Rezension über:

Thomas Falmagne / Dominique Stutzmann / Anne-Marie Turcan-Verkerk: Les cisterciens et la transmission des textes (XIIe-XVIIIe siècles) (= Bibliothèque d'Histoire Culturelle Du Moyen Âge; 18), Turnhout: Brepols Publishers NV 2018, 568 S., 1 Beilage, 19 Farbabb., ISBN 978-2-503-55305-4, EUR 95,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Ralf Lützelschwab
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fischer
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Lützelschwab: Rezension von: Thomas Falmagne / Dominique Stutzmann / Anne-Marie Turcan-Verkerk: Les cisterciens et la transmission des textes (XIIe-XVIIIe siècles), Turnhout: Brepols Publishers NV 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 9 [15.09.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/09/32214.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Thomas Falmagne / Dominique Stutzmann / Anne-Marie Turcan-Verkerk: Les cisterciens et la transmission des textes (XIIe-XVIIIe siècles)

Textgröße: A A A

In den 18 Beiträgen des vorliegenden Bandes, der sich als "premier défrichage d'un terrain quasiment inexploré" (15) versteht, wird sowohl nach der Rolle der Zisterzienser im Bereich der Textüberlieferung als auch - damit eng verbunden - nach ihrer "conscience philologique" (7) gefragt. Der dabei behandelte Zeitraum reicht vom 12. Jahrhundert bis zum Ende des Ancien Régime. Die in drei große Abschnitte gegliederte Aufsatzsammlung (I. De l'atelier de production aux collections de livres; II. La bibliothèque cistercienne au carrefour des cultures; III. Pratiques de lecture) ist als Fortsetzung eines bereits 2012 erschienenen Bandes zu sehen, in dem den Verbindungen der spätmittelalterlichen Zisterzienser zur Welt der Universitäten in all ihrer Dynamik nachgespürt worden war. [1]

Das Konzept der zisterziensischen uniformitas wird bereits seit längerem in Frage gestellt, und nahezu jeder Beitrag in vorliegendem Band demonstriert eindrücklich, weshalb dem so ist. Zisterzienser mögen sich als Theoretiker dieser uniformitas gerieren, als Individuen handeln sie freilich außerordentlich zielorientiert und effizient. Dies wird nicht zuletzt durch ihre Verankerung vor Ort möglich: Zisterzienser operieren vornehmlich lokal, ihre Netzwerke konstituieren sich zuallererst auf dieser Ebene. Auf einige Beiträge sei in der Folge näher eingegangen.

Benoît-Michel Tock richtet seinen Blick auf das Skriptorium der Abtei Vaucelles (Le Scriptorium et la bibliothèque de l'abbaye de Vaucelles au XIIe siècle. Un nouveau regard sur le Scriptorium de Vaucelles, 21-35). Nur wenig ist über die Bibliothek des 1132 von Clairvaux aus gegründeten Klosters bekannt: sieben Handschriften (vgl. zu einer Auflistung 31) haben die Zeitläufte überdauert, von denen zumindest sechs dem Skriptorium von Vaucelles zugewiesen werden können. Ein Neufund erweitert diese Quellenbasis nun. Die um 1180 verfasste Fundatio abbatiae de Valcellis enthält Anmerkungen zur Klostergeschichte unter dem ersten Abt Raoul de Marston (1132-1151). [2] Darin findet sich eine Liste mit 107 Namen von Mönchen, die während seines Abbatiats ins Kloster eingetreten sind. Der Mehrwert für die Erforschung des Skriptoriums ergibt sich dabei aus der Tatsache, dass die Liste über Namen und (manchmal) Herkunftsort hinaus auch auf die Funktion des jeweiligen Mönchs und - sollte er das Amt des Schreibers ausgeübt haben - auf die von ihm kopierten Werke eingeht. Es handelt sich um eine unvollständige Liste der im Skriptorium zwischen 1132 und 1151 kopierten Werke. 14 Mönche sind als Schreiber nachweisbar. Über die Ausgestaltung der Handschriften oder ihre Aufbewahrung verlautet nichts: Informationen betreffen lediglich deren Titel. Autoren der griechisch-römischen Antike finden sich ebenso wenig wie mittelalterliche Texte profanen Inhalts. Die Präsenz von Werken des Beda Venerabilis ist auffällig und hängt wohl mit dem "tropisme anglais de l'abbaye de Vaucelles" (29) zusammen. Der Großteil der Codices deckt den Themenbereich "Theologie-Spiritualität-Exegese" ab. In etwas über 30 Jahren war es den Mönchen in Vaucelles gelungen, eine Bibliothek aufzubauen, die wohl rund 100 Titel umfasste. Das Gros der Bände entstammte dabei nicht Schenkungen, sondern eigener Schreibertätigkeit. Welchem Zweck diente eine solche Liste? Tock vermeidet letztgültige Antworten, verweist aber auf einen Gedanken, der von François Dolbeau ins Spiel gebracht worden war, nämlich die "mémoire presque liturgique des scribes" (24).

