Rezension über:

Odorico da Pordenone: Relatio de mirabilibus orientalium Tatarorum. Edizione critica a cura di Annalia Marchisio (= Edizione Nazionale dei Testi Mediolatini d'Italia; 41), Firenze: SISMEL. Edizioni del Galluzo 2016, VII + 643 S., ISBN 978-88-8450-699-3, EUR 95,00
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Rezension von:
Folker Reichert
Historisches Institut, Universität Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Folker Reichert: Rezension von: Odorico da Pordenone: Relatio de mirabilibus orientalium Tatarorum. Edizione critica a cura di Annalia Marchisio, Firenze: SISMEL. Edizioni del Galluzo 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 4 [15.04.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/04/29681.html


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Odorico da Pordenone: Relatio de mirabilibus orientalium Tatarorum

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Odorico da Pordenone gehört nach wie vor zu den unterschätzten Autoren des späten Mittelalters. Der Bericht von seiner Reise quer durch Asien bis nach China stand immer im langen Schatten Marco Polos, der freilich nur den Vorteil besaß, ein paar Jahrzehnte früher an denselben Orten gewesen zu sein. Dass Odorico den weitaus lebendigeren Text schrieb und den Leser nicht mit einer enzyklopädischen Aufzählung von Ländern und Ereignissen strapazierte, sondern das, was ihm wesentlich erschien, mit charakteristischen Anekdoten illustrierte, spielte demgegenüber keine Rolle. Da das Werk viele Fragen offen ließ und augenscheinlich keinen Abschluss gefunden hatte, drängten sich mehrere Bearbeiter in die Überlieferung, am folgenreichsten der nach wie vor rätselhafte Johann von Mandeville, der seinen fingierten Reisebericht zu großen Teilen auf Odoricos Buch aufbaute und damit einen überwältigenden Erfolg erzielte. Dessen Name trat damit vollends in den Hintergrund. In Italien (insbesondere im Friaul) wurde er wenigstens als Seliger verehrt, anderswo blieb er weitgehend vergessen. Erst das neuere Interesse an Globalgeschichte, Reisegeschichte, Welterfahrung und Weltbildern, Kulturbegegnung und Kulturtransfer lenkte den Fokus der allgemeinen Geschichtsforschung auf Odorico.

Maßgeblich war bislang die Ausgabe, die Anastasius van den Wyngart 1929 veröffentlichte. [1] Sie hatte ihre Verdienste, erhob aber nicht den Anspruch, eine kritische Edition zu bieten. Der Herausgeber stützte sich auf eine Handschrift, die er für besonders wertvoll hielt, und zog für die Textkonstitution weitere ausgewählte Manuskripte heran. Auf das Problem der verschiedenen Bearbeitungen und Versionen ließ er sich gar nicht erst ein. Die vorliegende Edition beschließt ein Langzeitprojekt, das von Paolo Chiesa (Udine, jetzt Mailand) angeregt und betreut wurde. Dabei wurden Methoden erarbeitet, die es ermöglichen, massenhaft überlieferte Texte zu erfassen und ihrer spezifischen Eigenart gerecht werden zu können. Marchisio spricht von "aktiver Überlieferung" ("tradizione attiva") und meint damit die dichte Folge von Redaktionen, die aufeinander aufbauen und sich gleichzeitig charakteristisch voneinander unterscheiden.

Mehrere stemmata codicum et recensionum machen sowohl den Zusammenhang der Überlieferung als auch den überragenden Erfolg der "Relatio" sichtbar. Insgesamt 113 Manuskripte (davon 78 in lateinischer Sprache) konnten ermittelt und den einzelnen Versionen zugeordnet werden. Daraus eine "Originalfassung" destillieren zu wollen, verbot sich von vornherein. Vielmehr war es das Ziel der Editorin, jene lateinische Fassung der "Relatio" zu identifizieren, aus der sich im Zuge einer verzweigten und höchst lebendigen Überlieferung die anderen Versionen ergaben. Mit zwei Variantenapparaten versehen, bildet sie den Hauptteil des Buchs, gefolgt von acht teils gekürzten, teils ausgeschmückten Redaktionen. Fünf davon werden durch jeweils eine einzige Handschrift bezeugt. Der Leser bzw. Benutzer bekommt also viele Sachverhalte mehrfach geboten, jeweils in charakteristischer Brechung oder Akzentuierung.

Einen Sachkommentar könnte der Leser vermissen. Schließlich hat Odorico da Pordenone höchst merkwürdige Dinge erlebt, die bis heute der Kommentierung bedürfen. Er sprach von mirabilia, also (menschlichen und natürlichen) "Wundern", die er angetroffen habe, wo immer er hinkam, nicht nur bei den "östlichen Tataren", sondern auch in Mesopotamien und Indien, auf Ceylon, Sumatra und Java. Insofern ist der gewählte Titel problematisch. Er kommt in der Überlieferung ebenso wenig vor wie die historisch korrekte, aber im ganzen Mittelalter unübliche Namensform Tatari. Immer heißt es Tartari in den Handschriften.

Aber die Klärung der historischen oder ethnographischen Fragen wurde von der Herausgeberin nicht beabsichtigt. Was vorliegt, ist die kritische Edition eines weit verbreiteten, einflussreichen Texts auf höchstem philologischem Niveau. Sie beschränkt sich auf die lateinischen Redaktionen, argumentiert aber auch mit den volkssprachigen Fassungen, von denen mittlerweile eigene Editionen vorliegen. [2] Wie im Fall Marco Polos setzt sich die Anschauung durch, dass man der Bedeutung der Werke nur gerecht wird, wenn man deren vielgestaltige Überlieferung zu würdigen weiß. Es ist das große Verdienst der Editorin, der weiteren kultur-, religions-, literatur- und sprachgeschichtlichen Forschung ein vorzügliches Arbeitsinstrument zur Verfügung gestellt zu haben.


Anmerkungen:

[1] Sinica Franciscana, Bd. 1: Itinera et relationes fratrum minorum saeculi XIII et XIV. Collegit, ad fidem codicum redegit et adnotavit P. Anastasius van den Wyngaert O. F. M., Quaracchi - Firenze 1929, 379-495.

[2] Konrad Steckels deutsche Übertragung der Reise nach China des Odorico de Pordenone, kritisch hg. v. Gilbert Strasmann (Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit 20), Berlin 1968; Jean de Vignay: Les Merveilles de la Terre d'Outremer. Traduction du XIVe siècle du récit de voyage d'Odoric de Pordenone, édition critique par D. A. Trotter, Exeter 1990; Memoriale Toscano. Viaggio in India e Cina (1318-1330) di Odorico da Pordenone, a cura di Lucio Monaco (Oltramare 5), Alessandria 1990; Libro delle nuove e strane e meravigliose cose. Volgarizzameno italiano del secolo XIV dell'Itinerarium di Odorico da Pordenone, a cura di Alvise Andreose, Padova 2000; Le voyage en Asie d'Odoric de Pordenone, traduit par Jean Le Long OSB. Itineraire de la Peregrinacion et du voyaige (1351), édition critique par Alvise Andreose et Philippe Ménard, Genève 2010.

Folker Reichert