Rezension über:

Richard Huscroft: Tales from the Long Twelfth Century. The Rise and Fall of the Angevin Empire, New Haven / London: Yale University Press 2016, XXIII + 305 S., 15 s/w-Abb., ISBN 978-0-300-18725-0, GBP 20,00
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Rezension von:
Martin Kaufhold
Universität Augsburg
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Martin Kaufhold: Rezension von: Richard Huscroft: Tales from the Long Twelfth Century. The Rise and Fall of the Angevin Empire, New Haven / London: Yale University Press 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 3 [15.03.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/03/29599.html


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Richard Huscroft: Tales from the Long Twelfth Century

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Dieses Buch beginnt wie ein Märchen mit der Geschichte der schönen Melusine, der Tochter des Teufels, die vor den Augen der erstaunten Gottesdienstgemeinde aus der Kirche entschwebte, zwei ihrer vier Söhne an den Händen mit sich führend, und es endet mit einem finsteren Traum des Gerald von Wales, der den Leichnam Heinrichs II. bei seiner Aufbahrung in plötzliches Dunkel getaucht sah. In beiden Fällen wandten sich die Gäste mit Grausen ab. Richard Huscroft erzählt keine "Tales of Mystery and Imagination", aber seine Geschichten zielen auch nicht in erster Linie auf ein Fachpublikum. Vielmehr stellt er zu Beginn fest, dass das 12. Jahrhundert einem größeren Publikum in England weitgehend unbekannt sei. Es ist sein Ziel, dieses Publikum durch einen ansprechenden Zugang für die Zeit des sogenannten Angevinischen Reiches (Angevin Empire) zu interessieren. Man sollte dies im Kopf behalten, um das Buch an den Ansprüchen seines Autors zu messen. Huscroft zielt nicht auf eine Gesamtdarstellung des Angevinischen Reiches, das zwischen 1066 und 1203/14 den Kanal überspannte und den englischen König und Herrn des Nordens und Westens von Frankreich für eine Zeit zum mächtigsten Mann Europas machte. Er hat dazu bereits eine einschlägige Königsgeschichte publiziert [1], und er beabsichtigt keine Korrektur der klassischen Darstellungen, etwa von John Gillingham oder Michael Clanchy. Er sucht den Zugang zu dieser Zeit über persönliche Erfahrungen ausgewählter Akteure und Akteurinnen.

Er stellt die Erlebnisse und Erfahrungen zu Beginn jedes Kapitels lebendig vor, um sie dann als historische Exempla in ihr jeweiliges Umfeld einzuordnen. Der Beginn der angevinischen Geschichte setzt mit dem tragischen White Ship Disaster ein, jenem Verkehrsunfall, der 1120 einen großen Teil der Nachwuchshoffnungen der englischen Aristokratie vor Barfleur ertrinken ließ, einschließlich des Thronfolger William. Aus seiner Perspektive wird das Geschehen erzählt. Und entgegen mancher Kritik von Zeitgenossen gesteht ihm Huscroft zu, das Potential gehabt zu haben, sich höchst königlich zu bewähren. Hätte er überlebt. Die folgenden Jahre der "Anarchie" werden an der Geschichte eines der Großen dieser unruhigen Zeit illustriert: Hugh Bigod. Der Aufstieg des Reiches unter Heinrich II. kommt indes weitgehend ohne den energischen König aus. Angeführt werden hingegen die Beckett-Kontroverse aus der Sicht eines seiner Getreuen, die Anfänge des Ausgreifens nach Irland anhand des führenden Protagonisten, die dramatische Dynamik innerhalb der königlichen Familie anhand des nicht zum Zuge gekommenen Heinrich ("der junge König", der indes nie eine Krone trug). Der Leser wird anhand der (Heirats-) Erfahrungen von Joan, der Tochter Heinrichs II., an die Peripherie der europäischen Macht, nach Sizilien und auf den dritten Kreuzzug geführt. Der Niedergang des Angevinischen Reiches wird durch die Schicksale von Arthur von der Bretagne, der in der Obhut seines Onkels Johann Ohneland verschwand und von William de Briouze deutlich, dem seine Loyalität zu König Johann zunächst einen eindrucksvollen Aufstieg bescherte, bevor er mit der Gunst seines Herrn auch seine Ländereien, seine Familie und schließlich sein Leben verlor. Stephen Langton bereitete den Weg zur Magna Carta, und eine alte Verbündete des Königs, Nicola de la Haye, als Erbin ihres Mannes verantwortlich für die Verteidigung der Burg von Lincoln, trug durch ihren Standfestigkeit dazu bei, dass die französischen Invasoren um den Thronfolger Ludwig England im Jahre 1217 wieder verlassen mussten, ohne den Thron erobert zu haben.

