Rezension über:

Maike Priesterjahn / Claudia Schuster (Hgg.): Schwimmender Barock. Das Schiff als Repräsentationsobjekt (= Neue Berliner Beiträge zur Technikgeschichte und Industriekultur; Bd. 4), Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2018, 159 S., eine Kt., zahlr. Abb., ISBN 978-3-89809-153-4, EUR 24,00
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Rezension von:
Patrick Schmidt
Historisches Institut, Universität Rostock
Redaktionelle Betreuung:
Sigrid Ruby
Empfohlene Zitierweise:
Patrick Schmidt: Rezension von: Maike Priesterjahn / Claudia Schuster (Hgg.): Schwimmender Barock. Das Schiff als Repräsentationsobjekt, Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 5 [15.05.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/05/32985.html


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Maike Priesterjahn / Claudia Schuster (Hgg.): Schwimmender Barock

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Die Segelkriegsschiffe des 17. und frühen 18. Jahrhunderts frappieren moderne Betrachter und Betrachterinnen durch die Fülle ihrer Verzierungen. Menschen, die sich für historische Segelschiffe interessieren, ist dieses Charakteristikum wohlbekannt. In der historischen und kunsthistorischen Forschung hat "das Schiff als Repräsentationsobjekt" dagegen bislang relativ wenig Beachtung gefunden. Aus den letzten vier Jahrzehnten ist nur eine Handvoll einschlägiger Monografien zu verzeichnen. [1] Jüngst hat sich das Forschungsinteresse etwas verstärkt, was mit einer allgemeinen Hinwendung zur maritimen Geschichte zusammenhängen dürfte. [2] Zu dieser Konjunktur passt, dass das Deutsche Technikmuseum in Berlin die noch bis zum 13. Oktober 2019 laufende Ausstellung "Architectura navalis - schwimmender Barock" konzipiert hat. Das hier besprochene Buch ist der Begleitband zu dieser Ausstellung.

"Architectura navalis" - so lautet der Titel eines 1629 erschienenen Buches des Architekten und Mathematikers Joseph Furttenbach. [3] Maike Priesterjahn und Claudia Schuster, welche die Ausstellung kuratiert und den Begleitband herausgegeben haben, greifen diesen Buchtitel in programmatischer Absicht auf. Denn ihr begrüßenswertes Anliegen ist es, die Schiffsverzierungen in das Ensemble der Strategien barocker Herrschaftsrepräsentation einzuordnen. Im Vordergrund stehen für sie Fragen nach Wechselwirkungen zwischen der ästhetischen Gestaltung von Bauwerken an Land und von Schiffen. Letztere werden als schwimmende Architektur aufgefasst. Dabei gilt die Aufmerksamkeit primär der Gestaltung der Schiffshecks.

Die Herausgeberinnen führen im ersten Beitrag des Bandes, "Architectura navalis - Schwimmender Barock", in das Thema ein und formulieren die gerade benannte zentrale Hypothese des Bandes. Außerdem skizzieren sie eine Reihe historischer Kontexte. Mit dem Abschnitt "Schiffbau im Frankreich des Barock" kommen sie dann zum eigentlichen Thema des Buches: der als Architektur aufgefassten ästhetischen Gestaltung der Schiffe. Dieser wies Ludwig XIV. eine besonders prominente Rolle zu, indem er in den Marinearsenalen Abteilungen für Skulptur und Malerei schuf und Hofkünstler wie unter anderem Charles Le Brun beauftragte, Schiffsdekorationen zu entwerfen.

Jan Pieper gibt einen Überblick über 5000 Jahre Schiffbaugeschichte. Als Leitthema seines Aufsatzes "Vom Schiff zur schwimmenden Architektur" könnte man zugespitzt den Aufstieg und Niedergang der architektonischen Gestaltung von Schiffen bezeichnen: Bei den Galeonen des 16. Jahrhunderts habe mit Elementen wie Balkonen, Fensterreihen, Pilastern und Giebelprospekten die Architektur ihren Einzug in den Schiffbau gehalten, um in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts mit dem Übergang vom Spiegel- zum (runden) Kreuzerheck wieder aus ihr zu verschwinden.

Anke Fissabre eröffnet in ihrem Beitrag "Vom Schiff am Land oder von der Muschel zur Rocaille" eine spannende Perspektive, indem sie plausibel zu machen versucht, dass der Schiffbau gleichsam an der Wiege des Rokoko gestanden habe. Dafür sprechen für sie zunächst personelle Verbindungen, die sie am Beispiel des Künstlers François-Antoine Vassé (1681-1736) veranschaulicht. Zum Leitmotiv des neuen Stils wurde die Rocaille, ein asymmetrisch gestaltetes Muschelmotiv. Fissabre postuliert, dass die Anfänge dieses Motivs in den Marinewerften zu finden waren. Die Form der Schiffsrümpfe, die kaum einen rechten Winkel aufwiesen, nötigte und ermunterte Künstler dazu, Dekorelemente zu verkippen. Diese Neuerung machten sie, folgt man dieser Hypothese, später für die Architektur und das Möbeldesign fruchtbar.

