Rezension über:

Teresa Schröder-Stapper: Fürstäbtissinnen. Frühneuzeitliche Stiftsherrschaften zwischen Verwandtschaft, Lokalgewalten und Reichsverband (= Symbolische Kommunikation in der Vormoderne. Studien zur Geschichte, Literatur und Kunst), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2015, X + 632 S., ISBN 978-3-412-22485-1, EUR 79,90
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Rezension von:
Stefanie Walther
Institut für Geschichtswissenschaft, Universität Bremen
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Stefanie Walther: Rezension von: Teresa Schröder-Stapper: Fürstäbtissinnen. Frühneuzeitliche Stiftsherrschaften zwischen Verwandtschaft, Lokalgewalten und Reichsverband, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 9 [15.09.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/09/28077.html


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Teresa Schröder-Stapper: Fürstäbtissinnen

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Galt die Institution Stift lange Zeit bloß als Versorgungseinrichtung für adelige Töchter, so haben jüngste Forschungen gezeigt, dass diese Annahme nicht zuletzt im Hinblick auf die Frühe Neuzeit revidiert werden muss. Insbesondere das Amt der Äbtissin war eine legitime Form der Herrschaftsausübung von Frauen in der Vormoderne. Zugleich handelte es sich auch um eine besondere Form der Herrschaft, da es geistliche und weltliche Gewalt vereinte. Dies zum Ausgangspunkt nehmend, setzt sich die Arbeit von Teresa Schröder-Stapper, eine überarbeitete Version ihrer 2013 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster eingereichten Dissertation, mit Fürstäbtissinnen als politischen Akteurinnen auseinander. Mit dem politischen Handeln der Äbtissinnen greift Schröder-Stapper ein Forschungsdesiderat auf, und zwar vor allem deshalb, da sich der Fokus der bisherigen Forschung in erster Linie auf die geistlichen (Kur-)Fürsten richtete. Aber die Verfasserin grenzt sich auch deutlich von bisherigen Forschungen zu den Reichsäbtissinnen ab, da diese den Äbtissinnen die Möglichkeiten der Herrschaftsausübung weitgehend absprechen (11). Aufgrund dieser multiplen Ausgangslage ist die Arbeit gleichzeitig ein Beitrag zur Geschlechter- und Stiftsgeschichte sowie zur Adelsgeschichte.

Schröder-Stappers Ziel ist es, die Handlungsspielräume der Äbtissinnen als mindermächtige politische Akteurinnen sowie ihre Strategien zur Verteidigung ihrer reichsunmittelbaren Herrschaft und Reichsstandschaft zu beleuchten (4). Die Autorin konzentriert sich dabei auf die Äbtissinnen der kaiserlich frei-weltlichen Stifte Herford, Essen und Quedlinburg. Mit der Auswahl der drei genannten Stifte trägt sie der für das Alte Reich symptomatischen konfessionellen Pluralität Rechnung, wobei das Stift Herford reformiert, Quedlinburg lutherisch und Essen katholisch ausgerichtet war. Gleichwohl konstatiert Schröder-Stapper einschränkend, dass die Zusammensetzung der beiden evangelischen Stifte einer klaren konfessionellen Differenzierung nicht standhält. Der Untersuchungszeitraum der Arbeit umfasst die Zeit zwischen dem Westfälischen Frieden, mit dem die Existenz der geistlichen Staaten in der Reichsverfassung grundsätzlich festgeschrieben wurde, und der Säkularisation im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses (1802/03), die für das Gros der geistlichen Länder auf Reichsboden das Ende bedeutete. Mit Blick auf die Quellengrundlage greift die Verfasserin auf Materialien aus den jeweiligen Stiftsarchiven zurück, wobei Korrespondenzen dominieren.

Vermeintlich banal mutet die Ausgangsthese der Verfasserin an, dass sich das Handeln der Äbtissinnen als politischen Akteurinnen "im Spannungsfeld zwischen Möglichkeiten und Grenzen bewegte" (13), ist doch jedes Handeln durch ein Austarieren von Möglichkeiten und Grenzen gekennzeichnet. Doch wird im Verlauf der Studie klar, dass das Aushandeln von Handlungsspielräumen mit Blick auf die Fürstäbtissinnen keineswegs eine Banalität, sondern ein konstitutives Element der Herrschaftsausübung darstellt.

