Rezension über:

Sebastian Koch: Zufluchtsort DDR? Chilenische Flüchtlinge und die Ausländerpolitik der SED (= Sammlung Schöningh zur Geschichte und Gegenwart), Paderborn: Ferdinand Schöningh 2016, 416 S., ISBN 978-3-506-78545-9, EUR 49,90
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Rezension von:
Nikolaus Werz
Universität Rostock
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Nikolaus Werz: Rezension von: Sebastian Koch: Zufluchtsort DDR? Chilenische Flüchtlinge und die Ausländerpolitik der SED, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 4 [15.04.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/04/29785.html


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Sebastian Koch: Zufluchtsort DDR?

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Chile und die chilenischen Flüchtlinge haben in der DDR eine große Rolle gespielt. Nach wie vor ist unter vielen Ostdeutschen die Meinung verbreitet, dass man viele und wesentlich mehr Chilenen aufgenommen habe als die Bundesrepublik. Das chilenische Exil im Staatssozialismus ist darüber hinaus aus mehreren Gründen interessant: zum einen wegen der engen Parteikontakte der SED zur Kommunistischen Partei Chiles und zur Sozialistischen Partei, deren Parteiführung zunächst ihren Sitz in der DDR hatte. Zum anderen kamen zahlreiche Akademiker und später bekannt gewordene Schriftsteller nach Ostdeutschland, die in ihren Publikationen ansatzweise auf ihre dortige Zeit eingingen. Die Beschäftigung mit diesem Exil eröffnet also auch die Möglichkeit, etwas über die DDR-Gesellschaft zu erfahren.

Die Dissertation von Sebastian Koch ist breit angelegt. Aus der Sicht des Autors war die Situation der Chilenen im realen Sozialismus in mehrerer Hinsicht relevant: für die Erforschung von Exil und Migration in osteuropäischen Industriestaaten sowie zur Erfassung der auf über 50 Länder verteilten chilenischen Diaspora; aufgrund der Vielfältigkeit eines sowohl politischen als auch intellektuellen und künstlerischen Exils; zur Untersuchung der Beziehungen mit den kommunistischen Bruderparteien; als ein Beitrag zur Alltags- und Gesellschaftsgeschichte der DDR sowie unter dem Gesichtspunkt einer Einschätzung des politischen Systems der DDR.

Vor dem Hintergrund dieser weiten Fragestellungen ist es nicht überraschend, dass in Kapitel 2 Chile im 20. Jahrhundert sowie der dortige Sozialismus behandelt werden und Kapitel 3 dann auf Asyl und Asylrecht bzw. Ausländer und Fremde in der DDR eingeht. Kapitel 4 mit dem Titel "Die Chilenen in der DDR" enthält mit über 250 Seiten den Hauptteil der Arbeit. Die DDR nahm laut Angaben des Ministeriums für Staatssicherheit bis 1988 insgesamt 2005 politische Emigranten aus Chile auf. Sie wurden bei ihrer Anreise gewissen Orten zugewiesen, am Volkstheater Rostock bestanden das Teatro Lautaro sowie die Musikgruppe Aparcoa. Besonders umfangreich fällt die Analyse des Verhältnisses zwischen der kommunistischen und sozialistischen Partei Chiles im Dreiecksverhältnis zur SED aus. Auf der Grundlage einer minutiösen Aufarbeitung des Schriftverkehrs verdeutlicht Koch die teilweise erheblichen Differenzen innerhalb und zwischen den Parteien sowie den handelnden Personen.

Das Unterkapitel zu "Kunst und Kultur: Die chilenischen Künstler in der DDR" fällt dagegen kürzer aus. Hier werden die einzelnen Personen in Biogrammen präsentiert, so dass das Buch in mancher Hinsicht als eine Art Nachschlagewerk zum chilenischen Exil in der DDR herangezogen werden kann. Bei den Ausführungen zu Integration und Alltag geht es auch um das Verhältnis mit der einheimischen Bevölkerung. Dass es hier zu Spannungen kam, geht aus den Interviews mit einzelnen Chilenen oder ihren Schriften hervor. So wurden sie unter anderem gefragt, wie und warum sie aus ihrem Land ausreisen konnten, während der großen Mehrheit der DDR-Bürger dies versagt bleibe. Denn im Unterschied zu anderen Lateinamerikanern besaßen die Chilenen aufgrund der Visaformalitäten die Möglichkeit zu Westreisen, was sowohl zu gewissen Neidgefühlen führte als auch das Interesse des Ministeriums für Staatssicherheit weckte. Insofern kann nicht überraschen, dass sie selbst ins Visier des MfS gerieten oder als Informelle Mitarbeiter angeworben werden sollten. In dem entsprechenden Unterkapitel "Staatssicherheit und Kontrolle" verzichtet der Autor auf die Nennung von Klarnamen, da dies unweigerlich mit einer gesellschaftlichen Stigmatisierung verbunden sei. Allerdings kann man sich die Frage stellen, ob bei verstorbenen Personen mit öffentlicher Wirkung die Namensnennung nicht doch gerechtfertigt wäre. Der Leser erfährt auch von der militärischen Ausbildung einzelner Chilenen, die später beim Aufbau einer Volksarmee in Nicaragua tätig wurden. Hier hätte man sich noch weitere Ausführungen gewünscht, etwa was die Kooperation mit Kuba und der dort sehr aktiven Abteilung zum Revolutionsexport nach Lateinamerika angeht. Vergleichsweise kurz fallen die Ausführungen zum Bild der DDR in den Erinnerungen der Chilenen aus, hier hätten neuere Studien herangezogen werden können. [1]

