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Aiyaz Husain: Mapping the End of Empire. American and British Strategic Visions in the Postwar World, Cambridge, MA / London: Harvard University Press 2014, 374 S., 6 s/w-Abb., ISBN 978-0-674-72888-2, USD 49,95
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Rezension von:
Thomas Freiberger
Bonn
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Thomas Freiberger: Rezension von: Aiyaz Husain: Mapping the End of Empire. American and British Strategic Visions in the Postwar World, Cambridge, MA / London: Harvard University Press 2014, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 6 [15.06.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/06/27174.html


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Aiyaz Husain: Mapping the End of Empire

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Aiyaz Husain hat ein intelligentes Buch über die Entstehung der neuen Weltordnung nach 1945 geschrieben. Anhand zweier Fallstudien, welche die Ursprünge der territorialen Dauerkonflikte in Palästina und Kaschmir nachzeichnen, gelingt es ihm, die britische und amerikanische Nachkriegsplanungen immer wieder aus einer anderen Richtung exemplarisch zu beleuchten und damit eine dichte Beschreibung der Neuordnung des Staatensystems nach 1945 zu liefern. Zahlreiche Themen, deren Komplexität allein schon schwer genug zu fassen ist, werden hier miteinander in Beziehung gesetzt: Dekolonisierung, Kalter Krieg, Nah-Ost-Konflikt, Kaschmir-Konflikt, Entstehung der UN, UN-Peacekeeping, Perzeptionsmuster von Gruppen und Individuen in der Politik sowie philosophische und völkerrechtliche Betrachtungen zu Fragen zwischenstaatlicher Beziehungen. Zu all diesen Aspekten gibt es bereits Fachliteratur und derjenige, der sie kennt, wird auf den ersten 128 Seiten, in denen die beiden Fallstudien auf der Grundlage soliden diplomatiegeschichtlichen Handwerks dargestellt werden, kaum Neues entdecken. Der eigentliche Erkenntnisgewinn wird erst in den nachfolgenden Kapiteln erzielt.

Die nicht immer leserfreundliche Konzeption des Buches ist dem Problem geschuldet, dass sich historische Gleichzeitigkeit erzählerisch nicht darstellen lässt und nach heuristischer Trennung verlangt. Daher breitet Husain zunächst die Faktengeschichte des Palästinakonflikts und des indisch-pakistanischen Streits um die Kaschmir-Region in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre aus, um anschließend über historische Rück- und Vorgriffe sowie über die Darstellung von Parallelvorgängen komplexe Kausalzusammenhänge und deren Wirkmächtigkeit bis heute aufzuzeigen. Wie im Titel angedeutet, benutzt die Studie einen methodischen Ansatz, der dem "mental mapping" zuzuordnen ist und versucht, die geopolitischen Vorstellungen von Entscheidungsträgern und Bürokratien aufzuzeigen. Die Idee, im Falle von räumlichen Neuordnungen, die Raumvorstellungen von Entscheidungsträgern sowie politischen und militärischen Planern in den Blick zu nehmen, mag auf den ersten Blick banal erscheinen. Angesichts der mittlerweile eher erkenntnishemmenden Deutungshoheit des "Orientalismus"-Erklärungsansatzes von Edward Said ist dies jedoch erfrischend. Husain verweist dabei vor allem auf den Einfluss amerikanischer geopolitischer Vordenker wie Alfred Thayer Mahan, Halford Mackinder, Nicholas Spykman, aber auch auf den empirischen Befund, dass während des Zweiten Weltkriegs die Zirkulation und Konsultation von Weltkarten aufgrund des komplexen weltweiten Frontgeschehens weite Bevölkerungsschichten erfasste und somit auch deren Wahrnehmung prägte.

In Washington und London brachte dieses Kartenstudium in Verbindung mit der jeweiligen weltpolitischen Bestandaufnahme nach dem Krieg ganz unterschiedliche Raumvorstellungen hervor. Weder die Churchill- noch die Attlee-Regierung wollten das britische Empire auflösen. Aber der ökonomischen und militärischen Überbürdung des britischen Kolonialreiches mussten Premierminister Attlee und Außenminister Bevin schließlich Rechnung tragen. Formale Kolonialverpflichtungen sollten in informelle Strukturen überführt und durch großzügige Entwicklungshilfe abgefedert werden, um so die wesentlichen Kommunikations- und Transportwege des Empires aufrecht zu erhalten. Den muslimischen Glauben betrachteten die militärisch und politisch Verantwortlichen dabei als einigendes Band der britischen Kolonialgebiete von Ägypten bis Indien. Entsprechend beurteilte die Attlee-Regierung sämtliche Konflikte in dieser imaginierten Region hinsichtlich ihres Sprengpotentials in den muslimischen Bevölkerungsschichten. Umgekehrt dachte die US-Regierung bereits in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs außen- und sicherheitspolitisch in globalen Kategorien. Diese globale Ausrichtung wurde durch den aufziehenden Ost-West-Konflikt verstärkt. Zugleich verstand sich die USA aufgrund ihrer Gründungsgeschichte traditionell als antikoloniale Macht. Die einzigartige ökonomische und militärische Machtstellung der USA nach 1945 eröffnete Washington zudem in dem Maße weltpolitische Möglichkeiten, wie sie im Falle Londons schwanden.

