Rezension über:

Paul Robert Magocsi: With their Backs to the Mountains. A History of Carpathian Rus' and Capatho-Rusyns, Budapest: Central European University Press 2015, XX + 511 S., ISBN 978-615-5053-39-9, EUR 39,00
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Rezension von:
Sebastian Paul
Herder-Institut f├╝r historische Ostmitteleuropaforschung, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Sebastian Paul: Rezension von: Paul Robert Magocsi: With their Backs to the Mountains. A History of Carpathian Rus' and Capatho-Rusyns, Budapest: Central European University Press 2015, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 11 [15.11.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/11/31023.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Paul Robert Magocsi: With their Backs to the Mountains

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Vorliegendes Werk baut auf einer früheren Studie des Verfassers auf [1], soll jedoch eine "fuller, more comprehensive history" der "Carpathian Rus'" und "Carpathian Rusyns" bieten (XVII). Das Buch selbst sei vom didaktischen Format her als "university textbook" konzipiert worden (XVIII). Da die "Carpathian Rus'" historisch nie eine zusammenhängende administrative Einheit gebildet hat, definiert Paul Robert Magocsi sie als ein Gebiet, das zumindest historisch mehrheitlich von "Carpatho-Rusyns" bewohnt gewesen sei, weswegen auch die Siedlungsgebiete in Serbien sowie die Diaspora in den USA und Kanada mit in den Blick genommen werden. Während sich weltweit etwa 110 000 Menschen als "Carpatho-Rusyns" definieren (die Hälfte davon alleine in der Slowakei), geht Magocsi von über 1,7 Mio. aus (1). Diese gehören zur ostslawischen Sprachgruppe, ihre gesprochenen Dialekte sind mit Einflüssen aus den benachbarten Sprachen angereichert (Polnisch, Slowakisch, Rumänisch und Ungarisch), würden sich durch eine eigene Kirchentradition auszeichnen und die "Carpathian Rus'" als ihr Heimatland ansehen. In dieser Hinsicht seien sie vergleichbar mit Friesen, Wallonen, Basken oder Kaschuben. "In short, Carpathian Rus' is where Carpathian Rusyns have historically lived" (5).

Generell ist ersichtlich, dass der Verfasser in den Darstellungen zu den älteren Epochen bis hin zur Frühen Neuzeit einen breiteren historischen Rahmen baut, innerhalb dessen die Geschichte der "Carpathian Rus'" und "Carpathian Rusyns" nur eine marginale Rolle spielt. Diese werden erst ab Kapitel 8 stärker in den Mittelpunkt gerückt, wenn der Verfasser das Entstehen der "Carpatho-Rusyns" als "historical people" (103) im Zuge der Reformen Maria Theresias und Josephs II. verortet. Im Folgekapitel konstatiert Magocsi mit der Revolution von 1848/49 dann auch deren national awakening und problematisiert Nationalismus und Nationalbewegungen. Solche hätten sich unter den "Carpatho-Rusyns" insbesondere aufgrund der Nationalitätenpolitik Ungarns erst nach dem Ersten Weltkrieg, dann jedoch verteilt auf verschiedene Länder, entwickeln können.

