Rezension über:

Jeremy Cohen: A Historian in Exile. Solomon ibn Verga, Shevet Yehudah, and the Jewish-Christian Encounter (= Jewish Culture and Contexts), Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2017, VIII + 248 S., ISBN 978-0-8122-4858-6, USD 65,00
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Rezension von:
Sina Rauschenbach
Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft, Universität Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Sina Rauschenbach: Rezension von: Jeremy Cohen: A Historian in Exile. Solomon ibn Verga, Shevet Yehudah, and the Jewish-Christian Encounter, Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 5 [15.05.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/05/30708.html


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Jeremy Cohen: A Historian in Exile

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Solomon ibn Vergas Shevet Yehudah (das Zepter / die Geißel Judas) ist eine der wichtigsten Darstellungen zur jüdischen Geschichte, die aus dem 16. Jahrhundert erhalten sind. In 64 Abschnitten beschreibt Ibn Verga Verfolgungen und Beschuldigungen, die seit der Antike gegen jüdische Gemeinden in unterschiedlichen christlichen und islamischen Kontexten erhoben wurden. Ein deutlicher Schwerpunkt liegt dabei auf dem Schicksal der iberischen Juden, deren Vertreibungen und Zwangstaufen am Ende des 15. Jahrhunderts auch Ibn Verga und seine Familie zum Opfer fielen. Von anderen zeitgenössischen Chroniken unterscheidet sich Shevet Yehudah dadurch, dass Ibn Verga nach der "natürlichen Ursache" für den Hass fragt, den die Völker überall auf der Welt gegen die Juden hegen, und nicht die Beziehung zwischen Mensch und Gott, sondern diejenige zwischen Mensch und Mensch zum Mittelpunkt jüdischer Geschichte macht. Shevet Yehudah ist auf Hebräisch geschrieben und richtet sich an jüdische Leser, die aus der Erkenntnis der genannten Ursachen lernen, Konsequenzen ziehen und dabei bisweilen auch ihr eigenes Verhalten kritisch hinterfragen sollen. Seit dem 17. Jahrhundert wurde es zu einem jüdischen Bestseller und erschien in zahlreichen Neuauflagen und Übersetzungen. Im 20. und 21. Jahrhundert hat Shevet Yehudah vor allem wegen der Religionsgespräche Beachtung gefunden, die Ibn Verga unter seine Beschreibungen von Verfolgungen gemischt hat. Eines dieser Religionsgespräche enthält eine frühe und bisher noch viel zu wenig bekannte jüdische Fassung der Ringparabel.

Fakt und Fiktion, die bei Ibn Verga ständig ineinander übergehen, haben moderne Übersetzungen und kritische Editionen von Shevet Yehudah erheblich erschwert. Yosef Hayyim Yerushalmi, der Shevet Yehudah zu einem Schlüsselwerk neuer jüdischer Geschichtsschreibung nach 1492 erklärt hat, hat an einer ersten englischen Übersetzung gearbeitet, konnte diese jedoch vor seinem Tod nicht abschließen. Umso größer ist das Verdienst von Jeremy Cohen, des großen Spezialisten für jüdisch-christliche Begegnungen in der mittelalterlichen iberischen Welt, der nicht nur an der Fertigstellung der unabgeschlossenen Übersetzung Yerushalmis arbeitet, sondern auch die erste größere Monografie vorgelegt hat, die sich ausschließlich mit Ibn Verga und der Frage nach den grundlegenden Positionen und Ordnungsprinzipien des Shevet Yehudah beschäftigt.

Cohen, der Shevet Yehudah nicht nur als "treasure trove for the historian" (3) bezeichnet, sondern auch als Werk, das auf eindrückliche Weise mittelalterliche und frühneuzeitliche Denkwelten miteinander verbinde, gliedert seine Darstellung in sieben Kapitel, die durch inhaltliche Schwerpunkte und forschungsrelevante Kernthemen bestimmt sind. Um sein Buch auch für Leser lesbar zu machen, die mit Shevet Yehudah nicht vertraut sind, beginnt Cohen seine Kapitel mit langen Paraphrasen oder Zitaten der jeweils relevanten Abschnitte, die er in der Folge analysiert und kontextualisiert. Mehrere Tabellen verschaffen Übersichtlichkeit über unübersichtliche Anordnungen innerhalb des Shevet Yehudah selbst (z.B. 10-17; 94-97).

