Rezension über:

Albrecht Classen (ed.): Death in the Middle Ages and Early Modern Times. The Material and spiritual Conditions of the Culture of Death, Berlin: de Gruyter 2016, VII + 545 S., 50 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-044230-4, EUR 129,95
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Rezension von:
Manuel Kamenzin
Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Manuel Kamenzin: Rezension von: Albrecht Classen (ed.): Death in the Middle Ages and Early Modern Times. The Material and spiritual Conditions of the Culture of Death, Berlin: de Gruyter 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 12 [15.12.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/12/29953.html


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Albrecht Classen (ed.): Death in the Middle Ages and Early Modern Times

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Der vorliegende Sammelband ist zu einem großen Teil aus den Vorträgen auf dem elften "International Symposium on Medieval and Early Modern Studies" an der University of Arizona (Tucson, USA) im Mai 2014 hervorgegangen. [1] Seit der ersten Veranstaltung im Jahr 2003 widmet sich diese Tagungsreihe den "Grundlagen mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Kultur" ("Fundamentals of Medieval and Early Modern Culture"). Nach Themen wie "Kindheit", "Sexualität" oder "Verbrechen und Strafe" [2] wurde nun der Tod behandelt - sicherlich fundamentaler Bestandteil jeder Kultur, ob im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit oder der Gegenwart. Die 19 hier versammelten Studien demonstrieren auf insgesamt 545 Seiten das anhaltende Interesse verschiedener historischer Disziplinen am Themenfeld "Sterben und Tod". Angesichts der gebotenen Vielfalt können leider nicht alle Aufsätze ausführlich gewürdigt werden, vielmehr werden im Folgenden die allgemeine Spannweite der Publikation und einige ausgewählte Aspekte im Besonderen näher beleuchtet.

Zeitlich reicht der Band vom Frühmittelalter bis ins 18. Jahrhundert; geographisch werden vor allem England und Frankreich sowie das römisch-deutsche Reich abgedeckt. Regionale Exkurse führen zu den 'Isländersagas' (Baier/Schäfke, 131-154) oder zur spanischen Tragicomedia (Scarborough, 357-372). Die Beiträge sind dabei auf einer breit gefächerten Materialgrundlage erarbeitet: Neben literarischen Quellen wie Dramen und Gedichten (unter anderem Hill, 59-74, Pigg, 263-276, und Classen, 277-296) oder Texten, die zwischen Oralität und Schriftlichkeit anzusiedeln sind wie Sagen und Predigten (Baier/Schäfke, 131-154; Taylor, 297-309), wird auch administratives Schriftgut wie Testamente und Überlieferungen zu Gerichtsprozessen (Fellows, 75-94; Turning, 311-337) untersucht. Bildliche Quellen wie Portraits und Kirchenmalereien werden ebenso in den Blick genommen (DeLuca, 239-261; Danziger, 95-130) wie materielle Hinterlassenschaften, beispielsweise Kirchenportale und Grabmäler (Golan, 155-191; Welch, 373-410).

Darüber hinaus unterscheiden sich die Einzelstudien auch in ihrer Herangehensweise. So stellt Albrecht Classen in einem seiner beiden Aufsätze eine einzelne literarische Quelle in den Mittelpunkt: Das Gedicht "Des Teufels Netz" eines anonymen Schreibers aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts (wahrscheinlich zwischen 1414 und 1418 verfasst). In diesem Text wird ausgeführt, wie Angehörige aller Stände durch ihre Sünden dem Teufel ins Netz gehen und dadurch der Verdammnis anheimfallen. Classen interpretiert und kontextualisiert das Werk in seinen Bezügen zu zeitgenössischer Gesellschaftskritik und künstlerischem Handwerk (277-296).

