Rezension über:

David Rollason: The Power of Place. Rulers and Their Palaces, Landscapes, Cities, and Holy Places, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2016, XXIII + 458 S., 37 Farb-, 151 s/w-Abb., ISBN 978-0-691-16762-6, USD 49,95
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Rezension von:
Susanne Rau
Universität Erfurt
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Susanne Rau: Rezension von: David Rollason: The Power of Place. Rulers and Their Palaces, Landscapes, Cities, and Holy Places, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 4 [15.04.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/04/29267.html


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David Rollason: The Power of Place

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Viel zu selten kommen wir in den Genuss, reich bebilderte historische Bücher zu lesen, die uns auf eine Reise zu kultur- und machthistorisch bedeutenden Stätten in halb Europa mitnehmen. David Rollason, inzwischen emeritierter Professor für frühmittelalterliche Geschichte an der Universität Durham, hat eine solche Reise zu den Stätten und ihren Archiven unternommen und diese jetzt monographisch dokumentiert. Das Buch "The Power of Place" deckt einen Zeitraum von der Antike bis zur Frühen Neuzeit ab, weil es ihm nicht nur um Entstehung und Bau dieser Stätten oder Gebäude ging, sondern auch um deren Aneignungen oder Veränderungen in späterer Zeit, durch spätere Herrscher. Zusammengefasst wird das breite Spektrum an Macht-Orten, die Herrscherpaläste ebenso umfassen wie Landschaften, Städte, Gotteshäuser und Begräbnisstätten, durch die Frage, welche Machtbotschaften von diesen Orten der Herrschaft ausgehen. Auf die Frage des Machtbegriffs werden wir noch zurückkommen. Auf den einleitenden Seiten wird jedoch schnell klar, dass es sich vornehmlich um Orte handelt, die von Regenten gebaut oder durch Herrschaftspraktiken angeeignet wurden. [1]

Das Buch enthält im Kern fünf Teile, welche überblicksartig kurz vorgestellt werden sollen. Teil I ("Palaces") beschäftigt sich mit Herrscherresidenzen. Es wird davon ausgegangen, dass vormoderne Herrscher ihre Macht sichtbar demonstrieren mussten und dazu nicht nur Paläste, sondern auch Höfe, Hallen und andere Räume benötigten, um ihre Macht aufzuführen und vor unterschiedlichem Publikum zu kommunizieren. Dies wird an Beispielen wie Diokletians Palast in Split und Domitians Palast in Rom gezeigt.

Teil II ("Landscapes") nimmt Gärten, Parks und Wälder in den Blick. Auch sie waren Symbole herrschaftlicher Macht und Bühnen, diese aufzuführen. Insbesondere Gärten und Parks konnten eine Ausdehnung der Herrscherresidenz sein, während die Gestaltung dieser Gärten Ausdruck von Naturbeherrschung war. Die entfernter gelegenen Wälder waren dagegen Orte der Jagd, bei denen die Herrscher persönlichen Mut zeigen und in intimen Kontakt mit Adligen treten konnten.

Teil III ("Cities") beschäftigt sich mit großen Bauprojekten - wie den kaiserlichen Foren in Rom und Konstantinopel - in öffentlichen Stadträumen, die insbesondere bei Triumphzügen und anderen Prozessionen in die Artikulation von Macht einbezogen wurden. Bei diesen Anlässen kamen Herrscher und Untertanen in Kontakt und mussten ihre jeweilige Rolle spielen. Friese solcher Herrschereinzüge legen heute noch Zeugnis davon ab.

Teil IV ("Holy Places") untersucht, wie Herrscher durch den Bau, Ausbau oder das Betreten von Gotteshäusern ihre Nähe zum Göttlichen demonstrierten. Auch hier spielen freilich nicht nur die Gebäude selbst (Kirchen, Moscheen etc.) eine Rolle, sondern auch Herrschereinzüge (und deren Abbildungen), Reliquien und deren Translationen oder Schreine. Die Nähe zu heiligen Orten dient primär dazu, die Macht des Herrschers als göttlich sanktioniert darzustellen oder die weltliche Herrschaft unter göttliches Gesetz zu stellen, was insbesondere dort der Fall war, wo es dem Klerus gelang, den direkten Zugang zum Göttlichen für sich zu reservieren. Der byzantinische Kaiser etwa übergab seine Krone, wenn er an Festtagen die Hagia Sophia betrat, schon an der Tür einem Patriarchen.

