Rezension über:

Ian Kershaw: Höllensturz. Europa 1914 bis 1949, 3. Aufl., München: DVA 2016, 764 S., 11 Farb-, 18 s/w- Abb., 3 Kt., ISBN 978-3-421-04722-9, EUR 34,99
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Rezension von:
Arnd Bauerkämper
Freie Universität Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Arnd Bauerkämper: Rezension von: Ian Kershaw: Höllensturz. Europa 1914 bis 1949, 3. Aufl., München: DVA 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 4 [15.04.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/04/29750.html


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Ian Kershaw: Höllensturz

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Mit der Krise der Europäischen Union ist offenbar ein Bedürfnis nach historisch-politischer Selbstvergewisserung gewachsen, das sich auch in der Geschichtsschreibung niedergeschlagen hat. Allein seit 2015 haben u.a. Konrad Jarausch und Edgar Wolfrum umfangreiche Gesamtdarstellungen der neueren Geschichte Europas vorgelegt. [1] In diesen Trend reiht sich auch Ian Kershaws Buch ein, das 2015 in England unter dem Titel "To Hell and Back. Europe 1914-1949"erschien. [2] Der deutsche Titel "Höllensturz" deutet den Beginn des Wiederaufstiegs Europas in den Jahren von 1945 bis 1949 demgegenüber nicht an. Dieser ist aber für Kershaws Gesamtinterpretation zentral. Den Stellenwert der Erneuerung nach dem Zweiten Weltkrieg soll vor allem der zweite Band zeigen, der die Zeit ab 1950 behandeln wird. Bei der Darstellung der Jahre von 1914 bis 1949 geht der Verfasser, der mit einflussreichen Veröffentlichungen - vor allem einer viel beachteten Biographie Adolf Hitlers - hervorgetreten ist, von vier Aspekten einer umfassenden Krise aus: der Sprengkraft eines ethnisch und rassistisch aufgeladenen Nationalismus (1), den territorialen Revisionsforderungen der Verliererstaaten des Ersten Weltkrieges bzw. jener, die sich als solche betrachteten (2), den sozialen Auseinandersetzungen und der "Klassenkampf"-Propaganda, besonders nach der russischen Oktoberrevolution 1917 (3), sowie der Krise des Kapitalismus, die sich in der Hyperinflation und den Arbeitskonflikten der frühen zwanziger Jahre ebenso niederschlug wie in dem weltweiten Konjunktureinbruch ab 1929 (4).

Diese Konfliktlinien und die damit verbundenen Bruchzonen hatte der "totale" Erste Weltkrieg, der fast neun Millionen Soldaten und nahezu sechs Millionen Zivilisten das Leben kostete, ausgelöst oder zumindest maßgeblich gesteigert, wie Kershaw betont (75). Anschaulich zeichnet er die politische Polarisierung in den kriegführenden Ländern nach, vor allem ab 1916, als sich die zunächst weit verbreiteten Hoffnungen auf einen schnellen Sieg endgültig als illusionär erwiesen hatten. Die Mobilisierung aller Ressourcen für den Krieg ging mit einer zusehends radikalen Feindpropaganda nach außen und innen einher. Dabei galten nicht nur Angehörige von Staaten, gegen die jeweils Krieg geführt wurde, sondern auch Minderheiten, Pazifisten und Sozialisten vielfach als illoyal und unzuverlässig. Nach der Oktoberrevolution der russischen Bolschewiki eskalierten die Verschwörungsvorstellungen und die Gewalt noch weiter. Außer dem Zarenreich sprengte der ethnische Nationalismus auch Österreich-Ungarn. Kershaw betont überzeugend, dass die Spannungen zwischen den Volksgruppen in den multiethnischen Imperien schon vorher zugenommen hatten und im Verlauf des Ersten Weltkrieges weiter wuchsen.

