Rezension über:

Anja Bilski: Die Entnazifizierung des Düsseldorfer Höheren Schulwesens. Demokratisierung und personelle Säuberung im Umfeld von Wiederaufbau und Reorganisation des Schulwesen einer Großstadt in der britischen Zone (= Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens; Bd. 87), Essen: Klartext 2016, 477 S., ISBN 978-3-8375-1618-0, EUR 39,95
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Rezension von:
Anton F. Guhl
Karlsruhe
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Anton F. Guhl: Rezension von: Anja Bilski: Die Entnazifizierung des Düsseldorfer Höheren Schulwesens. Demokratisierung und personelle Säuberung im Umfeld von Wiederaufbau und Reorganisation des Schulwesen einer Großstadt in der britischen Zone, Essen: Klartext 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 10 [15.10.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/10/29024.html


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Anja Bilski: Die Entnazifizierung des Düsseldorfer Höheren Schulwesens

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Wer das Buch von Anja Bilski in die Hand nimmt, findet auf dem Umschlag die Ankündigung einer vollständigen, umfassenden und dem Forschungsstand widersprechenden Studie. Die Einleitung der Düsseldorfer Dissertation klingt nüchterner. Die Autorin skizziert darin eine vor allem lokalgeschichtlich orientierte Arbeit. Hierzu werden zum ersten Mal systematisch die Entnazifizierungsverfahren von Lehrerinnen und Lehrern an höheren Schulen untersucht und ein besonderer Schwerpunkt auf die Schulleitungen gelegt. Dadurch wird auch ein gesellschaftsgeschichtlicher Forschungsbeitrag von überregionaler Bedeutung geleistet.

Bilski legt ihrer Studie einen weiten Entnazifizierungsbegriff zugrunde, unter den sie auch Umbenennungen von Schulen und die Neugestaltung von Lehr- und Lernmitteln fasst. Neben der Entnazifizierung behandelt die Arbeit die Organisation des Wiederaufbaus des Schulwesens und schildert dabei plastisch seine prekären Voraussetzungen, die nicht nur durch einen Mangel an Räumen gekennzeichnet waren, sondern auch durch die Bekämpfung von Hunger, Seuchen und Kälte.

Das war die historische Folie vor deren Hintergrund die politische Überprüfung der Düsseldorfer Lehrerinnen und Lehrer stattfand. Vor allem in der herausgehobenen Gruppe der Schulleiterinnen und Schulleiter führte die Entnazifizierung zu einem erheblichen Einschnitt: Nur ein Schulleiter wurde nicht relegiert, er wird aber treffend als Sonderfall charakterisiert, da er bereits seit 1908 seinem Gymnasium vorgestanden hatte (293-296). So kann die Arbeit neue Akzente setzen: Die politische Überprüfung führte auf der Ebene der Schulleitungen zu einem erheblichen Austausch.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht der Personalbestand von 1948/49, der über das Philologen-Handbuch ermittelt wurde, sowie die Änderungen, die sich bis 1953 ergaben (32). Die nach der NS-Zeit bestellten Schulleiterinnen und Schulleiter waren zumindest formal (also durch Mitgliedschaften in der NSDAP und entsprechenden Organisationen) wenig belastet. Es bleibt zu vermuten, dass ein Ausblick auf Schulleiter, die nach 1953 ihr Amt antraten, Differenzierungen zur Frage der langfristigen Ausschaltung ehemaliger NSDAP-Mitglieder gezeitigt hätte.

Für die Autorin erweist sich so die Entnazifizierung im Sinne ihrer Demokratisierungsleistung als positiv, zuweilen gar als "unangreifbar" (327). Während einerseits eine dezidierte Bewertung aufgrund des erheblichen Personalaustauschs einleuchtet, so überrascht der Duktus, der nicht nur im Einzelfall zu kritisieren ist. Es ist nicht nur ein ästhetisches Problem, wenn Prozesse als "selbstverständlich" oder "natürlich" (z.B. 398) charakterisiert werden, da erst die Historikerin Wirkungszusammenhänge (re-)konstruiert, wie ein Beispiel verdeutlicht: "Um [...] eine neue Gesellschaft entscheidend positiv zu prägen, sah die katholische Kirche ihre Lehre und Wertvorstellungen als geeignet an. Diese Sicht der Dinge diente natürlich nicht einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus [...]." (64) Solche Aussagen sind zu begründen, "natürlich" erklären sie sich nicht.

Heikel ist die Übernahme von Quellenbegriffen ("halbarisch", 335; "Personen jüdischen Blutes", 140, Anm. 75) und der in ihnen erfolgten Fremdzuschreibungen ("Juden", 359f.) ohne Problematisierung. Eine größere Distanz zu den Quellen wäre auch bei der Analyse der nach Kriegsende getroffenen Selbstaussagen der Lehrer zu ihren Entscheidungen bei den Reichstagswahlen 1932 und 1933 wünschenswert gewesen (353f.).

Die eigentlich erfreuliche Quellennähe der Studie wird zum Teil schwerfällig durch seitenlange Zitate (z.B. 305f.), deren Reihung (z.B. 284-290) und durch längere wörtliche Übernahmen aus der Sekundärliteratur (z.B. 402). Insgesamt wäre mehr Synthese-Leistung wünschenswert gewesen; zudem hätte sich der Text straffen lassen, wie exemplarisch die Verwendung desselben wörtlichen Zitats an drei Stellen zeigt (286, 335, 371).

Das erschwert die eigentlich lohnende Lektüre der Arbeit. Erhellend ist beispielsweise die Verbindung von Einzelfallanalyse der Entnazifizierungswege der Schulleiterinnen und Schulleiter in der Nachkriegszeit mit einer statistischen Auswertung von insgesamt 367 Entnazifizierungsverfahren von Lehrerinnen und Lehrern. So kann ein mehrdimensionaler Einblick in die Wirkungsweisen der Entnazifizierung eröffnet werden. Während am Einzelfall Exkulpationsstrategien deutlich werden, zeigt die statistische Auswertung den formalen Organisationsgrad der Lehrerschaft: 44 Prozent von ihnen waren Mitglied der NSDAP und 85 Prozent im NS-Lehrerbund gewesen.

Von besonderem Interesse ist zudem die Beschreibung der Mitglieder des deutschen Entnazifizierungsausschusses und der städtischen Entnazifizierungsverwaltung, die bereits 1945 auf den Weg gebracht wurde (191-193). Hervorzuheben ist auch die in einem gesonderten Kapitel vorgenommene Untersuchung von "Persilscheinen" (360-388) - Quellen, die in ihrer mentalitätsgeschichtlichen Komplexität nach wie vor nicht ausgeleuchtet sind.

Insgesamt wurde somit eine Arbeit vorgelegt, die vor allem für die Düsseldorfer Stadtgeschichte und für die Geschichte der behandelten Schulen grundlegend ist. Für einzelne Schulen gelingt es, vergangene Apologetik geradezurücken (274f.). Da allerdings das Inhaltsverzeichnis nur zwei von bis zu fünf Gliederungsebenen berücksichtigt und zudem auf ein Personenregister verzichtet wurde, ist der Zugriff auf die minutiös dokumentierten Verfahren unhandlich. Jenseits des engeren lokalgeschichtlichen Untersuchungsgegenstands akzentuiert die Studie die Brüche, die die politische Vergangenheitsüberprüfung gerade im öffentlichen Dienst herbeiführen konnte.

Anton F. Guhl