In einem ersten Schritt setzt sich die Verfasserin mit allgemeinen Ausführungen zu frühneuzeitlichen Damenstiften und zur Institution der Äbtissin auseinander. Dabei wird deutlich, dass bei der Einsetzung der Äbtissinnen weniger besondere Fertigkeiten als vielmehr die familiäre, religiöse und gesellschaftliche Position der Bewerberin von Bedeutung waren. Selbst 'moralische Verfehlungen' wie uneheliche Mutterschaft stellten kein Ausschlusskriterium für das Amt der Äbtissin dar, solange es einflussreiche Befürworter der Kandidatur gab (43). Dies führt vor Augen, dass die geistliche Ebene, die einen moralisch einwandfreien Lebenswandel implizierte, gegenüber den weltlichen Aspekten wie Herkunft und Status zurücktrat. Anschließend setzt sich Schröder-Stapper in jeweils einem Kapitel mit den Figurationen Verwandtschaft, Lokalgewalten und Reichsverband auseinander. Abgerundet wird die Untersuchung durch ein Verzeichnis der Äbtissinnen und Coadjutorinnen der untersuchten Stifte sowie durch ein Personen- und Ortsregister.

Der Autorin gelingt es anhand prägnanter Beispiele, die unterschiedlichen und häufig durch Ambivalenzen gekennzeichneten Handlungsoptionen anschaulich nachzuzeichnen. Dies gilt nicht zuletzt für die verwandtschaftlichen Beziehungsnetze der Äbtissinnen: Einerseits ging es insbesondere in Krisenzeiten darum, sich ihrer Unterstützung zu bedienen. Andererseits wurde aber auch vor Konfrontationen mit der Verwandtschaft nicht zurückgeschreckt, wenn Rechte, Güter und Einkünfte des Stifts auf dem Spiel standen. Angesichts der Bedeutung von Verwandtschaft plädiert Schröder-Stapper vollkommen zu Recht dafür, die Institution Damenstift nicht losgelöst von den "Politiken der Verwandtschaft" zu betrachten.

Den Schwerpunkt der Untersuchung bildet die Betrachtung der Lokalgewalten (161-386). Dies dürfte nicht zuletzt der Tatsache geschuldet sein, dass es sich bei den Lokalgewalten um heterogene, äußerst bedeutsame Figurationen handelte, die von den Mitgliedern des jeweiligen Kapitels über die städtischen Funktionseliten bis hin zu den - zumindest für die beiden evangelischen Stifte relevanten - Schutzherren reichten. Das Verhältnis der Äbtissinnen zu den Lokalgewalten war nicht selten von Konflikten geprägt, welche ein großes Risiko für die Herrschaftssicherung der Äbtissinnen darstellten, indem sie Dritten die Gelegenheit der Einflussnahme boten. Allen voran die Herrschaftskonflikte zwischen Äbtissinnen und ihrem jeweiligen Schutzherren gewannen im behandelten Untersuchungszeitraum an Bedeutung, da die Herrschaftsansprüche der Äbtissinnen und das Konzept einer allein auf den Landesherren ausgerichteten Landeshoheit zunehmend aufeinanderprallten. Diese Problematik scheint auch im Kapitel zum "Reichsverband" auf. Hier tritt die Dominanz der mächtigen weltlichen Territorialherren besonders zu Tage, und die Grenzen der politischen Handlungsspielräume der Äbtissinnen werden deutlich.

Letztlich kommt die Autorin zu dem pragmatischen Schluss, dass für die Äbtissinnen "vieles möglich als auch vieles unmöglich war" (517). Gewiss dürfen die politischen Handlungsspielräume einer Äbtissin nicht überbewertet werden. Aber lenkt man den Blick auf das unmittelbare Umfeld im Stift oder in der Familie, so konnten Äbtissinnen sehr wohl eine bedeutsame Rolle einnehmen. Der Verfasserin ist es in bemerkenswerter Weise gelungen, diesen Facettenreichtum aufzuzeigen. Darüber hinaus handelt es sich um eine gut lesbare Studie, die zahlreiche Impulse für weitere Forschungen nicht nur zu den Fürstäbtissinnen, sondern auch zu den geistlichen Fürstentümern des Alten Reichs liefert.

Stefanie Walther