Rezension über:

Staatliche Kunstsammlungen Dresden / Dirk Syndram / Yvonne Wirth u.a. (Hgg.): Luther und die Fürsten. Selbstdarstellung und Selbstverständnis des Herrschers im Zeitalter der Reformation. Katalog, Dresden: Michael Sandstein Verlag 2015, 360 S., zahlr. Farbabb., ISBN 978-3-95498-158-8, EUR 38,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Dirk Syndram / Yvonne Wirth / Doreen Zerbe (Hgg.): Luther und die Fürsten. Selbstdarstellung und Selbstverständnis des Herrschers im Zeitalter der Reformation. Aufsatzband, Dresden: Michael Sandstein Verlag 2015, 347 S., zahlr. Farbabb., ISBN 978-3-95498-159-5, EUR 38,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Thomas Fuchs
Universitätsbibliothek Leipzig
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Fuchs: Luther und die Fürsten. Selbstdarstellung und Selbstverständnis des Herrschers im Zeitalter der Reformation (Rezension), in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 10 [15.10.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/10/27579.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "500 Jahre Reformation - I" in Ausgabe 17 (2017), Nr. 10

Luther und die Fürsten. Selbstdarstellung und Selbstverständnis des Herrschers im Zeitalter der Reformation

Textgröße: A A A

Das Reformationsjubiläum 2017 ist ein willkommener Anlass, die Reformation zu rekapitulieren und der Gesellschaft ihre epochalen Auswirkungen und Ausprägungen zu vermitteln. Und dies geschieht in umfassender Weise. Einen zentralen Rang innerhalb des reformatorischen Erinnerungsmarathons in den Jahren bis zum Höhepunkt 2017 bilden große nationale Sonderausstellungen, zu der auch die Schau "Luther und die Fürsten" zu rechnen ist. In Torgau wurde vom 15. Mai bis zum 31. Oktober 2015 die erste große Nationalausstellung unter diesem Titel veranstaltet. Im Untertitel wird das Ausstellungsthema mit "Selbstdarstellung und Selbstverständnis des Herrschers im Zeitalter der Reformation" konkretisiert. Man mag hier mit einem Augenzwinkern anmerken, dass die Ausstellung von den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden veranstaltet wurde, die ihre Sammlungen zu einem wesentlichen Teil einem Fürsten verdanken, der für seine politischen Ambitionen zum römischen Katholizismus konvertierte, also seine eigene Antwort auf das Verhältnis von Glaube und Macht gab. Wenn man ganz genau sein möchte, hätte der Zusatz "im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation" hinzugefügt werden müssen. Denn die Ausstellung ist auf das Reich fokussiert.

Die Ausstellung in Torgau war mit rund 250 Exponaten von teilweise herausragender Bedeutung einem nationalen Ausstellungsprojekt angemessen. Entsprechend qualitätsvoll und repräsentativ fiel ihre Dokumentation in dem hier zu besprechenden Katalog aus. Er besteht wie in solchen Fällen üblich aus zwei Bänden: einem Katalog der in der Ausstellung gezeigten Objekte und einem Aufsatzband.

Der Aufsatzband geht auf eine 2014 in Torgau und in Dresden veranstaltete Tagung zurück, in der das Verhältnis von Reformation bzw. Konfessionalisierung an den Beispielen der (Kur-)Fürstentümer Sachsen, Bayern und Pfalz thematisiert wurde, "deren Fürstentümer beispielhaft für den unterschiedlichen Umgang mit dem christlichen Glauben in der reformatorischen Zeit und der Zeit der Konfessionalisierung untersucht wurden" (13). Dies ist natürlich legitim, aber beim Thema "Luther und die Politik" bzw. des Zusammenhangs von Reformation und Fürstenstaat im Reich nicht dezidiert auf Landgraf Philipp und Herzog Georg einzugehen (bei Sachsen geht es um die Ernestiner und die Albertiner nach der Erringung der Kurwürde), ist überraschend.

Wie dem auch sei: Der Aufsatzband besitzt neben den üblichen Grußworten und Anhängen vier Gliederungselemente: "Luther und die Politik", "Kunst und Kultur", "Kunst und Konfessionspolitik - Sachsen, Bayern Pfalz" und "Das Reich". Ausgewiesene Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler behandeln zusammenfassend die verschiedenen Fragestellungen.

Im ersten Abschnitt "Luther und die Politik" werden Grundthemen abgehandelt: "Die Fürsten Europas im Zeitalter der Reformation", wobei Heinz Schilling seine Konfessionalisierungsthese als Interpretationskern für die Entwicklungen des 16. Jahrhunderts stark macht, Luthers Theologie in ihrer Bedeutung für Politik und Gesellschaft sowie Luthers Freiheitsverständnis. Die beiden theologischen Beiträge vermeiden prononcierte Aussagen und stellen eher Fragen, als dass sie Antworten zu geben versuchen. Der These, dass Luthers Theologie "keine dogmatischen Pflöcke in den Boden" geschlagen habe, sondern "ein Spannungsfeld" eröffnet habe, "innerhalb dessen der Mensch sich jeweils verorten muss" (32), mögen die Schmalkaldischen Artikel entgegengehalten werden.