In seinem zweiten Beitrag, "Die Herrschaftsikonographie der barocken Heckfassade", entschlüsselt Jan Pieper exemplarisch die Bildprogramme der Heckgalerien und Seitentaschen sechs französischer Kriegsschiffe des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Piepers Analyse verdeutlicht, wie eng die Bildprogramme in der Regel auf den regierenden Monarchen, also auf Ludwig XIV., bezogen waren. Das korrespondierte mit den Schiffsnamen, die jeweils für eine dem Herrscher zugeschriebene Eigenschaft oder Rolle standen: "L'Ambitieux" führte etwa den weitgreifenden - und natürlich als legitim behaupteten - Herrschaftsanspruch des Sonnenkönigs vor, "Le Terrible" seine Rolle als ein zum Wohl des Staates furchtbar strafender Monarch.

Der abschließende Beitrag von Markus Neuwirth, "Barock - Ethos, Macht und Sinne. Ursprünge des Epochenbegriffs", ist eher irritierend als bereichernd. Es handelt sich dabei um einen gelehrten, materialgesättigten Text, der in einem anderen Rahmen höchst anregend sein könnte. Doch die geistes- und rezeptionsgeschichtlichen Überlegungen Neuwirths dürften an den Bedürfnissen der meisten Leser und Leserinnen eines Ausstellungskatalogs über Barockschiffe eher vorbeigehen. Sinnvoller wäre an dieser Stelle eine für kunsthistorische Laien verständliche Einführung in die Architektur des Barock gewesen. Noch besser wäre es gewesen, die architektur- und kunsthistorische Perspektive, die in dem Band legitimer Weise vorherrscht, durch diejenige der maritimen Geschichte zu ergänzen. Dabei hätte beispielsweise das Spannungsverhältnis zwischen den der Herrschaftsrepräsentation dienenden Verzierungen und den nautischen und militärischen Erfordernissen der Schiffskonstruktion beleuchtet werden können.

Insgesamt bietet der mit zahlreichen Abbildungen in guter Qualität ausgestattete Band ein Seh- und Lesevergnügen. Es ist zu hoffen, dass es ihm gelingt, in der meist auf das Festland bezogenen Allgemein- und Kunstgeschichte ein größeres Interesse für die Schiffe des Barock zu wecken. In künftigen Studien könnten neben den großen Kriegsschiffen weitere Schnittpunkte zwischen Herrschaftsrepräsentation und der maritimen Welt in den Blick genommen werden - von der venezianischen Staatsgaleere "Il Bucintoro" bis zu den Aufführungen von Seeschlachten auf den Kanälen und Bassins von Schlossparks. Wünschenswert wäre es auch, den Blick über die Flotte Ludwigs XIV. hinaus zu weiten. Denn wenn wie in diesem Band vorausgesetzt wird, dass deren Schiffe die künstlerisch anspruchsvollsten überhaupt gewesen seien, läuft man möglicherweise Gefahr, die Selbstinszenierung des Sonnenkönigs zu perpetuieren. Wer Abbildungen oder Modelle britischer oder spanischer Kriegsschiffe dieser Epoche betrachtet, muss zu dem Schluss gelangen, dass die Repräsentationsfunktion bei ihnen ebenso stark ausgeprägt war wie bei Ludwig XIV.


Anmerkungen:

[1] Vgl. beispielsweise Gerhard Schober: Prunkschiffe auf dem Starnberger See. Eine Geschichte der Lustflotten bayerischer Herrscher, München 1982; Hans Soop: The Power and the Glory. The Sculptures of the Warship Wasa, Stockholm 1986; Justus Carolus Antonius Schokkenbroek: Kunst op het water. Nederlandse schepssier 1650-1850, Zutphen 1995; Hendrik Busmann: Sovereign of the Seas. Die Skulpturen des britischen Königsschiffes von 1637, Hamburg 2002.

[2] Vgl. Eugen Rickenbacher: Über den Wellen bin ich einzigartig. Das Skulpturenprogramm am Heck der Royal Louis (1668), Berlin 2013; Bernd Monath: Versailles der Meere. Die barocken Segelschiffe Ludwigs XIV. im Kontext ihrer Zeit, Berlin [2016].

[3] Joseph Furttenbach: Architectura navalis. Das ist von dem Schiff-Gebäw: Auf dem Meer vnd Seekusten zugebrauchen [...], Ulm 1629.

Patrick Schmidt