Rezension über:

Kenneth Dyson / Ivo Maes (eds.): Architects of the Euro. Intellectuals in the Making of European Monetary Union, Oxford: Oxford University Press 2016, XIX + 307 S., ISBN 978-0-19-873591-5, GBP 55,00
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Rezension von:
Bastian Knautz
Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Bastian Knautz: Rezension von: Kenneth Dyson / Ivo Maes (eds.): Architects of the Euro. Intellectuals in the Making of European Monetary Union, Oxford: Oxford University Press 2016, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 9 [15.09.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/09/30611.html


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Kenneth Dyson / Ivo Maes (eds.): Architects of the Euro

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Der Euro ist in der Krise. Die Folgen, so ist sich die Forschung einig, erschüttern die Europäische Union in ihrem Kern: Der Euro habe eine "fatale Sprengkraft" entwickelt, die enorme Zentrifugalkräfte freisetze und die Frage nach einem "deutschen Europa" reaktualisiere. [1] Die Diskussion um Konstruktionsfehler der Maastrichter Währungsunion ist jedenfalls in vollem Gange.

Diese Debatten nimmt der vorliegende Sammelband zum Anlass, um aus der Eurokrise heraus kritisch auf die Entstehungsgeschichte der Währungsunion von den 1960er Jahren bis zur Einführung des Euro 1999 zurückzublicken. Das Innovative liegt dabei weniger in der Thematik selbst als in der Auswahl von Akteuren und der Methode. Der Band macht erstmals den biographischen Ansatz für die Erforschung der Euro-Geschichte fruchtbar: Im Fokus stehen die biographischen und wirtschaftspolitischen Prägungen von zehn "Architekten" des Euro, "intellectuals in policy-making" im Schnittmengenfeld von Wirtschaftstheorie und konkreter Politik, "who played a leading role either in agenda setting or in clarifying and giving content to debates" (24). Vor allem die Vorstellungen der Akteure für eine nachhaltige europäische Währungspolitik und ihr Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung sind für die Analyse zentral. Der Sammelband enthält insgesamt zwölf Beiträge von zehn internationalen Expertinnen und Experten aus Ökonomie, Geschichts- und Politikwissenschaft und folgt, ohne weitere thematische Unterteilungen, einem chronologischen Aufbau. Positiv auf die Kohärenz wirken sich die beiden Beiträge der Herausgeber aus, die die biographischen Aufsätze rahmen.

Der einleitende Aufsatz führt in übergreifende Grundannahmen und Fragestellungen ein. Der Begründung der Wahl von Akteuren und der Methode folgt eine eingehende Analyse der Designfehler des Euro. Hierzu zählt für die Autorinnen und Autoren v.a. eine Asymmetrie zwischen Währungs- und politischer Union, die sich im Fehlen von Ausgleichsmechanismen im Krisenfall sowie einer als notwendig erachteten Wirtschafts- und Fiskalunion zeige. Diese Beobachtungen stellen zugleich den Bewertungsmaßstab dar, der im Folgenden an Ideen und Werk der Architekten angelegt wird; teleologische Tendenzen werden dabei explizit in Kauf genommen. Außerdem wird der Euro als Mischprodukt des Kampfes der gegensätzlichen Währungskulturen der "Monetaristen" und "Ökonomisten" aufgefasst. Diese Annahme prägt zugleich den Aufbau des Bandes; den beiden Flügeln kann der Großteil der biographischen Aufsätze zugeordnet werden.

Die Beiträge zu Robert Triffin (Ivo Maes/Eric Bussière), Robert Marjolin (Katja Seidel), Tommaso Padoa-Schioppa (Fabio Masini) und Alexandre Lamfalussy (Ivo Maes) bilden den monetaristischen "Block". Gemeinsam sei diesen Architekten, dass sie, weitgehend einem "schöpfungstheoretischen" Ansatz folgend, Währungskooperation als Basis einer weiter gefassten politischen Union ansehen. Dabei zeigen Maes/Bussière und Seidel auf, dass Triffin und Marjolin, der erste EWG-Kommissar für Wirtschaft und Finanzen (1958-1967), als Pioniere bereits Anfang der 1960er Jahre konkrete Pläne für eine europäische Währungsunion vorgelegt hatten, um das Weltwährungssystem von Bretton Woods (Triffin) bzw. den Binnenmarkt der EG (Marjolin) zu stabilisieren. Vor allem die Ideen Marjolins, so Seidel, seien mit ihrem Fokus auf Symmetrie und Politikkoordination auch aus heutiger Sicht noch sehr vielversprechend, Marjolin jedoch sei "the right man at the wrong time" (73) gewesen, da dessen Vorschläge in der Zeit, als das Weltwährungssystem noch funktionierte, kein Momentum entwickeln konnten. Während Padoa-Schioppa nach Masini in großer Nähe zur föderalistischen Tradition Altiero Spinellis die Währungsunion in erster Linie als "step towards greater political integration" (197) betrachtete, habe Lamfalussy aufgrund seiner Prägungen durch die lateinamerikanische Schuldenkrise und als Geschäftsbanker von Beginn an die mangelnde Budgetkoordination des Euro kritisiert, wodurch er, so Maes, eine frühe "Kassandra" der Eurokrise gewesen sei.

