriffsregister, dies alles für knapp 25€. "Unverzichtbar!" titelt die Homepage des nun verantwortlichen Snoeck-Verlags und mag damit nicht Unrecht haben. "Alternativlos", ließe sich angesichts der fehlenden Konkurrenz auf diesem Gebiet ebenfalls sagen. Liegt es einzig an den inzwischen im Internet abrufbaren Glossaren und "Wikis", dass das Format Lexikon für Verleger zu einer undankbaren Aufgabe wurde? Für den deutschsprachigen Raum wäre hier noch Kunst-Begriffe der Gegenwart. Von Allegorie bis Zip [1], erwähnenswert, das 2013 erschienen ist und in bewusster Ergänzung zu dem damals vergriffenen Begriffslexikon bis dato weniger fokussierte Begriffe vorstellt.

Um einen Bewertungshorizont für den vorliegenden Band zu gewinnen, mag ein Blick in das Vorwort hilfreich sein. Der Herausgeber Hubertus Butin konstatiert in ihm "eine immer ausgeprägtere Diskursbildung [...], die ein breiteres Wissen und erhöhtes Theoriebewusstsein erforderlich macht" (6). Mit dem vorliegenden Lexikon möchte er dieses zugänglich machen und hat "führende Theoretikerinnen und Theoretiker unserer Zeit" angefragt, die "Kunstentwicklung von 1960 bis heute" in "prägnanten Essays" zu "beschreiben, analysieren und bewerten" (6). Was einen führenden Theoretiker heute als solchen kennzeichnet und wo, bzw. wie sich in der schönen neuen Projekt- und Netzwerkwelt (Luc Boltanski) die Trennung zwischen Theorie und Praxis ziehen ließe, bleibt ungeklärt. Die Namen der 59 Autoren stehen eher für einen ausgewogenen Mix aus Kunsthistorikern, welche unterschiedliche Rollen und Positionen innerhalb des "Betriebssystems Kunst" - diese Bezeichnung ist im Lexikon nicht anzutreffen - einnehmen. Und auch die ausgewählten Begriffe lassen keinen vorrangig theoretischen Fokus erkennen: Von klassischen kunsthistorischen Labeln wie z.B. "Pop Art", "Appropriation Art", "Fluxus" oder "Bad Painting" über rahmende Phänomene wie "Cultural Studies", "White Cube", "Archiv" und "Künstlerbuch" bis in die Theorie zielenden Begriffen wie "Dekonstruktivismus", "Hybridität", "Index", "Postkoloniale Blick" oder "Postmoderne". Auch hier zeichnet sich das Lexikon eher durch einen guten Querschnitt denn theoretischen Zugriff aus. Ein Manko? Nein, wenn man, wie der erste Satz des Vorwortes ankündigt, "einen kompakten Überblick über die wichtigsten Phänomene der zeitgenössischen Kunst" bieten möchte. Legt man als Maßstab die wenige Zeilen später formulierte Behauptung an, das Buch würde "wesentliche Topoi des theoretischen 'Überbaus'" (7) versammeln, fiele die Bewertung anders aus. Bezeichnenderweise gibt es einen Eintrag zur "Kunstkritik", aber keinen zur vielbeschworenen Theorie.

Inwiefern eine begriffliche und theoretische Zuspitzung im Zeitgenössischen schwerfällt, zeigen zudem die vielen "K"-Einträge: Hier stößt der Leser auf zahlreiche "Kunst und"-Formulierungen. Beschrieben werden parallele Bereiche, Spannungsfelder und Schnittmengen, das "Problem bei der Definition" (7) jedoch ab ovo umgangen. Ein Manko? Im Sinne des einleitenden Theorieversprechens vielleicht, im Sinne eines fundierten Einblicks in virulente bzw. immer wieder aufkeimende Debatten keinesfalls. Die Relativität, die Butin bezüglich der "eigene[n] Zeitgenossenschaft und geschichtliche[n] Bedingtheit" (7) anspricht, wäre vielleicht auch bezüglich des ubiquitär verwendeten Begriffs "Theorie" angebracht gewesen.

Inhaltlich finden sich in diesem Bereich der "Kunst und"-Konstruktionen dabei sehr konzentrierte, neben sehr überfrachteten Aufsätzen. Unter der Weite der Themenfelder leidet vielfach die Anschaulichkeit, da es nicht immer gelingt, sowohl historische wie kulturgeschichtliche Zusammenhänge und Entwicklungslinien zu erklären, als auch künstlerische Annäherungen und Werke anschaulich zu beschreiben. Wer die vielfach nur zitierten Namen und zugehörigen Arbeiten nicht kennt oder im Internet recherchiert, kann lediglich allgemeine Tendenzen nachvollziehen, der Übertrag ins Künstlerische bleibt schemenhaft. Beispielhaft hierfür seien die Artikel zu "Kunst und Politik" genannt. Zwar wurden sie von den 1960ern bis heute in drei Texte für jeweils zwei Dekaden eingeteilt, doch ist auch diese Unterteilung noch immer zu grob und der Vorwurf der Verkürzung und subjektiven Auswahl vorprogrammiert.