Es folgen Kapitel zu den einzelnen Teilen der "Carpathian Rus'" in den jeweiligen Staaten sowie Diasporagruppen. Kapitel 14 befasst sich daher etwa mit der tschechoslowakischen "Subcarpathian Rus'" (1919-1938), Kapitel 15 mit dem ostslowakischen Teil der "Carpathian Rus'" und Kapitel 16 mit dem Lemkengebiet in der Zweiten Polnischen Republik. Kapitel 17 handelt hingegen von den verschiedenen Diasporagemeinden der Zwischenkriegszeit in Jugoslawien, Rumänien, Ungarn sowie Nordamerika. In Kapitel 18 wird auf die "other peoples in Subcarpathian Rus'" eingegangen, jedoch nicht etwa auf "die Anderen" in der Ostslowakei, die vergleichbar ethnisch ausdifferenziert war. Ähnlich inkonsequent ist das Folgekapitel zur autonomen "Subcarpathian Rus'" 1938/39, die zwar durch die ersten Versuche einer eigenen Staatlichkeit in der Region für die erinnerungskulturelle Selbstverortung der "Carpatho-Rusyns" sowie für Ukrainer wichtig ist. Die Ostslowakei bleibt hierbei jedoch unterbeleuchtet, da sie lediglich in Kapitel 20 im Rahmen des Zweiten Weltkriegs in einem Unterkapitel behandelt wird. Für die Phase der erneuten Umformung Ostmitteleuropas durch den sowjetischen Hegemonieanspruch 1944/45 wird in Kapitel 21 wieder eine Gesamtperspektive der "Carpathian Rus'" eingenommen, ehe für die sozialistische Periode 1945-1989 erneut nach Ländern aufgeteilt wird. Das Kapitel zum Epochenjahr 1989 wird wieder länderübergreifend dargestellt und die postkommunistische Epoche ebenfalls länderspezifisch beschrieben.

Das letzte Kapitel ist besonders spannend, da hier das "third national revival" der "Carpatho-Rusyns" nach 1989 gewürdigt wird, zu dem der Verfasser selbst seinen Beitrag mit Büchern wie dem vorliegenden geleistet hat. Magocsi konstatiert, dass sich in ihrem "homeland" heute von den angenommenen zwei Millionen "Carpatho-Rusyns" lediglich etwa 56 000 als solche bezeichnen würden. Er führt dies darauf zurück, dass das Gebiet der "Carpathian Rus'" unter vier Ländern aufgeteilt sei und sich die lokale Bevölkerung heute zu anderen Nationalitäten bekennen würde, während deren "parents and grandparents may have identified as Carpatho-Rusyns" (407). Diese - man muss sagen: steile - These wird nicht belegt, sondern es wird lediglich auf die ohnehin fragwürdige Aussagekraft von Volkszählungen verwiesen. Die Möglichkeit, dass die besagte Bevölkerung sich nicht nach nationalen, sondern etwa nach regionalen oder konfessionellen Identitätsangeboten definiert haben könnte, wird nicht in Betracht gezogen. Magocsi hebt hingegen hervor, dass das "national revival" nach 1989 durch neue Technologien, wie "telephone, e-mail and computer disks", ebenso unterstützt worden sei wie durch die höhere Bildung der "Carpatho-Rusyn national activists" sowie die weitgehend offenen Grenzen des Eisernen Vorhangs und des Schengen-Raums. Ohnehin würden die Carpatho-Rusyns heute de facto "only in two countries" leben: in der Europäischen Union, die Magocsi hier aus transatlantischer Perspektive als ein USA-gleiches "country" zu interpretieren scheint, und der Ukraine. Jedenfalls hätten die "Carpatho-Rusyns" im Zuge der internationalen Vernetzung den "provincial-minded mode" der vergangenen beiden Jahrhunderte überwunden (409).

Zu den durchaus selbstbewusst und zugespitzt formulierten Thesen Magocsis wurde bereits viel geschrieben, und das vorliegende Werk bündelt in umfangreicher und trotzdem flüssig geschriebener Weise die kontroversen Ansätze der forcierten Nationsbildung der "Carpatho-Rusyns". Wer dieses Buch daher in die Hand nimmt, muss sich darüber im Klaren sein: Wo Magocsi draufsteht, ist auch Magocsi drin. Als "Fundgrube" für weitere Studien sei dieses "Textbook" schon aufgrund des abschließenden vierzigseitigen Forschungsüberblicks empfohlen. Bildmaterial und ein Register beschließen das Werk.


Anmerkung:

[1] Paul Robert Magocsi: The People from Nowhere. An Illustrated History of Carpatho-Rusyns, Uzhhorod 2006.

Sebastian Paul