Sebastian Koch kommt insgesamt zu einem ziemlich positiven Bild von der DDR als Zufluchtsort für chilenische Flüchtlinge. Er hält abschließend nochmals fest, dass viele Akademiker und wenige "Werktätige" darunter waren, so dass der versuchte Arbeitseinsatz auf wenig Beifall vonseiten der Chilenen stieß. Die Aufnahme von Chilenen war dabei nicht allein Ausdruck eines staatlichen Humanismus, sondern diente auch der Systemsicherung. Im Falle Honeckers sollte sich das u.a. bei seinem Exil in Moskau und später in Santiago de Chile als vorteilhaft erweisen, denn er konnte hier auf persönliche Kontakte und Freundschaften zurückgreifen, die er nach dem Staatsstreich 1973 geknüpft hatte. Ohnehin dürfte die Tatsache, dass seine Tochter mit einem Chilenen verheiratet war, eine gewisse Rolle gespielt haben. Die SED-Führung habe insofern durchaus aus einem gewissen Eigennutz gehandelt. Darüber hinaus war immer klar, dass die Chilenen in naher oder ferner Zukunft in ihre Heimat zurückkehren sollten.

Das Buch basiert auf einer breiten archivalischen Grundlage, ist gut recherchiert und streckenweise spannend zu lesen. Nur an ganz wenigen Stellen schimmert die Aktensprache durch - dem Autor und dem Leser dürfte klar sein, dass die MfS-Sicht natürlich nicht die volle Wahrheit darstellt. Möglicherweise hat sich der Autor fast zu viel vorgenommen. Die Frage der Fremdenfeindlichkeit lässt sich am Beispiel der Chilenen ohnehin schwer beantworten, da es sich um eine ausgewählte Gruppe handelte, die aus der Sicht der Bevölkerung einen Sonderstatus einnahm. Hier wäre eine Bezugnahme auf die Kubaner oder Nicaraguaner, die stärker in den Arbeitsprozess eingegliedert waren, aufschlussreich gewesen. Ganz am Ende wirft der Autor die Frage auf, wie eine Untersuchung der Geschichte der Emigranten aus Chile in deutsch-deutscher Perspektive erfolgen könnte. Denn in der alten Bundesrepublik lag die Betreuung und Aufnahme ja zunächst in den Händen der aus der Studentenbewegung hervorgegangenen Chile-Komitees, die die Unterstützung der Jusos und eines kleineren Teils der SPD besaßen. Etliche Chilenen wechselten von Ost- nach Westdeutschland und haben darüber geschrieben. Hier bleibt noch Raum für künftige Untersuchungen, die indessen etwas analytischer ausfallen könnten als die vorliegende Studie.


Anmerkung:

[1] Zum Beispiel die Rostocker Dissertationen von Menja Holtz: Wissenschaftsaustausch als hierarchisierter Transfer. Lateinamerikanische Promotionen in Deutschland, Baden-Baden 2012; Anne Newball Duke: La otra orilla. Inszenierungen von Kulturkontakt - literarische Texte chilenischer SchriftstellerInnen mit deutscher Exilerfahrung (1980-2011), Rostock 2015, sowie die Ende 2016 eingereichte Arbeit von Judith Gelke: Die Kulturdiplomatie Chiles seit der Redemokratisierung, 1990-2010. Eine Politikfeldanalyse der chilenischen Kultur- und Außenkulturpolitik im Spannungsfeld sozio-ökonomischer, institutioneller und internationaler Einflussfaktoren.

Nikolaus Werz