Rezension über:

Robin Osborne: The Transformation of Athens. Painted Pottery and the Creation of Classical Greece, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2018, XX + 285 S., zahlr. Abb., ISBN 978-0-691-17767-0, GBP 41,95
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Rezension von:
Nikolaus Dietrich
Institut für Klassische Archäologie, Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Nikolaus Dietrich: Rezension von: Robin Osborne: The Transformation of Athens. Painted Pottery and the Creation of Classical Greece, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 2 [15.02.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/02/31466.html


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Robin Osborne: The Transformation of Athens

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Das Buch des herausragenden Cambridger Althistorikers Robin Osborne befasst sich zentral mit den Bildern, die athenische Luxuskeramik des 6. und 5. Jh. v. Chr. schmücken. Dabei konzentriert er sich vor allem auf den Wandel, den man zwischen der spätarchaischen Zeit um 500 v. Chr. und der klassischen Zeit um die Mitte des 5. Jh.s v. Chr. sowohl bezüglich der Wahl der Bildthemen als auch bezüglich der Weise, wie diese konkret umgesetzt werden, beobachten kann. Osborne geht also der traditionsreichen Frage nach, wie sich das Aufkommen des in der europäischen Geistesgeschichte vielbeschworenen 'klassischen Griechenlands' anhand des Wandels der Kunst nachzeichnen lässt. Dabei wendet er sich jedoch gegen den traditionellen Diskurs um die sog. 'Greek Revolution', welche vor allem im Aufkommen eines naturalistischen Stils bestanden habe. R. Osborne beschäftigt sich dagegen mit dem Inhalt der Bilder, mit deren Ikonographie, und dies ohne der Frage nachzugehen, ob klassische Vasenbilder die Welt nun wirklichkeitsgetreuer darstellen würden als archaische Vasenbilder, sondern mit dem Ziel, zu verstehen, wie die Vasenmaler und ihre Kunden die Welt mit der Wende zur Klassik anders gesehen haben.

Dafür wählt sich Osborne die Bildthemen heraus, in denen sich die Wertewelt der Polis Athen besonders intensiv spiegelt: das Gymnasium als Ort der Pflege des ebenso schönen und tüchtigen männlichen Körpers, Kampf und Krieg als Ort der Bewährung ebenjener Körper der Männer, die erotische Begegnung von Mann und Frau oder Mann und Mann, die Pflege der Beziehung zu den Göttern (Opferhandlungen usw.) und schließlich das gemeinsame Trinkgelage der Männer (das Symposion), für welches die meisten attischen Luxuskeramikgefäße hergestellt wurden. Für all jene Bildthemen, die jeweils in einem eigenen Kapitel behandelt werden, zeigt Osborne immer wieder ähnliche Tendenzen des Wandels auf: Die handlungsreichen Bilder der Spätarchaik, die oftmals atypisches, teils normwidriges Verhalten zeigen, weichen ruhigeren Bildern, in denen es weniger darum geht, was die Figuren tun, als darum, wer/was sie sind. Die neuen Bilder der Klassik machen somit stets auch dem Betrachter ein Identitätsangebot, wie es Osborne als eine seiner Hauptthesen immer wieder hervorhebt.

Entgegen vielen (insbes. deutschsprachigen) Versuchen der 80er und 90er Jahren, die Veränderung der Bilder vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung zu betrachten, finden sich bei Osborne keine reflexartigen und eindimensionalen Argumentationslinien, die alles und jedes wahlweise mit dem Aufkommen der Demokratie oder den Perserkriegen in Verbindung bringen wollen, und die jüngst in W. Filsers (mit dem hier rezensierten Buch thematisch eng verwandten) Monographie zur attischen Elite in der Vasenmalerei einer Grundsatzkritik unterzogen wurden. [1] Dieser Versuchung direkter Verbindung von Ereignis- und Kunstgeschichte erteilt Osborne eine klare Absage und gibt damit einem intensiven Eingehen auf die Bilder gebührend Raum [2], was viele überraschende Beobachtungen und innovative Perspektiven zur Folge hat.

Osborne gerät mit seinen Charakterisierungen des Wandels der Bilder in der Klassik dagegen in die Nähe älterer Formen der Auseinandersetzung mit griechischer Kunst aus der Zeit vor der 'sozialgeschichtlichen Wende' klassisch archäologischer Bildwissenschaft in den 70er und 80er Jahren: jene eher als 'geistesgeschichtlich' zu bezeichnenden und in Hegelianischer Tradition stehenden Versuche, das Wesen einer Epoche an ihrer Kunst abzulesen, im Rahmen derer ähnliche Phänomene des Wandels, wie sie Osborne identifiziert, bereits intensiv diskutiert wurden (etwa unter dem Stichwort der 'klassischen Beruhigung'). Diese durchaus erstaunliche Verwandtschaft zwischen Osbornes beschwingt geschriebenem Buch und derartiger heutzutage eher durch schwerfällige und schwülstige Sprache befremdende und daher vielleicht teils unterschätzte archäologisch-kunstgeschichtliche Literatur wird im Buch leider nicht selbst zum Thema gemacht.

Dieser Kritikpunkt kann den Wert der Monographie, die durch intelligente Analysen, die Vielfalt der berücksichtigten Aspekte, einen Blick für das Wesentliche und einen höchst ansprechenden Stil besticht, nur marginal schmälern. Dem eigenen Anspruch, mit diesem Buch die Kunstgeschichtsschreibung - welche sich bisher nur für Stilgeschichte interessiert habe - zu revolutionieren, kann das Buch dennoch nicht gerecht werden. Schließlich ist die inhaltliche Dimension von 'Kunst' und ihrer Geschichte bereits mit E. Panofsky im mittleren 20. Jh. wieder auf den Plan gerufen worden, ebenso wie die Wende weg von der Stilanalyse und hin zur inhaltlichen Deutung auch in den archäologischen Bildwissenschaften schon längst stattgefunden hat, und das Pendel derzeit eher noch am Zurückschwingen ist.


Anmerkungen:

[1] W. Filser: Die Elite Athens auf der attischen Luxuskeramik, Berlin 2017.

[2] Der grundlegende Gegenentwurf zu einer historischen Deutung des Wandels der Bilder, den S. Muth mit ihrer dezidiert bild-medialen Perspektive auf den Wandel von Gewaltikonographien in der attischen Vasenmalerei vorgelegt hat (S. Muth: Gewalt im Bild. Das Phänomen der medialen Gewalt im Athen des 6. und 5. Jahrhunderts v. Chr., Berlin 2008), welchen man durchaus als konsequente Fortführung eines sich Einlassens auf die Bilder ansehen könnte, wird von Osborne leider nicht intensiv rezipiert, sondern einigermaßen pauschal zurückgewiesen (siehe Anm. 33 auf Seite 93).

Nikolaus Dietrich