Rezension über:

Frances Luttikhuizen: Underground Protestantism in Sixteenth Century Spain. A Much Ignored Side of Spanish History (= Refo500 Academic Studies; Vol. 30), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2017, 434 S., ISBN 978-3-525-55110-3, EUR 90,00
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Rezension von:
Horst Pietschmann
Köln
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Horst Pietschmann: Rezension von: Frances Luttikhuizen: Underground Protestantism in Sixteenth Century Spain. A Much Ignored Side of Spanish History, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2017, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 10 [15.10.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/10/28890.html


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Diese Rezension ist Teil des Forums "500 Jahre Reformation - I" in Ausgabe 17 (2017), Nr. 10

Frances Luttikhuizen: Underground Protestantism in Sixteenth Century Spain

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Eine "Geschichte des Protestantismus als Untergrundphänomen des 16. Jahrhunderts" zu einem Land wie Spanien, in dem bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts mit der dann erfolgenden Vertreibung der islamischen Bevölkerung sich die drei großen monotheistischen Weltreligionen in mannigfacher Weise wechselseitig überlagert, vermischt, beeinflusst hatten, in Angriff zu nehmen, ist ein kühnes Unterfangen. Dies gilt vor allem aus dem Grund, dass ein Großteil der zu nutzenden Quellen der Politik der sich zunehmend einer strengen katholischen Orthodoxie verpflichtet fühlenden und nach Abschluss des Konzils von Trient Mitte der 1560er-Jahre offen gegenreformatorisch gesonnenen Krone [1] aufgrund des Kirchenpatronats in sehr verschiedenartiger Form oder von der Inquisition und deren aus dem hohen Klerus rekrutierten Leitern beeinflusst wurde. Ebenso ist zu berücksichtigen, dass hohe Kronbeamte, ja, sogar ein Erzbischof von Toledo (B. de Carranza), dieser Glaubensbehörde zum Opfer fielen, dass aber auch ein mit Erasmus von Rotterdam sympathisierender Großinquisitor und Erzbischof von Toledo wie Kardinal Cisneros zum Stifter der humanistisch orientierten Universität von Alcalá, Initiator einer polyglotten Bibeledition und zum Reformer der spanischen Bettelorden werden konnte. Dies lässt die Zwänge zu Selbstbeschränkung und Konzentration auf Wesentliches, etwa gegenüber einer allgemeineren spanischen Religions- und Kirchengeschichte, erkennen, wie auch die Gefahren bezüglich vorschneller definitorischer Abgrenzungsbemühungen von Einzelfällen, die ein solchen Unterfangen angesichts der Fülle und Vielfalt des Quellenmaterials zu umschiffen hat. Fixierung und Eingrenzung des Gegenstandes müssen somit Hauptanliegen einer so breit angelegten Untersuchung sein.

Der aus den Niederlanden stammende Dozent der Universität Barcelona i. R. ist aktuell internationaler Koordinator von CIMPE (Centro de Investigación y Memoria del Protestantismo Español), einem sich auf Ernst Schäfer, dem Verfasser eines 1902 erschienenen dreibändigen Werkes zur Geschichte des Protestantismus und der Inquisition in Spanien [2], berufenden Zentrums in Sevilla, auf das noch zurückzukommen sein wird. Das hier vorzustellende Werk, dem bereits ein bibliografisches Übersichtswerk des Verfassers zur Reformation in Südeuropa voranging [3], ist hingegen in der breit angelegten, deutsch- und englischsprachige Werke umfassenden Reihe des Vandenhoeck & Ruprecht-Verlags zur 500-jährigen Geschichte des Protestantismus erschienen. Es stellt damit und mit seinem allgemein formulierten Titel insofern eine Besonderheit dar, als die spanische, ebenso wie die internationale Historiografie zu dieser auch als Goldenes Zeitalter (Siglo de Oro) bekannten Epoche der spanischen Geschichte den Protestantismus und die Residuen des Judentums und des Islams meist unter der Perspektive der bzw. auf der Grundlage von Quellen der Inquisition untersucht hat. Ungeachtet einer Reihe älterer Publikationen zur Geschichte des Luthertums, der "Alumbrados" (Oberbegriff für mehrere spezifisch spanische Formen des religiösen Mystizismus bzw. Illuminatentums), von Waldensern etc. ist die vorliegende Untersuchung, die sich auf einen sehr breiten, aber auch sehr spezifischen Quellenfundus stützt und klassische kirchengeschichtliche Darstellungen aus der benutzten Literatur weitgehend ausklammert, die zumindest dem Anspruch nach erste Geschichte des Protestantismus in Spanien.

