Rezension über:

Andreas Rehberg (Hg.): Ablasskampagnen des Spätmittelalters. Luthers Thesen von 1517 im Kontext (= Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom; Bd. 132), Berlin: de Gruyter 2017, XVII + 712 S., 24 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-050162-9, EUR 129,95
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Rezension von:
Étienne Doublier
Historisches Seminar, Bergische Universität, Wuppertal
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Étienne Doublier: Rezension von: Andreas Rehberg (Hg.): Ablasskampagnen des Spätmittelalters. Luthers Thesen von 1517 im Kontext, Berlin: de Gruyter 2017, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 10 [15.10.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/10/30609.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "500 Jahre Reformation - I" in Ausgabe 17 (2017), Nr. 10

Andreas Rehberg (Hg.): Ablasskampagnen des Spätmittelalters

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Der vorliegende, von Andreas Rehberg herausgegebene Tagungsband versammelt die Beiträge einer internationalen Tagung, die vom 8. bis zum 10. Juni 2015 am Deutschen Historischen Institut und an der Waldenserfakultät in Rom stattfand. Ziel des Bandes ist es, in einer interdisziplinären und interkonfessionellen Perspektive die spätmittelalterliche Ablasspraxis, ihre theologischen und kanonistischen Hintergründe sowie ihre Konsequenzen bis zum Ausbruch der Reformation besser zu beleuchten und somit einen wissenschaftlich fundierten Beitrag zu den aktuellen, nach wie vor konfessionell ausgeprägten Debatten zu liefern. Gewidmet ist das Werk dem Andenken von Andreas Meyer, dessen unerwarteter Tod die deutsche und europäische Mediävistik erschüttert hat.

Die erste Sektion ist dezidiert auf die longue durée hin ausgerichtet. Robert N. Swanson warnt vor einer Schilderung des Phänomens, die allzu stark durch die späteren, meist herabwürdigenden Kategorisierungen beeinflusst sei (3-17). Kurt Kardinal Koch spricht von einem erreichten Konsens über die Praxis und Lehre des Ablasses und behauptet, dass Indulgenzen angesichts der aktuellen, längst nicht mehr "dinglichen" Interpretation des katholischen Lehramtes kein ökumenisches Problem mehr darstellen können (19-29). Nach einer Skizzierung der historischen Entwicklung des Ablasses aus bereits in der Spätantike feststellbaren theologischen Voraussetzungen kommt Arnold Angenendt zu ganz anderen Schlüssen und plädiert seinerseits für eine Abschaffung des Wortes "Ablass" aus dem kirchlichen Vokabular (31-43). Dem thesaurus ecclesiae ist der Beitrag des Kunsthistorikers Philippe Cordez gewidmet, der die Anwendung des Schatzbildes zunächst als theologische Kategorie in der scholastischen Literatur des 13. und dann als bildliches Motiv in den polemischen Werken des 16. Jahrhunderts präsentiert (45-62). Der Beitrag von Roberto Rusconi fokussiert abschließend die Stellung des Ablasses in der Bußliteratur in den 50 Jahren vor dem Ausbruch der Reformation und zeigt dabei, wie viel Raum für die unterschiedlichsten Auslegungen gelassen wurde (63-76).

Der kirchenrechtliche Hintergrund und die kuriale Praxis stehen im Mittelpunkt der zweiten Sektion. Thomas Izbicki skizziert die Stellungnahmen zum Ablass in der kanonistischen Literatur des 15. und 16. Jahrhunderts vor allem im Rahmen des Basler Konzils und des späteren Ablassstreites von 1517 (79-104). Diego Quaglioni beschäftigt sich mit der oft polemischen Rezeption der Bulle Unigenitus (1343) Clemens' VI. und bietet die Edition eines bisher kaum berücksichtigten Textzeugens aus der Londoner Britisch Library an (105-125). Andreas Meyer befasst sich mit den diplomatischen Eigentümlichkeiten päpstlicher und kurialer Ablassurkunden und geht insbesondere auf die Varianten der sogenannten confessionalia ein (127-167). Letztere werden auch von Ludwig Schmugge im Rahmen eines statistischen Überblicks über die Emittierung von Beichtbriefen für deutsche Empfänger durch Kanzlei und Pönitentiarie behandelt (169-191).