Dem stehen mit den Bundesbankpräsidenten Hans Tietmeyer (Kenneth Dyson) und Karl Otto Pöhl (Harold James) und mit Abstrichen dem französischen EG-Kommissar Raymond Barre (David Howarth) die "intellektuellen Macher" der ökonomistischen Position gegenüber. Sie folgen der "Krönungstheorie", wonach eine nachhaltige und stabilitätsorientierte Währungsunion der Endpunkt einer vollständigen Wirtschafts- und politischen Union sein sollte. Mit eben jener, für einen französischen Wirtschaftspolitiker eher ungewöhnlichen Betonung von Stabilitätspolitik als Grundlage von Währungskooperation habe der einflussreiche Barre, so illustriert Howarth, entscheidend geholfen, ordnungspolitische Ideen in Frankreich salonfähig zu machen und damit den deutsch-französischen Konsens in Maastricht überhaupt erst ermöglicht. Pöhl und v.a. Tietmeyer, tief geprägt vom Ordoliberalismus Walter Euckens, seien dagegen Zeit ihres Lebens eher "deeply suspicious about the whole exercise" (170) gewesen. Anschaulich zeigen Dyson und James auf, wie die beiden Ordnungspolitiker zwar aktiv in die Verhandlungen involviert, in den entscheidenden Phasen jedoch durch die politischen Kontexte (Wiedervereinigung) und Akteure (Delors, Kohl) ausmanövriert wurden, sodass sich ihre genuin stabilitätsorientierten Vorstellungen, abgesehen von der Ausgestaltung der Europäischen Zentralbank, nicht durchsetzten.

Zwischen den beiden Blöcken standen mit Pierre Werner (Elena Danescu), dem ehemaligen luxemburgischen Ministerpräsidenten und zentralen Akteur beim ersten Anlauf zur Währungsunion in den 1970er Jahren, Roy Jenkins (N. Piers Ludlow) und Jacques Delors (Dermot Hodson) ökonomisch versierte und politisch einflussreiche Brückenbauer, die, jeweils ohne einen detaillierten Plan für eine Währungsunion, in unterschiedlichen Kontexten durch den sie verbindenden Pragmatismus das politische Momentum nutzten, um das Währungsthema auf die Agenda zu setzen und die währungsideologischen Streitigkeiten in politische Kompromisse zu überführen. Dem damaligen EG-Kommissionspräsidenten Jenkins (1977-1981), so zeigt Ludlow beispielhaft und anschaulich auf, komme dabei besonderes Verdienst zu; er habe nach dem Scheitern des Werner-Plans und in der Phase der Eurosklerose Ende der 1970er Jahre das damals tote Währungsthema politisch wiederbelebt und damit dem Europäischen Währungssystem und der Schaffung des Euro den Weg bereitet.

Im abschließenden Essay gelingt es den Herausgebern, die zentralen und verbindenden Erkenntnisse herauszuarbeiten. So sei die Währungsunion nicht von heute auf morgen entstanden, sondern "result of a long process of gradual building on prior achievements" (256) gewesen. Allen Architekten sei, trotz unterschiedlicher wirtschaftspolitischer Grundüberzeugungen, die Kritik an der Maastrichter Währungsunion gemeinsam, die zu asymmetrisch konstruiert und von ihrer Mitgliederstruktur zu heterogen sei. Eben hier zeige sich jedoch, dass der Euro keine rein ökonomische Angelegenheit gewesen sei, sondern in erster Linie "inescapable cultural, moral, and political dimensions" (258) prägend waren, die dem Einfluss der Architekten klare Grenzen setzten.

Der vorliegende Band leistet einen wichtigen Beitrag zur historischen Erforschung des Euro, indem er die langen Linien der internationalen und nationalen wirtschaftspolitischen Debatten, die der Maastrichter Währungsunion vorausgingen, im Spannungsverhältnis von Wirtschaftstheorie und Währungspolitik gehaltvoll analysiert. Es wird deutlich, dass monetäre Kooperation seit den Anfängen kein Rand-, sondern Kernthema europäischer Einigung war. Der biographische Ansatz, unter Rückgriff auf neue Archivquellen und Interviews, erweist sich als produktiv und perspektiverweiternd. Positiv sind auch die analytische Rahmung durch Einleitungs- und Fazitbeitrag sowie das hilfreiche Sach- und Personenregister. Kritisch kann hingegen die genuin teleologische Ausrichtung des Bandes angemerkt werden. Die Qualität der Aufsätze variiert, einzelne haben einen etwas zu technischen bzw. ereignisgeschichtlichen Charakter. Eine stärkere Einbeziehung der historisch-politischen Kontexte wäre insgesamt wünschenswert gewesen. Dennoch überwiegen die positiven Aspekte. Das Buch sei allen thematisch Kundigen herzlich empfohlen, die nach neuen Perspektiven und Erkenntnissen zur Vorgeschichte von Euro und Eurokrise Ausschau halten.


Anmerkung:

[1] Dominik Geppert: Ein Europa, das es nicht gibt. Die fatale Sprengkraft des Euro, Berlin u. a. 2013; Ulrich Beck: Das deutsche Europa. Neue Machtlandschaften im Zeichen der Krise, Berlin 2012.

Bastian Knautz