Rezension über:

Sean Keller: Automatic Architecture. Motivating Form after Modernism, Chicago: University of Chicago Press 2017, VII + 179 S., 68 s/w-Abb., ISBN 978-0-226-49649-8, USD 45,00
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Rezension von:
Katharina Stolz / Christian Vöhringer
Institut für Architekturgeschichte, Universität Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Katharina Stolz / Christian Vöhringer: Rezension von: Sean Keller: Automatic Architecture. Motivating Form after Modernism, Chicago: University of Chicago Press 2017, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 9 [15.09.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/09/32863.html


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Sean Keller: Automatic Architecture

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Zweierlei lässt im Titel dieses Buches aufmerken, einerseits, dass sich da subjektlos Architektur von selbst, automatisch, vollziehe, andererseits aber doch wohl ein Akteur im Spiel sein muss, wenn es darum geht, Formen zu motivieren. Das Verhältnis zu Automaten ist in den Geistes- und Humanwissenschaften ein ambivalentes, von E.T.A. Hoffmanns Sandmann, über die écriture automatique bis hin zu beispielsweise Banksys Sich-selbst-zerstörendem-Kunstwerk. So lebt bei der Lektüre die Hoffnung fort, es möge sich um halbautomatische Prozeduren handeln, also Spielraum für menschliches Koproduzieren bleiben, was baukünstlerische Werke erlaubte. Gewiss, eine romantische Position, die aber Keller wohl teilt, der zwei Kapitel "Meistern" und ihren Werkprozessen widmet, Peter Eisenman und Frei Otto (Kapitel 2, 63-97 und 3, 99-146). Kapitel Eins hingegen beginnt bei der Architekturschule von Cambridge, zu der Eisenman zählte und die seit den späten 50er Jahren zugleich mit der in England späten Akademisierung der Architektenausbildung den Computereinsatz forcierte und methodologisch reflektierte.

Die Einführung Into the Automatic (1-15) geht Schlüsselbegriffen der Architektur als Wissenschaft des dritten Viertels des 20. Jahrhunderts nach und versucht so eine Problemgeschichte einer nicht mehr heroischen Moderne zu geben, die ihre Aktualität als transition zu heutigen computational methods erhält. Heute wie damals gehe es darum, eine holistische oder integrierte Architektursprache nicht nur als Intuition oder ästhetische Einstellung (attitude) zu fördern, sondern zum kompletten System fortzuentwickeln, das den Design-Prozess vollständig abbilde. Kellers Rekapitulation der Moderne und ihrer Auseinandersetzung mit Stilpluralismus und neuen Regelwerken ist pointiert. Sie dient der Exposition, wobei als Grundkonflikt die slowness der Baukunst in sich beschleunigender Globalisierung angesprochen wird. Unbestreitbar sind die vielerorts parallelen Bemühungen zu neuer mathematischer Begründung von Entwurfs- und Planungsmethoden, "that were rational, systematic, and transparent enough to be self-justifying [...] in some way automatic" (2f.). Hier wird der Titel bereits eingeschränkt, der dem Paradoxon geschuldet ist, dass Architekten nach wissenschaftlicher Erforschung anti-intuitive Werke planen, entwerfen und bauen, quasi-automatisch. In den 60er oder 70er Jahren konkurrierten andere Adjektive mit ähnlichem Anspruch, "spontaneous, self-generating, or computational" (4), aber obwohl weniger gebraucht, habe "automatisch" den Vorzug, das Unpersönliche wie das Prozedurale zu bezeichnen; und man möchte wegen der Erwähnung (und des Schlusses) mit Stanley Cavell anfügen: das Unheimliche, Uncanny, das auch Freud mit dem Sandmann verband. Einleitung und Schluss geben den Hauptkapiteln, die bis auf dasjenige über Frei Otto in anderer Form bereits als Aufsätze erschienen sind, einen wichtigen kunsttheoretischen Bezugsrahmen. [1]

1) Fenland Tech: Design Methods at Cambridge (17-62) folgt den namhaften Exponenten, Leslie Martin (und der Zeitschrift Circle: International Survey of Constructive Art), Colin Rowe, Lionel March und später Peter Eisenman und erwähnt weitere, denen Mathematisierung und akademische Selbständigkeit vorschwebte, also objektiv richtige Architektur (22). Detailliert werden die Änderungen des Lehrkonzepts am Werdegang Christopher Alexanders beschrieben, der zuerst eine strenge Mathematisierung als Teil von operations research verfocht, bevor harte Kritik, u.a. von Alan Colquhoun und Lionel March (49f), ihn zum Umdenken bewog, da zu viele wichtige Parameter nicht quantifizierbar waren. Die modernistische Annahme, Funktion und Ästhetik könnten in eins gehen, hatte sich nicht bewahrheitet. Kellers Fazit ist, dass March mit systems aesthetics wegweisend für die Generation von Freiform-Architekten wie Eisenman und Zaha Hadid gewesen sei, deren aesthetic of systems aber nur auf der jeweiligen Gebäudeebene gültig und geschlossen sei (62).