Der Bereich "Kunst und Kultur" folgt der bisherigen Dramaturgie, beginnend mit einem ganz großen Thema der Kunstgeschichte, nämlich der italienischen Renaissance. An den Beispielen "Schlosskapelle", Musik, der Darstellung des Theologomumenon "Gesetz und Gnade", Flugblätter und illustrierten Flugschriften sowie den Selbstdarstellungen Kardinal Albrechts werden Einzelfragen des Einflusses der Reformation auf die Kunst thematisiert.

Am umfangreichsten ist der Abschnitt "Kunst und Konfessionspolitik", in dem wiederum die fürstlichen Schlösser und ihre Ausstattungen in den Blick geraten, aber auch das fürstliche Selbstverständnis. Schloss Hartenfels nimmt hier eine prominente Stellung ein. Die drei sächsischen Reformationsfürsten Friedrich, Johann und Johann Friedrich residierten hier, und Luther weihte 1544 die Schlosskapelle, den ersten protestantischen Kirchenbau, ein.

Eingeleitet wird der Katalog von vier grundlegenden Beiträgen, die die Ausstellung historisch zu verorten suchen. Hier sind die Themen das Verhältnis Luthers zu den Fürsten, die ihn beschützten und ihm folgten, die Tradition der Reformationsjubiläen, die Zusammenhänge von Konfessionalisierung, von Reformation von oben und Reformation von unten. Nur eine Kleinigkeit: der Petersablass wird zwei Mal gezeigt: unausgefüllt und ausgefüllt. Dabei handelt es sich um zwei Druckvarianten aus der Leipziger Offizin Melchior Lotters d.Ä. von 1516. Das eine Formular wird "Beichtbrief (Confessionale) zugunsten des Neubaus von St. Peter in Rom" (74), das andere als "Ablassbriefformular zum St.-Peter-Ablass" vorgestellt (75).

Noch eine Bemerkung zum Zusammenhang von Buchdruck und Reformation, der natürlich auch in dieser Ausstellung einen prominenten Rang einnahm, scheint angebracht: Manches dazu scheint nicht ganz glücklich, so im Aufsatzband die Einleitung zum Thema "Die Reformation und die Medienrevolution", in dem die These formuliert wird, dass die Reformation "der neuen Technologie zu ihrem Durchbruch verholfen habe" (296). So etwas kann man nur schreiben, wenn man nicht nach Frankreich und Italien blickt, die als Druckländer viel bedeutender als das Reich waren. Hier wird mit Zahlen hantiert, die schlichtweg geraten sind. Das kann man zwar machen, sollte es dann aber auch entsprechend kennzeichnen. Grundsätzlich ist es schwierig, von Titelzahlen auf die Bedeutung und den Umfang des Buchdrucks zu schließen. Allenfalls die Satzleistung kann für solche Zahlenspiele herangezogen werden. [1]

Auch im Katalogband stehen zu diesem Thema überraschende Aussagen, etwa wenn es heißt "[d]iese Bedeutung der Druckmedien für die Verbreitung der Reformation ist nicht unbekannt, aber weniger bekannt ist, dass erst das Auftreten Luthers das neue Medium mit seiner aufwendigen und kostspieligen Technologie der Textproduktion mit beweglichen Lettern vor dem Untergang gerettet hat. Denn nach einem ersten Aufschwung des Buchdrucks wusste man nach Typographisierung der handschriftlichen Überlieferung seit 1500 nicht mehr recht, was man noch drucken könnte, und viele Werkstätten stürzten in eine Existenzkrise." (Katalogband, 41/42) Die Thesen, dass die Technik des Buchdrucks ohne die Reformation untergegangen wäre und dass es in den zwei, drei Jahrzehnten vor der Reformation keine Themen mehr für den Buchdruck gegeben haben soll, sind absurd. Ein Blick in das VD16, den USTC oder die nächste Altbestandsbibliothek beweisen das Gegenteil, und dann blicken wir noch nicht nach Italien und Frankreich, wo die Reformation in den 1520er-Jahren mitnichten das bestimmende Thema für den Buchdruck war.

Der genannten Monita zum Trotz ist der Katalogband inhaltlich und von der Herstellung vorzüglich, die Exponate aus ganz Europa sind exquisit. In den reich bebilderten Bänden, die den Forschungsstand zu den jeweiligen Themen kompetent wiedergeben finden die Leserinnen und Leser eine Vielzahl von Anregungen und Informationen.


Anmerkung:

[1] Beispielhaft sei hingewiesen auf Thomas Thibault Döring: Der Leipziger Buchdruck vor der Reformation, in: Bücher, Drucker, Bibliotheken in Mitteldeutschland. Neue Forschungen zur Kommunikations- und Mediengeschichte um 1500, hg. v. Enno Bünz, Leipzig 2006, 87-98.

Thomas Fuchs