Rezension über:

Andreas Wirsching / Jürgen Zarusky / Alexander Tschubarjan u.a. (Hgg.): Erinnerung an Diktatur und Krieg. Brennpunkte des kulturellen Gedächtnisses zwischen Russland und Deutschland seit 1945 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte; Bd. 107), Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2015, X + 390 S., ISBN 978-3-11-040476-0, EUR 54,95
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Rezension von:
Stephan Rindlisbacher
Historisches Institut, Universität Bern / Ilia State University, Tbilisi
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Rindlisbacher: Rezension von: Andreas Wirsching / Jürgen Zarusky / Alexander Tschubarjan u.a. (Hgg.): Erinnerung an Diktatur und Krieg. Brennpunkte des kulturellen Gedächtnisses zwischen Russland und Deutschland seit 1945, Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2015, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 9 [15.09.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/09/28210.html


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Andreas Wirsching / Jürgen Zarusky / Alexander Tschubarjan u.a. (Hgg.): Erinnerung an Diktatur und Krieg

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"Erinnerung" und "Gedächtnis" haben sich in den letzten Jahrzehnten zu einem zentralen Forschungsfeld in der Geschichtswissenschaft entwickelt. Der vorliegende Sammelband setzt diesen Trend fort. Er versammelt Beiträge von namhaften deutschen und russischen Historikerinnen und Historikern, die sich vor allem mit dem Zweiten Weltkrieg bzw. dem "Großen Vaterländischen Krieg" und seinen Folgen auseinandersetzen. Der Band baut auf zwei Konferenzen in München und Moskau 2012 auf, die vom Institut für Zeitgeschichte in Zusammenarbeit mit der russischen Akademie der Wissenschaften organisiert wurden. Das Ziel war es, die bekannten Problemkomplexe der deutsch-russischen Erinnerungsgeschichte zu vertiefen sowie die "Perspektive durch Einbeziehung bisher wenig beachteter Themen" zu erweitern (X). Die insgesamt 29 Beiträge sind in fünf Abschnitte gegliedert. Neben einem einleitenden methodischen Teil zur "Wahrnehmung von Diktatur und Krieg", setzen sich die weiteren Abschnitte mit den gemeinsamen Erinnerungsorten, der Erinnerung bestimmter Nationalitäten und Gruppen in der Sowjetunion, der "Erinnerung des Schreckens" in Russland und Deutschland sowie schließlich mit der Erinnerung an Befreiung und Besatzung durch die Rote Armee auseinander.

Im vorliegenden Band kommen die durchaus länderspezifischen Herangehensweisen rund um das Thema Erinnerung deutlich zum Ausdruck. In der deutschsprachigen Forschung wird tendenziell nach dem "wie" des Erinnerns, in der russischsprachigen dagegen eher nach dem "was" gefragt. Anschaulich zeigen dies die beiden Beiträge von Jörg Echternkamp und Aleksandr Epifanov zum Erinnerungsort Stalingrad. Während Echternkamp fragt, wie im deutschsprachigen Raum "Stalingrad" zu einer historischen Metapher wurde (91-105), stellt Epifanov die Erzählungen der deutschen Soldaten nach ihrer Gefangennahme ins Zentrum seines Beitrages (107-118).