Ein größeres Manko im Hinblick auf Ausgewogenheit und Objektivität scheint dagegen, dass die knapp 90 Beiträge von 59 Autoren verfasst wurden. Viele Autoren haben zwei, manche drei, vier oder gar fünf Beiträge verfasst. Laut Herausgeber verstehen sich die Texte "mitunter selbst als Teil einer aktuellen Debatte, zumal viele der Themen und Diskurse noch in Entwicklung sind" (7). Nicht nur die Themen, auch die Autoren, die wissenschaftliche, kuratorische, kunstkritische Funktionen innehaben, sind Teil dieser sich entwickelnden Debatten. Die Einbeziehung möglichst vieler, auch aus Nachbarländern stammender oder außerhalb Europas arbeitender Autorinnen hätte breitere, polyfokale Einblicke garantiert. Dass die Publikation seinen Lesern an keiner Stelle Informationen über die Autoren, sondern lediglich über den Herausgeber an die Hand gibt, könnte als unreflektierte Haltung gegenüber dem Format Lexikon und der eigenen definitorischen Macht gedeutet werden. Aber dies lässt sich heute ja im Internet recherchieren.

Erfreulich sind die vergleichsweise vielen Einträge zur Fotografie, für die ausgewiesene Kenner gewonnen werden konnten. Hubertus von Amelunxens Essay zur "Digitalen Fotografie" ist nach wie vor lesenswert, verweist mit Barthes und Flusser auf klassische Marksteine innerhalb der (ehemaligen) Analog-vs.-Digital-Grabenkämpfe und zeigt auf, inwiefern die technischen Veränderungen ein neues Nachdenken über Wahrnehmung, Wahrheit oder Wirklichkeit erfordern. Eine verpasste Chance ist es jedoch, dass der schon 2002 verfasste Artikel für die neue Auflage nicht überarbeitet bzw. lediglich um eine Fußnote ergänzt worden ist. Bilddistribution innerhalb sozialer Netzwerke oder 3D-Drucker, um nur zwei Stichworte zu nennen, sind somit noch kein Thema und auch den im Text angesprochenen Werken und Künstlern hätten die Hinzufügung aktueller Beispiele gut getan. Obgleich, wie bereits erwähnt, noch immer lesenswert und informativ, merkt man dem Text seine Zeitgenossenschaft an - und diese liegt nun über eine Dekade zurück. Das Entstehungsdatum dieses und der übrigen Texte hätte mit abgedruckt werden müssen.

Dass die 2014er-Auflage um drei ältere Textbeiträge gekürzt wurde, ist gerade im Hinblick auf Butins Essay zum "Kultursponsoring in Deutschland" ein Verlust. Der so kritische wie detailreiche Aufsatz hinterlässt eine bedauernswerte Lücke. Und doch: Trotz einiger Schwächen - weshalb wurde in der Allgegenwart der Hypertexte weitestgehend auf Verweise zwischen den Artikeln verzichtet? - handelt es sich um ein alternativlos unverzichtbares Standardwerk für den deutschsprachigen Raum. Butins Lexikon versammelt viele anregende Beiträge im handlichen Format und ist inhaltlich sehr zu empfehlen, wenn man sich für die jüngere Bildende Kunst und ihre Geschichte interessiert und es nicht als Einstiegslektüre, sondern als Nachschlagewerk und Orientierungshilfe begreift. Die 19 hinzugekommenen Artikel legitimieren die Neuauflage des ansonsten leider zu wenig überarbeiteten bzw. überdachten Lexikons. Ohne unken zu wollen, sei die These gewagt, dass es dessen letzte, redigierte Ausgabe sein wird. Zu wenig wird hier das Format Lexikon in Zeiten vernetzten Denkens und Recherchierens hinterfragt, zu wenig stellt man sich der Herausforderung, zu wenig weiß man sie für sich zu nutzen. In dieser Hinsicht wirkt das Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst leider wenig zeitgenössisch oder gar zukunftsweisend.


Anmerkung:

[1] Jörn Schafaff / Nina Schallenberg / Tobias Vogt (Hgg.): Kunst-Begriffe der Gegenwart. Von Allegorie bis Zip, Köln 2013.

Michael Stockhausen