Auf dem Spannungsfeld zwischen päpstlichen und lokalen Interessen liegt der Schwerpunkt der den Trägern der Ablasskampagnen gewidmeten dritten Sektion. Nach einem überblicksartigen Beitrag von Karl Borchardt zu den Kreuzzugsablässen der Johanniter und des Deutschen Ordens (195-218) unterstreicht Andreas Rehberg die kaum zu überschätzende Bedeutung des Ablasses für die Bruderschaft von S. Spirito in Sassia sowie für den Heilig-Geist-Orden und problematisiert dabei den Begriff "Ablasskampagne" bezüglich der Quest dieses Verbandes (219-270). Den beiden Aufsätzen von Daniel Le Blévec zu den Indulgenzen der südfranzösischen opera pontis (271-282) und Robert W. Shaffern zur Ablasslegation von Johann Tetzel (283-293) folgt eine Fallstudie von Arnold Esch, der auf der Grundlage des Einnahmen- und Ausgabenregisters des päpstlichen Kollektors und Ablasskommissars Angelo de Cialfis die praktische Durchführung der Ablasskampagne gegen Matthias Corvinus (1468) im Reich rekonstruiert (295-303). Im letzten Beitrag der Sektion zeigt Peter Wiegand am Beispiel der Tätigkeit Marinus' de Fregeno und Raimunds Peraudi in welchem Ausmaß die lokalen Obrigkeiten in den Ablasshandel verstrickt waren und wie diese Begrenzung päpstlicher Verfügungsgewalt bei der Bevölkerung auf Zustimmung stieß (305-333).

Die drei Beiträge der vierten Sektion zeigen einmal mehr die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten des Ablassinstituts. Enno Bünz bietet einen informativen Überblick (samt Regestenverzeichnis) über die Verbreitung von Indulgenzen im spätmittelalterlichen Bistum Meißen (337-368). Jan Hrdina beschreibt eine der letzten wirklich erfolgreichen Ablasskampagne des Mittelalters, welche den Wiederaufbau der Pfarrkirche zu Most (Brüx) in Böhmen ermöglichte (369-388). Stellvertretend für die Ablasspraxis der italienischen Laienbruderschaften beschäftigt sich abschließend Anna Esposito mit den Indulgenzen einiger römischer Spitäler und zeigt dabei die Vitalität dieser Praxis auch nach dem Ablassstreit (389-408).

Als besonders anregend erweisen sich die Beiträge der fünften Sektion zu den sogenannten Ablassmedien. Falk Eisermann präsentiert die zurzeit verfügbaren Hilfsmittel zur Erforschung spätmittelalterlicher Ablassdrucke und betont, wie die Knappheit an angemessenen Rechercheinstrumenten das Bild zu verzerren vermag (411-425). Hartmut Kühne thematisiert das methodische Problem der "Messbarkeit" der Ablassvermittlung und geht auf verschiedenen Kategorien von Ablassmedien ein, die ganz unabhängig von päpstlichen oder bischöflichen Verleihungen eine eigene Dynamik erlebten (427-457). Nine R. Miedema setzt sich am Beispiel der Indulgentiae ecclesiarum urbis Romae mit der Stichhaltigkeit des Begriffes "gezählte Frömmigkeit" auseinander und stellt hierbei infrage, dass mit der hyperbolischen Inflation der Gnade die Gläubigen tatsächlich in der Lage waren, über das eigene Heil Buch zu führen (459-481).

