Rezension über:

Kai Kappel / Claudia Rückert / Stefan Trinks (Hgg.): Atlanten des Wissens. Adolph Goldschmidts Corpuswerke 1914 bis heute, Berlin: Deutscher Kunstverlag 2016, 140 S., 82 s/w-Abb., ISBN 978-3-422-07329-6, EUR 29,90
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Rezension von:
Miriam Marotzki
Kunstgeschichtliches Institut, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Jessica Petraccaro-Goertsches
Empfohlene Zitierweise:
Miriam Marotzki : Rezension von: Kai Kappel / Claudia Rückert / Stefan Trinks (Hgg.): Atlanten des Wissens. Adolph Goldschmidts Corpuswerke 1914 bis heute, Berlin: Deutscher Kunstverlag 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 3 [15.03.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/03/28213.html


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Kai Kappel / Claudia Rückert / Stefan Trinks (Hgg.): Atlanten des Wissens

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Adolph Goldschmidt charakterisierte eine 1914 erstmals erscheinende Publikation mit der mittlerweile vielzitierten Phrase: "Sie wird zunächst weniger Fragen lösen als neue aufwerfen". [1] Es handelt sich um den ersten Band des monumentalen Corpuswerks Elfenbeinskulpturen, den die Herausgeber des zu besprechenden Buches ins Zentrum stellen. Dabei wird eindrucksvoll deutlich, wie viele Fragen das Corpuswerk auch heute noch aufwerfen kann.

Der von Kai Kappel, Claudia Rückert und Stefan Trinks herausgegebene, 140 Seiten umfassende Band wurde vom Deutschen Kunstverlag veröffentlicht und ist Goldschmidt (1863-1944), einem der ersten mediävistischen Kunsthistoriker als Grundlagenforscher gewidmet. Hierbei fokussiert das Erkenntnisinteresse der Beitragenden erstmals in größerem Umfang auf Goldschmidts Corpuswerke. [2] Damit wird einerseits Goldschmidt als Wissenschaftler, ebenso aber die Grundlagen erforschenden Projekte einer sich etablierenden Kunstgeschichte in den Vordergrund gerückt. Wie eine überdimensionierte Schmuckbordüre ziert die Abbildung der Salerno-Tafel aus den Staatlichen Museen zu Berlin den oberen Rand des Covers des Bandes. Sie verweist bereits visuell darauf, dass es insbesondere das Corpuswerk der Elfenbeinskulpturen ist, dem sich der Band widmet - Goldschmidts opus magnum, dessen erstmaliges Erscheinen 1914 als ein entscheidender Erfolgsfaktor in seiner Karriere gelten darf.

Der ansprechende Band präsentiert die Ergebnisse eines Kolloquiums, das im Juli 2014 vom Adolph-Goldschmidt-Zentrum zur Erforschung der romanischen Skulptur am Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin anlässlich des 100. Geburtstags des erstmaligen Erscheinens des ersten Bandes der Elfenbeinskulpturen veranstaltet wurde. Unter Aussparung des Vortrags von Kathleen Waak zur digitalen Zukunft des Elfenbeincorpus enthält der Band im Gegensatz zum Tagungsprogramm eine Kurzbiografie Goldschmidts sowie einen neuen Beitrag zu mediengeschichtlichen Aspekten. Leider ist auf ein Register verzichtet worden.

Eröffnet wird der Band mit der knappen "biographische[n] Skizze" Goldschmidts von Claudia Rückert, auf die mit den Beiträgen von Dorothea Peters und Rolf Sachsse zwei mediengeschichtlich ausgerichtete Untersuchungen folgen. Peters beschäftigt die eminente Rolle der Fotografie in Goldschmidts kunsthistorischer Praxis; sie war ihm wertvolles Erkenntnisinstrument in der Forschung, mit dem Wort gleichgewichtige Argumentationshilfe im wissenschaftlichen Diskurs und didaktisches Hilfsmittel in der Lehre (Goldschmidt bediente sich etwa als erster der Doppelprojektion von Abbildungen). Sachsse vertieft den Aspekt der Bild-Text-Relationen in frühen kunstwissenschaftlichen Großpublikationen.