Xavier Hermand widmet sich in seinen Ausführungen einer Zeit und Region, die innerhalb der Zisterzienserforschung noch immer nicht den Platz gefunden hat, der ihr eigentlich gebührt: den südlichen Niederlanden im 15. Jahrhundert (Scriptoria et bibliothèques dans les monastères cisterciens réformés des Pays-Bas méridionaux au XVe siècle, 179-126). In diesem Raum setzten im 15. Jh. Reformanstrengungen ein, die in der Gründung von fünf neuen Männerklöstern in Brabant und dem Namurois mündeten: Nicelles, Boneffe, Le Jardinet, Moulins, Rochefort. Wie konstituierten sich die ersten Bibliotheken dieser neuen Klöster? Neben einer Grundausstattung, die vom Mutterkloster mitgegeben wurde, setzte man auf die Herstellung von Büchern vor Ort. Die Kopiertätigkeit war von immenser Bedeutung (vgl. hierzu eine Liste mit den in Le Jardinet nach 1441 kopierten Codices). Durch sie wurde der kulturelle Horizont ebenso bewusst geweitet (man denke etwa an die Specula des Vinzenz von Beauvais oder Exempelsammlungen), wie individuellen Interessen einzelner Mönche Rechnung getragen. Viele der hier gewonnenen Erkenntnisse stehen derart konträr zu dem, was aus derselben Zeit aus Frankreich und Italien bekannt ist, dass die Frage erlaubt sei, ob durch eine systematische Neuauswertung der Quellen für den französisch-italienischen Raum sich nicht auch hier das Bild ändern könnte?

Marie Anne Polo de Beaulieu widmet sich in ihrer Darstellung einer Textgattung, in der die Zisterzienser brillierten: dem Exempel (L'exemplarité cistercienne, 239-284). Ihre Hypothese, die Exempelliteratur der Zisterzienser verdanke sich krisenhaften Momenten im Orden selbst, ist ebenso provokant wie bedenkenswert. Drei Fragen werden behandelt: 1. um welche Sammlungen handelt es sich? Wie verbreitet und einflussreich waren sie?; 2. über welche Charakteristika verfügen diese Sammlungen der "ersten Generation"?; 3. welchen Einfluss übten ab dem 14. Jahrhundert die Mendikanten auf die Exempel-Produktion der Zisterzienser aus? Eine starke Präsenz mündlicher Quellen in frühen zisterziensischen Exempla ist unverkennbar: die Diversität dessen, was von Brian P. McGuire einst als "monastische Folklore" charakterisiert wurde, weitete den Horizont über die eigenen Klostermauern hinaus: Verweise auf Kreuzzüge und Wunderheilungen von Laien spielten eine immer größere Rolle im spirituellen Leben der Mönche und in der Ausbildung der Novizen. Im späten Mittelalter sind verstärkt Exempelsammlungen mendikantischer Provenienz in Zisterzienserbibliotheken nachweisbar. Dies hatte Auswirkungen auf die eigene "Produktion", was anhand von zwei Beispielen demonstriert wird: 1. dem Liber lacteus (kompiliert 1263-1325) und 2. dem Sertum florum moralium (kompiliert 1346 in Paris). Das interne Verweissystem und die Indexgestaltung präsentieren sich jetzt ähnlich elaboriert wie bei den Bettelorden. Sie machen diese Sammlungen zu wichtigen Hilfsmitteln bei der Predigtvorbereitung. Einige nützliche Anhänge in Listenform sind für weitere Forschungen auf diesem Gebiet unentbehrlich (1. Die wichtigsten zisterziensischen Exempelsammlungen; 2. Präsenz möglicher literarischer Vorbilder (unter Einschluss orientalischer Quellen) für diese Sammlungen in Zisterzienserbibliotheken; 3. Verbreitung mendikantischer bzw. nicht-mendikantischer Exempelsammlungen in Zisterzienserbibliotheken).

