Rezension über:

Patrick Mullins: The Carmelites and St Albert of Jerusalem. Origins and Identity (= Textus et Studia Historica Carmelitana; Vol. 38), Roma: Edizioni carmelitane 2015, 506 S., ISBN 978-88-7288-131-6, EUR 39,00
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Daniel Papenbroeck: The Bollandist Dossier on St Albert of Jerusalem. Edited and translated by Patrick Mullins (= Textus et Studia Historica Carmelitana; Vol. 39), Roma: Edizioni carmelitane 2015, 338 S., ISBN 978-88-7288-151-4, EUR 26,00
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Rezension von:
Edeltraud Klueting
Köln
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Edeltraud Klueting: Zur Entstehung und frühen Geschichte des Karmelitenordens (Rezension), in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 12 [15.12.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/12/29497.html


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Zur Entstehung und frühen Geschichte des Karmelitenordens

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Patrick Mullins O. Carm., Direktor des Carmelite Institute of Britain and Ireland, bis 2015 auch am Milltown Institute for Theology and Philosophy in Dublin lehrend, legt mit dem ersten der beiden hier anzuzeigenden Bände ein weiteres Kompendium seiner Studien zur Entstehung und frühen Geschichte des Karmelitenordens vor. Nach seiner 2012 publizierten Untersuchung der Rolle des Regelgebers Albert von Jerusalem für das Charisma des religiösen Ordens [1] wendet er sich hier erneut dem lateinischen Patriarchen von Jerusalem (um 1150-1214) zu. Das Ziel seiner Forschung beschreibt Mullins einleitend mit dem Satz: "This book will outline the strange history of how the foundational role of St Albert of Jerusalem came to be obscured during the centuries following his death before being slowly rediscovered and painfully reconstructed in more recent centuries" (11). Dabei geht er von der Annahme aus, dass Albert als zentrale Gründerfigur des Ordens in Vergessenheit geraten sei, als die Karmeliten den alttestamentlichen Propheten Elija zu ihrem spirituellen und historischen Gründervater erwählten.

Das erste schriftliche Zeugnis in der Geschichte der Karmeliten ist die formula vitae (ca. 1206-1214), die der Patriarch Albert einigen lateinischen Eremiten gab, die auf dem Berg Karmel lebten. In ihnen fanden die Karmeliten ihre historische Identität. Sie sahen in der Gruppe von Eremiten die Nachfolger des Elija und erhoben den Anspruch, dass der alttestamentliche Prophet ihren Orden auf dem Berg Karmel im 9. Jahrhundert v. Chr. gegründet habe. Patrick Mullins verfolgt das Aufkommen und den Niedergang der so genannten "elijanischen Sukzession" im Zusammenhang mit der Entstehung der kritischen Hagiographie. Seine These ist, dass durch die Betonung der Figur des Elija zur dominanten Tradition des Ordens die Schlüsselrolle des Patriarchen Albert bei der Gründung des Ordens zurückgedrängt wurde. Er überprüft diese Überlegungen im Kontext der Ordenstradition, die sich seit der Mitte des 13. Jahrhunderts entwickelte.

Mullins resümiert im ersten Kapitel seines Werkes den komplexen historischen Hintergrund des Ursprungs der Karmeliten. Er stellt die Quellen zur Geschichte des religiösen Lebens auf dem Berg Karmel von der Zeit des Propheten Elija bis zur Promulgation der Karmelregel 1247 durch Papst Innozenz IV. vor und überblickt damit einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrtausenden. Dabei verdient vor allem sein Hinweis Beachtung, dass die ursprüngliche Verehrung der Jungfrau Maria, die in dem Patrozinium der Kapelle der Eremiten auf dem Berg Karmel zum Ausdruck kommt, dem Entstehen des Kultes um den Propheten Elija vorausging. Die marianische Identität des Ordens kommt vor allem in seinem Namen, Brüder Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, zum Ausdruck.

Im zweiten Kapitel geht er der Frage nach, wie sich seit der Mitte des 13. Jahrhunderts eine Ordensidentität ausbildete, in der die Dominanz des Propheten Elija sowohl die marianische Identität als auch die Figur des Regelgebers Albert überlagerte. In Übereinstimmung mit der bisherigen Forschung findet Mullins sie in der so genannten Rubrica prima der ältesten Konstitutionen des Ordens von 1281. Dort wird die elijanische Sukzession begründet, die jeder Karmelit als den Ursprung seines Ordens zu bekennen hatte.

