Rezension über:

Christiane Bertram: Zeitzeugen im Geschichtsunterricht. Chance oder Risiko für historisches Lernen? Eine randomisierte Interventionsstudie (= Geschichtsunterricht erforschen; Bd. 6), Schwalbach: Wochenschau-Verlag 2016, 174 S., ISBN 978-3-7344-0431-3, EUR 15,80
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Juliane Brauer
Forschungsbereich Geschichte der Gefühle, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Christian Kuchler
Empfohlene Zitierweise:
Juliane Brauer: Rezension von: Christiane Bertram: Zeitzeugen im Geschichtsunterricht. Chance oder Risiko für historisches Lernen? Eine randomisierte Interventionsstudie, Schwalbach: Wochenschau-Verlag 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 7/8 [15.07.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/07/29845.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Christiane Bertram: Zeitzeugen im Geschichtsunterricht

Textgröße: A A A

"Können mithilfe der Zeitzeugenmethode im Geschichtsunterricht Kompetenzen historischen Denkens gefördert werden?" (10) Dieser für den Geschichtsunterricht hochaktuellen Frage widmet sich die Geschichtsdidaktikerin, langjährige Gymnasiallehrerin und jetzt Juniorprofessorin an der Universität Konstanz, Christiane Bertram, in ihrer kumulativen Dissertation, entstanden am Hector-Institut für empirische Bildungsforschung. Die Autorin verknüpft gewinnbringend ihre theoretische und praktische geschichtsdidaktische Expertise mit validen Methoden der Unterrichtsforschung. Für die Reihe des Wochenschau-Verlages "Geschichtsunterricht erforschen" ist daraus ein sehr gut lesbares und auf gut 170 Seiten konzentriertes Buch entstanden. Eine solche Studie, die sich so explizit mit der "Wirksamkeit von Zeitzeugenbefragungen im Geschichtsunterricht" (8) beschäftigt, ist angesichts eines regelrechten Hypes um Zeitzeugenberichte gerade zur Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus und zunehmend auch der DDR-Geschichte in den Schulen dringend notwendig und wird daher einen großen Leserkreis finden. [1]

Die Autorin legt Wert auf eine ausführliche Einbettung in die aktuellen geschichtsdidaktischen und geschichtskulturellen Erkenntnisse und Diskurse zur Frage der Zeitzeugenschaft und dem historischen Lernen (2. Kapitel: "Zeitzeugen im Kontext historischen Lernens"). Dieser fast 60-seitigen methodischen Einbettung folgt im Kapitel 3 die Vorstellung der konkreten Interventionsstudie ("Vorbereitung der Interventionsstudie"). Kapitel 4 ("Mehr Spaß - weniger gelernt? Ergebnisse der Interventionsstudie") und 5 ("Erfassung der Methodenkompetenz in Schülertexten") bereiten die Ergebnisse auf. Im 6. Kapitel ("Einordung in die Forschung und Implikationen für den Unterricht") gibt die Autorin einen (leider recht kurzen) Ausblick für die konkrete Unterrichtspraxis.

Besonders lesenswert ist das kompakte Einstiegskapitel, in dem Bertram konzise und ohne den roten Faden über die zahlreichen Kontroversen und Zugänge zu verlieren, einen klaren Überblick über Oral History sowie Zeitzeugen in Geschichtswissenschaft und Geschichtsunterricht gibt. Dass dabei manche Problemfelder nur angeschnitten werden, wie die Frage nach der Bedeutung von Emotionen bei der Arbeit mit Zeitzeugenberichten (22) oder auch die vielbeschworene "Aura der Authentizität" (28), ist dem kompakten Charakter des Kapitels geschuldet. Als Überblick über das mittlerweile sehr weite und kontrovers diskutierte Feld von Zeitzeugenschaft und Geschichte und als Stichwortgeber zum Weiterdenken und Weiterlesen eignet sich das Kapitel sehr gut.

