Rezension über:

Stefanie Heraeus (Hg.): Hélio Oiticica: Curating the Penetráveis, Bielefeld: transcript 2016, 191 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-8376-3737-3, EUR 34,99
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Rezension von:
Kirsten Einfeldt
Haus der Kulturen der Welt, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Jessica Petraccaro-Goertsches
Empfohlene Zitierweise:
Kirsten Einfeldt: Rezension von: Stefanie Heraeus (Hg.): Hélio Oiticica: Curating the Penetráveis, Bielefeld: transcript 2016, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 5 [15.05.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/05/29507.html


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Stefanie Heraeus (Hg.): Hélio Oiticica: Curating the Penetráveis

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Der von Stefanie Heraeus herausgegebene deutsch- und englischsprachige Band Hélio Oiticica: Curating the Penetráveis besteht aus kunst- und kulturwissenschaftlichen Aufsätzen zu den gleichnamigen Rauminstallationen des brasilianischen Künstlers und Beiträgen aus der künstlerischen Praxis im Kontext des wachsenden Feldes der curatorial studies, die sich zeitgenössischer Kunst nach dem global turn widmen. Die Publikation arbeitet die relationale Spezifik von Oiticicas Penetráveis heraus, architektonisch anmutenden, begehbaren Konstruktionen aus Materialien wie (Plexi-)Glas, Holz und Kunststoff, die in klare, geometrische Formen gefasst sind. Zugleich beleuchtet der Band die Herausforderungen, die sich Kuratorinnen und Kuratoren von Gegenwartskunst in der Arbeit mit den Penetravéis stellen.

Acht Aufsätze von insgesamt elf Kuratorinnen und Kuratoren, Künstlerinnen und Künstlern, Museumsmitarbeiterinnen und Museumsmitarbeitern und Kunstkritikerinnen und Kunstkritikern untersuchen die politischen und künstlerischen Voraussetzungen von Oiticicas Penetráveis, die in den 1960er- und 1970er-Jahren entstanden. 21 Künstlerinnen- und Künstlerarbeiten, die im Rahmen der Retrospektive Hélio Oiticica. Das große Labyrinth des MMK Museum für Modern Kunst (31.8.-27.10.2013) für ein Film- und Performance-Programm im Frankfurter Palmengarten entwickelt wurden, untersuchen im zweiten Teil des Buches das heutige Potenzial der Rauminstallationen, die erst in der (künstlerischen) Nutzung als Kunstwerke aktiviert werden.

Ausgangspunkt für das Projekt des Frankfurter Masterstudiengangs Curatorial Studies - Theorie - Geschichte - Kritik sowie für die vorliegende Publikation war Oiticicas Penetrável PN 14, das nach Originalplänen des Künstlers anlässlich der Retrospektive von 2013 zusammen mit zwei weiteren Penetráveis im Frankfurter Palmengarten errichtet wurde. Oiticica hatte das Penetrável PN 14 Ende der 1970er-Jahre im New Yorker Exil in Skizzen und Zeichnungen konzipiert, jedoch nie realisieren können. Wie andere Arbeiten der Reihe war es von ihm dafür bestimmt, seine Wirkung in der Aneignung durch die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher zu entfalten und neue Denk- und Beziehungsformen zu ermöglichen. Das Kerncharakteristikum des Penetrável (Portugiesisch penetrar = durchdringen) ist so auch in seinem Namen angelegt: Es sollte für seine Betrachterinnen und Betrachter, die sich vielmehr als Nutzerinnen und Nutzer durch die deckenfreie Rauminstallation bewegen, durchdringbar und damit räumlich erfahrbar sein (12/13).

Die Penetráveis reihen sich in Oiticicas Serien wie die Núcleos, Bólides und Parangolés, mit denen der Künstler Möglichkeiten und Vorschläge für eine neue, partizipative Kunst und Gesellschaft anzustoßen intendierte. Die Atmosphäre und Repressionen der seit 1964 in Brasilien herrschenden Militärdiktatur waren dabei grundlegend für Oiticicas Kunstbegriff und seine künstlerische Arbeit. Deren Widerständigkeit manifestierte sich unter anderem in Oiticicas Mitgründung der 1967 von namhaften Musikerinnen und Musikern wie Gilberto Gil, Caetano Veloso, Maria Bethânia und Chico Buarque initiierten Tropicália-Bewegung und seinem freiwilligen Exil von 1969 bis Ende der 1970er-Jahre.

