Rezension über:

Kirsi Salonen: Papal Justice in the Late Middle Ages. The Sacra Romana Rota (= Church, Faith and Culture in the Medieval West), London / New York: Routledge 2016, XV + 199 S., ISBN 978-1-472-48226-6, GBP 95,00
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Rezension von:
Kerstin Hitzbleck
Ahrensburg
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Kerstin Hitzbleck: Rezension von: Kirsi Salonen: Papal Justice in the Late Middle Ages. The Sacra Romana Rota, London / New York: Routledge 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 9 [15.09.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/09/29187.html


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Kirsi Salonen: Papal Justice in the Late Middle Ages

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Es gibt Bücher, die man nicht vermissen würde. Andere hingegen vermisst man sehr, aber es gibt sie einfach nicht. Und auf einmal gibt es sie dann doch. Der Dank für die Schließung einer derartigen Lücke gilt im vorliegenden Falle Kirsi Salonen, einer ausgewiesenen Kennerin der päpstlichen Hof- und Verwaltungsgeschichte des Spätmittelalters, welche sich in besonderer Weise um die Erforschung der Beziehungen zwischen römischer Zentrale und den partes verdient gemacht hat, und die sich mit ihrem zunächst etwas unbestimmt betitelten Werk über "Papal Justice in the Late Middle Ages" einem schmerzhaften Desiderat der mittelalterlichen Rechts- und Verwaltungsgeschichte widmet: Der Sacra Romana Rota, dem päpstlichen Gerichtshof, an dem Rechtsfälle aus der gesamten Christenheit behandelt wurden und der als das größte und auch am besten organisierte Tribunal des Spätmittelalters gelten kann, das aber bislang eine modernen Ansprüchen genügende Darstellung nicht gefunden hatte.

Kirsi Salonen beschreitet in ihrer mit 181 Textseiten sehr konzentrierten Vorstellung der Rota einen doppelten Weg. Auf der einen Seite stellt sie auch aus der vorhandenen Literatur Informationen zu Geschichte, Organisation und Prozessabläufen am päpstlichen Gerichtshof zusammen, auf der anderen Seite ergänzt sie diese Informationen aber um Beispiele und Details, welche sie aus den vor allem im Vatikanischen Geheimarchiv befindlichen Quellenbeständen gewinnen konnte. Im Ergebnis steht ein umfassendes, auf breiter Literaturkenntnis wie auf persönlichen Quellenstudien basierendes Werk, dass gleichermaßen als Einführung wie als Einzelstudie über die päpstliche Rota Lob wie Leser verdient.

Die Arbeit präsentiert sich in zwei Teile gegliedert, wobei der erste Abschnitt (3-96) sich vor allem mit Quellenlage, Organisation und Arbeitsweise des kurialen Gerichtshofs auseinandersetzt, während der zweite Abschnitt (97-176) praktischer und stärker an den Quellen orientiert nach der Gestalt von Rotaprozessen am Vorabend der Reformation fragt. Im ersten Schritt (5-12) gibt Salonen einem Einblick in die - überschaubare - Literaturlage und stellt vor allem die wichtigsten Quellengruppen vor, darunter besonders zu erwähnen die sogenannten manualia actorum, in denen die Notare der Rotaauditoren die wichtigsten Details zum prozeduralen Ablauf und der täglichen Routine der Prozesse festhielten. Die Chancen und Grenzen dieser Quellengruppe werden später (56-81) noch einmal genauer dargelegt, wobei die ausgewählten Beispiele zeigen, dass die Überlieferung des päpstlichen Gerichts auch für Fragen der kurialen Alltagsgeschichte wertvoll ist: So beschwert sich ein Notar Namens Johannes Avellent im Jahr 1466 über Langeweile und schlechtes Essen (71), während ein anderer Eintrag vom Versuch eines schlecht beleumundeten Menschen namens Claudius berichtet, sich gewaltsam Zugang zur Rota zu verschaffen, woraufhin das Gericht für diesen Tag geschlossen wurde (71).

Salonen kann aus ihrem Material wichtige Informationen über den Wochen- und Jahresrhythmus der Arbeit an der Rota destillieren, ferner über ordentliche und außerordentliche Feiertage, den Gerichtsort und sogar über An- und Abwesenheit einzelner Auditoren.

