Rezension über:

Álvaro Pascual Chenel / Ángel Rodríguez Rebollo: Vicente Carducho. Dibujos. Catálogo razonado, Madrid: Centro de Estudios Europa Hispánica 2015, 523 S., 354 Farbabb., ISBN 978-84-15245-47-6, EUR 50,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Sylvaine Hänsel
FH Münster
Redaktionelle Betreuung:
Saskia Jogler
Empfohlene Zitierweise:
Sylvaine Hänsel: Rezension von: Álvaro Pascual Chenel / Ángel Rodríguez Rebollo: Vicente Carducho. Dibujos. Catálogo razonado, Madrid: Centro de Estudios Europa Hispánica 2015, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 5 [15.05.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/05/28133.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Álvaro Pascual Chenel / Ángel Rodríguez Rebollo: Vicente Carducho

Textgröße: A A A

Der Katalog des zeichnerischen Werks von Vicente Carducho ist das Ergebnis eines von Jonathan Brown angeregten und vom Centro Estudios Europa Hispánica geförderten Forschungsprojektes. Er erschien 2015, gleichzeitig mit einer Ausstellung der Madrider Biblioteca Nacional, die einen großen Teil der Carducho-Zeichnungen besitzt. Der opulent ausgestattete Band räumt einmal mehr mit zwei außerhalb Spaniens immer noch gern gehegten Vorurteilen über die Kunst des 17. Jahrhunderts auf. Das eine lautet, dass neben Velázquez (und vielleicht noch Zurbarán und Murillo) in Spanien keine bedeutenden Maler gearbeitet hätten, das andere meint, dass man dort kein Interesse an Zeichnungen gehabt habe. Schon die Londoner Schau "The sacred made real" (2009-2010) hatte in einer effektvollen Inszenierung ein Panorama des spirituellen Spanien präsentiert, während die beiden Ausstellungen des Jahres 2017 zu Zurbarán und zu "Spaniens goldener Zeit" Vielfalt und Qualität der spanischen Kunst vor Augen führten. [1] Letztere widmete auch den Zeichnungen einen eigenen Abschnitt. Im Katalog gibt María López-Fanjul einen Abriss der kurzen Forschungsgeschichte [2], die 1903 mit einem Aufsatz von Albrecht Haupt einen vielversprechenden Anfang und 1918 und 1926 mit Publikationen von August L. Mayer ihren Fortgang nahm, noch bevor 1930 Francisco Javier Sánchez Cantón seine fünf Bände "Dibujos españoles" vorlegte. [3] Das bis heute gültige Referenzwerk publizierten Diego Angulo Íñiguez und Alfonso E. Pérez Sánchez in vier Bänden von 1975-1988. [4] Erst seit der Jahrtausendwende intensivierten sich die Bemühungen um die Erschließung und Publikation der Spanien-Bestände in den großen grafischen Sammlungen von Rotterdam bis Los Angeles; darunter auch der Katalog des bedeutenden Bestands der spanischen Zeichnungen in der Hamburger Kunsthalle, der anlässlich einer in Dallas und Madrid gezeigten Ausstellung erschien. [5]

Vicente Carducho gehört als Theoretiker, Maler und Zeichner zu den herausragenden Persönlichkeiten des "siglo de oro", stand jedoch forschungsgeschichtlich lange im Schatten von Velázquez. 1576 in Florenz geboren, begleitete er siebenjährig seinen Bruder Bartolomé nach Spanien. Dieser gehörte zu der Gruppe italienischer Meister, die an der künstlerischen Ausgestaltung des Escorial beteiligt war. Als strenger Lehrer unterrichtete er seinen Bruder in der Tradition der Florentiner Malerei, deren Einfluss lebenslang im Werk Vicentes wirksam blieb. 1609 folgte Vicente seinem Bruder im Amt des Hofmalers, schuf jedoch vor allem Werke religiöser Thematik. Vor den Augen der Nachwelt konnten seine drei Schlachtengemälde für den Salón de Reinos im Palacio del Buen Retiro der Konkurrenz von Velázquez, Zurbarán, Antonio Pereda oder Juan Bautista Maino nicht standhalten. Dass sein Rang als Maler wieder anerkannt wurde, resultiert nicht zuletzt aus der Wiederentdeckung des ursprünglich 56 Gemälde umfassenden Zyklus mit Szenen aus dem Leben des heiligen Bruno und weiterer Kartäusermönche für das Kloster Santa María El Paular, der 1835 im Zuge der Desamortisación zerstreut wurde und seit 2011 wieder an seinem ursprünglichen Ort zu sehen ist. [6]

Seine Bekanntheit verdankt Carducho heute vor allem seinen 1633 publizierten "Diálogos de la pintura", die einerseits eine theoretische Fundierung der Malerei als intellektuelle Leistung lieferten, andererseits aber auch das praktische, handwerkliche Rüstzeug beschreiben, das zur Erreichung künstlerischer Perfektion notwendig sei. [7] Die Zeichnung spielt dabei eine zentrale Rolle, wie Zahira Véliz in mehreren Publikationen analysiert hat, zuletzt 2016 in einem Beitrag zu dem Sammelband "On art and painting", der verschiedene Aspekte von Carduchos Œuvre beleuchtet. [8] Schon die Schüler und Kollegen wussten seine Zeichnungen zu schätzen und suchten sie aus dem Nachlass zu erwerben. Im Inventar sind 1100 Blätter verzeichnet, von denen sich 135 erhalten haben, die nun Álvaro Pascual Chenel und Ángel Rodríguez Rebollo in einem in jeder Hinsicht gewichtigen, kritischen Katalog zusammengestellt und diskutiert haben, der auch die zweifelhaften und abgeschriebenen Werke enthält.

