Rezension über:

Martin Clauss: Ludwig IV. - der Bayer. Herzog, König, Kaiser (= kleine bayerische biografien), Regensburg: Friedrich Pustet 2014, 141 S., 20 s/w-Abb., ISBN 978-3-7917-2560-4, EUR 12,95
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Rezension von:
Andreas Willershausen
Historisches Seminar, Justus-Liebig-Universität, Gießen
Redaktionelle Betreuung:
Jessika Nowak
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Willershausen: Rezension von: Martin Clauss: Ludwig IV. - der Bayer. Herzog, König, Kaiser, Regensburg: Friedrich Pustet 2014, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 4 [15.04.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/04/28527.html


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Martin Clauss: Ludwig IV. - der Bayer

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Spätestens seitdem die bayerische Kabarettistin Luise Kinseher bei dem Auftakt ihrer traditionellen Fastenpredigt zum "Starkbieranstich auf dem Nockherberg" (2013) den damaligen Landtagswahlkampf kühn mit der Schlacht von Mühldorf (1322) parallelisiert und die Eigenheiten und Zukunftsaussichten der Kontrahenten Seehofer und Ude mit denen Ludwigs des Bayern und Friedrichs des Schönen verglichen hat, kann von einem Erreichen des Mainstreams durch den am 11. Oktober 1347 im Kirchenbann gestorbenen Wittelsbacher gesprochen werden. Nach Mathias von Neuenburg flog dieser bekanntlich "langsam und lange [..., war] in der Trägheit wild, in der Trauer vergnügt [...] und im Unglück glücklich [...]" (17). Zu diesem Zeitpunkt waren freilich bereits die Weichen auch für eine wissenschaftliche Neubewertung des selbst im Hinblick auf seine Titulierung umstrittenen Herrschers ("Kaiser Ludwig IV." oder doch nur "der Bayer"?) gestellt. Neben der Bayerischen Landesausstellung 'Wir sind Kaiser' in Regenburg (2014) ist hierbei vor allem an die bereits zwei Jahre zuvor abgehaltene Tagung 'Ludwig der Bayer (1314-1347): Reich und Herrschaft im Wandel' zu denken, welche auf der Grundlage neuer Quellen sowie interdisziplinärer Ansätze zahlreiche neue Erkenntnisse zur Herrschaftspraxis, politischen Theorie und Rezeptionsgeschichte Ludwigs zutage gefördert und dabei nicht zuletzt auf die Kontroversität vieler Forschungsansichten hingewiesen hatte.

Es erstaunt daher, dass Ludwig bis jetzt nur zwei wissenschaftliche Biographien, von Gertrud Benker (1980) [1] und Heinz Thomas (1993) [2], gewidmet worden sind. Nahezu alle Forschungsdebatten - etwa über das diplomatische Geschick des Bayern in seinen Verhandlungen mit der römischen Kurie in Avignon, über die Lösung des von letzterer seit 1323 verhängten Kirchenbanns, über die Originalität und Nachhaltigkeit der von ihm angestoßenen Reformen zur Stärkung des Königswahlrechtes oder auch über das Verhältnis Ludwigs zu den Reichsjuden - mussten interessierte Historiker und Laien daher verstreuten Aufsätzen und Einzelfallstudien zur Papst- und Politikgeschichte sowie Verfassungs- und Diplomatiegeschichte entnehmen.

