Rezension über:

Silke Förschler / Anne Mariss (Hgg.): Akteure, Tiere, Dinge. Verfahrensweisen der Naturgeschichte in der Frühen Neuzeit, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2017, 258 S., 31 s/w-Abb., ISBN 978-3-412-50520-2, EUR 35,00
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Rezension von:
Tobias Winnerling
Institut für Geschichtswissenschaften, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Tobias Winnerling: Rezension von: Silke Förschler / Anne Mariss (Hgg.): Akteure, Tiere, Dinge. Verfahrensweisen der Naturgeschichte in der Frühen Neuzeit, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 5 [15.05.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/05/30334.html


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Silke Förschler / Anne Mariss (Hgg.): Akteure, Tiere, Dinge

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Der Titel des Bandes ruft mit der Praxeologie, den Animal Studies und der materiellen Kulturgeschichte drei in der aktuellen Diskussion häufig genannte Ansätze auf, die hier vor dem Hintergrund der Wissens- und (Natur-)Wissenschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit verhandelt werden sollen. Auch wenn mit den "Akteuren" ein Bezug zur Akteur-Netzwerk-Theorie naheläge und sich in der Einleitung eine entsprechende Passage findet (20), handelt es sich dabei eher um eine salvatorische Klausel, denn in den Beiträgen spielt Bruno Latour keine Rolle. Wenn es ein übergreifendes theoretisches Fundament gibt, dann ist es wohl am ehesten Michel Foucaults "Die Ordnung der Dinge" [1], die nicht nur in der Einleitung, sondern auch in einigen Beiträgen prominent figuriert. Wenn man so will, handelt es sich im Ganzen vor allem um eine akteurszentrierte Diskursgeschichte von Praktiken, während alle anderen benannten Ansätze nur in Einzelfällen wirklich eine Rolle spielen.

Hervorgegangen ist der Sammelband aus einer gleichnamigen Tagung, die 2015 in Kassel stattgefunden hat. Mit den meisten Tagungsbänden teilt er daher das Schicksal, dass die einzelnen Beiträge sich zwar einen Gegenstandsbereich teilen, diesen aber von unterschiedlichen Ausgangspunkten und mit verschiedenen Herangehensweisen bearbeiten - dass ein übergreifendes theoretisches Konzept also schwer umzusetzen ist. Verstärkt wird das in diesem Fall noch dadurch, dass gut die Hälfte der Beiträge im engen Kontext von Dissertationsprojekten entstand. Das sagt nichts über die Qualität der Beiträge aus, macht aber klar, dass die ihnen zugrunde liegenden Konzepte unabhängig von der Tagung entstanden sind. Es handelt sich also um ein Kaleidoskop von Einblicken in einzelne Bereiche der gelehrten Beschäftigung mit natürlichen Phänomenen im 18. Jahrhundert, das von den Herausgeberinnen in drei Bereiche eingeteilt wurde, die sie nach wesentlichen Verfahrensweisen dieser jeweiligen Beschäftigung ordnen. Diese sind - eine Auswahl, die gewiss Foucaults Zustimmung gefunden hätte - "Sammeln & Systematisieren", "Kommunizieren & Transformieren" sowie "Erfinden & Präsentieren". Die systematische wird einer thematisch orientierten Anordnung konsequent vorgezogen, denn die vier Beiträge, die sich schwerpunktmäßig mit Carl von Linné und seinem Werk befassen, finden sich auf die beiden Bereiche "Kommunizieren & Transformieren" sowie "Erfinden & Präsentieren" verteilt. Die "Verfahrensweisen" sollen auch insofern das Herzstück des Bandes darstellen, als sie als die Methoden in den Vordergrund gestellt werden, die aus Beobachtungen verschiedenster Art epistemologisch valides Wissen über die Natur formen (12), wobei deutlich gemacht wird, dass die Abgrenzungen zwischen den einzelnen Verfahrensweisen nicht stabil sind. Diese Rahmung funktioniert allerdings, wie meist bei Tagungsbänden, eher implizit als explizit, da die Einzelautorinnen und Einzelautoren ganz andere Terminologien und Methoden heranziehen.

