Rezension über:

Sonya Nevin: Military Leaders and Sacred Space in Classical Greek Warfare. Temples, Sanctuaries and Conflict in Antiquity, London / New York: I.B.Tauris 2017, IX + 307 S., ISBN 978-1-78453-285-7, GBP 64,00
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Rezension von:
Martin Dreher
Otto-von Guericke-Universität, Magdeburg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Martin Dreher: Rezension von: Sonya Nevin: Military Leaders and Sacred Space in Classical Greek Warfare. Temples, Sanctuaries and Conflict in Antiquity, London / New York: I.B.Tauris 2017, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 9 [15.09.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/09/29938.html


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Sonya Nevin: Military Leaders and Sacred Space in Classical Greek Warfare

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Das vorliegende Buch gibt Anlass zu einer grundsätzlichen Frage: Inwieweit können und sollen englischsprachige Publikationen, die insofern 'forschungsautistisch' sind, als sie Veröffentlichungen in anderen Wissenschaftssprachen weitgehend oder ganz ignorieren, ernst genommen werden? Eine Antwort auf diese Frage soll am Schluss dieser Besprechung gegeben werden.

Sonya Nevin untersucht das Verhalten von militärischen Führern gegenüber Heiligtümern von der spätarchaischen bis zum Ende der klassischen Zeit. Dabei konzentriert sie sich nicht so stark auf die Person der Kommandanten, wie es der Titel des Buches nahelegt, sondern bezieht auch deren Truppen und allgemein die agierenden Poleis mit ein, schon weil die Quellen die Anführer nicht immer namentlich nennen, sondern von "den Athenern" oder "den Spartanern" als handelnden Subjekten sprechen. "This work will present an integrated approach, combining historiographical analysis with a historical exploration of the actions and dynamics depicted [...] and will explore the cultural values and ideas of historical causation that are expressed through the depictions of their actions", erläutert die Autorin in ihrer erfrischend kurz gehaltenen Einleitung.

Das Werk ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil, "Boundaries of Culture and Space", der lediglich 14 Seiten umfasst, hat einführenden Charakter. Er gibt einen Überblick, was unter heiligen Orten im antiken Griechenland zu verstehen ist, was sich in den Heiligtümern befand und wie man sich dort zu verhalten hatte. [1]

Teil zwei mit vier und Teil drei mit zwei Kapiteln präsentieren dann die eigentliche Untersuchung. Das Quellenmaterial entstammt erwartungsgemäß den Werken der zeitgenössischen Historiker Herodot, Thukydides und Xenophon, von den späteren Autoren erweisen sich vor allem Diodor, Pausanias und Plutarch als ergiebig. Gelegentlich werden auch Inschriften (insbesondere leges sacrae) herangezogen. Die Topografie und Struktur von Heiligtümern, die in den Episoden eine Rolle spielen, verdeutlicht die Autorin mit Hinweisen auf die archäologischen Befunde. Eine vollständige Zusammenstellung aller thematisch einschlägigen Episoden ist angesichts der zahlreichen Feldzüge der Griechen und der Fokussierung der antiken Schriftsteller auf diese Kampagnen nicht möglich. Daher bietet Nevin eine Auswahl, für die sie allerdings keine Kriterien nennt. Den größten Raum aber nehmen historisch bekannte Persönlichkeiten wie der Athener Miltiades oder die Spartaner Kleomenes, Brasidas oder Agesilaos ein, und entsprechend ausführlich werden die Ereignisse um die berühmten Schlachten von Marathon, Salamis, Plataiai oder Koroneia sowie die heiligen Kriege um Delphi referiert. Daneben widmet sich die Autorin aber durchaus auch weniger bekannten oder wirkmächtigen Vorkommnissen und begibt sich dabei auch in Regionen, die vom mutterländischen Zentrum entfernt sind. Die innergriechischen Kämpfe stehen im Mittelpunkt der Untersuchung, während sich die Betrachtung von Kämpfen gegen Nichtgriechen fast ganz auf die Perserkriege beschränkt.