Auch in den weiteren Kapiteln des überwiegend chronologisch aufgebauten Buches ist das Spektrum der geschickt und souverän dargelegten Probleme weitgehend bekannt. Ebenso wenig überraschen die meisten Befunde die Fachhistoriker. Kershaw zeigt aber wie auch Robert Gerwarth [3], dass der Erste Weltkrieg in vielen Staaten Europas innere Gegensätze verschärfte und neue Konflikte - so über den Kommunismus und die territoriale Nachkriegsordnung - herbeiführte. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Ungarn, Italien und Deutschland, die Arbeitskonflikte auch in Demokratien und Siegerstaaten wie Großbritannien und die Bürgerkriege in der Sowjetunion (mit sieben Millionen Toten) und in Irland zeigen, wie brüchig die Herrschaft der neuen Eliten in den einzelnen Ländern war. Hinzu kamen der Protest und die Aktionen paramilitärischer Gruppen gegen die territoriale Nachkriegsordnung, die aus den Pariser Vorortverträgen hervorgegangen war.

Mit den Faschisten, denen König Viktor Emanuel III. im Oktober 1922 in Italien die Macht übertrug, und den Bolschewiki, die bis 1922 über die "weißen" Gegenrevolutionäre in Russland obsiegten, stellten zwei bedeutende politische Kräfte die liberale Demokratie fundamental in Frage. Wie Kershaw einleuchtend argumentiert, brachen die in der Nachkriegsordnung angelegten Konflikte aber erst mit der Weltwirtschaftskrise auf. In den frühen dreißiger Jahren gerieten die verbliebenen Demokratien in ganz Europa in die Defensive. Aber auch der Weg in den Zweiten Weltkrieg war keineswegs unvermeidlich. Vielmehr hätte Hitler noch 1938 durch eine "große Allianz" (458) der Westmächte und der UdSSR, die in London vor allem der sowjetische Botschafter Iwan Maiski herbeizuführen suchte [4], aufgehalten werden können. Jedoch verhinderte das gegenseitige Misstrauen der Gegner des Nationalsozialismus eine Einigung.

Insgesamt werden in den Abschnitten zu den zwanziger und dreißiger Jahren das Ausmaß, die Ebenen und Formen der wechselseitigen Wahrnehmungen, Beziehungen und sogar Verflechtungen zwischen den europäischen Staaten und Gesellschaften deutlich. Auch die Geschichte des Zweiten Weltkrieges kann letztlich nicht ohne die grenzüberschreitenden Bezüge verstanden und geschrieben werden, wie der Verfasser eindrucksvoll zeigt. Dabei bleibt allerdings die globale Dimension unterbelichtet.

Das neunte Kapitel, das systematisch angelegt ist, bietet eine problemorientierte Bilanz. Hier zeichnet Kershaw zunächst Tendenzen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels in den Jahren von 1914 bis 1945 nach, so die demographische Entwicklung, die Industrialisierung, Urbanisierung und soziale Mobilität. Überdies wird die fortschreitende Lösung von den christlichen Kirchen erläutert. Hier folgt Kershaw weitestgehend der Säkularisierungsthese, die seit den neunziger Jahren aber zumindest für die Bindung an den christlichen Glauben in Frage gestellt worden ist. [5] Darüber hinaus warnen die Befunde und Einsichten zu der umfassenden Abwendung europäischer Intellektueller von liberalen Werten und vom Pluralismus vor einer unreflektierten Selbstzufriedenheit in der Gegenwart. Nicht zuletzt wird deutlich, dass die faschistischen und kommunistischen Diktaturen die Herausbildung der Konsumkultur keineswegs blockierten, sondern sie für ihre Politik einspannten. Schon in den zwanziger Jahren hatte sich der Zugang zur populären Unterhaltung geöffnet, so dass auch grundsätzlich keineswegs undifferenziert von "dunklen Jahrzehnten" (553) zwischen den beiden Weltkriegen gesprochen werden kann.

