Rezension über:

Cécile Becchia: Les Bourgeois et le prince. Dijonnais et Lillois auprès du pouvoir bourguignon (1419-1477) (= Bibliothèque d'Histoire Médiévale; 22), Paris: Classiques Garnier 2019, 548 S., ISBN 978-2-406-08084-8, EUR 57,00
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Rezension von:
Heribert Müller
Historisches Seminar, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Heribert Müller: Rezension von: Cécile Becchia: Les Bourgeois et le prince. Dijonnais et Lillois auprès du pouvoir bourguignon (1419-1477), Paris: Classiques Garnier 2019, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 9 [15.09.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/09/33060.html


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Cécile Becchia: Les Bourgeois et le prince

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Zunächst möchte man es in einem deutschsprachigen Rezensionsorgan bei einer kurzen Anzeige dieser Doktorarbeit belassen, handelt sie doch von spätmittelalterlicher Geschichte Burgunds vornehmlich 'nur' aus lokalgeschichtlicher Warte, wenn sie die Führungsschichten in Dijon und Lille zur Zeit der Herzöge Philipps d. Guten und Karls d. Kühnen untersucht. Das bei Elisabeth Crouzet-Pavan (Paris) und Marc Boone (Gent) als 'Thèse en cotutelle' angefertigte und 2015 verteidigte Werk trug denn auch ursprünglich den Untertitel 'Les sociétes politiques de Dijon et de Lille (1419-1477)'. Allein beide Städte waren bekanntlich auch wichtige herzogliche Residenzen in den Oberen und Niederen Landen, jede mithin eine Art 'bonne ville' und 'ville-capitale' nahe dem Machtzentrum. Damit ist das in solcher Konsequenz und Tiefe in burgundischem Rahmen noch nie und erst recht nicht vergleichend behandelte Thema gegenseitiger Verbindungen und Verflechtungen von Stadt und Hof angeschlagen, das indes generell und gerade im deutschsprachigen Raum eine gewisse Forschungstradition besitzt - erinnert sei nur an zwei Sammelbände jüngeren Datums der Göttinger Residenzenkommission (2006/12). Werner Paravicini, deren langjähriger Leiter, wiederum dürfte als obendrein einschlägig und d. h. vor allem biographisch und prosopographisch ausgewiesener Erforscher burgundischer Geschichte des 14./15. Jh.s und Initiator der Prosopographia Curiae Burgundiae diese Studie sicherlich als ergänzendes Pendant zu seinen Arbeiten begrüßen, zumal sie ihrerseits auf einem höchst beeindruckenden prosopographischen Fundament ruht. Oder mit den Worten von Becchias Doktormutter: "Il faut donc saluer le travail considérable sur un socle documentaire plus que massif, ce formidable voyage dans les sources dont on trouvera bien peu d'équivalent dans les thèses récentes" (17). Die im Netz publizierten Anhänge sprechen denn auch für sich. [1]

Natürlich führt der große Aufwand, der sich zudem in manch begleitender Publikation der Verfasserin niedergeschlagen hat, wohlgemerkt: auch, doch bei weitem nicht nur zu Ergebnissen, die beim Blick auf andere Stadtgesellschaften des europäischen Spätmittelalters wenig überraschen. Dass immer wieder Mitglieder derselben Familien in Führungsämtern begegnen wie etwa die der Berbisey in Dijon [2] oder der Fremault in Lille, dass sie sich auf durch Heirat, Verwandtschaft, Freundschaft und professionelle Kontakte begründete und ausgebaute Netzwerke stützen und sie sich über Handel und Vermögen hinaus in der Folge auch über akademische Reputation definieren, dürfte kaum erstaunen. Man sticht eben nicht besonders hervor, man bewegt sich überdies, ob mit Blick auf Einwohnerzahl oder Wirtschaftskraft, auch im burgundischen Rahmen im Mittelfeld, ruhig und fernab jeglichen Hangs zur Rebellion (man denke bei all dem nur an Brügge oder Gent); kurz, es manifestiert sich eine gewisse 'Banalität' (vgl. 38). Allein der Umstand, dass beide Städte eben auch wichtige Residenzorte waren - Dijon im 15. Jahrhundert zwar mit abnehmender Tendenz, bei indes noch lange unverminderten Kontakten zum Hof -, verleiht ihnen besonderes Profil. Denn ihren Eliten eröffneten sich gute Aussichten auf Teilhabe als 'actionnaires de l'État princier' (J. Haemers / B. Lambert, vgl. 341), mithin auf Hofämter und Karrieren, die man in Dijon mit den städtischen Funktionen zu kombinieren wusste, während Amtsinhabern in Lille deren Eid solche Gleichzeitigkeit verwehrte.