Im 15. und 16. Jahrhundert gelangte die Historiographie - und begleitend dazu auch die historische Phantasie - im Orden zu hoher Blüte. Die Verfasser zahlreicher, oft mehrbändiger Werke wiesen in ihren gelehrten Studien mit immer gleichen Argumenten nach, dass die Karmeliten nicht nur vom Berg Karmel stammten, sondern auch den Propheten Elija zu Recht als ihren Gründer verehren durften. Zweifel an der historischen Glaubwürdigkeit dieser Ordenstradition kamen noch nicht auf. Zugleich führten die historischen Studien auch zur Wiederentdeckung des Patriarchen Albert von Jerusalem, dessen Gedenktag seit 1504 in das Missale der Karmeliten aufgenommen wurde (Kapitel 3). Doch auch die elijanische Tradition wurde liturgisch befestigt, als eine Gruppe von 13 frühchristlichen Eremiten und Mönchen als so genannten elijanische Heilige dem Ordensproprium von 1628 hinzugefügt wurde. Sie fanden damit zugleich Eingang in die Bilderzyklen zur Ordensgeschichte, mit denen Kreuzgänge, Refektorien und repräsentative Räume in den Klöstern ausgestattet wurden. In der Ordensliturgie pflegte man den Kult dieser Heiligen, die heute nicht mehr als Karmeliten angesehen werden, bis in die 1970er Jahre (Kapitel 4).

In den folgenden fünf Kapiteln seines Buches widmet sich Mullins seiner eingangs formulierten zentralen Fragestellung und beschreibt die Kritik an der elijanischen Tradition und die Neubewertung des heiligen Albert von Jerusalem (Heiligsprechung 1609 durch Papst Paul V.) durch den Jesuiten Daniel Papebroch. Papebroch, ein Mitarbeiter von Jean Bolland bei der Herausgabe der Acta Sanctorum und einer der Begründer der historischen Quellenkritik, bearbeitete gemeinsam mit Gottfried Henschen die Heiligenviten zu den Kalenderdaten vom 1. März bis zum 5. Juni. Im 1. Band der Acta Sanctorum zum Monat April [2] publizierte er seine Sammlung von Dokumenten zum heiligen Albert von Jerusalem, De beato Alberto ex Canonico regulari Episcopo primum Vercellensi, dein Patriarcha Hierosolymitano, Legato Apostolico, et Legislatore Ordinis Carmelitici. Ann. MCCXIV ("Bollandist Dossier"). [3] Darin zeichnete er in kritischer Würdigung der ihm vorliegenden Lebensbeschreibungen und Chroniken u. a. das Leben des Regularkanonikers nach, der seit 1185 Bischof von Vercelli war und 1205 zum lateinischen Patriarchen von Jerusalem berufen wurde. Dass Albert gewaltsam zu Tode kam und bei einer Prozession durch Akkon am Fest Kreuzerhöhung 1214 vom Meister des Heilig-Geist-Hospitals der Johanniter in Akkon erstochen wurde, lässt Papebroch nicht als Märtyrertod und Begründung für seine Kanonisation 1609 gelten.

Mullins fasst die weiteren Erörterungen Papebrochs zusammen, der sich der Frage nach dem Ursprung und der Identität der lateinischen Eremiten auf dem Berg Karmel zuwendet, für die Albert die formula vitae schrieb. Damit gelangt er zu dem Punkt, in dem die späteren Auseinandersetzungen zwischen dem Karmelitenorden und Papebroch kulminieren sollten. Sie führten 1695 zu einer Anzeige bei der Spanischen Inquisition und zu dem ein Jahr später erlassenen Interdikt Papst Innozenz' XII., mit dem den Karmeliten und den Jesuiten untersagt wurde, Kritisches über den jeweils anderen Orden zu publizieren. Diese für die Entstehung der hagiographischen Kritik außerordentlich bedeutsame literarische Fehde beschreibt Mullins in seinem Kapitel 8 (253-266).

Die Haltung des Heiligen Stuhls in dieser Frage wird deutlich, wenn man sich die Reihe der Heiligenfiguren in der Peterskirche in Rom vor Augen führt. Im Hauptschiff steht ein Standbild des Propheten Elija zwischen der Statue des Ordensgründers des Predigerordens, des heiligen Dominikus, und der heiligen Helena. Die 1727 mit Erlaubnis Papst Innozenz' XII. dort errichtete Statue trägt die Inschrift Universus Ordo Carmelitarum Fundatori suo S. Eliae Prophetae erexit und schreibt damit die elijanische Tradition auch in Marmor fest.