Zumindest im Rückblick war mit dem kulturellen Wandel die Grundlage zu der Öffnung gelegt, die sich in Europa seit den fünfziger Jahren vollzogen hat. Diese weiterführenden Prozesse werden im letzten Kapitel angedeutet, das den Beginn der bemerkenswerten Erholung nach dem Zweiten Weltkrieg skizziert. Die politische Stabilität und das wirtschaftliche Wachstum in Europa nach den "Jahrzehnten, in denen der Kontinent seiner Selbstzerstörung nahekam" (703), führt Kershaw unmittelbar nachvollziehbar auf fünf Faktoren zurück, die nach dem Ersten Weltkrieg gefehlt hatten: den Abbruch des deutschen Großmachtstrebens (1), die Bestrafung vieler Kriegsverbrecher und Kollaborateure (2), die Teilung Europas im Kalten Krieg (3), das Menetekel eines Atomkrieges (4) und das hohe Wirtschaftswachstum in west- und - in geringerem Ausmaß - osteuropäischen Staaten (5).

Alles in allem bietet Ian Kershaws Buch im Einzelnen zwar nur wenige überraschende Befunde, aber doch tiefe Einsichten in die Geschichte Europas von 1914 bis 1949. Wie angedeutet, tragen die Erkenntnisse gerade in einer Zeit, in der sich die politischen Bindungen zwischen den europäischen Staaten lockern, zur Standortbestimmung bei. Damit wird Kershaws Überblick einer wichtigen Aufgabe der Zeitgeschichtsschreibung gerecht. Allerdings sind die Ausführungen zu Westeuropa insgesamt detaillierter und kenntnisreicher als die Abschnitte zu den osteuropäischen Staaten. Ebenso ist die Einteilung Europas in eine "verheerend selbstzerstörerische Zeit" von 1914 bis 1945 einerseits und eine "Periode bis dahin unvorstellbarer Stabilität und Prosperität" (13) mit einer "Wiedergeburt" (20) andererseits letztlich zu schematisch und zu dichotomisch, wie die Untersuchung der Massenkultur zeigt. Auch vermisst man gelegentlich detaillierte Hinweise, so auf den Londoner Geheimvertrag 1915 (vgl. 16), den Antikommunismus und die Judenfeindschaft in den deutschen Kirchenleitungen (593) und zu den Deutschen, die von 1944 bis 1946 der Flucht und Vertreibung aus den befreiten und besetzten Ostgebieten zum Opfer fielen (644). Diese Lücken sind aber in einer umfassenden Synthese letztlich wohl unvermeidbar. Demgegenüber zeigt Ian Kershaw eindrucksvoll, wie nachhaltig tiefe Konflikte Europa von 1914 bis 1945 zerrissen haben. Wenn der zweite Band, den Kershaw vorbereitet, nachzeichnet, wie hart das Zusammenwachsen der Europäer ab 1949 bzw. seit 1990 erkämpft werden musste, wäre dies wohl auch eine Einsicht, die in Zukunft beherzigt werden sollte - nicht zuletzt im Heimatland des Verfassers.


Anmerkungen:

[1] Konrad H. Jarausch: Out of Ashes. A New History of Europe in the Twentieth Century, Princeton / New Jersey / Oxford 2015; Edgar Wolfrum: Welt im Zwiespalt. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 2017.

[2] Ian Kershaw: To Hell and Back. Europe 1914-1949, London 2015.

[3] Robert Gerwarth: Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs, München 2017.

[4] Gabriel Gorodetsky (Hg.): Die Maiski-Tagebücher. Ein Diplomat im Kampf gegen Hitler 1932-1943, München 2016.

[5] Übersicht in: Arnd Bauerkämper / Jürgen Nautz: Einleitung: Zivilgesellschaft und christliche Kirchen - wechselseitige Bezüge und Distanz, in: Zwischen Fürsorge und Seelsorge. Christliche Kirchen in den europäischen Zivilgesellschaften seit dem 18. Jahrhundert, hgg. von Arnd Bauerkämper / Jürgen Nautz, Frankfurt/M. 2009, 7-24.

Arnd Bauerkämper