Inhaltlich sind die einzelnen Kapitel eng miteinander verbunden. Im ersten Kapitel werden religiöse Debatten und Disputationen in den Blick genommen. Cohens Feststellung, dass Ibn Verga zwar mit zentralen theologischen Streitthemen vertraut sei, es aber vermeide, auf sie einzugehen und sich stattdessen eher menschlichen Verhaltensweisen und zwischenmenschlichen Begegnungen in den jeweiligen Disputationen widme, leitet über zum zweiten Kapitel, das Ibn Vergas Beschreibung der Disputation von Tortosa (1413-1414) gewidmet ist. Cohens Analyse von Ibn Vergas Kritik am Verhalten der christlichen und jüdischen Teilnehmer in dieser Disputation wird fortgeführt im dritten Kapitel, das sich Diskrepanzen zwischen Talmud und Talmudlektüre widmet. Wie Cohen eindrucksvoll deutlich macht, muss Ibn Vergas Haltung dabei im Kontext innerjüdischer Kritik interpretiert werden, die vor Konsequenzen für das Judentum und die jüdisch-christlichen Beziehungen warnt, wenn unaufgeschlossene jüdische Gelehrte nicht bereit seien, zwischen universellen und zeitgebundenen Aussagen im Talmud zu unterscheiden (84-86). Ibn Vergas besonderes Interesse an menschlichen Reaktionen und zwischenmenschlichen Beziehungen wird auch deutlich in seinen Beschreibungen von Ritualmordanklagen, denen Cohen das vierte Kapitel seiner Darstellung widmet (98). Erwähnenswert, so Cohen, ist hier nicht zuletzt Ibn Vergas Schweigen zu bekannten Ritualmordprozessen wie Trient oder La Guardia (103), was ein weiteres Mal den emblematischen, pädagogischen Charakter von Shevet Yehudah zeige, vor dem die Bedeutung historischer Faktizität in den Hintergrund trete (118). Cohens fünftes und sechstes Kapitel widmen sich Ibn Vergas Haltung zu jüdischen Märtyrern und Konvertiten, die vor allem deshalb von Bedeutung ist, weil genau über die vermeintliche Präferenz von Märtyrertum im aschkenasischen und Konversion im sephardischen Judentum eine bis heute andauernde Forschungskontroverse existiert. Cohen relativiert diese Kontroverse, indem er aufzeigt, dass Märtyrererzählungen für Ibn Verga trotz seines sephardischen Hintergrunds eine Rolle spielen, gleichzeitig aber im Shevet Yehudah dominant in fremden Zeiten und Kontexten verortet sind, was von jüdischen Märtyrern in Ibn Vergas eigener iberischer Welt ablenken soll (127). Schließlich wird auch die Konversion bei Ibn Verga nur im äußersten Falle als verständliche Reaktion beschrieben, während Juden, die ohne Zwang konvertieren und sich in der Folge sogar zu Protagonisten antijüdischer Polemik entwickeln, des Verrats und des sinnlosen Bemühens, sich von ihren jüdischen Wurzeln abzuwenden, beschuldigt werden (149). Cohens siebtes und letztes Kapitel ist der Ordnung der Abschnitte und dem Aufzeigen einer programmatischen Einheit in Shevet Yehudah gewidmet, die sich um drei zentrale Themenbereiche rankt: a. Hass gegen Israel, b. Niedergang des jüdischen Volkes, c. Spannung zwischen jüdisch-christlicher Nähe und Abgrenzung (151). Diesen Themenbereichen übergeordnet wird schließlich Ibn Vergas Sehnsucht nach einem "post-polemical age in which Jews and Christians would forge relationships based on reason, common sense, and mutual respect" (175). Sie steht neben seiner Verankerung in der iberischen Kultur des 15. bis 16. Jahrhunderts, auf die auch schon andere Historiker vor Cohen hingewiesen hatten.

Insgesamt ist Cohen eine wichtige Darstellung mit vielen erleuchtenden Hinweisen für zukünftige Lektüren des Shevet Yehudah gelungen. Bereits die Unterteilung des sperrigen Werks in zentrale Themenblöcke ist von richtungsweisender Bedeutung. Ebenfalls beachtlich sind Cohens Analysen einzelner Abschnitte, die in diesem Falle nicht dem problematischen Zwang unterliegen, Fakt und Fiktion in den unterschiedlichen Narrativen auseinanderzudividieren, sondern stattdessen auf die pädagogische Dimension der Darstellung hinweisen und sie im Kontext zeitgenössischer jüdischer und christlicher Denkwelten erschließen. Etwas schwerfällig gestaltet sich die Lektüre durch die langen Paraphrasen wirklich aller relevanten Abschnitte des Shevet Yehudah, die in Anbetracht der angekündigten englischen Übersetzung vielleicht nicht nötig gewesen wären. Hier wäre eine größere Konzentration auf die konkret zu analysierenden oder auf exemplarische Schilderungen Ibn Vergas hilfreich gewesen. An der Bedeutung von Cohens Buch schmälert dies jedoch nichts, und es ist zu hoffen, dass dieses Buch (zusammen mit der folgenden Übersetzung) zu einer neuen Aufmerksamkeit für einen Autor beiträgt, der auch denjenigen, die sich nicht mit jüdischer Historiografie beschäftigen, eine Menge und weit mehr zu sagen hat, als bisher bekannt ist.

Sina Rauschenbach