Rezension über:

Laura Fasanaro: La DDR e l'Italia. Politica, commercio e ideologia nell'Europa del cambiamento (1973-1985) (= Studi Storici Carocci; 274), Roma: Carocci editore 2016, 226 S., ISBN 978-88-430-7952-0, EUR 24,00
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Rezension von:
Francesco Di Palma
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universit├Ąt Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Francesco Di Palma: Rezension von: Laura Fasanaro: La DDR e l'Italia. Politica, commercio e ideologia nell'Europa del cambiamento (1973-1985), Roma: Carocci editore 2016, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 4 [15.04.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/04/31274.html


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Laura Fasanaro: La DDR e l'Italia

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Die Erforschung der bi- und multilateralen Verbindungen zwischen der DDR und anderen sowohl ost- als auch westeuropäischen Ländern hat in den letzten zwei Dekaden eine regelrechte Renaissance erlebt. Dazu trägt auch das Werk der italienischen Zeithistorikerin Laura Fasanaro bei, das den politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Beziehungen zwischen dem ostdeutschen Staat und Italien zwischen 1973 und 1985 gewidmet ist. Das übersichtliche Werk ist in sieben Unterkapitel gegliedert: "Détente und die Ostpolitik Aldo Moros", "Das Ende der Isolierung und die Westpolitik der DDR", "Politik und Diplomatie (1973-1979)", "Das sozialistische Europa und die Europäische Gemeinschaft", "Die wirtschaftliche Dimension der Beziehungen DDR-Italien", "Ideologie und Politik. Die SED und der PCI in der Epoche des Eurokommunismus" und "Auf der Suche nach einer neuen Entspannung (1983-1985)".

Die Fokussierung auf Italien begründet die Autorin in der Einleitung so: Die SED bzw. DDR habe dort zwei für ihre Zwecke besonders empfängliche Ansprechpartner gefunden: die im Untersuchungszeitraum meist durch die Christdemokraten (Democrazia Cristiana, DC) und Sozialisten (Partito Socialista Italiano, PSI) gestellten Regierungsmannschaften sowie die mitgliederstärkste westeuropäische kommunistische Partei (Partito Comunista Italiano, PCI).

Die Ursprünge dieser vermeintlich privilegierten Verbindungen, so Fasanaro, gehen auf das Wirken des christdemokratischen Politikers Aldo Moro zurück - von 1963 bis 1968 sowie von 1974 bis 1976 Ministerpräsident der Italienischen Republik und Verfechter einer konsequenten Entspannungspolitik gegenüber den Ostblock-Staaten. Diese Strategie sei darauf angelegt gewesen, differenziert Möglichkeiten des Dialogs bzw. der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit ausgewählten "realsozialistischen" Ländern zu fördern, allen voran mit der DDR. Italien habe damit direkt und gegen die Forderungen der Bundesrepublik Deutschland und der UdSSR zum Prozess einer frühen gesamteuropäischen Integration beigetragen. Dass sich auch der PCI bereits seit Ende der 1960er Jahre aktiv daran beteiligte, erwähnt Fasanaro nur ansatzweise. Interessant wäre gewesen, mehr über die Dreiecksbeziehungen zwischen dem PCI, der SED und der SPD zu lesen, die nachhaltigen Einfluss auf die Ausrichtung der italienischen Ostpolitik ausübten.

Einen übergeordneten Stellenwert nimmt die kritische Darstellung der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen ein. Sie zieht sich überzeugend wie ein roter Faden durch das gesamte Werk - auch wenn der in diesem Zusammenhang relevante "Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo)" beim Ministerium für Außen- und Innerdeutschen Handel der DDR keine Erwähnung findet. Fasanaro folgend, waren es in erster Linie die Etappen der diplomatischen Anerkennung der DDR durch Italien 1973 und die Konsequenzen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki 1975, die im Laufe der 1970er Jahre den Weg zur Aufnahme und Intensivierung einträglicher Geschäftsbeziehungen ebneten. Erich Honecker, seit 1971 Generalsekretär der SED, spielte in diesem Kontext eine ebenso wichtige Rolle. Er war maßgeblich am außenpolitischen Paradigmenwechsel der DDR beteiligt. Dieser sah die gezielte Ausblendung ideologischer Unterschiede vor, um einen pragmatischen - und vor allem lukrativen - Austausch mit westeuropäischen Partnern zu fördern.

Doch was machte den Sondercharakter der bilateralen Beziehungen aus? Die zentrale These des Buches ist, dass die politisch-wirtschaftliche Rolle beider Länder in ihrem jeweiligen Bündnis eine verblüffende Analogie aufwies. Um die eigene Autorität als Regionalmächte an der geographischen Grenze des jeweiligen "Zugehörigkeitsblocks" nicht einzubüßen, waren sie freilich darauf angewiesen, deren Aktionsradius und die daraus resultierenden Einflussmöglichkeiten bei Aufrechterhaltung des systemischen Status quo zu steigern. Kurzum, ohne die Leitungsfunktion der USA bzw. der UdSSR in Frage zu stellen, trafen sie - oft im Widerspruch zu den Vorgaben höhergestellter Verbündeter - autonome Entscheidungen zur Wahrung nationaler Interessen. Dies erkläre - suggeriert Fasanaro -, weshalb der zweiseitige Austausch den Konfrontationen des späten Kalten Krieges standhalten konnte. Er ließ sich trotz der internationalen Krisen in Afghanistan 1979/80 und in Polen 1981-1983, der Wiederaufrüstung in Mitteleuropa in der ersten Hälfte der 1980er Jahre oder der ideologischen Differenzen zwischen der SED und dem PCI bis zum Fall der Berliner Mauer relativ unbekümmert fortschreiben. Dazu trug unweigerlich auch die "kleine Ostpolitik" des von 1983 bis 1987 amtierenden italienischen Ministerpräsidenten Bettino Craxi bei. Bedauerlicherweise erfährt der Leser anschließend zu wenig über die internationalen Auswirkungen der von Michail Gorbatschow initiierten Perestroika.

Alles in allem liegt hier ein wenig innovatives, aber wertvolles Überblickswerk vor, dessen größtes Verdienst es ist, den Blick auf in der einschlägigen Historiographie eher unterbelichtete Themenkomplexe zu lenken.

Francesco Di Palma