In den einzelnen Beiträgen werden verschiedene Bereiche der Naturgeschichte der gesamten Frühen Neuzeit verhandelt, besonders Botanik, Zoologie, Geografie und Mineralogie. Der Schwerpunkt liegt deutlich auf Botanik und Zoologie, wenn die letztere auch nicht so prominent ist, wie der Titel vermuten ließe. In zeitlicher Hinsicht ist eine Konzentration vor allem auf das 18. Jahrhundert festzustellen, und hierbei besonders auf die Arbeiten Carl von Linnés und seines Umfeldes. Was in verschiedensten Beiträgen zum Ausdruck kommt, sind einerseits die komplexen Schwierigkeiten der Transformation empirischer Beobachtungen in wissenschaftliches Wissen, und andererseits die sich daran anschließenden Abgrenzungsprobleme zwischen Amateuren und Professionellen, Laien und Gelehrten. Seien es wie im Beitrag von Thomas Ruhland die Herrnhuter Missionare an der indischen Küste als Sammler lokaler Curiosa, vor allem von Muscheln und Meeresschnecken, für die Naturalienkabinette europäischer Abnehmer, die in der Überlieferung zumeist ausgeblendet werden, seien es wie bei Irina Pawlowsky Jesuiten am Orinoco und Amazonas, deren aus eigener Anschauung und Befragung der lokalen Bevölkerung gewonnene geografische Erkenntnisse nur sehr verhalten rezipiert wurden, oder Pariser Vogelhalter des 18. Jahrhunderts, deren Umgang mit ihren Tieren zunehmend problematisiert wurde, wie Julia Breittruck ausführt: Was immer wieder aufscheint, ist die langsame Marginalisierung all dieser unter- oder außerhalb einer akademisch-universitären Praxis arbeitenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer an naturkundlichen Prozessen. Als wahrscheinlich unbeabsichtigte Lösung dieser Dichotomie erscheint nach der Lektüre die strikte und relativ aufwendig durchzuführende normierte Taxonomie der Linnéschen Systematik - wer sie beherrschte und praktizieren konnte, konnte fortan als Naturforscherin und Naturforscher gelten. Die damit berührte Frage, inwieweit diese Form verwissenschaftlichter Diskurs- und Praxisführung (denn, das wird einleuchtend gezeigt, die damit konnotierten Arbeitsweisen bilden ebenso unverzichtbare Bestandteile des Systems wie seine Beschreibungsnormen) also nicht nur ein Erkenntnis-, sondern auch ein Machtwerkzeug war, liegt allerdings außerhalb des Bandes. Hier stehen vor allem die Konstruktion und Vermittlung von Erkenntnissen im Vordergrund, weniger deren soziale Einbettung.

Grundsätzlich sind die Beiträge relativ kurz und großzügig illustriert, was einerseits ein Vorteil des Bandes ist, denn man liest sich an jeder Stelle leicht ein und bekommt die verhandelten Gegenstände auch stets vor Augen geführt. Andererseits sind sie generell aber auch auf einem angenehm hohen Niveau geschrieben, was dazu führt, dass man sich an manchen Stellen doch mehr Informationen gewünscht hätte. Der Beitrag von Karin Leonhard zur Herpetologie (Schlangenkunde) des 16. und 17. Jahrhunderts setzt viel Kontext voraus, der hier fehlt; der von Sebastian Schönbeck zu den Interferenzen zwischen Mythologie, Metaphorik und Mikrozoologie im späten 18. Jahrhundert wendet die von ihm im ersten Teil erarbeiteten Ergebnisse in einem zweiten nur sehr kurz und skizzenhaft an.

Einzig der gegen Ende angefügte Kommentar steht etwas quer zu den übrigen Aufsätzen. Mieke Roscher versucht hier, das Verhandelte noch einmal speziell aus der Perspektive der "Human-Animal-Studies" (245) zu perspektivieren und gibt dabei einen kompakten Überblick über den Stand dieses Forschungsfeldes, den sie mit einer an Bruno Latour anschließenden Differenzierung unterschiedlicher animalischer Agency-Konzepte abrundet. Der Anschluss dieser Perspektive an den vorliegenden Sammelband kann dann aber nur in Form einer relativ allgemein gehaltenen Frage erfolgen, nämlich "wie die Praktiken, die zwischen Dingen, Tieren und Menschen ablaufen, sich jeweils auf die Nutzung von Dingen, auf das Leben von Mensch und Tier auswirken" (252), da die einzelnen Beiträge die von Roscher angesprochenen Konzepte wenn überhaupt, dann nur implizit bedienen. Die Position dieses Textes im Sammelband dürfte sich wohl durch die Entstehung aus einer Tagung erklären, wo ein solcher Aufruf zu neuen Fragestellungen durchaus üblich ist. Für einen wirklich funktionalen Einbezug einer dezidierten Animal-Studies-Perspektive in die Wissenschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit muss wohl noch ein anderes Buch geschrieben werden.

Das ist aber auch kein Schaden, weil die vorliegenden Beiträge gute Grundlagen darstellen, um Schlaglichter in die Naturgeschichte zu werfen und auf dieser Basis selbst weiterzugehen. Da sie aber in ihrer Kürze und Ausschnitthaftigkeit immer einiges voraussetzen, sollte der Band nicht für sich allein stehengelassen werden, sondern immer in einen breiteren Kontext eingebettet. Aber wofür gälte das nicht?


Anmerkung:

[1] Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt a.M. 1974 (frz. Original: Les Mots et les choses. Une archéologie des sciences humaines, Paris 1966).

Tobias Winnerling