Richard Huscrofts Geschichten fügen sich zu einem lesenswerten Ganzen. Die Lektüre des Bandes ist auch aufgrund des sorgfältigen Layouts und der Papierqualität durchaus ein Vergnügen. Der Erkenntnisgewinn ist etwas zurückhaltender zu gewichten. Hervorzuheben sind die beiden Kapitel über die weiblichen Protagonistinnen (Kap. 6 und 10). Die alte Gräfin Nicola, die zu König Johann steht und deren Energie die Bewunderung der Zeitgenossen hervorruft, ist zumindest in Deutschland weniger bekannt, und dass Richard Löwenherz seine verwitwete Schwester mit dem Bruder von Saladin verheiraten wollte, scheint die Verhandlungspolitik von Friedrich II. mit Al-Kamil in eine längere Geschichte der Nahostdiplomatie zu stellen - wenn sie sich denn mit einer gewissen Sicherheit feststellen ließe. Manche schöne oder farbige Geschichte, die höchst willkommen wäre, erweist sich nach einer gewissen Quellenkritik als so unsicher, dass man, mitunter unter Bedauern, auf sie verzichtet. Das tut Huscroft nicht, und diese Grenzen seiner Darstellung muss man im Auge behalten. Die Geschichte der geplanten Hochzeit von Richards Schwester Joan mit dem Bruder Saladins findet sich nur in einer arabischen Quelle, der Geschichte Saladins. Sie wird ausführlicher zitiert. Gewichtet wird sie nicht. Der Bericht über das White Ship Disaster liest sich ein wenig wie ein Filmscript. Tatsächlich finden sich in dem knappen Anmerkungsapparat zu den einzelnen Kapiteln nur die jeweiligen Quellennachweise - die die vorgetragene Ausdeutung nicht in allen Fällen zulassen. Eine Abwägung der Verlässlichkeit dieser Berichte unter Berücksichtigung der einschlägigen Forschung findet sich dagegen nicht. Huscroft gibt in solchen Fällen der farbigen Geschichte den Vorzug.

Gelehrte Quellenkritik ist nicht unbedingt ein notwendiger Bestandteil einer historischen Darstellung für ein breiteres Publikum. Aber es ließe sich doch fragen, ob es nicht einen Weg gibt, den Grad der Wahrscheinlichkeit der erzählten Geschichten deutlicher erkennbar zu machen. Der Verzicht auf den Bezug zur Forschung hat auch die Folge, dass manche der Entscheidungen des Autors etwas origineller erscheinen, als sie sind. "But why 'the long twelfth century'?" (XXII) - zumindest in den Literaturverweisen (270) wäre der Hinweis denkbar, dass die Forschung schon seit sehr langer Zeit ein "langes 12. Jahrhundert" im Blick hat. Die Formulierung "In 1215, Magna Carta was a failure" (247), mag in der englischen Geschichtsschreibung ähnlich bekannt sein wie Thomas Nipperdeys "Am Anfang war Napoleon", aber hier handelt es sich doch um ein Publikumsbuch. Und da wäre ein solches direktes Zitat aus Jack Holts Magna Carta-Klassiker doch angemessen. Als deutscher Mediävist nimmt man demütig zur Kenntnis, dass das Kapitel über Stephen Langton und die Magna Carta eine Geschichte erzählt, die sich seit einigen Jahren in verschiedenen einschlägigen deutschen Publikationen findet. [2] Mit den Geschichten aus dem langen 12. Jahrhundert hat Richard Huscroft ein eher unterhaltendes als bildendes Werk vorgelegt.


Anmerkungen:

[1] Richard Huscroft: Ruling England. 1042-1217, London 2004.

[2] Vgl. nur Daniel Baumann: Stephen Langton. Erzbischof von Canterbury im England der Magna Carta (1207-1228), Leiden, Boston 2009. Rezension in sehepunkte 10 (2010), Nr. 3 [15.03.2010], URL:  www.sehepunkte.de/2010/03/16296.html

Martin Kaufhold