Rezension über:

Lotte Arndt (ed.): Crawling Doubles. Colonial Collecting And Affect, Amsterdam: Idea Books 2016, 325 S., ISBN 978-2-9178-5568-3, EUR 33,55
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Susanne Leeb
Leuphana Universit√§t, L√ľneburg
Redaktionelle Betreuung:
Kerstin Schankweiler
Empfohlene Zitierweise:
Susanne Leeb: Rezension von: Lotte Arndt (ed.): Crawling Doubles. Colonial Collecting And Affect, Amsterdam: Idea Books 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 7/8 [15.07.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/07/29291.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Lotte Arndt (ed.): Crawling Doubles

Textgröße: A A A

Der Titel des Buchs "Crawling Doubles", krabbelnde Doppelgänger, erklärt sich im Beitrag von Lotte Arndt über die künstlerische Arbeit von Mathieu Kleyebe Abonnenc - Mitherausgeber und Initiator des Projekts. Abonnencs Vater war Arzt, Kolonialoffizier in Gabun und leidenschaftlicher Sammler von Insekten. Eine Sandfliegengattung ist nach ihm benannt: phlebotomos abonnenci. Die krabbelnden Doppelgänger sind also jene Insekten, die den Namen ihrer "Entdecker" und damit bis heute die Spuren von Kolonialgeschichte tragen. Es geht in dem Band aber nicht nur um das Sammeln in Kolonien, sondern darum, wie der Kolonialismus durch das Sammeln institutionalisiert wurde und sich u.a. materialisiert hat. Um dies zu zeigen, versammelt das englisch-französische Buch sechzehn schriftliche und visuelle Beiträge von Künstlern und Künstlerinnen, Kuratoren und Kuratorinnen und Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen und geht auf Workshops zurück, die Mathieu Kleyebe Abonnenc im Rahmen seines Beitrags für die 8. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst 2014 veranstaltet hatte.

Die Abschnitte des Buchs, das sich als ein Beitrag zu postkolonialer Museologie versteht, adressieren vier Themenbereiche. "Between entomophilia and entomophobia: bugs, mosquitoes and registers" widmet sich Nomenklaturen, die Anlass und Thema von Kleyebes Biennale-Installation mit Moskitofliegen sowie auch seines Films "Secteur IX B" sind - benannt nach jenem Sektor, dem sein Großvater als Arzt zugeteilt war. "Undermining the Colonial Legacy of Museums and Exhibitions" fragt nach der Sichtbarmachung kolonialer Unterströmungen in westlichen Museen. Françoise Vergès schreibt in dieser Rubrik über ihre Führungen im Louvre zur Geschichte der Sklaverei - und zwar über die Weise, wie diese sich in Altmeistergemälden in Form von Konsumgütern manifestiert (etwa Zuckerwerk, Tabak), aber als Produktionsbedingung unsichtbar bleibt. Es folgt ein Gespräch mit Sammy Baloji und dessen Forschung und künstlerischer Arbeit zur Parallele von Jagen und Sammeln - und zwar ausgehend von dem Fotoalbum eines Henry Powels, der als Kolonialbeamter leidenschaftlich jagte und zehn tote Gorillas nach Belgien verschiffte, die in die Sammlung des Musée royal de l'Afrique centrale in Tervuren eingegangen sind. Nicht nur aber geht es in dem Gespräch um die kolonialen Fundamente von Museen, sondern auch um die Fortsetzung von kolonialen Strukturen bei der heutigen Ressourcenausbeutung des afrikanischen Kontinents. Der dritte Teil "Dismember, Dispossess. Objects and Objectification" thematisiert symbolische Enteignungen sowie alternative Museumspraktiken, und "Not Only Matter: Human Remains in Unrest" adressiert den Umgang mit menschlichen Überresten, die immer noch in westlichen Museen, universitären Sammlungen oder Kliniken lagern. Britta Lange erinnert in diesem Abschnitt daran, dass der Begriff der "sensiblen Sammlungen" nicht nur meint, dass die sogenannten Wissenschaftsobjekte an ihren Herkunftsorten eine heilige Bedeutung im Rahmen der Ahnenverehrung haben. Auch seien die Umstände des Sammelns, des Transfers und der Umwandlung von Objekten zu Sammler- oder Sammlungsstücken selbst "sensibel". Wie nicht zuletzt der von Lange zitierte Andre Gigirch feststellt, stellte sich die deutschsprachige Anthropologie in den Dienst einer reaktionären und rassistischen Politik. Angesichts dieser Geschichte müssten, so die Forderung von Lange, dieselben Debatten über den Umgang mit musealen Sammlungen geführt werden wie um das Ausstellen von nationalsozialistischer Propaganda - und damit von Dokumenten, die Gewalt zu organisieren halfen oder selbst Manifestationen von Gewalt sind.