Grundsätzlich wirkte in Dijon die juristische Kompetenz von Söhnen oft jüngerer Familien, in Lille hingegen das Geld der alten Familien als Türöffner. Man wahrte in dem im Vergleich zu den offeneren und durchlässigeren Familienstrukturen in Dijon geschlossen-kohärenten Milieu des Nordens eine gewisse Zurückhaltung gegenüber dem Hof; andererseits bleibt auch die starke Konkurrenz in der Städtelandschaft Flanderns zu berücksichtigen, wo sich der Herzog zwar vorzugsweise aufhielt, doch rasch von einem Ort zum nächsten ziehen konnte, was seine personellen Optionen nur vergrößerte. Dass bewährte und loyale Schöffen, Bürgermeister, Rewards (Lille) und Verwaltungsfachleute, insbesondere aus der Finanz, in den herzoglichen Dienst, so etwa in die Rechenkammer, wechselten bzw. für Stadt und Hof zugleich tätig waren (Dijon), geht zu Anfang natürlich auf Initiativen von Herzog und Hof zurück, die zudem ihrerseits auch Einfluss auf die Besetzung städtischer Ämter nahmen. Doch das Ganze war alles andere als eine Einbahnstraße; es entwickelte sich ein komplexes Miteinander, denn die Städte selbst hatten ja Interesse an einer Platzierung der Ihren am Hof, bei denen wiederum persönlicher Ehrgeiz, Aussicht auf gesteigerte Reputation ebenso wie das Beweisen einschlägiger Fachkompetenz - etwa für die erwähnte 'chambre de comptes' - oder Verbindungen zu herzoglichen Amtsträgern motivierend wirken mochten. Die Vielfalt der Vorteile für beide Seiten, die von Krediten für den Herzog bis zur Aussicht auf Nobilitierung für die Bürger reichte, bestimmt ein Bild, in das sich nicht zuletzt auch ein von den Städten z. T. kostenträchtig etabliertes und bis in die unmittelbare Umgebung des Herzogs reichendes Informationsnetz bei Hofe fügt.

Doch bei näherer Betrachtung wird ebendieses Bild zunehmend unübersichtlicher, da es sich immer stärker als von unterschiedlichen individuellen Momenten durchsetzt erweist. Und Becchia vermag den Dingen sehr nahe zu rücken aufgrund ihrer intensiven Quellenarbeit, wobei sie u. a. neben den überreichen Beständen der beiden Departementalarchive in Dijon und Lille auch die nicht minder umfänglichen in den Munizipalarchiven beider Städte nutzt, selbst wenn angesichts einer allerdings erst mit Philipp d. Guten 1419 einsetzenden - und damit den zeitlichen Anfang der Arbeit vorgebenden -, dann aber massiven, ja überbordenden Quellenfülle oft nur Stichproben möglich sind. Ergiebiger Ertrag lässt sich etwa aus den 'Papiers du secret' in Dijon und den 'Papiers de la Loi' in Lille ziehen, doch beeindruckend wirkt auch die umfassende Berücksichtigung der gedruckten Zeugnisse [3] wie der Literatur einschließlich deutscher Arbeiten im Besonderen von Paravicini und dessen Schülerkreis.

Diskussion und Würdigung vieler Einzelaspekte der Thèse seien der Spezialforschung vorbehalten; hier bleibt nur noch auf zwei allgemeine Punkte hinzuweisen, die auch für mit dem Thema Burgund weniger befasste, indes an der Methodik der Studie interessierte deutschsprachige Leserinnen und Leser m. E. von Belang sein dürften: Die Lektüre dieser ungemein dichten Darstellung ist nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtig, denn die Wiedergabe prosopographischer Sachverhalte auf solchem Niveau bewegt sich zwangsläufig auf schmalem Grat zwischen geradezu erschlagender Materialausbreitung und einer Geschichtserzählung in Geist und Tradition von Clio. An Balance und Gleichgewicht werden nicht nur hier, sondern prinzipiell hohe Anforderungen gestellt. Und wir gewinnen zudem nicht mehr nur aufschlussreiche und nachvollziehbare Einblicke in diverse Netzwerke und Kontaktfelder, sondern der Weg führt nicht selten in ein verwirrendes Dickicht individuell basierter Geflechte, da sich einzelne Karrieren vor kollektive Dynamiken schieben. Die Arbeit stellt mithin - allgemein notwendige - Warnzeichen biographischer Art vor jeder Verabsolutierung der prosopographischen Methode auf, da sie jenseits von Milieu, Gruppe u. a. m. das Individuum in sein Recht setzt. Vieles an dieser bis in die letzten Fein- und Sonderheiten städtischer Verfassung in Dijon und Lille vordringenden Studie mag aus der Ferne, bei allem Respekt vor der ex fontibus erbrachten formidablen Leistung, nur als von im Wortsinn begrenzter Bedeutung erscheinen, die sich aus der Lektüre ergebenden generellen Erkenntnisse und Einsichten sind es fürwahr nicht.


Anmerkungen:

[1] https://www.centrerolandmousnier.fr/en-ligne: C. B.: Les mandatures et les notices prosopographiques des dirigeants de Dijon / ... de Lille. Die Daten zu Dijon finden sich irrtümlicherweise unter Lille und umgekehrt eingeordnet (eingesehen am 24.7.2019).

[2] Zu der oft erwähnten Familie Saulx finden sich zahlreiche Hinweise in der Frankfurter Dissertation von Christian Kleinert: Philibert de Montjeu (ca. 1374-1438). Ein Bischof im Zeitalter der Reformkonzilien und des Hundertjährigen Krieges (= Beihefte der Francia; 59), Ostfildern 2004, 548 s. v. 'Saulx, de, Fam.' (Die Mutter Philiberts entstammte dieser Familie).

[3] Doch warum rekurriert sie auf die von Émilie Dupont 1840/47 besorgte Edition der Memoiren von Philippe de Commynes, obwohl zahlreiche neuere Ausgaben bis hin zu denen von Contamine (1994) oder Blanchard (2004) vorliegen?

Heribert Müller