Rezension über:

Sabine Pannen: Wo ein Genosse ist, da ist die Partei! Der innere Zerfall der SED-Parteibasis 1979-1989 (= Kommunismus und Gesellschaft; Bd. 7), Berlin: Christoph Links Verlag 2018, 358 S., 8 s/w-Abb., ISBN 978-3-96289-004-9, EUR 40,00
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Rezension von:
Bertram Triebel
Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Bertram Triebel: Rezension von: Sabine Pannen: Wo ein Genosse ist, da ist die Partei! Der innere Zerfall der SED-Parteibasis 1979-1989, Berlin: Christoph Links Verlag 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 4 [15.04.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/04/31400.html


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Sabine Pannen: Wo ein Genosse ist, da ist die Partei!

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Die DDR-Forschung war lange von einem Kuriosum gekennzeichnet. Obwohl die SED die bestimmende politische Kraft in der DDR war, hat vor allem die Entwicklung der Partei nach 1961 wenig Beachtung gefunden. Erst in den vergangenen Jahren hat sich die Wissenschaft verstärkt mit der Geschichte der Staatspartei nach dem Mauerbau beschäftigt, etwa mit der Arbeitsweise des Zentralkomitees und der Herrschaftspraxis der Sekretäre in den Kreisen und Bezirken. Nun hat Sabine Pannen ein Buch über die SED-Basis in den 1980er-Jahren veröffentlicht.

In ihrer gedruckten Dissertation geht Pannen zum einen der Frage nach, was die Mitglieder mitunter jahrzehntelang in der SED hielt. Zum anderen untersucht sie die Gründe für die massenhaften Austritte im Herbst 1989. Dafür konzentriert sich die Autorin auf das Parteileben in den Industriebetrieben, das sie schwerpunktmäßig anhand der Grundorganisation im Stahlwerk Brandenburg in den Blick nimmt. Um dem Alltag der SED-Mitglieder näher zu kommen, hat Pannen Zeitzeugeninterviews geführt sowie Akten der SED und Stimmungsberichte der Staatssicherheit ausgewertet.

Die Arbeit ist schlüssig in vier thematische Kapitel gegliedert. Der erste Abschnitt vermittelt einen Überblick über die Basis der SED Ende der 1970er-Jahre und den Aufbau der Parteiorganisation im Stahlwerk. Dabei resümiert Pannen bekannte Tatsachen wie die ideologisch gefärbte Mitgliederstatistik und die Existenz verschiedener Generationen unter den Mitgliedern, die sie etwas unscharf als "Milieus" bezeichnet.

Neue Akzente setzt die Autorin im zweiten Kapitel, das sich mit dem Parteileben und seinen Bindungskräften beschäftigt. Förderlich für den Zusammenhalt war die auf Integration bedachte Mitgliederpolitik der SED-Führung nach Stalins Tod. Pannen legt plausibel dar, wie sich repressive Instrumente wie Parteiverfahren und der Umtausch der Parteidokumente seit Mitte der 1950er-Jahren wandelten. Stand bis dahin der Ausschluss der Mitglieder im Vordergrund, ging es nun um deren Erziehung und Mobilisierung.

Die Mitglieder in den Betrieben banden sich in der Ära Honecker vor allem aus sozialen und weniger aus politischen Motiven an die SED. Diese Sicht verdeutlicht Pannen unter anderem anhand der Mitgliederversammlungen. Statt über allgemeine politische Probleme zu diskutieren, nutzten die Anwesenden die Versammlung häufig, um alltägliche Probleme zu benennen. Damit einher ging die Erfahrung, dass der Parteiapparat die Missstände anschließend beseitigte.

Darüber hinaus erläutert die Autorin die besondere Rolle der SED für führende Mitarbeiter in den Betrieben. Sie engagierten sich häufig in den Parteiorganisationen, um ihre Aufstiegschancen zu erhöhen. Zudem konnten sie über Parteikanäle besser die Interessen ihrer Abteilung durchsetzen. Aber auch die SED profitierte von den leitenden Angestellten, mit deren Autorität sich die Mitglieder stärker einbinden ließen.

Anschließend arbeitet die Autorin "Konfliktfelder" an der Parteibasis in den 1980er Jahren heraus. An dieser Stelle weitet sie auf Grundlage von Stimmungsberichten der Staatssicherheit die Perspektive, und die Situation im Stahlwerk tritt in den Hintergrund, was der Arbeit ein wenig die Stringenz nimmt. Für Streit unter den Mitgliedern sorgten - wie im Rest der Bevölkerung - unter anderem "Versorgungsfragen". Entsprechende Diskussionen beleuchtet Pannen anhand der "Kaffeekrise" im Jahr 1977 und der Vorstellung des neuen Wartburg-Modells im Spätsommer 1988. Für Spannungen sorgte auch die Politik der "Westöffnung", die die SED-Führung seit den 1970er-Jahren betrieb. So gestattete man den Besitz von D-Mark in der DDR und lockerte die Bestimmungen für Reisen in die Bundesrepublik. Von diesen Maßnahmen profitierten allerdings längst nicht alle SED-Mitglieder. Diejenigen ohne Zugang zur D-Mark und ohne Kontakte nach Westdeutschland waren zunehmend frustriert. Mit ihrer größeren Offenheit gegenüber der Bundesrepublik spaltete die SED nicht nur die Mitgliedschaft, sondern beschädigte auch das viel beschworene Bild vom "Westen" als Feind des Sozialismus.

Die Unruhe an der Basis verstärkte sich durch die Reformpolitik Gorbatschows, wie Sabine Pannen zu Recht betont. Neben skeptischen Mitgliedern gab es viele, die die Vorschläge aus Moskau unterstützten. Sie zweifelten zunehmend an der SED-Spitze, die den sowjetischen Kurs ablehnte. Die Unzufriedenheit vieler Mitglieder war dann auch der Grund, warum sie ihre zentrale Aufgabe, die Politik der Partei im Alltag zu vermitteln, Ende der 1980er-Jahre kaum noch wahrnahmen. Zudem litt die Autorität der SED vor Ort darunter, dass die Parteileitungen immer seltener die vorgebrachten Probleme lösen konnten.

Daran anknüpfend schildert Pannen im letzten Teil ihres Buchs den rasanten Zerfall der SED-Basis im Herbst 1989. Verweigerten einige bereits beim Umtausch der Parteidokumente im September die Gefolgschaft gegenüber ihrer reformunwilligen Führung, so verließen im Zuge der landesweiten Demonstrationen mehr und mehr Mitglieder die SED. Daraus entstand ein Dominoeffekt: Je mehr Menschen austraten, vor allem Mitglieder in Leitungspositionen, desto unattraktiver wurde eine Parteimitgliedschaft. Auch der neue SED-Chef Egon Krenz gewann das Vertrauen nicht zurück; Diskussionen über die Privilegien von Parteifunktionären und allen voran der Mauerfall verstärkten den Aderlass an der Basis.

Mit ihrer gut lesbaren Studie widerlegt die Autorin überzeugend das Selbstbild der SED als "Avantgarde" in der DDR. Die SED war keine Partei, die außerhalb der Gesellschaft stand. Ihre Mitglieder verbanden mit dem Parteibuch handfeste Interessen. Daneben diskutierten sie über die gleichen Probleme wie die übrige Bevölkerung und entfremdeten sich darüber sukzessive von der SED-Führung. Derart unzufrieden unterstützten viele Genossen "ihre" Partei im Herbst 1989 nicht mehr, sondern verließen sie in Scharen.

Bertram Triebel