Luttikhuizen geht insofern geschickt vor, als er sein Werk chronologisch breit zwischen dem Auftreten der Inquisition als gesamtstaatlicher Institution (1478) und der damit beginnenden Verfolgung abweichender christlicher Religiosität bis hin zur Geschichte von deren späterer Rezeption und Erforschung nach der Öffnung der einschlägigen Archive im Verlaufe des 19. Jahrhunderts einordnet. In dieser Linie verschafft Luttikhuizen seinem Buch nicht nur eine bis in die Gegenwart reichende Kontinuität der Problematik, sondern setzt zusammen mit Ernst Schäfers (1872-1946) 1902 lediglich deutschsprachig erschienenem Werk, das erst seit 2014 in spanischer Sprache vorliegt, einen Markstein für den Beginn der modernen Forschung zur Geschichte des Protestantismus in Spanien. [4]

Auf Inhaltsverzeichnis, Danksagungen und die Liste häufig gebrauchter Abkürzungen folgt eine "Timeline of Events", die, beginnend mit der Errichtung der spanischen Inquisition, Vorkommnisse auflistet, unter denen Worms, Luther und Karl V. erst nach einer ganzen Reihe spezifischer spanischer Ereignisse begegnen und später Ergänzungen des Index Librorum Prohibitorum eine bedeutende Rolle spielen. Der Verfasser verweist damit gleich zu Anfang auf eine für ihn wesentliche, in den Appendizes ausführlich wieder begegnende Quellengruppe. Zugleich datiert Luttikhuizen so implizit die Anfänge reformierten Denkens vor Luther. Die tabellarische Übersicht reicht mit verschiedensten repressiven Maßnahmen weiter über das Zeitalter der Aufklärung mit dessen Lockerungsmaßnahmen, über die Abschaffung der Inquisition im Frühliberalismus bis in die Jahre 1845-1865, als der Spanier Luis Usoz y Río die reformatorische Publizistik entdeckte und in seiner Reihe Reformistas Antiguos Españoles erneut zu edieren begann. Mit dem berühmten Zitat aus Cervantes' Don Quijote über die Aufgaben des Historikers (Buch 1, Kap. 9) eröffnet Luttikhuizen dann 'einleitende Bemerkungen', mit denen er unter Verweis auf im 16. Jahrhundert verbotene und ergo wenig beachtete Autoren, wie Juan Pérez de Pineda, Francisco de Enzinas [5], Casiodoro de Reina, Cipriano de Valera und Antonio del Corro, die einmütig positive Bewertung des Siglo de Oro durch die internationale Historiografie relativiert und über eine knappe Skizze der Entwicklung der Historiografie zur ausführlicheren Charakteristik der verfügbaren Quellen überleitet.

