Rezension über:

Detlev Brunner / Christian Hall: Revolution, Umbruch, Neuaufbau. Erinnerungen gewerkschaftlicher Zeitzeugen der DDR (= Schriftenreihe der Johannes-Sassenbach-Gesellschaft; Bd. 4), Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2014, 143 S., 13 s/w-Abb., ISBN 978-3-95410-051-4, EUR 19,95
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Rezension von:
Uwe Fuhrmann
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
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Empfohlene Zitierweise:
Uwe Fuhrmann: Rezension von: Detlev Brunner / Christian Hall: Revolution, Umbruch, Neuaufbau. Erinnerungen gewerkschaftlicher Zeitzeugen der DDR, Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2014, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 3 [15.03.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/03/29569.html


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Detlev Brunner / Christian Hall: Revolution, Umbruch, Neuaufbau

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Bei dem hier zu besprechenden Band handelt sich um die Dokumentation eines Projekts, welches im Jahr 2010 von der Johannes-Sassenbach-Gesellschaft angeregt und mit Hilfe der Hans-Böckler-Stiftung durchgeführt wurde. In den Jahren 2012 und 2013 wurden insgesamt 15 Video-Interviews mit DDR-Gewerkschafterinnen und -Gewerkschaftern geführt, die zwischen 1988 und 1993 an den Wende-Ereignissen beteiligt waren. Die Interviews liegen (samt Transkriptionen) im Archiv der Sozialen Demokratie in Bonn vor. [1] Die angestrebte Dokumentation gewerkschaftlicher Erinnerungen ist somit schon durch die Projektdurchführung an sich erreicht worden. Der vorliegende Band von Detlev Brunner, Christian Hall will das Projekt einem breiteren Personenkreis bekannt macht und liefert erste Vorschläge zur Interpretation des Materials.

Während für die DDR gelegentlich von "Überforschung" die Rede ist, haben die Ereignisse 1989/90 zwar zahlreiche Überblickswerke evoziert [2], scheinen aber noch selten mit monografischen Einzeluntersuchungen bedacht worden zu sein. Abgesehen von den ubiquitären Zeugnissen der Erinnerungskultur sind vielmehr - z.T. beeindruckende [3] - dokumentarische Werke, Chroniken, Quellensammlungen und Ausstellungskataloge aufzufinden. [4] Wie die Gewerkschaftsgeschichte als Ganzes erst in jüngerer Zeit wieder vermehrte Aufmerksamkeit erhält, ist bislang auch die Forschungslage zum Thema "Gewerkschaften im deutschen Einheitsprozess" insgesamt dürftig.

Am Mangel an Einzeluntersuchungen ändert auch der hier zu besprechende Band nichts; er beleuchtet aber die bislang stark unterrepräsentierte betriebliche Ebene. Das ist umso bedeutsamer, als dass es sich beim durch das Projekt gesicherte Material um Erfahrungen handelt, die wohl oft vergeblich in Dokumenten gesucht werden dürften: Sein "Wert liegt [...] in der Subjektivität" (16).

Obwohl die Ausgangsthese des Bandes - die "Montagsdemonstrationen und die Demokratiebewegung [...] hätten ohne die zahlreichen Beschäftigten aus den Betrieben, Verwaltungen und Büros kaum die Durchschlagskraft erzielt, die sie in der friedlichen Revolution von 1989 zeigten" (Klappentext) - unter Berücksichtigung der Sozialstruktur der DDR in gewisser Weise trivial erscheint, hält die Lektüre eine ganze Reihe von Anregungen bereit.

In der Einleitung wird das Projekt zunächst instruktiv in den spezifischen Forschungsstand eingebettet (10-14). Der anschließenden methodischen Reflexion ist zu entnehmen, dass in den Interviews auf eine "freie lebensgeschichtlich-narrative Beschreibung" jeweils ein "leitfadengestützter Nachfrageteil" zu den Schwerpunkten des Projektes folgte (15f). In der Einleitung werden auch die Kriterien für die Auswahl genannt und auf einige Auffälligkeiten im Sample hingewiesen.

Eine zwölfseitige Ergebnisskizze ordnet anschließend das gewonnene Material unter verschiedenen Schwerpunkten ein (z.B. "Revolution und Umbruch" oder "Interessenvertretung und Handlungsspielräume"). Obwohl die Verfasser selbst darauf hinweisen, dass die Zahl der Interviewten zu gering ist, "um zu empirisch einigermaßen validen Aussagen zu kommen" (20), ist doch die zum Ausdruck kommende Vielfalt bemerkenswert. Berichte und Erfahrungen zu Themen wie der eigenen Sozialisation, den Strategien während des Transformationsprozesses oder den retrospektiv gesehenen Handlungsmöglichkeiten sind zum Beispiel auffallend divers.