Die Einleitung gibt zunächst die Biografie des Künstlers wieder und behandelt dann das Thema "Zeichnung" im Kontext der Ausführungen Carduchos in Buch V und VIII der "Diálogos". Der Künstler unterscheidet in Buch V drei Arten von Zeichnungen. Die erste ist die Ideenskizze, mit der der Künstler einen Einfall frei aus dem Gedächtnis oder einer literarischen Anregung folgend gestaltet. Die zweite Art von Zeichnungen gilt Carducho als die bedeutendste; es handelt sich um nach allen Regeln der Kunst ausgestaltete Blätter, die als Modell oder Vorstufe eines Gemäldes fungieren können. Bei der dritten Gruppe, der der Künstler nur untergeordnete Bedeutung beimisst, handelt es sich um Kopien und Studienblätter, die nichts weiter als die korrekte Wiedergabe der Vorlage anstreben.

Der zeichnerischen Praxis wendet sich Carducho in Buch VIII der Diálogos zu, wobei alle dort genannten Techniken in seinem eigenen grafischen Œuvre vertreten sind. Feder und Kreide kommen vor allem bei den Skizzen zum Einsatz, doch nutzt Carducho lavierte Federzeichnungen auch für die präzise Fixierung mancher "modelli" oder "ricordi". Den Hauptteil der erhaltenen Arbeiten machen Zeichnungen mit schwarzer, selten roter Kreide und Gouache auf einfachem, eher preiswertem Papier aus. Sie dienten nicht nur zur Vorbereitung bestimmter Gemälde, wie sich an der Quadrierung einiger Blätter ablesen lässt, sondern auch als Studienmaterial in der Werkstatt.

Der Katalog, der an die informative Einleitung anschließt, führt die Zeichnungen in chronologischer Reihenfolge auf. Zusammenhängende Blätter, wie etwa die zum nicht erhaltenen, von dem bedeutenden Humanisten Pedro de Valencia konzipierten Achilles-Zyklus im Palacio de El Pardo werden unter einer Nummer geführt. Das gilt auch dort, wo, wie bei der Serie der Kirchenväter, einzelne Blätter von Werkstattmitarbeitern stammen. Eine eigene, umfangreiche Gruppe bilden die Zeichnungen für die Kartause El Paular, die aus der chronologischen Abfolge herausgenommen wurden.

In der dritten Gruppe finden sich die Zeichnungen, bei denen die Autorschaft Carduchos angezweifelt wird. Sie stammen möglicherweise von Bartolomé Carducho oder von Mitarbeitern der Werkstatt. Den Abschluss bilden dann die abgeschriebenen Blätter, soweit möglich mit neuen Zuschreibungen. Im Anhang folgen dann ein Verzeichnis der Sammlerstempel und -marken, eine Bibliografie sowie Indices der Darstellungen und Personen.

Die herausragende Qualität des Katalogs verdankt sich nicht nur der gründlichen Beschreibung und den überzeugenden stilistischen Analysen, sondern vor allem auch der ausführlichen Einordnung in den Werkzusammenhang auf Grundlage der aktuellen Forschung. So lesen sich beispielsweise die Einträge zum "Triumph der Eucharistie" für die (beim Umbau durch Karl III. zerstörte) Kapelle des Palacio de El Pardo oder die Ausführungen zu den Vorzeichnungen des Achilles-Zyklus in El Pardo wie kleine Monografien. Die in den Texten zum Vergleich genannten Werke findet man in guter Qualität, farbig abgebildet. Über den reinen Nutzen als Katalog des zeichnerischen Œuvres - allein das schon eine beeindruckende Leistung - wird der Band so zu einem unverzichtbaren Standardwerk für die Beschäftigung mit der spanischen Malerei des goldenen Zeitalters.


Anmerkungen:

[1] Ausst. Kat. The Sacred Made Real. Spanish Painting and Sculpture 1600-1700, London, National Gallery 2009; Ausst. Kat. Zurbarán, Düsseldorf 1015/16, München 2015; Ausst. Kat. Spaniens goldene Zeit, Berlin Gemäldegalerie Staatliche Museen zu Berlin / München, Kunsthalle 2017, München 2017.

[2] María López-Fanjul y Díez del Corral: Die spanische Barockzeichnung und die Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin, in: Ausst. Kat. Berlin 2017 (wie [1]), 71-79.

[3] Albrecht Haupt: Ein spanisches Zeichenbuch der Renaissance, in: Jahrbuch der Königlich-Preußischen Kunstsammlungen 24 (1903), 3-13; August L. Mayer: Die spanischen Handzeichnungen in der Kunsthalle zu Hamburg, in: Zeitschrift für bildende Kunst 1918, 109-121; Ders.: Los dibujos españoles de la Colección Witt en Londres, in: Arte Español 1926, 2-4; Francisco Javier Sánchez Cantón: Dibujos españoles, Madrid 1930.

[4] Diego Angulo Íñiguez / Alfonso E. Pérez Sánchez: A Corpus of Spanish Drawings, London 1975-1988.

[5] Ausst. Kat. The Spanish Gesture. Drawings from Murillo to Goya in the Hamburger Kunsthalle, Dallas, Meadows Museum / Madrid, Prado, 2014/15.

[6] Werner Beutler: Vicente Carducho in El Paular, Köln 1997.

[7] Vicente Carducho: Diálogos de la pintura. Su defense, origen, esencia, definición, modos y diferencias, Madrid 1633.

[8] Zahira Véliz: Spanish Drawings in The Cortauld Gallery. Complete Catalogue, London 2011; Dies.: Carducho and the Eloquence of Drawing, in: On Art and Painting. Vicente Carducho and Baroque Spain, hg. v. Jean Andrews u.a., Cardiff 2016, 241-269.

Sylvaine Hänsel