Als vierter von acht Beiträgen steht der Aufsatz Wolfgang Augustyns im Zentrum des Bandes - und das nicht nur aufgrund seiner Platzierung. Augustyn, heutiger erster Vorsitzender des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft, nähert sich den Elfenbeinskulpturen in entstehungsgeschichtlicher Perspektive und rekonstruiert, wie Goldschmidts Corpusbände aus seiner dokumentarischen Motivation heraus als Auftragsarbeit des Vereins entstanden. Dabei verdeutlicht er den "Werkstattcharakter" des Unterfangens - in die Beschaffung und Bearbeitung des Materials waren weitere Kollegen involviert - sowie die gleichzeitige Kontinuität des mit Goldschmidt und seiner Idee begonnenen Forschungsvorhabens über Generationen bis heute.

Nach diesem close reading erweitern die anschließenden Aufsätze die Perspektive wieder. Kathryn Brush stellt Goldschmidts transatlantischen wissenschaftlichen Austausch mit Arthur Kingsley Porter vor. Dieser war mit Romanesque Sculpture of the Pilgrimage Roads (1923) selbst Verfasser eines zehnbändigen Corpuswerks, allerdings in weitaus handlicherem Format als Goldschmidts (46,5 mal 37,5 cm). Kai Kappel widmet sich der Zusammenarbeit Goldschmidts mit Richard Hamann und stellt mit den Frühmittelalterlichen Bronzetüren (ab 1926) ein den Elfenbeinskulpturen nachfolgendes, ebenfalls vom Verein für Kunstwissenschaft getragenes Corpuswerk in den Vordergrund. Stefan Trinks zeigt auf, wie stark die Kompetenzen und das methodische Vorgehen des Wissenschaftlers durch seine Ausbildung geprägt waren und sein kunsthistorisches Arbeiten definierten. Goldschmidt hatte sein Abitur am naturwissenschaftlichen Zweig des Hamburger Johanneums abgelegt und hatte eine kaufmännische Lehre absolviert.

Dass die Arbeit an den Corpora der Elfenbeinskulpturen bis heute nicht abgeschlossen ist, haben die Autoren der Beiträge ihren Lesern eindrücklich vor Augen geführt. Goldschmidt selbst erarbeitete von 1914 bis 1934 aus seinen umfangreichen Materialsammlungen sechs Bände. 1971 folgte ein weiterer, von Ernst Kühnel erstellter Band zu islamischen Elfenbeinskulpturen, während Avinoam Shalem erst vor Kurzem die Publikation zu den Olifanten vorlegte. [3] Nach wie vor stehen Gegenstandsbereiche aus, etwa ein Band zu altchristlichen Elfenbeinen, aber auch eine Revision der Goldschmidtschen Ergebnisse unter Berücksichtigung des bisherigen Standes der Forschung, wie Rainer Kahsnitz und Hermann Fillitz sie vorgelegt haben, wird gefordert. [4] In diesem Sinne schließt der Band mit einem Beitrag von Kahsnitz zu dem von ihm derzeit erstellten Nachtragsband zu Goldschmidts Elfenbeincorpora. Die Konzeption hierfür wie den Umgang mit Fälschungen bespricht Kahsnitz ebenso wie zu ergänzende Objekte (etwa die Cathedra Petri oder The Cloisters Cross).

Dem Tagungsband ist es also gelungen, erfolgreich einen Bogen von 1914 bis heute zu schlagen. Goldschmidt und sein Werk werden entstehungs-, bild- und medienhistorisch in die fachrelevanten Diskurse der Zeit eingebettet. Vernetzung und Rezeption spannen den Bogen bis heute. Dabei gelingt es den Autoren nachhaltig, die Aktualität von Goldschmidts Ansatz - etwa die Frage nach "Schnittmengen [...] mit entsprechenden Vorhaben der Natur-, Geschichts- und Altertumswissenschaften" (7) - und die Relevanz seines Großprojekts offenzulegen. Die Beitragenden führen in aller Deutlichkeit vor Augen, welcher "Mammutaufgabe" Goldschmidt sich annahm und wie hoch seine Leistung zu bewerten ist. Auch nach fast 100 Jahren stellt ein Großteil seiner Ergebnisse immer noch den heutigen Forschungsstand dar.