Im ersten Beitrag der Sektion zum Ablassstreit liefert Pavel Sokup neue Einblicke in das Prager Eklat von 1412 und arbeitet insbesondere auf Basis neuer handschriftlicher Funde heraus, wie die Straßendemonstrationen dieses Jahres vom lokalen reformgesinnten Kreis maßgeblich gesteuert wurden (485-500). Der Beitrag von Berndt Hamm postuliert eine tiefe Kohärenz zwischen dem reformatorischen Evangeliumsverständnis und dem "Evangelium des Ablasses", denn beide lassen sich als Stationen eines jahrhundertelangen Prozesses der Entschränkung göttlicher Gnade verstehen (501-522). Volker Leppin schildert aus theologischer Perspektive wie Luther von einer noch durch Gabriel Biel beeinflussten kontritionistischen, subjektiv-sakramentalen Bußauffassung zu der späteren, durch Johannes Tauler und die Auseinandersetzung mit Johannes Eck beschleunigten Hinwendung zu einer antisakramentalen Bußtheologie (523-564) gelangte. Welche politischen Faktoren und Konstellationen dazu beitrugen, dass eine akademische Debatte in wenigen Monaten zu einer machtvollen Reformbewegung wachsen konnte, zeigt Wilhelm Ernst Winterhager in seinem Beitrag über die Verkündigung des St. Petersablasses im Mittel- und Nordeuropa durch den Ablasskommissar Albert, Erzbischof von Mainz und Magdeburg (565-610). Abgeschlossen wird die Sektion durch einen Aufsatz von Lothar Vogel zu den Purgatoriums-Vorstellungen in den frühen Werken Luthers (611-626).

Dass das Jahr 1517 keineswegs das Ende des Ablasswesens bedeutete, kommt in den Beiträgen der letzten Sektion über die unmittelbaren Reaktionen auf Luthers Thesen erneut zur Sprache. Peter Walter befasst sich mit den Stellungnahmen von Johann Tetzel, Konrad Wimpina, Silvester Prierias und vor allem Thomas de Vio Cajetan, deren Ansichten die letzten lehramtlichen Bestimmungen über den Ablass beeinflussten (629-654). Die Überlebensfähigkeit des fraglichen Instituts in einem von der Reformation getroffenen Land wie Frankreich behandelt der Beitrag von Elizabeth Tingle, in dem neben dem Verschwinden der typischen spätmittelalterlichen Werbungskampagnen auch eine Neubelebung der Ablasspraxis in den Jahrzehnten nach dem Konzil von Trient und vor allem bei Laienbruderschaften konstatiert wird (655-670). Die Zusammenfassung eines am Ende der römischen Tagung stattgefundenen Runden Tisches mit Vertretern verschiedener christlicher Konfessionen (673-684) und ein Orts- und Personenregister (685-712) schließen den Band ab.

Die Lektüre hinterlässt ein überaus zufriedenstellendes Bild. Das Werk deckt fast alle räumlichen und zeitlichen Ausprägungen des Phänomens "Ablasskampagnen" ab, lässt die unterschiedlichsten methodischen Herangehensweisen (theologisch, kunsthistorisch, kirchen-, landes-, rechts- und institutionengeschichtlich) zur Geltung kommen und macht schon durch die Themenauswahl und die konzeptuelle Struktur deutlich, wieso der Ablass im spätmittelalterlichen kirchlichen Leben fast omnipräsent war: Er war ein multifunktionales Instrument, aus dem gleichzeitig mehrere Akteure auf sehr unterschiedlichen Ebenen Nutzen ziehen konnten. Der Großteil der hier versammelten Studien überzeugt durch den akribischen Informationsgehalt (Rehberg, Bünz, Hrdina, Kühne, Sokup, Winterhager) oder das Innovationspotenzial (Esch, Miedema, Hamm). Dass einige wenige Aufsätze sich auf die Wiedergabe von bekanntem Wissen beschränken (Izbicki, Swanson, Shaffern), ist in einem aus 28 Beiträgen bestehenden Band unausweichlich. Zu bemängeln ist vielleicht nur das Fehlen eines systematisierenden Beitrags zum 13. und frühen 14. Jahrhundert, der Zeit also, in der der Ablass tatsächlich zum Massenphänomen wurde. Auch eine dezidiert "grundwissenschaftliche" Betrachtung des Ablasses als symbolisches und kommunikatives Medium (zum Beispiel in Urkunden, Fresken und Inschriften) wäre wünschenswert gewesen. Diese wenigen Bedenken schmälen allerdings keineswegs den beachtlichen Wert eines Buches, das sich ohne Zweifel als Referenzwerk durchsetzen wird.

Étienne Doublier