In der Praxis zeigen die beiden Fallbeispiele jedoch deutlich, dass Washingtons Antikolonialismus eher rhetorischer Natur war und im Zweifelsfall geopolitischen Erwägungen im heraufziehenden Ost-West-Konflikt untergeordnet wurde. Zwar begrüßten die USA grundsätzlich die neuen Unabhängigkeitsbewegungen im Nahen Osten und in Asien, allerdings wollten sie Großbritannien und Frankreich als wichtige NATO-Partner und Ordnungsmächte in entlegenen Weltregionen nicht vergrätzen. In der Praxis bedeutete dies die stillschweigende Akzeptanz der kolonialpolitischen Rollen beider Länder. Zumal eine direkte Übernahme der militärischen und ordnungspolitischen Pflichten der beiden alten Kolonialmächte unmittelbar nach Kriegsende auch die Ressourcen der USA überstiegen hätte.

Im Falle des Kaschmir-Konfliktes zogen die USA und Großbritannien auf den ersten Blick am gleichen Strang und begrüßten die Gründung Pakistans 1947. Eine militärische Intervention wegen des Territorialstreits um die Region Kaschmir lehnten beide Staaten ab und unterstützten schließlich die Vermittlungsversuche und die Beobachtermission der Vereinten Nationen. Allerdings taten sie dies aus unterschiedlichen Gründen. Während Pakistan für die USA aufgrund seiner strategischen Nähe zur Sowjetunion bedeutsam war, betrachtete London den neuen Staat als "keystone" im Bogen seines orientalischen Imperiums. Dementsprechend befürchtete London auch stets Wechselwirkungen zwischen den muslimischen Bevölkerungsschichten in Palästina und Pakistan.

In Palästina hatte sich Großbritannien dagegen schon während des Ersten Weltkriegs in eine aussichtslose Lage manövriert, als man sowohl den Arabern als auch den jüdischen Siedlern in Palästina im Falle des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches Unterstützung bei einer Staatsgründung zugesagt hatte. Während London aus imperialen Gründen und Washington aus globalen Gründen noch Anfangs auf die erfolgreiche Umsetzung des UN-Teilungsplans für Palästina hofften, vollzog Truman nach der Staatsgründung Israels infolge des ersten arabisch-israelischen Kriegs eine Kehrtwende. Wohl primär aus humanitären Gründen, angesichts des Schicksals der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg, begrüßte der Präsident nun die Staatsgründung.

Des Weiteren überrascht Husains Untersuchung mit Blick auf das Verhältnis beider Staaten zu den Vereinten Nationen. Allerdings war hier die regionale und globale Ausrichtung beider Länder eher für zögerliches Handeln oder gar Tatenlosigkeit verantwortlich. Sowohl der Palästina- als auch der Kaschmir-Konflikt zählten zu den ersten Feuerproben für die Vereinten Nationen. Militärische Interventionen im Auftrag der UN lehnten jedoch beide Nationen ab. Einerseits, weil der militärische Aufwand nach den Kraftanstrengungen im Zweiten Weltkrieg zu groß erschien und andererseits, weil beide Seiten Präzedenzfälle vermeiden wollten. Washington fürchtete in die Rolle des Weltpolizisten gedrängt zu werden und im Falle Kaschmirs eine sowjetische Intervention zu provozieren. London wollte und konnte die Weltpolizistenrolle angesichts schwindender weltpolitischer Ressourcen noch weniger einnehmen. Ebenso wenig wollte Großbritannien in einen Konflikt mit Muslimen hineingezogen werden. Die Angst vor Präzedenzfällen wurde schließlich selbst zum Präzedenzfall: Der Unwille der beiden permanenten Mitglieder des UN-Sicherheitsrats, sich militärisch in internationalen Konfliktfällen zu engagieren, führte zur Aufwertung des UN-Sekretariats, dem fortan die Planung und Durchführung von UN-Peacekeeping-Operationen oblagen. Der UN-Sicherheitsrat war somit bereits vor der sowjetischen Blockadepolitik ein zahnloser Tiger. Ohne Möglichkeit auf eigene UN-Truppen zurückgreifen zu können, wie ursprünglich angedacht, änderte sich an diesem Zustand nichts. Auch die Unvereinbarkeit der beiden tragenden UN-Grundsätze, Unantastbarkeit der staatlichen Souveränität und das Selbstbestimmungsrecht der Völker, wurde bei den ersten beiden Bewährungsproben sichtbar. In Palästina und Kaschmir wurden ungelöste Selbstbestimmungsfragen gewaltsam in territorialstaatliche Lösungen überführt, deren Konfliktpotential bis heute immens ist. Es ist Husains Verdienst, aufgezeigt zu haben, wie die Verknöcherung geopolitisch gerahmter Weltbilder unter den Bedingungen der Dekolonisierung und des Kalten Kriegs das Staatensystem und die Vereinten Nationen nach 1945 geprägt haben.

Thomas Freiberger