Rezension über:

Claudia Weber: Krieg der Täter. Die Massenerschiessungen von Katyń, Hamburg: Hamburger Edition 2015, 471 S., ISBN 978-3-86854-286-8, EUR 35,00
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Rezension von:
Kai Struve
Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Kai Struve: Rezension von: Claudia Weber: Krieg der Täter. Die Massenerschiessungen von Katyń, Hamburg: Hamburger Edition 2015, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 11 [15.11.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/11/31041.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Claudia Weber: Krieg der Täter

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Erinnerung hat ihre eigene Geschichte und wandelt sich im Laufe der Zeit. Diese Feststellung hat gerade für die Erinnerung an die Zeit des Zweiten Weltkriegs in den letzten zwei Jahrzehnten einen wahren Boom an Forschungsliteratur hervorgebracht. Während sich die Literatur aber im Wesentlichen auf nationale Fallstudien oder auf konflikthafte Erinnerungen zwischen Nationen konzentriert, zeigt die vorliegende Studie am Beispiel des Massenmords an polnischen Offizieren im Frühjahr 1940 bei dem westlich von Smolensk gelegenen Ort Katyn' (poln. Katyń), in welchem Maße die Konfliktkonstellation des Kalten Krieges die Erinnerung an die Zeit des Weltkriegs bestimmte.

In einem ersten Abschnitt der Studie skizziert Claudia Weber das Geschehen selbst, nämlich den sowjetischen Massenmord im Frühjahr 1940, bei dem in Katyn' gut 4400 Personen getötet wurden. Zusammen mit Massenmorden an polnischen Offizieren und Gefängnisinsassen an anderen Orten waren es aber vermutlich mehr als 20 000 Polen, die diesem später mit dem Namen Katyń verbundenen Verbrechen zum Opfer fielen.

In einem zweiten Abschnitt schildert die Verfasserin den Beginn des "Propagandakriegs" im Frühjahr 1943, nachdem die Deutschen das Massengrab bei Katyn' entdeckt hatten. Als nach der Niederlage von Stalingrad die deutsche Kriegsführung in der Sowjetunion in eine immer kritischere Lage geraten war, erkannten der deutsche Propagandaminister Joseph Goebbels und andere hohe NS-Funktionäre den propagandistischen Wert dieser Entdeckung. Sie sollte dazu genutzt werden, Gegensätze zwischen den Alliierten, insbesondere der polnischen Exilregierung und der Sowjetunion, zu erzeugen, die polnische Bevölkerung unter deutscher Herrschaft zur Unterstützung der deutschen Kriegsanstrengungen zu mobilisieren und möglicherweise auch von deutschen Verbrechen abzulenken, deren Aufdeckung mit den sowjetischen Rückeroberungen nun in größerem Maße und mit besseren Belegen als bisher drohte. Alle diese deutschen Propagandaziele scheiterten, die deutsche Kampagne machte das sowjetische Verbrechen aber gleichwohl international und insbesondere in der polnischen Öffentlichkeit bekannt und verband das Schicksal der polnischen Offiziere mit dem Namen "Katyń".

Die sowjetische Seite, die ihre Täterrolle von Anfang an bestritten hatte, verbreitete im Jahr 1944, als das Gebiet um Smolensk zurückerobert war, einen eigenen Untersuchungsbericht, der die deutsche Täterschaft belegen sollte. Er bildete die Grundlage dafür, die Massenerschießung von Katyń als Verbrechen der Wehrmacht in die Anklage beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher einzubeziehen. Die sowjetischen Ankläger scheiterten allerdings bei dem Vorhaben, Katyń als deutsches Verbrechen im Urteil des Nürnberger Prozesses festzuschreiben, am Widerstand der von den westlichen Alliierten entsandten Richter, wie die Verfasserin in einem weiteren Abschnitt des Buches beschreibt.

Der letzte große Abschnitt des Buches skizziert dann weitere internationale Debatten über Katyń seit den 1950er Jahren. Die Reaktionen der westlichen Alliierten während der Kriegszeit waren in hohem Maße von dem aktuellen politischen Interesse bestimmt, die Beziehungen mit der Sowjetunion nicht zu belasten, sodass sie Katyń nicht als sowjetisches Verbrechen bezeichneten, obwohl sie über entsprechende Informationen verfügten.

Die hier wirksamen Mechanismen setzten sich nach dem Krieg fort. Die Haltung der westlichen Regierungen und Politik gegenüber dem Verbrechen von Katyń war abhängig von dem jeweiligen Stand der Beziehungen mit der Sowjetunion. So erhielt dieses sowjetische Verbrechen die wohl größte internationale Aufmerksamkeit Anfang der 1950er Jahre, als sich mit dem Korea-Krieg auch der Kalte Krieg zwischen Ost und West beträchtlich verschärfte und das frühere Bündnis mit der Sowjetunion vor allem in den USA heftig kritisiert wurde. In den Jahren 1951/52 untersuchte ein Ausschuss des US-amerikanischen Kongresses das Verbrechen von Katyń und legte eine umfangreiche Dokumentation an, die keinen Zweifel an der sowjetischen Täterschaft ließ. In späteren Jahren, als die Entspannungspolitik im Vordergrund stand, vermieden westliche Regierungen hingegen Stellungnahmen zu Katyń oder versuchten gar, gesellschaftliche Initiativen, die daran erinnern wollten, zu behindern.

Die Studie zeigt jedoch ebenfalls, dass die sowjetische Darstellung auch unabhängig davon in der westlichen Welt beträchtlichen Einfluss ausübte. Die Verfasserin führt dies in erster Linie auf die Wirkung der sowjetischen Propaganda zurück. Die Studie lässt aber auch erkennen, dass die Gründe für die Überzeugungskraft möglicherweise vielschichtiger waren. So diente beispielsweise in Westdeutschland der Hinweis darauf, dass die sowjetische Schuldzuschreibung an die Wehrmacht für Katyń falsch war, manchmal dazu, auch andere deutsche Verbrechen abzustreiten.

Während der Mord an den polnischen Offizieren und damit zusammenhängende Geschehnisse in der Kriegszeit auch in anderen Arbeiten schon umfassend geschildert und dokumentiert wurden, liegt das Verdienst der vorliegenden Studie vor allem in der Untersuchung der Katyń-Erinnerung als umstrittener, transnationaler Erinnerungsort in der Zeit des Kalten Krieges. Hier wäre eine etwas tiefergehende Analyse damit zusammenhängender innergesellschaftlicher Konfliktkonstellationen und Debatten wünschenswert gewesen, die vielleicht auch zu weiter differenzierenden Ergebnissen im Hinblick auf Gründe für den Einfluss der sowjetischen Version hätte führen können. Nichtsdestotrotz ist die Arbeit als Analyse eines transnationalen Erinnerungsortes der Weltkriegszeit in der Konfliktkonstellation des Kalten Krieges wegweisend.

Kai Struve