Auf Einleitung und Ergebnisskizze folgen tabellarische Biografien der 13 Interviewpartnerinnen und Interviewpartner, die letztendlich in die Dokumentation aufgenommen worden sind (31-44), darunter auch spätere Funktionsträger in DGB-Gewerkschaften wie Peter Praikow (ver.di), Eva-Maria Stange (GEW), Jutta Schmidt (ÖTV), und Günter Petzsch (IG BCE) sowie die Historikerin Renate Hürtgen. Der verhältnismäßig hohe Anteil an Frauen - auch in Männerdomänen (Regina Klefler, IG BAU oder Sieglinde Merbitz, IG Metall) - reflektiert die in dieser Hinsicht emanzipierteren Zustände der DDR. Vielleicht ist der stark erhöhte Einfluss von Frauen der auffälligste Ost-Einfluss des asymmetrischen gewerkschaftlichen Vereinigungsprozesses. Das spiegelt im Grunde den Beitrittsprozess auf Staatsebene und gereicht den DGB-Gewerkschaften in keiner Hinsicht zur Ehre.

Für die dann folgende "Dokumentation" wurden Interview-Ausschnitte nach thematischen Gesichtspunkten (etwa "Die Erfahrung von Revolution und Umbruch" oder "Gewerkschaften und Bürgerbewegung") zusammengestellt und jeweils mit einem kurzen Überblick eingeleitet. Diese aufwendige und hilfreiche Vorgehensweise wird flankiert von durchgängigen Verweisen auf die Voll-Transkripte, was den Zugang bei Bedarf enorm erleichtern dürfte.

Die befragten Zeitzeugen können vor allem im Hinblick auf den engeren Transformationsprozess eine ganze Reihe erinnerter Geschichten beisteuern, die eine Ahnung von der Turbulenz der Zeit geben (75, 83-89, 98, 118 etc.). Die von Brunner und Hall gewählte Interviewform mit starken narrativen Passagen beförderte offensichtlich auch in anderen Kontexten vielleicht nicht geäußerte Gedanken, zum Beispiel nach der Vergleichbarkeit von Betriebsgewerkschaftsleitung und Betriebsräten (49-53, 56). Gleichzeitig werden die konkreten Erlebnisse, die betrieblich Aktive aus der DDR mit den Westgewerkschaften gemacht haben, greifbar - und zwar im Guten (90, 93, 94f.) wie im Schlechten (27, 92f., 97). Die Ausgangslage, dass der FDGB die Reformierung der DDR-Einzelgewerkschaften verhinderte (75-80), wird ebenso deutlich wie die mannigfaltigen Eigeninitiativen (z.B. 75f., 106-110, 116) oder die verheerenden Folgen der "kriminellen Machenschaften" der Treuhand (28, 124, 126f.). Ein Abkürzungsverzeichnis und das (in erster Linie auf methodische Aspekte aufgreifende) Literaturverzeichnis beschließen den Band.

Sieht man einmal davon ab, dass aus den biografischen Angaben von Gerhard Weise (43) nicht klar wird, welche gewerkschaftliche Position er nach 1990 eingenommen hat, gibt es an dem Band handwerklich nichts auszusetzen. Dass Hintergrundinformationen für die meisten angeschnittenen Bereiche spärlich bleiben, ist für das verfolgte Vorhaben durchaus legitim. Es hätte sich aber angeboten, anlässlich dieses Projektes die Frage etwas eingehender zu diskutieren, warum die Erinnerung an die betriebliche Ebene und an die gewerkschaftliche Rolle im Umbruchprozess momentan unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle angesiedelt ist. [5]

Das dem Band zugrundeliegende Projekt wird - bei überschaubarem wissenschaftlichem Apparat - in einer sauber gearbeiteten Publikation präsentiert und einer ersten Interpretation unterzogen. Das ist nicht nur besser als eilig zusammengebaute publish-or-perish-Publikationen, sondern auch an sich sehr begrüßenswert. Die für die Interviews gewählte Methode ermöglicht Befragungen des Materials von unterschiedlichen Forschungsperspektiven aus; der Band wird nicht zuletzt deswegen mit der Zeit eher an Bedeutung gewinnen als an Aktualität verlieren.

Detlev Brunner und Christian Hall haben mit der Projektdokumentation "Revolution, Umbruch, Neuaufbau" nicht die großen Fragen in Angriff genommen, sondern ein konkretes Ziel verfolgt und auch erreicht: die Sicherung gewerkschaftlicher Zeitzeugenerinnerungen für die kommende Forschung. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zu den im Band verhandelten Themen forschen, könnte sich das Material genauso als ergiebig erweisen, wie es (aufgrund der Videoform der Interviews) in der politischen Bildung zum Einsatz kommen könnte.


Anmerkungen:

[1] Ausschnitte samt zugehörigen Transkripten sind frei zugänglich via http://zeitzeugen.fes.de/

[2] Vgl. etwa http://www.sehepunkte.de/2009/10/15852.html

[3] Wolfgang Schneider / Dagmar Agsten / Peter Förster: Leipziger Demontagebuch. Demo, Montag, Tagebuch, Leipzig 1990.

[4] Vgl. dazu beispielsweise: Philipp Ther: 1989 - eine verhandelte Revolution, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.02.2010, http://docupedia.de/zg/Ther_1989_de_v1_2010, letzter und vorletzter Absatz (ohne Absatzzählung).

[5] Unter dem Titel "Einheit und Transformation. Gewerkschaften im deutschen Einheitsprozess" fand Ende 2015 in Berlin eine Konferenz statt, der gleichlautende Tagungsband ist für dieses Jahr angekündigt.

Uwe Fuhrmann