Die systematische Gliederung bringt es mit sich, dass in jedem der sechs Kapitel ein chronologischer Durchgang durch die archaische und klassische Zeit erfolgt, und dass dieselben Episoden unter verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Teil zwei untersucht militärisches Verhalten gegenüber Heiligtümern. Kapitel eins, "The Temple as Fortress" schildert die Benutzung von Heiligtümern wie der athenischen Akropolis zu offensiven und defensiven Zwecken. Dabei versteht Nevin die gesamte Akropolis offenbar als ein einziges Gesamtheiligtum, sie spricht etwa von "violation of the acropolis sanctuary" (28). Als ungeschriebene Regel habe gegolten, so Nevin, dass das Campieren in einem heiligen Bezirk in befreundetem Territorium akzeptiert, im Feindesland aber von den Betroffenen gegeißelt wurde. Kapitel zwei, "Talismans", greift Fälle auf, in denen Strategen gegen den Willen der Zuständigen fremde Heiligtümer aufsuchten, um sich bestimmten Gegenständen zu nähern, sie zu berühren, zu beschädigen oder sie zu entfernen. Darüber hinaus werden auch nichtkriegerische Aktionen, insbesondere die "Heimholung" von Heroengebeinen aus dem Ausland, vorgestellt. Kapitel drei, "On the Battlefield" macht die Ambivalenz deutlich, dass Gottheiten zwar als wichtige Helfer in der Schlacht angesehen wurden, aber diese Hilfe nicht unbedingt in Heiligtümern in der Nähe der Schlacht gesucht wurde. Die Einleitung von Kapitel vier, "Taking Asylum", offenbart, dass die Autorin vom griechischen Asylwesen wenig verstanden hat. Sie macht keinen Unterschied zwischen den homerischen, den archaisch-klassischen und den hellenistischen Formen von Zuflucht und meint, die Begriffskombination asylia hiera, die meines Wissens nirgendwo vorkommt, bezeichne die Prinzipien der Zufluchtsgewährung. Wenn sie zwischen legitimer und illegitimer Hikesie unterscheidet und die Notwendigkeit einer formalen Anerkennung der Hikesie voraussetzt, zitiert sie als Gewährsmann Fred Naiden, dessen Buch über Supplication nicht nur, wie das vorliegende Werk selbst, die eingangs genannten Defizite aufweist, sondern auch in jeder anderen Hinsicht unzulänglich ist. Die einschlägige Forschungsliteratur der jüngeren Zeit hingegen ist nun einmal in deutscher Sprache erschienen und wird von Nevin komplett übergangen. [2] In den von Nevin herangezogenen Episoden suchten Teile eines geschlagenen Heeres in einem Heiligtum Zuflucht. Wurden sie dort vom gegnerischen Heerführer getötet, rücke ihn das in den Augen der Überlieferung in die Nähe eines Tyrannen; eine rücksichtsvolle Behandlung der Zufluchtsuchenden hingegen bezeuge seinen frommen Charakter und entspreche damit herrschenden Moralvorstellungen.

Teil drei betrachtet, wie das Verhalten gegenüber Heiligtümern die Reputation und die Diplomatie der Strategen beeinflusste. Das fünfte Kapitel, "Reputation and Diplomacy" zeigt, wie das Verhalten einzelner Strategen Einfluss auf zwischenstaatliche Beziehungen ausüben konnte. Im sechsten Kapitel, "Fighting for Sacred Space: Sacred Wars, Prestige, and Plunder" stehen die vier großen panhellenischen Heiligtümer im Mittelpunkt, die immer wieder eine Versuchung für Staaten und ihre Heere bildeten, sie sich anzueignen oder sich ihre Schätze nutzbar zu machen. Letzteres sei durch die erst mit dem 4. Jahrhundert v.Chr. beginnende allgemeine Praxis der Poleis, ihre Tempelschätze zu politischen Zwecken zu nutzen, befördert worden.

In den "Conclusions" betont Nevin in historiografischer Hinsicht, dass die Ausgestaltung des Verhaltens von Heerführern in und gegenüber Heiligtümern oft das gesamte Verhältnis zwischen den agierenden Poleis auf den Punkt bringe und daher ein sehr starkes Motiv in den Narrativen bilde. Solche Geschichten brächten moralische Urteile besonders einprägsam zum Ausdruck, wobei die Autoren recht einheitlich vor der Missachtung gemeinsamer Werte warnten.

