Rezension über:

Benjamin Mirwald: Volkssternwarten. Verbreitung und Institutionalisierung populärer Astronomie in Deutschland 1888-1935 (= Acta Historica Astronomiae; Vol. 55), Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2015, 483 S., ISBN 978-3-944913-47-6, EUR 39,00
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Rezension von:
Panagiotis Kitmeridis
Universität Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
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Panagiotis Kitmeridis: Rezension von: Benjamin Mirwald: Volkssternwarten. Verbreitung und Institutionalisierung populärer Astronomie in Deutschland 1888-1935, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2015, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 3 [15.03.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/03/29484.html


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Benjamin Mirwald: Volkssternwarten

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Das Buch von Benjamin Mirwald ist die leicht veränderte Fassung seiner im Dezember 2012 an der Universität Regensburg eingereichten Dissertation. Gegenstand der Untersuchung ist die Verbreitung und Institutionalisierung von Volkssternwarten in Deutschland zwischen 1888 und 1935. Für den Untersuchungszeitraum erhebt der Autor den Anspruch, einen Überblick über die Aktivitäten der deutschsprachigen populärastronomischen Wissenschaftsgemeinschaft zu liefern. In diesem Zusammenhang leistet das Buch nicht weniger als eine erste vergleichende Darstellung über die Gründungsgeschichte der Volkssternwarten in Deutschland. Die Studie schließt die bis dato bestehende Forschungslücke über Anzahl, Gründungsjahr, Arbeitsschwerpunkte und organisatorische Struktur früher Volkssternwarten. Infolgedessen richtet sich das Buch in erster Linie an wissenschafts- und bildungshistorisch Interessierte sowie an Astronomen und Hobbyastronomen, die Einblick in die historische Entwicklung der Volkssternwarten erhalten wollen. Ebenfalls von Interesse ist das Buch für diejenigen, die über Populärwissenschaft und die Popularisierung von Wissen forschen.

Das Buch enthält ein einleitendes Kapitel zur Orientierung und Erläuterung der Fragestellung. Besonders die Hervorhebung der aktuellen Tendenz von musealen Einrichtungen zu "Public Understanding of Science and Humanities" ist gelungen, da sie den Bogen der historischen Untersuchung bis zur Gegenwart zieht. Ebenfalls nachvollziehbar ist die Unterscheidung in Popularisierung als akademischer Vorgang und Populärwissenschaft als Begriffsdefinition nicht-akademischer Beteiligung. Von besonderem Wert ist die Diskussion über Grund und Motivation zur Popularisierung der Astronomie. Die Verstädterung und die Folgen für den Nachthimmel, die Arbeiterbewegung und ihre Emanzipationsbestrebungen, die steigende Abstraktion durch immer bessere beobachtende Instrumente sind unterschiedliche Aspekte, die in der Arbeit Erwähnung finden.

Im ersten Teil der Darstellung wird der Stand der astronomischen Wissenschaft und Forschung behandelt. Durch optimierte Teleskope entstanden im 19. Jahrhundert neue Fragestellungen und Interessengebiete. Die klassische Astronomie wurde um die Astrophysik erweitert. Der Autor greift diese neu aufkommenden Themen auf und stellt sie vor. Dazu gehören weitergehende Untersuchungen der Sonne, die Anfänge der Spektroskopie, die Entwicklung der Astrofotographie, oder auch der Doppler-Effekt, bei dem die Spektrallinien gemessen werden. Das Buch untersucht diese Entwicklungen detailliert. Besonders gut gelungen ist die ausführliche Beschreibung astronomischer Lehrbücher. Um die Arbeit und die Forschung zu bündeln und um eine Plattform für den Austausch Gleichgesinnter zu bieten, entstanden verstärkt ab den 1820er Jahren Gesellschaften und Vereine. Die Studie von Mirwald berücksichtigt auch zeitgenössische Kontroversen in der Forschungsdiskussion.