Neben den großen Themen der deutsch-russischen Erinnerungsorte wie Stalingrad, der Blockade von Leningrad sowie Kaliningrad / Königsberg finden sich im Band - wie von den Herausgebern angekündigt - auch Beiträge zu Aspekten, die oft beschwiegen worden sind und so dem Vergessen anheimfallen. Genau diese sollen hier auch vorgestellt werden. So rückt Beate Fieseler die sowjetischen Kriegsinvaliden ins Zentrum ihrer Untersuchung. Diese passten nicht ins sowjetische Nachkriegsnarrativ vom glorreichen Sieg über Nazideutschland. Die Kriegsversehrten fanden sich am Rand der Gesellschaft wieder. Die sowjetischen Behörden drängten einerseits möglichst viele von ihnen dazu, sich am Produktionsprozess und damit am Aufbau des Sozialismus zu beteiligen. Die wenigen, die schließlich als Vollinvalide anerkannt wurden, fielen einer Politik der "Unsichtbarmachung" zum Opfer (176). Sie verschwanden aus der urbanen Öffentlichkeit in entlegene "Invalidenheime", wo sich die (Über-)Lebensbedingungen oft als katastrophal erwiesen. Auch wenn sich das Los der Kriegsinvaliden nach dem Tod Stalins langsam besserte, blieb die Diskrepanz zwischen den sozialpolitischen Versprechen des Regimes und deren mangelnden Umsetzung bestehen. In seinem Beitrag stellt Jürgen Zarusky die nachrangige bundesdeutsche Erinnerung an die sowjetischen Opfer des Krieges und des nationalsozialistischen Terrors in den Vordergrund. Trotz zahlreicher Forschungsarbeiten in diesem Gebiet finden etwa die Schicksale der sowjetischen Kriegsgefangenen oder der Opfer der Blockade von Leningrad in der offiziellen deutschen Erinnerungskultur auch bis heute nur einen marginalen Platz (240-1). Die Rezeption des Filmes "Anonyma - eine Frau in Berlin" in Deutschland und Russland nimmt Yuliya von Saal zum Ausgangspunkt ihrer Analyse, wie schwierig ein gemeinsames russisch-deutsches Erinnern bis heute ist. Der 2008 erschienene Film, der sich dem Thema der Vergewaltigung von deutschen Frauen durch Soldaten der Roten Armee widmet, wollte keine Schwarz-Weiß-Malerei von "armen deutschen Frauen" und "bösen russischen Soldaten" liefern. Wie aber von Saal gekonnt nachweist, hat der Film das vom Regisseur Max Färberböck gesteckte Ziel, eine breite Debatte anzuregen, nicht erfüllen können. Während der Film von der Kritik in Deutschland als "kitschig" und harmlos empfunden wurde, galt er bei der russischen Kritik als zu klischeehaft und antirussisch (340).

In der Summe vermögen die Beiträge auf die bis heute bestehenden wunden Punkte sowohl in der deutschen als auch in der russischen Erinnerungskultur zu verweisen. Einerseits ist es im russischen Kontext noch immer nicht leicht, die "dunkle Seite des Krieges" zu thematisieren, d.h. die Opfer und Verluste der Kriegshandlungen, die offensichtlichen Fehlentscheidungen der sowjetischen Führung oder die Kriegsverbrechen der Roten Armee (26; 70-1; 336; 350-1). Andererseits bereitet auf deutscher Seite der Umgang mit Gedenkstätten mit "doppelter Vergangenheit", etwa in Sachsenhausen, das sowohl unter den Nationalsozialisten als KZ und später unter sowjetischer Besatzung als Sammellager für politisch Gefangene gedient hat, bis heute Stoff für Auseinandersetzungen über einen adäquaten Umgang mit der Vergangenheit (384-6).

Insgesamt eröffnet der vorliegende Sammelband interessante und aktuelle Einblicke in die deutsche sowie die russische Erinnerungskulturen rund um "Diktatur und Krieg". Es stellt immer eine Herausforderung dar, ein Gesamtkonzept für einen Sammelband zu finden. Im vorliegenden Werk haben aber die Herausgeber nicht einmal versucht, dem Ganzen eine theoretische Klammer zu geben. Der methodische Aufsatz von Lorina Repina vermag die fehlende Einleitung hierbei schwerlich zu ersetzen. Aus diesem Grund ist es jeweils den Autoren überlassen, ihre Terminologie zu definieren, was etwa bei Johannes Hürter oder Jörg Echternkamp auch geschieht. Ansonsten fühlt sich der Leser zwischen den ohne weiteren Verweis verwendeten Begriffen von Gedächtnis und Formen des Erinnerns verloren (bspw. im Beitrag von Andrea Zemskov-Züge). Ferner ist es fraglich, ob die Übersetzung des russischen Begriffs "istoričeskaja pamjat'" mit dem Pleonasmus "historisches Gedächtnis" letztlich (bspw. 10) nicht mehr verwirrt als erklärt. Rein konzeptuell scheint dieser russische Begriff im Aufsatz von Repina etwa dem zu entsprechen, was in der deutschsprachigen Forschung unter "kulturellem Gedächtnis" verstanden würde. [1] Letztlich muss man nach der Lektüre dieses Bandes ein durchzogenes Fazit ziehen. Zahlreiche sehr spannende und innovative Beiträge stehen einem fehlenden Gesamtkonzept gegenüber.


Anmerkung:

[1] Lorina P. Repina: Koncepcii social'noj i kul'turnoj pamjati v sovremennoj istoriografii, in: Irina Savel'eva / Andrej Poletaev: Fenomen prošlogo, Moskau 2005, 122-169, hier 131-2; Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in den frühen Hochkulturen, München 2007, 22-24.

Stephan Rindlisbacher