Auf diese ersten knapp 25 Seiten folgen auf ca. 320 Seiten insgesamt 13 Kapitel, von denen das erste ein kurzes Resümee der vielfältigen religiösen Probleme in den kirchlichen Institutionen, im Klerus und unter den Gläubigen darstellt, bevor das 2. Kapitel sich ausführlich mit dem Zeitalter des Kardinals Cisneros (1436-1517) beschäftigt. Dieser stieg aus den Reihen der Franziskanerobservanten zum Beichtvater von Königin Isabella, zum Erzbischof von Toledo, Generalinquisitor und zweimal zum Regenten Kastiliens auf. In diesen Funktionen und gestützt auf die hohen Einkünfte des Erzbistums wurde Cisneros zu einem der bedeutendsten Reformer des kirchlichen und geistigen Lebens und gründete die Universität von Alcalá - die Vorgängerin der heutigen Complutense - als Zentrum humanistischer Studien, an dem nicht nur Erasmus von Rotterdam eine bedeutende Bezugsperson wurde, sondern im Jahr 1517 auch der Druck der von Cisneros angeregten polyglotten Bibelübersetzung abgeschlossen wurde, auch wenn diese als mehrbändige Gesamtausgabe erst später verfügbar war. Zugleich war dem Kardinal die Hebung des Bildungsniveaus in Klerus und Bevölkerung ein Anliegen, das zur Intensivierung der Auseinandersetzung mit religiösen Fragen beitrug. Kapitel 3 skizziert die genuin spanische Bewegung der "Alumbrados" - "Deixados" - Begriffe, die im Verbotsdekret des Großinquisitors von 1525 oszillierend als Fremd- und Eigenbezeichnungen begegnen ("Alumbrados" = die Erleuchteten = Bibelleser; bzw. "Deixados" = die Verlassenen, aber auch die "Perfekten") und sich auf an verschiedenen Orten auftretende kleinere Gruppenbildungen teils vom Mystizismus beeinflusster, teils humanistisch geprägter Zirkel beziehen. Kapitel 4 schließlich ist dem Humanisten Juan de Valdés gewidmet, der aus Cuenca und einer Familie jüdischer Konvertiten stammend, in Alcalá studierte und über seine engen Beziehungen zu dem am spanischen Hof tätigen norditalienischen Humanisten Pedro Mártir de Anglería auch Informationen über die Vorkommnisse im Reich mit und um Luther erhielt. Mit seinem von Erasmus beeinflussten Dialog über die christliche Lehre erregte Valdés Anstoß, auch wegen enger Beziehungen zu einer Gruppe von Deixados in Escalona. Schließlich wandte er sich nach Neapel, wo er nicht nur weiter publizierte, sondern auch eine intellektuelle Gefolgschaft um sich scharte und erneut mit kirchlichen Autoritäten in Konflikt geriet. Nach seinem Tod 1541 wandten sich Teile seiner Gefolgschaft ins Reich, wurden Protestanten und trugen zur Verbreitung von Valdés' Schriften bei.

Reichen die ersten vier Kapitel von den Anfängen genuin spanischer religiöser Dissidenten bis hin zu den Anfängen der Internationalisierung der religiösen Probleme, so leitet Luttikhuizen mit Kapitel 5 zum zentralen Teil des Buches über, das 'Karl V. und der Protestantischen Revolte' gewidmet ist. Auf knappe Skizzen zur Begegnung des Kaisers mit Luther, zur Umgebung des Kaisers und zu seiner Einstellung gegenüber Dissidenz, folgen längere Abschnitte zum heimlichen Eindringen von protestantischer Literatur in Spanien und dem Index verbotener Bücher. Kapitel 6 behandelt ausführlich einen evangelischen Zirkel in Valladolid, der Hauptstadt Kastiliens, der jeweils im Mai und Oktober 1559 dort zu einem "Auto-da-fé" [sic] und zum Inquisitionsprozess gegen Bartolomé de Carranza führte. Kapitel 7 bezieht sich auf 'weibliche Stimmen in Guadalajara und Valladolid', die teils aus bestimmten Familien, auch des Adels, aus Nonnenklöstern und Beginenkreisen zu vernehmen waren. Kapitel 8 schließlich behandelt Reginaldo González de Montes, Autor einer Schrift über die Vorgehensweise der Inquisition bei der Unterdrückung einer evangelischen Gruppierung im Sevilla der 1550er-Jahre, ein später viel übersetzter Bericht aus erster Hand über die Methoden der Institution. Kapitel 9 verfolgt dann ausführlich auf breiter Quellengrundlage diesen Sevillaner Kreis, seine wichtigsten Angehörigen, den Hauptzeugen der Anklage und das Netzwerk der Dissidenten. Kapitel 10 ist den überraschend zahlreichen weiblichen Stimmen des Sevillaner Zirkels gewidmet, Kapitel 11 behandelt eine Serie von Exilierten, bevor dann mit Kapitel 12 spätere Repressionsmaßnahmen bis zur Abschaffung der Inquisition knapp skizziert werden. Kapitel 13 skizziert die Wiederentdeckung der spanischen Reformatoren, beginnend mit dem Zugang zu den historischen Archiven und den Personen, die vom späteren 18. und dem beginnenden 19. Jahrhundert an mit der Bearbeitung der Problematik begannen, darunter Daniel Gotthilf Moldenhawer, Juan Antonio Llorente und Andrew Thorndike über den schon erwähnten Luis de Usoz y Río bis hin zur Begründung von CIMPE.

