Rezension über:

Barbara E. Borg (ed.): A Companion to Roman Art (= Blackwell Companions to the Ancient World), Hoboken, NJ: Wiley-Blackwell 2015, XXV + 646 S., zahlr. Farb-, s/w-Abb., ISBN 978-1-4051-9288-0, GBP 140,00
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Rezension von:
Henner von Hesberg
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Henner von Hesberg: Rezension von: Barbara E. Borg (ed.): A Companion to Roman Art, Hoboken, NJ: Wiley-Blackwell 2015, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 9 [15.09.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/09/28918.html


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Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Barbara E. Borg (ed.): A Companion to Roman Art

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Die mit inzwischen über 60 Bänden sehr erfolgreiche Reihe der 'Companions to the Ancient Art' zeichnet sich dadurch aus, dass Experten aus unterschiedlichen Ländern in längeren Beiträgen Methoden und Ergebnisse ihres speziellen Forschungsgebietes wiedergeben. Auf diese Weise ist innerhalb der Altertumswissenschaften eine rasche Orientierung möglich. Zugleich strebt ein Anhang nach jedem Beitrag für 'further reading' und eine Literaturliste Nachhaltigkeit des Studiums an. Diesem Muster folgt auch der vorliegende Band mit einer Sammlung von 30 Aufsätzen. Sie vermitteln in konzentrierter Form, was die Autoren schon zuvor anderweitig geäußert haben oder noch werden. Erstrebt ist also weniger eine Zusammenfassung des bisherigen Forschungsstandes, der ermüden würde, sondern der Einstieg in aktuelle Fragestellungen.

Die Gliederung des Bandes folgt deshalb auch nur eingeschränkt einer traditionellen Systematik etwa nach Epochen, Regionen oder Gattungen, sondern markiert Themenfelder, die in den letzten Jahren besonders im Zentrum standen. Unter den 7 Kapiteln, welche die Herausgeberin ausgemacht hat, macht das 5., das den Kontexten gilt, zugleich auch ein wenig die Probleme einer solchen Systematik deutlich. Denn als Kontext werden einmal die Privatsphäre der Wohnbauten und Gräber angesehen, aber auch die regionalen Differenzen in den Provinzen. Die Entsprechungen, also die Kunst im öffentlichen Raum und im Zentrum des Reiches wird in den übrigens Kapiteln des Bandes thematisiert. So ist zu verschmerzen, dass entsprechend kontrastierende Beiträge im 5. Kapitel fehlen.

Die Kapitel selbst sind also nicht sonderlich kohärent und auf vollständige Erfassung der Phänomene angelegt. Vielmehr werden durch die Gliederung bedingt viele Themen mehrfach aus einem anderen Blickwinkel aufgegriffen, etwa die Sphäre der Villa von dem genannten Beitrag im 5. Kapitel noch in weiteren zu den "Genres" oder "Art and Nature". Dieses Kreisen um verschiedene Gegenstandsbereiche vermittelt gewiss einen Eindruck von der Komplexität der Materie, aber hinterlässt bisweilen auch Ratlosigkeit in Hinblick auf ein Gesamtbild römischer Kunst, das trotz allem auch im Zentrum des vorliegenden Bandes steht.

Dabei werden die Überlegungen geleitet von dem Versuch, den Begriff 'art' zu klären. Dieses Bemühen bestimmt eine überraschend konventionelle Herangehensweise. Denn es werden zum einen dezidiert bestimmte Gattungen ausgeschlossen, so etwa Keramik, Terrakotten, Münzen u.a. Als Kunst gelten also die Zeugnisse vor allem der Skulptur und Malerei bzw. Mosaik und mit Einschränkungen auch Luxusprodukte. Aber schon bei der Architektur ergeben sich Zweifel, ob sie eigentlich als Kunst zu verstehen ist. Ihre Bedeutung zeigt sie dann vor allem in der Rezeption der Neuzeit.