Auf die Rolle der Zisterzienser bei der Bewahrung und Weitergabe volkssprachigen schriftlichen Erbes geht Natalia Petrovskaia am Beispiel von Wales ein (Les cisterciens transmetteurs de littérature vernaculaire, 355-377). Deutlich wird, wie stark die Zisterzienser in Wales am kulturellen und politischen Leben partizipierten (und sich damit gerade im Bereich der Buchproduktion über Bestimmungen der Generalkapitel hinwegsetzten). Sie fungierten als "patrons de bardes" (364) und fühlten sich offensichtlich zur Bewahrung eines Großteils des walisischen Literaturcorpus berufen.

François Dolbeau liefert mit seinen Ausführungen zu den Tischlesungen einen der originellsten und anregendsten Beiträge des gesamten Bandes (À propos des lectures de table. Présentation de trois calendriers cisterciens renvoyant à des légendiers, 401-435). Nachgegangen wird dabei der Frage quae sunt legenda...et ubi sint invenienda. Die entsprechenden Bücher bildeten in vielen Klöstern eine Art Sonderbestand, der biblische Bücher, Heiligenleben und Väterliteratur umfasste. Mit Blick auf die Leselisten ad prandium stechen drei Dinge ins Auge: 1. sie sind äußerst selten; 2. stammen zumeist aus benediktinischem Kontext; 3. keiner der auf den Listen enthaltenen Texte datiert vor 1200.

Dolbeau richtet den Blick auf drei zisterziensische Kalendarien aus Longpont, Mortemer und einer bisher unidentifiziert gebliebenen Abtei aus dem Yorkshire (die mit guten Gründen mit Fountains identifiziert wird), in denen sich Hinweise auf die Literatur finden lassen, die im Refektorium gelesen werden sollte. Eine Edition der entsprechenden Leselisten findet sich im Anhang (424-435) und zeugt vom Siegeszug der Legenda aurea auch in zisterziensischen Klöstern.

Weiteres anregendes Material findet sich in den Beiträgen von Christoph Egger (Reading, thinking and writing in Heiligenkreuz. Manuscript traces of an early fourteenth-century monastic intellectual, 437-452) und Monica Brinzei / Christopher Schabel (Les cisterciens et l'Université. Le cas du commentaire des Sentences de Conrad d'Eberbach (†1399), 453-486). Während ersterer den Lesespuren nachgeht, die ein anonymer Heiligenkreuzer Mönch in rund 70 Handschriften hinterlassen hat, fragen letztere nach den Quellen, die dem in zehn Handschriften überlieferten Sentenzenkommentar des Konrad von Eberbach zugrunde liegen und verorten ihn so innerhalb der zeitgenössischen theologischen und philosophischen Diskussionen. Ein Anhang mit den von Konrad in seinem Kommentar behandelten quaestiones (473-486) wird weitergehende Forschungen sicherlich vereinfachen.

Der Band, dem drei Indices (codicum/auctorum operumque/personarum) und 18 Farbtafeln hervorragender Qualität beigefügt sind, ist für weitergehende Forschungen auf diesem Gebiet zentral und wird seinen Wert auf lange Sicht hin behalten.


Anmerkungen:

[1] Thomas Falmagne: Les cisterciens et leurs bibliothèques (Histoire des livres 5), Troyes 2012.

[2] Foulques de Cambrai: Fundatio abbatiae de Valcelli, éd. p. Benoît-Michel Tock, Paris 2016.

Ralf Lützelschwab