Der zweite Teil der Untersuchung widmet sich den Volkssternwarten und der populären Astronomie. Der Autor unterteilt die Sternwarten in Museums-, Vereins- und Schulsternwarten. Hervorzuheben ist die vom Verfasser erstellte ausführliche Gründungsstatistik der Volkssternwarten. Ausgewählte und bedeutende Sternwarten wie zum Beispiel die Urania Berlin oder die Archenhold-Sternwarte ebenfalls in Berlin werden besonders behandelt und in Bezug auf ihre historische Entwicklung sowie hinsichtlich ihrer organisatorischen und fachlichen Tätigkeiten erforscht. Besonderes Augenmerk richtet sich auf das Vortragwesen. Eine Auflistung populärastronomischer Zeitschriften komplettiert die Untersuchung. Für die Zeitschrift "Sirius" wird eine nach Häufigkeit der Themenschwerpunkte gegliederte, umfassende Auflistung geliefert.

Der dritte Teil stellt die Beziehungen zwischen populärer und akademischer Astronomie sowie Erfolgsfaktoren einzelner Volkssternwarten dar. Analysiert wird, wer die Volkssternwarten besuchte und mit welcher Motivation die Akteure in den Sternwarten tätig waren. Über den historischen Aspekt hinaus behandelt die Arbeit die Rolle von Populärwissenschaft für emanzipatorische Bestrebungen. Auf dieser Basis bietet sie Argumente zum Diskurs über Astronomie als Schulfach und zur Einordnung von Wissenschaft zwischen kommerziellem Interesse und Gemeinnützigkeit.

Das Buch von Benjamin Mirwald trägt substanziell zur wissenschaftshistorischen Debatte über Popularisierung und Populärwissenschaft bei. Diese Diskurse sind in Deutschland besonders in den beiden letzten Jahrzenten langsam in den Fokus der Forschung gerückt. Die Untersuchung deutscher Populärwissenschaft scheint dennoch bis dato kaum stattgefunden zu haben. Somit leistet die Arbeit einen wertvollen Beitrag und baut folgerichtig auf den Standardwerken zur Geschichte populärer Naturwissenschaften von Andreas Daum [1] und Angela Schwarz [2] auf. Die Arbeit stützt sich auf ausgiebige Untersuchungen historischer Quellen in den Archiven der Sternwarten selbst, aber auch auf Fachzeitschriften wie die "Acta Historica Astronomiae" oder "Sirius".

Das Buch von Mirwald liefert die Erkenntnis, dass die Gründung vieler Volkssternwarten Hand in Hand mit den Plänen zur Gründung von Volkshochschulen ging. Im Wesentlichen trugen vier Personengruppen zu etwa gleichen Teilen die Arbeit in Volkssternwarten: Lehrer, Hobbyastronomen, professionelle Popularisierer und akademische Astronomen. Neben ihrer volksbildenden Funktion waren Volkssternwarten - wie viele Vereine auch - ein Ort geselliger Beschäftigung im Kulturbetrieb. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass durch die Volkssternwarten von höherer Bildung ausgeschlossene Gruppen wie Frauen, einfache Angestellte und Arbeiter den Zugang zu Wissen erhielten.

Die abschließende Ausweitung der Untersuchung auf das deutschsprachige Ausland ist konsequent und logisch, jedoch rudimentär ausgeführt. Aus der Arbeit gehen nicht ganz die Beweggründe für den ausgewählten Zeitraum hervor. Es ist zu vermuten, dass eine Ausweitung des Untersuchungszeitraums den Rahmen der Dissertation gesprengt hätte. Der Wert dieser umfassenden und fundierten Arbeit ist hoch; Benjamin Mirwald hat somit seinen Anspruch vollends eingelöst.


Anmerkungen:

[1] Andreas Daum: Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert. Bürgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche Öffentlichkeit, 1848-1914, München 1998.

[2] Angela Schwarz: Der Schlüssel zur modernen Welt. Wissenschaftspopularisierung in Großbritannien und Deutschland im Übergang zur Moderne (ca. 1870-1914), Stuttgart 1999.

Panagiotis Kitmeridis