Konsequent steht deshalb häufig die Frage nach der Originalität unter unterschiedlichen Vorzeichen im Vordergrund. Einmal wird sie bei der Wahl der Vorbilder deutlich, ferner in der Stellung des Produzenten von Kunst und schließlich in der Ausbildung eigener Themen. Christopher H. Hallett - aber nicht nur er - zeichnet überzeugend die Probleme nach, die sich aus der steten Übernahme griechischer Vorbilder für das Verständnis der römischen Kunst ergaben. In der Vergangenheit führte die scheinbare Abhängigkeit von der griechischen Kunst schnell zu einer Einschätzung der römischen Kunst als "unkünstlerisches Phänomen" (Helga von Heintze). Dabei wird aber gerne übersehen, dass nicht allein dieser Aspekt zur Geringschätzung römischer Kunst führte. Mindestens ebenso wichtig dafür war der Mangel einer kohärenten Entwicklung nach dem Muster eines steten Fortschritts. Erst verbunden mit dem "Kunstwollen" (Alois Riegl), wurde als Ziel die 'Transzendenz' in der Spätantike ausgemacht, auf die sich die römische Kunst vermeintlich hin bewegte. Die Frage nach Entwicklung oder auch nach der Konstituierung von Epochenabschnitten bleibt als übergreifender Aspekt außen vor und nur Anfang und Ende sind einer Betrachtung wert (Kapitel 2). Jede Gattung und jeder Kontext folgt eigenen Gesetzen. Symptomatisch in dieser Hinsicht ist der Beitrag von Alessandra Bravi.

Die einzelnen Beiträge sind in ihrer Zielrichtung auf die Intentionen der Kapitel abgestimmt. So bietet Klaus Fittschen im ersten "Methods and Approaches" einen eindrucksvollen Grundkurs in der Analyse des römischen Porträts mit Einblicken in ihre Produktion. Der Aspekt, welche Bedeutungen die Wiedergaben der Persönlichkeiten in ihren jeweiligen Kontexten besaßen und warum die römische Welt voller Porträts war, wird dann von Jane Feifer in ihrem Beitrag im 4. Kapitel "Genres" behandelt. Dort weist sie die Bedeutung für einzelne Gruppen der Gesellschaft nach und geht auf die Authentizität, die Bildmuster und die Kontexte ein. Das Thema 'Porträt' wird in der Folge an verschiedenen Stellen immer wieder aufgenommen, aber in der Verteilung geht ein wenig verloren, welchen Stellenwert das Phänomen innerhalb der römischen Kunst insgesamt besaß.

Eines der Schlüsselworte, das zum Verständnis der Artefakte römischer Kunstproduktion führt, ist der 'Kontext'. Das 5. Kapitel bietet lesenswerte Beiträge etwa von Simon Ellis und Richard Neudecker zur künstlerischen Ausstattung von Haus und Villa. Malerei, Mosaik und Skulpturenschmuck prägen auf ihre Art die jeweiligen Ausschnitte der römischen Lebenswelt und werden dazu eingesetzt, die unterschiedlichen Lebensbereiche mit ihren diversen Räumen angemessen herzurichten. Aber auch hier wird das angedeutete Dilemma deutlich. Denn römische Wohnkultur als übergreifendes Phänomen und als konstitutive Eigenart etwa im Kontrast zu anderen Kulturen bleibt merkwürdig unkonturiert.

Der Band vermittelt somit eine gute Übersicht über die wissenschaftlichen Schwerpunkte herausragender Forscherinnen und Forscher im Bereich der englischsprachigen, deutschen und italienischen Archäologie für das Feld der römischen Kunst. Dabei wird 'art' weniger aus der Intention verstanden, die materiellen Objekte der Lebenswelt ästhetisch in ihrer Gesamtheit zu steigern. Das wäre ja von den Lebensumständen und der Disposition der jeweiligen Gruppe der Nutzer abhängig und würde ein weites Feld von Bemühungen umfassen. Vielmehr konzentrieren sich die Beiträge auf Spitzenprodukte.

Wer aber den Band in die Hand nimmt, um etwas über die kommunikativen Qualitäten dieser Bilder und gestalteten Objekte in der römischen Kultur gleichsam als kohärentes System in seiner Gesamtheit und Abhängigkeit von den zeitlichen Horizonten zu erfahren, wird enttäuscht, weil in den Beiträgen einzelne Gattungen und bestimmte Gestaltungs- und Rezeptionsphänomene in den Blick genommen werden. Dabei konzentriert sich der Blick auf sehr unterschiedliche methodische Probleme. In der Folge ergeben sich für das Gesamtbild gewisse Schieflagen, etwa wenn serielle Produktionen an Statuen, Porträts oder Gegenständen der Ausstattung und des täglichen Lebens kaum erwähnt werden. Eine Geschichte der römischen Kunst in ihrer Komplexität also bietet der Band nicht. Er ist also im guten Sinne ein 'reader', welcher Studierenden eine Einführung auf hohem Niveau erlaubt. Eine Synthese werden sie sich davon ausgehend selbst erarbeiten müssen.

Henner von Hesberg