Papebrochs auf kritischer Würdigung der Quellen beruhender Nachweis, dass die elijanische Sukzession jeder historischen Grundlage entbehrt, führte die entscheidende Wende herbei. Die elijanische Tradition des Ordens und seine in alttestamentliche Zeiten zurückreichende "Vorgeschichte" waren, einmal als Fiktion erkannt, auch von der ordenseigenen Historiographie nicht mehr zu halten. Mullins zeichnet die Entwicklung in seinem 9. Kapitel (267-302) nach, in dem er die Grundlinien der Geschichtsschreibung von 1727 bis 2014 verfolgt. Dabei finden auch die Veränderungen in der Liturgie Beachtung, durch die im Gefolge der Apostolischen Konstitution Divino Afflatu Papst Pius' X. von 1911 der Festtag des heiligen Albert von Jerusalem vom 8. April auf den 17. September verschoben wurde. Von hohem Interesse sind Mullins' Ausführungen zum Verständnis der elijanischen Tradition in den Schriften von Edith Stein und Titus Brandsma: beide sehen Elija als den "geistlichen Vater" der Karmeliten und deuten die elijanische Nachfolge nicht als konkrete historische Sukzession, sondern als prophetische Inspiration. Elija war zu allen Zeiten das Vorbild für das kontemplative Leben des Ordens, so Titus Brandsma. [4]

In den letzten drei Kapiteln (10 bis 12) präsentiert Mullins die Forschungsgeschichte und den gegenwärtigen status quaestionis zu Herkunft und Familienzugehörigkeit Alberts. Nach kritischer Würdigung der konträren Ansichten hält er abschließend fest: "Albert's birth-family was probably the degli Avogadri" und "Albert may have regarded himself as a native of Gualtieri" (396).

Die Lektüre des Bandes ist ungemein anregend! Mullins macht es seinen Lesern denn auch leicht, seinen Studien zu folgen. Durch seine konzisen Fragestellungen zu Beginn der einzelnen Kapitel und Zusammenfassungen der Ergebnisse an deren Ende gelingt es ihm, trotz der teilweise unübersichtlichen Quellen- und Literaturlage, klare Strukturen zu schaffen und dem Leser an jeder Stelle einen guten Überblick zu ermöglichen. Das Buch wird (selbstverständlich) durch einen Index von fast 50 Seiten Umfang erschlossen.

Der zweite hier anzuzeigende Band bietet die notwendige Ergänzung zu Mullins' Ausführungen über die Studien Papebrochs zu Albert von Jerusalem und zu der Fundamentalkritik des Bollandisten an der elijanischen Sukzession. Es ist das am heftigsten umstrittene Werk über die Anfänge des Karmelitenordens, und es führte zu einer ausgedehnten Kontroverse zwischen den Bollandisten und den Karmeliten. Der Text trug seinem Verfasser neben der Exkommunikation auch die "ewige" Feindschaft der Karmeliten ein - und er wurde von der Inquisition auf den Index Librorum prohibitorum gesetzt.

Papebrochs Zweifel an der Existenz des Karmelitenordens bereits in alttestamentlicher Zeit untermauerten jedoch nicht allein seinen Ruf als einer der Begründer der Methode der Quellenkritik, sondern sie ließen auch im Orden selbst eine kritische Haltung gegenüber der elijanischen Tradition erwachsen. Dadurch gewann die Schlüsselstellung Alberts als Regelgeber wiederum größeres Gewicht. Mullins sieht in ihm und im Prior der Eremiten auf dem Berg Karmel, von dessen Name nur die Initiale B. bekannt ist, die "obscured co-founders" des Ordens (33) - eine These, die sicher noch weiterer Diskussion bedarf.

Die erste Übertragung des lateinischen Textes [5] aus den Acta Sanctorum in eine moderne Sprache, die Mullins hier vorlegt, ist hervorragend geglückt. Sie ist zugleich umfassend kommentiert und genügt damit wissenschaftlichen Ansprüchen in vollem Umfang. Beide Werke, seine Studie zu Albert von Jerusalem und seine Übersetzung des "Bollandist Dossier", stellen für die Forschung zu den Anfängen des Karmelitenordens wertvolles Material zur Verfügung.


Anmerkungen:

[1] Patrick Mullins O. Carm.: St Albert of Jerusalem and the Roots of Carmelite Spirituality (Textus et studia historica Carmelitana, 34), Rom 2012.

[2] Der Festtag des heiligen Albert von Jerusalem wurde ursprünglich am 8. April gefeiert.

[3] In der englischen Übersetzung des Titels findet sich ein bedauerlicher Druckfehler: "the year 2014" anstatt "1214".

[4] Titus Brandsma O. Carm.: The Beauty of Carmel, Dublin 1955, 24.

[5] Der lateinische Text wird kapitelweise in Kursivschrift in den Fußnoten wiedergegeben - ein etwas gewöhnungsbedürftiges Verfahren.

Edeltraud Klueting