Welchen Leserkreis das Buch ansprechen soll, ist nicht leicht zu erkennen. Der erste Teil mit seinen elementaren Hinweisen sowie die in den Hauptteilen detailreich, verschiedentlich weit ausholend (zum Beispiel 49ff. zu Miltiades) nacherzählten Episoden, zu denen häufig übersetzte Quellenpassagen zitiert werden, dürften eher die Nichtfachleute ansprechen. Den Fachleuten hingegen sind die Texte im Allgemeinen bekannt, für sie wird der ausgiebige Anmerkungsteil am Ende des Bandes gedacht sein, in dem auch einige (anscheinend willkürlich ausgewählte) Quellenzitate im griechischen Original wiedergegeben werden. Dass der Verlag es zugelassen hat, einzelne Worte und Wortgruppen im Haupttext in griechischer Schrift zu bringen, ist einerseits verwunderlich und könnte die Nichtfachleute irritieren, irritiert aber auch die Fachleute wegen der zahlreichen Verschreibungen und Sonderzeichen-Fehler. Diese Nutzer werden auch einen Quellen-Index vermissen und bedauern, dass im allgemeinen Index griechische Begriffe weder im Original noch in Umschrift auftauchen.

Um nun auf die eingangs aufgeworfene Frage zurückzukommen: Wie man Publikationen, die sich (fast) ausschließlich auf englischsprachige Forschung stützen, beurteilt, hängt sicherlich sowohl vom Thema, als auch, und noch mehr, vom Adressatenkreis ab. Was für populär(wissenschaftlich)e Literatur akzeptabel sein mag, bedeutet für fachwissenschaftliche Literatur im Allgemeinen einen schweren Mangel. Die Bibliografie Nevins umfasst 18 Seiten, auf denen drei deutsch-, sieben französisch- und zwei italienischsprachige Titel genannt werden, die alle auch in den Anmerkungen eine minimale Rolle spielen. [3] Nevins Buch ist damit nicht auf der Höhe des Forschungsstandes. [4] Eine solche Publikation, die aus einer Dissertation hervorging und weitgehend auf ein Fachpublikum ausgerichtet ist, muss daher in Kauf nehmen, dass es international nicht in der "ersten Liga" mitspielen kann.


Anmerkungen:

[1] Anm. 30 zu Seite 10 will die Aussage, dass Diebstahl aus Heiligtümern ein ernsthaftes Problem gewesen sei, mit dem Verweis auf IG 13 45 belegen. Dies ist ein Fehlschluss. Gemäß dem Text sollte durch eine Baumaßnahme entlaufenen Sklaven und Dieben der Zugang (wahrscheinlich um dort Zuflucht zu suchen) zur Akropolis verwehrt werden. Es sind damit also Personen gemeint, die bereits vor dem Betreten der Akropolis einen Diebstahl begangen hatten, ob in einem Heiligtum oder nicht (lopodytes bezeichnet einen Dieb im Allgemeinen). Außerdem ist die Inschrift einzigartig und kein Beispiel aus einer Mehrzahl ähnlicher Texte, wie Nevin suggeriert. Schließlich soll, so lässt der fragmentarische Anfang der Inschrift erkennen, etwas gebaut werden (erhalten ist nur das Wort: oikodomesai), in der Literatur geht man von einem Wachhäuschen o.ä. aus. Die Reparatur der Akropolis-Mauer, die Nevin ohne Textgrundlage angibt, würde dem genannten Zweck der Maßnahme kaum dienen.

[2] Die wichtigsten Monografien sind: Jochen Derlien: Asyl. Die religiöse und rechtliche Begründung der Flucht zu sakralen Orten in der griechisch-römischen Antike, Marburg 2003; Martin Dreher (Hg.): Das antike Asyl. Kultische Grundlagen, rechtliche Ausgestaltung und politische Funktion, Köln u.a. 2003; Gerhard Franke: Das Kirchenasyl im Kontext sakraler Zufluchtnahmen der Antike. Historische Erscheinungsformen und theologische Implikationen in patristischer Zeit, Frankfurt a.M. 2003 (mit ausführlichem Teil zum antiken Griechenland); Christian Traulsen: Das sakrale Asyl in der Alten Welt, Tübingen 2004; Bertram Turner: Asyl und Konflikt von der Antike bis heute. Rechtsethnologische Untersuchungen, Berlin 2005. Ganz zu schweigen von der älteren Literatur zum Asylwesen.

[3] Am ehesten werden noch die französischen Publikationen ausgewertet. Zwei der deutschen Titel sind archäologische Publikationen, der dritte ist eine Textsammlung (Peeks Versinschriften).

[4] Weitere eklatante Beispiele für fehlende Titel wären: Marietta Horster: Landbesitz griechischer Heiligtümer in archaischer und klassischer Zeit, Berlin u.a. 2004; Klaus Freitag / Peter Funke / Matthias Haake (Hgg.): Kult - Politik - Ethnos. Überregionale Heiligtümer im Spannungsfeld von Kult und Politik, Stuttgart 2006.

Martin Dreher