Martin Clauss, ein renommierter Experte der spätmittelalterlichen Militärgeschichte und Historiographie, hatte daher ganz im Sinne des bereits zitierten Chronisten für seine populärwissenschaftliche Biographie die "schwere Arbeit" auf sich genommen, auf nur 136 Seiten die Geschichte Ludwigs auf der Grundlage aller erwähnten Themenkomplexe allgemeinverständlich zu skizzieren. Schließlich ist es der erklärte Anspruch des Herausgebers der 'Kleine[n] bayerisch[en] Biografien', dass die Vita ihrer Protagonisten nicht nur auf "eine(r) längere(n) Bahnfahrt" nachgelesen werden kann, sondern auch "neu beleuchte[t]" werden soll (4). Dass Clauss hierbei Spielraum für eigene Interpretationen gefunden hat, welche einer viel umfangreicheren Biographie zur Ehre gereichen würden, ist anerkennenswert. Nicht zuletzt der notorische Vergleich mit Ludwigs lange Zeit als klüger, diplomatischer und friedfertiger bewertetem Nachfolger Karl IV. zählt hierbei als beliebter 'point d'attaque' der Forschung. Würde man den von Clauss gewählten Untertitel 'Herzog, König, Kaiser' noch um die Attribute 'Mensch', 'Landesherr', 'Ketzer' und 'Stifter' ergänzen, wäre die inhaltliche Bandbreite der sinnvoll chronologisch erzählten Biographie gut umrissen. Wichtig ist Clauss dabei erkennbar die Reflektion der "Chancen und Grenzen historischer Biografien" in einem methodischen Exkurs, wobei der Autor vor anachronistischen Überinterpretationen warnt (10f.). Auch auf die Gefahr hin, Ludwig "weniger heroisch und sein Bild vielleicht auch weniger plastisch erscheinen" (10) zu lassen, möchte Clauss "Lücken in der geschichtswissenschaftlichen Konstruktion der Vergangenheit sichtbar mache[n]" (10). Die "Zeitgebundenheit diverser [Ludwig bestimmender] Kategorien" (9) versucht Clauss durch die verstärkte Berücksichtigung des zeitgenössischen politischen und religiös-herrschaftlichen Horizontes aufzuzeigen, womit er sich in der Tat auf dem Stand der Forschung befindet.

Auf den ersten Blick positiv fällt das ansprechende Layout des Bandes auf, dessen Anschaulichkeit durch Stammbäume, Grafiken, Fotos und Karten nicht nur für den historischen Laien nützlich ist. Eine falsche Zuordnung Ober- und Niederbayerns auf einer ansonsten korrekten Karte zur Teilung des Herzogtums Bayern im Jahre 1255 (22f.), wohl durch den Grafiker, stellt einen der wenigen formalen Kritikpunkte des Bandes dar. Erfreulich dagegen ist, dass der Verfasser Bildquellen, wie etwa die in kunst- wie ritualgeschichtlicher Hinsicht bedeutsamen Initialen von Verleihungsurkunden (102f.) keinesfalls nur illustrativ einsetzt, sondern er sie gekonnt in den eigenen Interpretationsgang miteinbezieht. Erkennbar wichtig war es Clauss, seine Leser mit den zahlreichen reichspolitischen, europageschichtlichen, kirchenrechtlichen bzw. strukturgeschichtlichen Hintergründen von Ludwigs Regierungszeit nicht im Fließtext zu überfordern, sondern diese Aspekte in Form von im Schriftbild grau hinterlegten Exkursen zu erläutern. Angesichts der inhaltlichen Brandbreite besagter Informationstafeln bekommt die Biographie stellenweise den Anstrich eines kleinen Handbuchs zur Geschichte des 14. Jahrhunderts.

Ein besonderes Augenmerk richtet Clauss wie in seinen früheren Werken auf die gründliche Neubewertung erzählender Quellen. Das Spektrum reicht vom stilisiert wie widersprüchlich wiedergegebenen Aussehen des Bayern über seine ihm von Johannes von Winterthur keineswegs in positiver Absicht attestierte Judenfreundschaft bis hin zu Ludwigs nach mancher Lesart wenig schmeichelhafter Rolle während und nach der Schlacht von Mühldorf (1322). Es gibt kein noch so starkes Narrativ, welches von Clauss nicht nüchtern dekonstruiert wird.