Der nun vorliegende Band zu Curating the Penetráveis versammelt eine Reihe von Positionen, die die Relevanz von Oiticicas Installationen in ihrem historischen Kontext sowie für zeitgenössische Kunst- und Gesellschaftszusammenhänge herausarbeiten: Peter Gorschlüter, einer der Kuratoren der Frankfurter Retrospektive, untersucht so in seinem Beitrag die besonderen Herausforderungen, die Rekonstruktionen von Werken Oiticicas an Ausstellungsmacherinnen und Ausstellungsmacher stellen. Erklärtes Ziel der Frankfurter Installationen war es, die Arbeiten im Sinne des Künstlers in zeitgenössische und ortsspezifische Kontexte zu übertragen und dezidiert den öffentlichen Raum einzubeziehen. Die Penetráveis wurden so im Frankfurter Palmengarten errichtet und einem Kuratorinnen- und Kuratorenkollektiv, dem Masterstudiengang Curatorial Studies, für ein eigenes, zu konzipierendes Projekt zur Verfügung gestellt. Die eingeladene Künstlerin Adrian Williams widmet sich in der Kurzgeschichte Rolex der Vergänglichkeit des Penetrável PN 14. Die dachlose Installation im öffentlichen Raum ist dem witterungsbedingten Zerfall ausgesetzt und führt damit ihre Bedingtheit durch Umwelt- und Gesellschaftseinflüsse deutlich vor Augen (45). Jörg Heiser analysiert in seinem Aufsatz eindrücklich die Musik der Tropicália-Bewegung, ihre Verbindungen zu Hélio Oiticicas Kunst, die der Bewegung ihren Namen gab, und die ästhetische und soziale Revolution, die am Ende der 1960er-Jahre von dieser ausging (67-69).

Die Dokumentation der 21 Künstlerinnen- und Künstlerarbeiten im zweiten Teil der Publikation versammelt Arbeiten aus den Feldern Sound, Sprache, Tanz, Performance und Filmprojektion, die in Oiticicas Penetrável im Frankfurter Palmengarten während der Ausstellungslaufzeit stattfanden. Arbeiten wie die Performance Composition T (2013) von Sunah Choi, die ein "Licht- und Schattenballett der Dinge" (125) in Oiticicas Rauminstallation projizierte, die Projektion von Video- und Filmarbeiten wie Canoas (2010) von Tamar Guimarães, in der dokumentarische und fiktive Elemente die kulturelle und politische Situation Brasiliens der 1950er- bis 1970er-Jahre wieder aufleben lassen, sowie Performances wie die Reihe pindorama // obra em progresso (2013) des Theater-Kollektivs Arty Chock führen die zahlreichen heutigen Aneignungs- und Aktivierungsmöglichkeiten der historischen Arbeit anschaulich vor Augen.

Der Band leistet damit eine Annäherung an Hélio Oiticicas Werk und Lesarten, die seine Penetráveis über eine historische Einordnung hinaus in der zeitgenössischen Rezeption verorten. Einmal mehr wird deutlich, und das zeigt das Projekt unter der Leitung von Stefanie Heraeus sehr schön, dass die sozialpolitische Komplexität von Oiticicas Werk weiterhin wichtige Anregungen für eine ästhetische Auseinandersetzung, aber auch die Weiterentwicklung einer zu tiefst als relational verstandenen Kunst bieten kann. Vor dem Hintergrund der jüngsten politischen und kulturellen Entwicklungen in Brasilien und darüber hinaus, die im Jahr der Retrospektive, 2013, in ihrem vollen Umfang sicherlich noch nicht absehbar waren, scheint die Reaktualisierung und ein Weiterdenken von Hélio Oiticicas Werk umso dringlicher. Der Band gibt hierfür eine gute Vorlage.

Kirsten Einfeldt