Darüber hinaus zeigt der Band - etwa im Beitrag von Catalina Lozano über das Museo Comunitario in Mexiko - alternative Sammlungs- und Museumspolitiken auf. Im Jahr 1996 wurde dieses Museum von 17 Bewohnern und Bewohnerinnen gegründet, nachdem die lokale Bevölkerung bei Feld- oder Bauarbeiten immer wieder auf Funde aus der mexikanischen Frühgeschichte gestoßen war. Zunächst begannen Sammler und Sammlerinnen sich für die Funde zu interessieren, bis die Regierung sie als nationales Gut deklarierte und eine Katalogisierung veranlasste. Gegen diese nationale Aneignung wurde das Museum selbstverwaltet ohne staatliche Hilfe initiiert, um einerseits die lokalen Mikrogeschichten zu dokumentieren und andererseits alternative Klassifikationen zu einer offiziellen Archäologie des Mexican National Institute of Anthropology and History (INAH) einzuführen. Diese alternativen Klassifikationen haben das Ziel "mapping a different material history, which welcomes personal and affective accounts." [1] Hier geht es also darum, gegen wissenschaftliche Formen der Enteignung mittels lokaler Geschichten die Verbindung zwischen Bevölkerung und Artefakten aufrecht zu erhalten.

Mit seinem Thema des kolonialen Sammelns, definiert als "the desire to seize, hold, and control societies by means of their material cultures" (8), leistet der Band einen Beitrag zu einem bislang zu wenig beachteten Forschungsgebiet, nämlich den konkreten Umständen und Praktiken des Sammelns: von welchen kolonialen Infrastrukturen es ermöglicht, in welchem wissenschaftlichen Habitus das Sammeln bewerkstelligt, von welchen Selbstverständnissen es begleitet wurde, oder wie genau sich dabei die Verhältnisse zu einer lokalen Bevölkerung strukturierten. So verweist Lange nicht nur auf die schiere Masse des Materials, das durch Körpervermessungen, physische Beschreibungen, Fotos, Filme, Gipsmasken und Tonaufnahmen produziert wurde, sondern auch auf die Orte, an denen dieses Material "gesammelt" wurde: Zollstationen, Gefängnisse, Lager und nicht zuletzt wissenschaftliche Laboratorien.

Unter der Frage konkreter Umstände kommen auch die im Buchtitel genannten Affekte ins Spiel, und zwar in erster Linie, wie sie als "disruptive forces" (8) eine wissenschaftliche Praxis durchkreuzen. So erinnern die Herausgeber und Herausgeberinnen daran, dass Michel Leiris "never managed to abstract himself, either from himself or from his relations with the men and women he met or worked with, or even from the insects and objects he manipulated, or the landscapes he crossed" (10). In diesem Zusammenhang sind besonders solche Mikrogeschichten relevant, wie sie Ricardo Roque von Expeditionen nach Papua-Neuguinea erzählt: von der Furcht vor einer "disruptive energy" (260), die von eingesammelten Schädeln ausgehen könnte und von den Praktiken der Sammler, eine mögliche Bedrohung zu umgehen, die nicht zuletzt darin bestanden, die lokale Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es sich bei Schädeln um "bloße Dinge" handeln würde. Die Dimension der Affekte zeigt sich aber auch in der Modernität von Insektenphobien; oder in der Neutralisierung von Affekten als und durch Wissenschaft. So erweist sich der Anthropologe Felix von Luschan in seiner 1899 verfassten Anleitung zum Sammeln der Legitimität seiner Praxis als absolut gewiss, etwa wenn er Alkohol-Glyzerin-Mixturen empfiehlt, mit denen Hautstücke mit Schmucknarben haltbar zu machen oder beschreibt, wie Penisse in Formaldehyd einzulegen seien.

Neben der Dringlichkeit, koloniale Sammlungspraktiken zu erforschen, nicht zuletzt um dem Euphemismus der sogenannten europäischen Neugierde als Ausgangspunkt des Sammelns und Wissens etwas entgegen zu stellen, und statt dessen die Machtverhältnisse zu thematisieren bis hinein in die scheinbar unverfänglichsten Praktiken wie Schmetterlinge fangen (vgl. den Beitrag von Julien Bondaz, "On a Fragment of Butterfly Wing. Colonialism and Lepidoptery in Africa"), ist der Band vor allem in der Bandbreite der Autoren und Autorinnen bemerkenswert. Anders als viele derzeitige wissenschaftliche Sammelbände über Museologie, die gerade wie Pilze aus dem Boden schießen und die Notwendigkeit eines Umdenkens musealer Praktiken anzeigen, schmiedet er eine internationale, wissenschaftliche, essayistische, künstlerische Allianz. Neben den schon Genannten tragen Julien Bondaz, Pauline M'barek, Pratchaya Phinthong, Eduardo Abaroa, Candice Lin, Phillip Van den Bossche, Patricia Van Schuylenbergh, Abraham Cruzvillegas, Spyros Papapetros, Hanne Loreck, Ricardo Roque und Kamfwa Rainford Chishala mit unterschiedlichen Schreib- und Gestaltungsweisen, visuellen und materiellen Recherchen dazu bei, der angeblich rein wissenschaftlichen Neugierde ihre Neutralität zu entziehen. Der Band berührt damit nicht nur die westliche Sammlungsgeschichte in ihrer materiellen Basis und ihrem historischen Kern, sondern er fordert und trägt dazu bei, westliche Museen zu dekolonisieren und die durchaus gewaltvollen Subjekt-Objektverhältnisse in Kunst und Wissenschaft zu reflektieren und einen angemessenen Umgang damit zu finden.


Anmerkung:

[1] Lozano verweist in diesem Zusammenhang auf Caterina Riva, "Killing Pots. The Community Museum of the Xico Valley, Mexico, and a project by Jorge Satorre", auf: http://www.seismopolite.com/killing-pots [zuletzt aufgerufen am 03.06.2017].

Susanne Leeb