"The Sacra Romana Rota did not function by itself or in a vacuum." (13) Salonen ordnet das päpstliche Gericht sorgfältig in seinen lokalen und gesamtkirchlichen Kontext ein und ermöglicht dadurch auch dem in Kurienfragen weniger versierten Leser einen schnellen Einstieg in die komplexe Materie. Nach einer konzisen Einführung in die Geschichte des päpstlichen Gerichtshofes (18-31), widmet sie dem an der Rota angestellten Personal (32-41) einen pragmatischen Überblick und beschreibt zuletzt detailliert den Weg durch die verschiedenen Instanzen und den Ablauf eines Prozesses am päpstlichen Gericht (42-55). Im abschließenden Unterkapitel dieses ersten Teils stellt Salonen dann am Beispiel der Prozesses eines Henricus Meyer über die Pfarrkirche von Mynämäki in Finnland den Ablauf eines typischen Prozesses über ein Benefizium dar, wobei sie anhand der spezifischen Details dieses Verfahrens - die Gegenpartei kam nie für den Prozess an die Kurie - auch weiterführende Überlegungen über die Wirkungsweise und -dimension des päpstlichen Gerichts anstellen kann: So war ein gewonnener Prozess in keiner Weise Garant für die tatsächliche Inbesitznahme des umstrittenen Benefiziums, da dem Papst und seinem Gericht die Möglichkeiten einer Intervention vor Ort fehlten.

Der zweite Teil des Buches präsentiert dann die Perspektiven historischer Arbeit mit den manualia der Rotanotare und gibt auch einen Einblick in die Masse an Material, die sich allen Verlusten zum Trotz erhalten haben: Salonen hat sich bei ihrer Analyse klug auf die Auswertung von vier Jahren (1466, 1486, 1506, 1526, S. 100f.) einerseits, sowie andererseits sämtlicher Fälle, welche in die Amtszeit des Rotaauditors Johannes de Ceretanis (1471-1492, S. 101) fallen, beschränkt und kommt doch auf die ehrfurchtgebietende Zahl von 5439 Prozessen, welche sie sämtlich nach dem Prozessgrund und der geographischen Verortung des Falles in der Christenheit erschlossen hat. Weitere quantifizierende Untersuchungen erschließen die durchschnittliche Länge eines Rotaprozesses, welcher die Autorin anhand der von Johannes de Ceretanis bearbeiteten Fälle nachgeht. Salonens Ergebnisse bestätigen einerseits ältere Vermutungen, können sie jedoch differenzieren und ergänzen. So fallen tatsächlich die meisten an der Rota traktierten Fälle in die Kategorie der Benefizialprozesse, gefolgt von Streitfällen aus den Kategorien Besitz und Eigentum sowie der Ehe. Die letzte Kategorie versammelt Fälle, welche sich nicht in die übrigen Kategorien einordnen lassen, darunter Prozesse über Gerichts- und Begräbnisrechte, Exkommunikationen und die Echtheit päpstlicher Urkunden, aber auch über persönliche Schicksale, etwa de mutilatione pedis. Die Untersuchung über die geographische Herkunft der Parteien lässt die auch aus anderen Kontexten bekannte Konzentration auf Italien, die spanische Halbinsel, Frankreich und Deutschland erkennen, wobei sich hinsichtlich der behandelten Materien deutliche Unterschiede zwischen den Regionen ergeben können.

Weiter kann Salonen die ältere Vermutung bestätigen, dass vor allem Kuriale das päpstliche Gericht nutzten, dass aber auch externe Appellanten - hinreichende Liquidität vorausgesetzt - den Weg an die Kurie wagten (169-176). In ihrer Untersuchung der durchschnittlichen Länge der Prozesse (155-168) kann Salonen die ältere Forschungsmeinung revidieren, wonach Prozesse am päpstlichen Gericht grundsätzlich langwierig gewesen wären: "It can be seen, that long, complicated processes constituted only a small fraction of the cases heard by the auditors of the Sacra Romana Rota and that, in fact, a majority was never concluded." (168) Eine kurze Zusammenfassung rundet diesen rundum gelungenen Band ab, dem ein breites und vielfältiges, nicht nur auf die typischen Kurienfragen spezialisiertes Publikum zu wünschen ist.

Das umfangreiche Literatur- und Quellenverzeichnis unterstreicht den Handbuchcharakter des Werkes, das zudem durch ein Personen- und ein Ortsregister erschlossen wird. Besonders zu danken ist der Autorin für die Übersetzung der lateinischen Quellenzitate, welche jedoch stets im Original beigegeben werden.

Kerstin Hitzbleck