Ein ausführliches Verzeichnis der zitierten Literatur mit weiterführenden Lektüreempfehlungen, bei dem auch interessant ist, welche Autoren nicht genannt werden, sodann die drei Appendizes der konfiszierten Bücher, der Editionen und Übersetzungen spanischer Reformatoren und der Werke der Reformatoren des 16. Jahrhunderts, die Emilio Monjo Bellido herausgegeben hat, und der Index beenden das Werk.

Dem im Titel erhobenen Anspruch wird der Verfasser sicherlich gerecht, lässt den Leser aber auch mit vielen offenen Fragen zurück, die weiterer Forschung bedürfen. Angesichts der eher knappen Behandlung wichtiger Personen und Zusammenhänge hat das Buch aber auch den Charakter einer kompakten Material- bzw. Informationssammlung, die in der vorliegenden Form einzigartig ist.


Anmerkungen:

[1] 1568 berief Philipp II. die sogenannte "Junta Magna" ein, die die Grundzüge dieser Politik für das spanische Imperium festlegte.

[2] Ernst H. J. Schäfer: Beiträge zur Geschichte des spanischen Protestantismus und der Inquisition im sechzehnten Jahrhundert, 3 Bde., Gütersloh 1902; spanische Übersetzung: ders.: Protestantismo Español e Inquisición en el siglo XVI. Transl. Francisco Ruiz de Robles, 4 vols., Sevilla 2014.

[3] Frances Luttikhuizen: La reforma en España, Italia y Portugal, siglos XVI y XVII. Bibliografía actualizada, Sevilla 2009. Diese Publikation, die in der Vorgängerinstitution von CIMPE erschien, war dem Rezensenten nicht zugänglich.

[4] In Deutschland heute weitgehend vergessen, erlangte der seit 1924 in Sevilla arbeitende E. Schäfer mit akademischer Anbindung an das Iberoamerikanische Institut der Universität Hamburg Weltruhm als Amerikahistoriker mit seinem zweibändigen, spanischsprachigen Werk zur Geschichte des Indienrats, einer Untersuchung, die bis heute eine Pflichtlektüre für den an spanischer Kolonialgeschichte interessierten Historiker darstellt. Ernesto Schäfer: El Consejo Real y Supremo de las Indias, 2 Bde., Sevilla 1935-1947. Das Werk ist in Spanisch mehrfach nachgedruckt worden, während die in Hamburg 1936 publizierte deutschsprachige Version des ersten Bandes wenig Beachtung fand, da sich Amerika als Gegenstand historischer Forschung erst nach dem 2. Weltkrieg in den beiden deutschen Staaten durchzusetzen begann.

[5] Zu Francisco de Enzinas sei noch verwiesen auf Francisco de Enzinas / Claudius Senarcleus: Der Kainsmord zu Neuburg. In die deutsche Sprache übertragen von Otmar Gratzl, Basel 2015, der Bericht eines berühmten Kriminalfalles in Neuburg/Donau, den Enzinas 1546 schrieb und der einige weiterführende Literaturangaben enthält.

Horst Pietschmann