2) "The Logic of Form" setzt sich mit dem frühen Eisenman, seiner Dissertation 1963 und den houses I bis VI von 1975 auseinander, erörtert auch seine Quellen (Viktor Shklovsky, Rudolf Wittkower, Colin Rowe), einige sekundäre Literatur und insbesondere eine interessante Parallele mit dem strukturalistischen Denken Rosalind Krauss', auf welche die Kunstkritikerin (und -theoretikerin) 1977 selbst hingewiesen hatte (93f.). Ein gemeinsames Unwohlsein in der Moderne, das nach befreienden Verfremdungen, estrangements (Shklovsky 1925), verlange und sich abwende vom Formalismus der Nachkriegsjahre, der beherrscht wurde vom Malereidiskurs Clement Greenbergs - nur, lässt sich davon noch ein Spannungsbogen führen zu "automatic art", zu welcher Architektur hier stillschweigend in skulpturaler Betrachtung der autonomen Gebilde Eisenmans wurde? Die Paradoxie verbirgt sich Keller nicht, der von "anxieties of autonomy" spricht, denn gerade in den antihierarchischen Kunstbewegungen der 70er Jahre suchten einige Architekten nach maximaler Unabhängigkeit in zweckfreier, universalbegründeter Baupraxis.

3) Frei Ottos Forschungen zu Leichtbau- und Flächentragwerken haben in den vergangenen rund 50 Jahren seit der Entstehung des Expo-Pavillons in Montreal nichts an ihrer Relevanz eingebüßt. Keller beschreibt in "the politics of form finding: Frei Otto and postwar german architecture" (99-146) den Entwicklungsprozess, welchen seine Entwürfe durchliefen, bevor sie trotz ihrer immensen Komplexität baulich umgesetzt werden konnten. Er nennt als Vorbilder der Zeltstrukturen Buckminster Fuller, Cedric Price und die Archigram group. In diese Liste mitaufnehmen sollten wir die Brüder Heinz und Bodo Rasch, die in den 1920er Jahren erste hängende Konstruktionen entwarfen. Über diese Skizzen resümierte Otto, die "weitspannenden Stadien mit zeltartigen, an Seilen aufgehängten Dächern" hätten maßgeblich zur Entwicklung der neuen Bautypologie und letztlich zum Entwurf des Olympiadaches in München 1972 geführt. [2] Bodo Raschs pneumatische Konstruktionen der 1930er haben Ottos Konzept der "natürlichen Konstruktionen" maßgeblich beeinflusst. [3] In beiden Feldern steht weitere Archivarbeit an. Der Titel "form finding", den Keller für dieses Kapitel nutzt, beschreibt die multidisziplinäre Entwurfsarbeit sehr gut, Ottos Faszination an Experimenten, die dazu dienten, die physikalischen, biologischen und technischen Prozesse nachvollziehbar zu machen. Wie diese zu den Leichtbauarchitekturen Ottos führten, steht unserer Meinung nach jedoch im Gegensatz zur "automatischen Architektur" des Buchtitels. Vielleicht berührt es sogar den Bereich des heutigen "artistic research"?

Mit dem Schluss betritt Keller wieder das damalige kunsttheoretische Terrain. Cavells am Film entwickelter "automatism" [4] wurde als kritische Beschreibung des modernen künstlerischen Produktionsprozesses von Krauss als Denkfigur neu angeeignet: In einem bestehenden Medium würden durch medien- und selbstreflexive Akte automatisch je neue Medien erschaffen. [5] Ob dieser Deutungshorizont post-medialer Kunst das historische Nachdenken über jüngere und jüngste Architektur außerhalb eines kunsttheoretischen Diskurses produktiv ist, wird sich zeigen müssen - schließlich bleiben damit wissentlich und willentlich wichtige Aspekte unbeachtet. [6] Ohne Zweifel aber lohnen sich Kellers Versuche, die Prozesse und Methoden der nahen Vergangenheit in ihren Aspekten produktiver Antizipationen auch auf jüngst vergangene, derzeitige und kommende digitale Integrationen zu beziehen. "Automatic Architecture" - ein Fragezeichen hinter dem Titel wäre angebracht.


Anmerkungen:

[1] Sean Keller: Fenland Tech. Architectural Science in Postwar Cambridge, in: Grey Room 23 (2006), 40-65; ders.: The Anxieties of Autonomy. Peter Eisenman from Cambridge to House VI, in: Robin Schuldenfrei (ed.): Atomic Dwelling: anxiety, domesticity, and postwar architecture, New York 2012, 127-146; zu Frei Otto und Olympia 1972 ist eine Monographie bei Chicago UP angekündigt.

[2] BDA (Hg.): Der Architekt 5 (1993), 255.

[3] Otto Frei u.a.: Natürliche Konstruktionen. Constructions naturelles / Natural constructions, in: Bauen + Wohnen 32/4 (1978), 150ff. Online verfügbar unter: https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=buw-001:1978:32#232 (letzter Zugriff am 22.7.2019).

[4] Stanley Cavell: The World Viewed. Reflections on the Ontology of Film, New York 1971, 60.

[5] Rosalind Krauss: A Voyage on the Northern Sea, New York 2000; kritisch dazu bereits Diarmuid Costello: Automat, Automatic, Automatism [...], in: Heterogeneous Objects, ed. by Raphael Pirenne, Leuven 2013, 1-31.

[6] David Joselit: After Art, Princeton 2013 (=Point. Essays in Art).


Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder - EXC2120/1 - 390831618

Katharina Stolz / Christian Vöhringer