Im Hinblick auf das Verhältnis Ludwigs zu seinen Reichsjuden hat die Forschung bislang dazu tendiert, sein protektionistisches Handeln als eindeutig positiver zu bewerten als die finanziell motivierte und letztlich skrupellose Politik Karls IV. [3]. Clauss kontextualisiert das Vorgehen beider Herrscher stärker mit dem für beide maßgeblichen Institut der Kammerknechtschaft, selbst wenn dies jeweils unterschiedliche Auswirkungen in der Praxis gehabt haben mochte: So wertete Ludwig das Vorgehen gegen seine Schutzbefohlenen stärker als Angriff auf die eigene Majestät und nahm eine Verfolgung innerhalb von Reichsstädten nicht hin. Bei Karl IV. könne nach Clauss ungeachtet der blutigen Konsequenzen, welche sich durch seine Übertragungen des Judenprivilegs bzw. die prophylaktische Amnestie von Judenmorden in den Jahren 1348/1349 ergaben, prinzipiell die gleiche Logik beobachtet werden, denn für beide Herrscher seien die Juden ein "Spielball von Machtinteressen" (91) gewesen. Ohne diese Wertung bestreiten zu wollen, hätte man sich angesichts der von Ruth Bork [4] minutiös zusammengetragenen Beispiele und der Tatsache, dass es gerade in den nicht von Ludwig regierten, wittelsbachischen Territorien zu heftigen Pogromen gekommen war, eine etwas tiefergehende Erklärung der unterschiedlichen Entscheidungsfindung der beiden Herrscher gewünscht. Stärker im Forschungskonsens liegt Clauss, wenn er angesichts der "erste[n] reichsrechtlich relevante[n] Verordnung" des kurfürstlichen "Mehrheitsprinzip[s] bei der Königswahl" (76f.) durch den Kurverein von Rhense (16. Juli 1338) sowie der Dekretale "Licet iuris" (6. August 1338) - welche das Wahlprinzip der Kurfürsten auf das Kaisertum auszudehnen versuchte -, eine klare Verbindungslinie zur Verfassungspolitik seines Nachfolgers Karls IV. zieht, welche ihrerseits eine "Reaktion" (118) auf das Königtum Ludwigs gewesen sei.

In dem Exkurs "Gläubiger Ludwig" sind in der Biographie Züge lakonischen Witzes zu erkennen: "Moderne Leser/innen mag angesichts der Auseinandersetzungen Ludwigs mit der Kurie folgende Frage umtreiben: War Ludwig IV. ein gläubiger Christ? Die Antwort darauf müsste lauten: Er lebte im 14. Jahrhundert" (75). Dabei wird man dem Autor zustimmen können, wenn er bei Ludwigs immer neuen Verhandlungsfinten und Kehrtwendungen gegenüber der Kurie zur Loslösung vom Kirchenbann eine prinzipielle "Sorge um sein Seelenheil" (108) erkennen will. Bei den angesprochenen Forschungskontroversen tendiert Clauss dazu, das Handeln Ludwigs als situationsabhängig, mitunter kreativ und überraschend, dabei aber stets in reichspolitischer Hinsicht als konservativ einzuschätzen. Ludwigs früher häufig als sprunghaft bewertete Verhandlungstaktik gegenüber der Avignonesischen Kurie wird vom Autor als "konsequent, flexibel und pragmatisch" (120) beurteilt. Einen Seitenhieb auf die Bundespolitik stellt Clauss Hinweis auf das heutige "Verständnis für pragmatisches und unideologisches Vorgehen [...] [a]ngesichts einer Politik, die 'auf Sicht fährt' und eher situativ den jeweils 'alternativlosen' Weg einschlägt" (107), zur Untermauerung der eigenen Thesen dar.

Insgesamt wäre es erfreulich, wenn Clauss' thematisch breitgefächerte, problemorientierte 'kleine bayerische Biografie' eine dankbare Leserschaft finden würde. Der Rezensent hätte sich das Buch gerne in den (damals noch analogen!) Semesterapparat eines seiner früheren Proseminare gestellt.


Anmerkungen:

[1] Gertrud Benker: Ludwig der Bayer. Ein Wittelsbacher auf dem Kaiserthron 1282-1347, München 1980.

[2] Heinz Thomas: Ludwig der Bayer. Kaiser und Ketzer, Graz 1993.

[3] Vgl. Ruth Bork: Zur Politik der Zentralgewalt gegenüber den Juden im Kampf Ludwigs des Bayern um das Reichsrecht und Karls IV. um die Durchsetzung seines Königtums bis 1349, in: Evamaria Engel [Hrsg.]: Karl IV. Politik und Ideologie im 14. Jahrhundert, Weimar 1982, 30-73.

[4] Ebd.

Andreas Willershausen