Teil V ("Inauguration Places and Burial Places") widmet sich Orten, an denen Regenten gekrönt und bestattet wurden und durch die abermals ihre Herrschaft legitimiert wurde. Beispiele stammen aus Ost und West (Aachen, Westminster Abbey, Reims, Tara/Irland u.a.).

Welcher Machtbegriff liegt dieser Studie zugrunde? Da eine Begriffs- oder Theoriediskussion in dem Buch nicht wirklich stattfindet, lässt sich diese Frage nur tentativ beantworten. Aus der kurzen Einleitung (1-8) lässt sich erschließen, dass sich Rollason an Max Webers Idealtypen von Herrschaft orientiert, diese aber weniger übernimmt als adaptiert. Daraus ergeben sich dann drei Typen von Macht oder Herrschaft ("power"): bürokratische, persönliche und ideologische (6). Diese weite oder relativ lockere Definition führt am Ende - nicht ganz überraschend - dazu, dass alle Herrscher von allen Machttypen mehr oder weniger Gebrauch machten. Alternative Machttheorien - und seien es nur die bekanntesten unter ihnen wie etwa von Foucault oder Bourdieu, die in die Stadt- und Architekturgeschichte bereits Eingang gefunden haben - finden in dem Buch keine Berücksichtigung. Foucaults dynamisches, flüssiges Machtverständnis geht ja davon aus, dass Macht nicht per se existiert, sondern nur in actu, also stets umkämpft ist und immer wieder neu hergestellt werden muss. Dies hätte sich gut mit Rollasons Aufmerksamkeit für Herrschereinzüge und andere Rituale verbinden lassen. Die Beschränkungen Rollasons sind also zweierlei: auf politische Macht und auf - zumindest weitgehend - gebaute, jedenfalls dreidimensionale Räume.

1. Wer nur auf politische Macht oder auf Macht als Herrschaft schaut, schränkt seinen Blick von vorneherein ein: dieser wird auf obrigkeitliche Akteure, deren Intentionen und Handlungen gerichtet. Zwar berücksichtigt Rollason durchaus symbolische Aspekte von Macht (bspw. wie Herrschaft durch Architektur oder deren gezielte Platzierung wirkt), aber wie diese sich auf die Bevölkerung auswirkt oder wie jene sie annimmt bzw. in ihrer Weise kreativ mit Orten der Macht - etwa durch Besetzung, Aneignung oder anderer Anordnung - umgeht, kann deshalb nicht thematisiert werden. 2. Durch die weitgehende Beschränkung auf "gebaute Räume" vergibt man von vorneherein die Chance, andere Formen von Räumlichkeit, die für eine Macht-Analyse aufschlussreich wären, mit in Betracht zu ziehen. [2]

Doch wie bei jedem Buchprojekt gilt auch hier, dass der Beschränkungsmodus Kohärenz erzeugt. Und da das Buch aufgrund seiner zeitlichen Tiefe und thematischen Breite schon genügend Vielfalt zulässt, hat die Beschränkung auf "Rulers and their palaces, landscapes, cities, and holy places" auch ihren Sinn. Das detaillierte Orts- und Namensregister bietet zudem die Möglichkeit, gezielt nachzuschlagen. Durch die gut verständliche Sprache und die vielen Zeichnungen und Bilder öffnet sich das Buch zudem einem breiten Lesepublikum. Eine Genealogie der Macht-Orte haben wir nicht vor uns liegen, aber doch ein imposantes und lesenswertes Buch mit vielen Fallstudien, die von Rollason durchaus komparativ und bisweilen genealogisch zusammengebunden werden.


Anmerkungen:

[1] "This book is about the messages of power that sites created by, or associated with, rulers could send to their subjects, to visitors, to ambassadors, and to anyone who saw or entered them. The rulers it considers were principally, although not exclusively, emperors and kings."(1)

[2] Vgl. dazu etwa: Topographien des Sakralen. Religion und Raumordnung in der Vormoderne, München / Hamburg 2008.

Susanne Rau