Damit leistet der Band gleich auf zwei Analyseachsen einen Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der Kunstgeschichte. Abgesehen von einer personenzentrierten Kunsthistoriografie werden die Objekte der Kunstgeschichte ex aequo Gegenstand der Historisierung und dies erneut auf zwei Ebenen. Das Corpuswerk als Publikationsgattung wird Objekt der historischen Betrachtung. Ihr Ziel ist es, gesammelte und klassifizierte Objekte zugänglich zu machen - ein didaktisches Anliegen, das für den unbedingt auf den kunsthistorischen Gegenstand bezogenen Goldschmidt methodisch unabdingbar gewesen sein musste. Der Band ist somit nicht nur Appell für eine notwendige Grundlagenforschung, sondern schließt auch an das erst seit einigen Jahren aufgekommene Interesse der Kunsthistoriografie an. Erst 2013 war Corpuswerken auf dem Zweiten Forum Kunst des Mittelalters eine eigene Sektion gewidmet worden. Dabei trat die "grundsätzliche methodische Bedeutung" dieser Gattung hervor, die als Groß- und Langzeitunternehmungen sich zwar immer wieder Fragen nach kurzfristiger Effizienz und Aktualität gefallen lassen müssen und überdies sehr kostenintensiv sind, in ihrer Grundlagen generierenden Tätigkeit allerdings einen "dauerhaften Dienst für die Kunstgeschichte" leisten und doch stets aktuell an die tatsächlichen Objekte des Faches in Form der Kunstwerke erinnern. [5]


Anmerkungen:

[1] Die Elfenbeinskulpturen aus der Zeit der karolingischen und sächsischen Kaiser. VIII.-XI. Jahrhundert (= Denkmäler deutscher Kunst II, 4. Elfenbeinskulpturen 1), bearbeitet von Adolph Goldschmidt, unter Mitwirkung von Paul G. Hübner und Otto Homburger, Berlin 1914, 2.

[2] Im kleineren Umfang zuvor: Vgl. Ulrike Koenen, "...weniger Fragen lösen, als neue aufwerfen...". Eine Bilanz nach 100 Jahren Corpus der Elfenbeinskulpturen, in: Adolph Goldschmidt (1863-1944): Normal art history im 20. Jahrhundert, hgg. v. Gunnar Brands / Heinrich Dilly, Weimar 2007, 91-105; Rainer Kahsnitz: "Die Elfenbeinskulpturen der Adagruppe". Hundert Jahre nach Adolph Goldschmidt. Versuch einer Bilanz der Forschung zu den Elfenbeinen Goldschmidt I, 1-39, in: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 64 (2010), 9-172; Ders.: Echt oder falsch? Der Umgang mit Fälschungen in Goldschmidts Elfenbeincorpus und im geplanten Ergänzungsband, in: Corpus - Inventar - Katalog. Beispiele für Forschung und Dokumentation zur materiellen Überlieferung der Künste (= Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München; Bd. 35 / Schriften der Forschungsstelle Realienkunde; Bd. 2), hg. v. Wolfgang Augustyn, München 2015, 13-42.

[3] Eine Überblick schaffende Auflistung aller Bände ist am Ende des Beitrags von Wolfgang Augustyn zu finden (54).

[4] Vgl. hierzu insbesondere den Beitrag von Wolfgang Augustyn.

[5] Vgl. Wolfgang Augustyn (Hg.): Corpus - Inventar - Katalog. Beispiele für Forschung und Dokumentation zur materiellen Überlieferung der Künste (= Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München; Bd. 35 / Schriften der Forschungsstelle Realienkunde; Bd. 2), München 2015.

Miriam Marotzki