Die eigentliche Interventionsstudie mit 900 Schülerinnen und Schülern (10. Klassen, Gymnasium) fand in den Jahren 2011 und 12 statt. "Ziel der Unterrichtsintervention war es, auf der Basis von Zeitzeugenaussagen historische Denkprozesse zu initiieren" (72) und darauf aufbauend, historischen Kompetenzerwerb zu fördern. Dafür entwickelte die Autorin eine siebenstündige Unterrichtseinheit zum Thema "Friedliche Revolution in der DDR", die sie selbst in allen Klassen durchführte. Nach einer inhaltlichen Vorbereitung trafen die Schülerinnen und Schüler entweder "live" auf Zeitzeugen oder Zeitzeuginnen, arbeiteten mit videografierten Zeitzeugenberichten, beziehungsweise mit den Transkripten. Die Lernenden sollten anschließend die Zeitzeugenaussagen kriteriengeleitet dekonstruieren und damit anzeigen, in wie weit sie Quelle und Darstellung unterscheiden konnten. In dreimaliger Testung überprüft die Studie, wie die unterschiedliche Arbeit mit den medialen Repräsentationen der Zeitzeugen zu einer Verbesserung der Fachkenntnisse und der historischen Sachkompetenz, im Verständnis des "Historischen Kompetenz-Strukturmodelles" (Modell zur Förderung und Entwicklung eines reflektierten und (selbst-)reflexiven Geschichtsbewusstseins), geführt hat.

Die Studie kommt ganz klar zu zwei entscheidenden, wenn auch nicht überraschenden Ergebnissen. Erstens zeigt sich, dass die Lernenden die mit Zeitzeugenberichten egal welcher medialen Repräsentation arbeiteten, auch immer deutlich besser als die Schülerinnen und Schüler der Kontrollgruppe abschnitten. Ebenso ist der motivationale Faktor nicht zu unterschätzen. "Wie [...] erwartet, bietet die Arbeit mit lebendigen Zeitzeugen das mit Abstand größte Motivationspotenzial für den Unterricht" (144). Zweitens kann die Studie zeigen, dass "Live-Zeitzeugen im Unterricht nicht uneingeschränkt als positiv beurteilt" werden können (141), denn die Begegnung mit "echten Menschen" erschwerte es den Jugendlichen, die Narrationen zu dekonstruieren. Der kritischere Umgang mit Video- und Textmedien war den Lernenden dahingegen vertrauter und fiel ihnen leichter. Die Implikationen für den Geschichtsunterricht sind damit entsprechend wenig neu. "Um die Lernchancen zu nutzen und die Risiken zu minimieren, sollte eine Zeitzeugenbefragung im Geschichtsunterricht sorgfältig vor- und nachbereitet werden" (144).

Grundsätzlich untersucht Christiane Bertram, was die Arbeit mit Zeitzeugenberichten von anderen im Geschichtsunterricht üblichen Methoden unterscheidet. Konzeptionell steht aber leider keine Binnendifferenzierung zwischen den verschiedenen Repräsentationsformen der Zeitzeugenberichte zur Diskussion. Anders als der Titel zunächst vermuten lässt, geht es der Autorin in der Interventionsstudie keineswegs nur um das reale Zeitzeugengespräch, sondern eben um verschiedene mediale "Repräsentationsformen der Zeitzeugen", die ein bisschen lapidar mit "live, Video, Text" eingeführt werden (70). Gerade in Hinblick darauf, dass es mittlerweile gut dokumentierte Erfahrungen und Reflexionen darüber gibt, was das Besondere am historischen Lernen mit videografierten Interviews ist, hätte eine Differenzierung an dieser Stelle das Gesamtbild abgerundet.

Das Buch ist nicht allein deshalb lesenswert, weil es einige Fragen beantwortet, sondern weil es auch neue aufwirft: Welche Zeitzeugenformate eignen sich für guten Geschichtsunterricht? Was wäre das Ergebnis, wenn man diese Interventionsstudie in den neuen Bundesländern durchführen würde? Welche Wirkung hat die Arbeit mit Zeitzeugen auf die narrative Kompetenz von Schülern und Schülerinnen? Es gilt, neugierig zu bleiben, was für Folgeprojekte diese Zeitzeugenstudie anstoßen wird.


Anmerkung:

[1] Vergleiche dazu diverse Zeitzeugenportale im Internet sowie didaktisches Material zum Umgang mit Zeitzeugen, das ebenfalls im Internet oder auf verschiedenen Lernmedien zugängig ist. Siehe beispielsweise auch: Bundesstiftung Aufarbeitung (Hg.): Gelebte Geschichte . DDR-Zeitzeugen in Schulen. Ein Leitfaden für Lehrkräfte, Berlin 2016; Christian Ernst (Hg.): Geschichte im Dialog. DDR-Zeitzeugen in Geschichtskultur und Bildungspraxis, Schwalbach / Ts. 2014; Metaversa e.V.: zeitzeugengeschichte.de. Ein Leitfaden zur Durchführung von Interviews mit ZeitzeugInnen, Berlin 2007.

Juliane Brauer