Marie Luise Fellows hingegen kombiniert in ihrer Studie zwei Quellengattungen: Historiographische Überlieferung ("Will-Making Rituals" im Liber Eliensis) und administratives Schriftgut in Form von Testamenten. Durch dieses Vorgehen arbeitet sie heraus, wie das Herannahen des Todes im angelsächsischen England dem Sterbenden und seinem Umfeld gleichermaßen ihre gegenseitigen Verbindungen und Verpflichtungen vor Augen führte (75-94). Katharina Baier und Werner Schäfke kombinieren wiederum schriftliche Überlieferungen (die 'Isländersagas', 131-154) mit einem erkenntnisleitenden Theoriemodell (Hans-Peter Hasenfratz' Modell kultureller Todeskonzepte [3]), während Nurit Golan am Beispiel eines Portals am 'Freiburger Münster' (Freiburg im Breisgau, Bischofssitz seit 1827) Erkenntnisse aus Architektur, Archäologie und Stadtsoziologie zusammenführt (155-191).

Der Band enthält weiterhin zwei Übersichten: In seinem eröffnenden Aufsatz bietet der Herausgeber Albrecht Classen einen breiten Überblick zu "Death and the Culture of Death", der in einer Einordnung der übrigen Beiträge mündet (1-57). Besonders erfreulich ist hierbei die intensive Verschränkung deutsch- und englischsprachiger Forschung. Jean E. Jost stellt hingegen unter dem Titel "The Effects of the Black Death" eine Gesamtschau der kulturhistorischen Auswirkungen der Pest vor (193-237). Die Aufzählung verschiedener Herangehensweisen ließe sich ohne Weiteres fortsetzen, beispielsweise mit der Nennung von vergleichender Bildanalyse als Vorgehensweise (DeLuca, 239-261) oder Genderforschung als Theoriehintergrund (Turning, 311-337).

Es ist unvermeidbar, dass bei einer solchen Bandbreite an Themen und Zugriffen im Detail auch Ansatzpunkte zur Kritik gefunden werden können. So ist es beispielsweise bedauerlich, dass gerade Christina Welchs Studie zu den Transi-Grabmälern keine Abbildungen enthält: Welch konstatiert, einige der von ihr behandelten Grabfiguren seien in solch einem Ausmaß anatomisch korrekt, dass sich dies nur durch Kranke oder Verstorbene als direkte Vorlagen erklären ließe (387). Hier kann sich der Leser im wahrsten Sinne des Wortes selbst kein Bild machen. Ein weiteres Beispiel bietet der oben angeführte Überblick zu den Auswirkungen der Pest: Leider konnte Jean E. Jost Romedio Schmitz-Essers 2014 veröffentlichte Monographie zum Leichnam im Mittelalter wohl nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Die darin formulierte Kritik an der Glaubwürdigkeit von Giovanni Boccaccios bekannten Ausführungen zur Verrohung der Bestattungssitten während der Pest hätte eine gelungene Ergänzung zur Übersicht dargestellt. [4]

Der vorliegende Band vereint somit 19 Beiträge äußerst unterschiedlichen Zuschnitts. Was als wahllose Zusammenstellung unter einem breit gefassten Oberthema kritisiert werden könnte, zeigt hier vielmehr auf, wie unterschiedliche Materialgrundlagen und Herangehensweisen neue Einsichten zu einem vielbearbeiteten Thema liefern können. Eine solche Breite erscheint passend für einen Sammelband, der sich den "Fundamenten mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Kultur" widmet.


Anmerkungen:

[1] Das Programm ist einsehbar unter: http://aclassen.faculty.arizona.edu/content/program-symposium-death-and-culture-death (letzter Zugriff: 04.12.2017). Siehe auch die Ausführungen des Herausgebers (56).

[2] Das Zitat (das auch als Reihentitel fungiert) sowie eine Übersicht der Symposia und der bereits publizierten Bände finden sich unter http://aclassen.faculty.arizona.edu/content/international-symposia (letzter Zugriff: 04.12.2017).

[3] Hans-Peter Hasenfratz: Tod und Leben. Der unselige Tod und der soziale Tod, in: Tod, Jenseits und Identität. Perspektiven einer kulturwissenschaftlichen Thanatologie (Veröffentlichungen des Instituts für Historische Anthropologie; 7), hg. v. Jan Assmann, Rolf Trauzettel, Freiburg i. Br./München 2002, 223-229.

[4] Romedio Schmitz-Esser: Der Leichnam im Mittelalter. Einbalsamierung, Verbrennung und die kulturelle Konstruktion des toten Körpers (Mittelalter-Forschungen; 48), Ostfildern 2014, 77/97-105.

Manuel Kamenzin