Rezension über:

Debra Caplan: Yiddish Empire. The Vilna Troupe, Jewish Theater, and the Art of Itinerancy, Ann Arbor: University of Michigan Press 2018, xi + 327 S., ISBN 978-0-47203725-4, USD 85,00
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Rezension von:
Martin Wiesche
Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Martin Wiesche: Rezension von: Debra Caplan: Yiddish Empire. The Vilna Troupe, Jewish Theater, and the Art of Itinerancy, Ann Arbor: University of Michigan Press 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 9 [15.09.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/09/33289.html


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Debra Caplan: Yiddish Empire

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Debra Caplan, Assistant Professor für Theater am New Yorker Baruch College mit Schwerpunkt Geschichte des jiddischen Theaters, zeichnet in ihrem Werk die Entwicklung der Vilner Trupe nach, die als ursprünglich lokale jiddischsprachige Theatergruppe im Wilna des Ersten Weltkrieges bald weltweite Aufmerksamkeit erhielt.

Basierend auf einem allgemeinen Überblick über die Entwicklungsgeschichte des jiddischen Theaters seit Mitte des 19. Jahrhunderts beleuchtet Debra Caplan zunächst die Gründung der Vilner Trupe mit Unterstützung des Kreises der deutsch-jüdischen Offiziere im Besatzungsgebiet Ober-Ost im Jahre 1915 in Wilna, von wo aus sie anschließend auf Tournee ging. Nun waren reisende Theatergruppen zu dieser Zeit in Osteuropa und insbesondere im jüdischen Theater nichts außergewöhnliches, doch Caplan zeichnet nach, wie die Vilner Trupe innerhalb kürzester Zeit aufgrund ihrer künstlerischen Leistungen eine solche Bekanntheit erreichte, dass sie gewissermaßen zum Markenzeichen wurde. Vor allem die als geradezu revolutionär empfundene Uraufführung des Stückes "Der Dibbuk" von Salomo Rappoport (An-Ski) im Jahre 1920 unter der Regie von David Herman war dafür der Auslöser. Die Inszenierung fand nicht nur in jüdischen Kreisen allgemeine Anerkennung, sodass die Vilner Trupe bald als Synonym für modernes und qualitativ hochwertiges jüdisches (und jiddisches) Theater galt.

Caplan zeigt nun, wie die Aufmerksamkeit dazu führte, dass sämtlichen Mitgliedern das Etikett Vilner angeheftet wurde, das sie bis zum Ende ihrer Karriere und darüber hinaus behielten und teilweise gezielt als Marketingstrategie einsetzten. So bildeten sich bald Theatergruppen unter Beteiligung ehemaliger Vilner, die, bisweilen sogar mit nicht autorisierter Verwendung des offiziellen Logos, als Vilner Trupe in Erscheinung traten. Dies ging so weit, dass letztlich, abgesehen von einer Kerntruppe in Warschau, nicht mehr nur eine, sondern diverse Vilner Trupen zur gleichen Zeit auf sämtlichen Kontinenten (außer wohl Asien) Tourneen unternahmen.

Dabei brachte es die Vilner Trupe vor allem deshalb zu weltweiter Bekanntheit, weil sie ihre Stücke in jiddischer Sprache aufführte und somit überall dort auftreten konnte, wo jiddisch sprechende Juden lebten. Vor allem bedingt durch die verstärkte Emigration aus Osteuropa seit dem Ende des 19. Jahrhunderts war dies in der Zeit des Wirkens der Gruppe (1915-1936) in nahezu allen Erdteilen der Fall. Damit unterstützt Caplan die These, dass Jiddisch vielleicht einerseits eine "national language of nowhere" [1] war, aber gleichzeitig auch eine globale Verkehrssprache in einer "internationalen Disapora", dem "Yiddish Empire". [2]

Dies ist eng mit einer zweiten Linie der Forschung verknüpft, auf die Caplan eingeht: die transnationale bzw. Globalgeschichte. Gerade im Hinblick auf eine "Geschichte jenseits des Nationalstaats" [3] bietet sich das Diaspora-Judentum als Gemeinschaft ohne eigenes Territorium als anschauliches Beispiel in höchstem Maße an. In der US-amerikanischen Forschung hat sich die Sicht auf das (osteuropäische) Judentum als transnationale Erscheinung, auch im Kontext nationalistischer Bestrebungen, schon länger etabliert. [4] Dies erscheint auch für die Osteuropaforschung erstrebenswert, für die sich ebenfalls transnationale Ansätze jenseits der bislang üblichen nationalstaatlichen Linien durchzusetzen scheinen. Es sei in diesem Zusammenhang aber daran erinnert, dass solche transnationalen Zugänge bereits auf eine längere Tradition zurückblicken: auf die lebensweltlich orientierte Geschichtsschreibung an der Universität Basel sowie noch weiter auf die jüdische Geschichtsschreibung vor dem Holocaust. So legte der jüdische Historiker Simon Dubnow bereits 1925 bis 1929 eine mehrbändige "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes" [5] vor - die bald auch auf Jiddisch erschien.

Aus der weltweiten Aktivität ergab sich auch, wie Caplan ebenso anschaulich belegen kann, eine "art of itinerancy": Da die Vilner Trupe nach Caplans Einschätzung durch ihre Aufsplitterung in einzelne Gruppen in unterschiedlichen Kulturkreisen quasi dauerhaft auf Tour war, konnte sie von überall her Einflüsse aufnehmen und verarbeiten, was ihr den Ruf besonderer Innovation einbrachte.

Die Arbeit wird ergänzt um eine künstlerische Einordnung der Vilner Trupe, in der Caplan die These vertritt, die Gruppe sei aufgrund ihrer sehr begrenzten finanziellen Mittel gezwungen gewesen, innovative Techniken der Aufführung zu entwickeln, die im Nachhinein als avantgardistisch interpretiert wurden. So überbrückte eine der Truppen die Lichtleitung ihres Aufführungsortes, was der Beleuchtung in den Augen der Zuschauer und Kritiker ein besonders unheimliches Flackern verlieh. Eine weitere Ergänzung bilden die Darstellung des Niedergangs der Gruppe Mitte der 1930er Jahre, nicht zuletzt verursacht durch die zunehmende Verbreitung des Kinos, sowie kurze Biografien einzelner Schauspieler der verschiedenen Vilner Trupen, die bis in die Zeit des Holocaust nachgezeichnet werden.

Eine sehr interessante Zugabe zum Buch bietet die Internetseite www.vilnatroupe.com, auf der ein Netzwerk von 290 mit der Gruppe verbundenen Personen interaktiv nachvollzogen werden kann. Einziger Kritikpunkt sind hier die teilweise recht spärlichen Hintergrundinformationen, die sich mit Verlinkungen u.a. auf die Seiten der YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe recht einfach hätten generieren lassen.

Caplans Studie beweist die äußerst fruchtbare Verbindung von jüdischer mit transnationaler Geschichte und bietet somit im Hinblick auf einen bisweilen propagierten transnational turn einen interessanten und beachtenswerten zusätzlichen Aspekt.


Anmerkungen:

[1] Michael Wex: Born to Kvetch. Yiddish Language and Culture in all of its Moods, New York 2005, 6.

[2] Vgl. dazu: Jeffrey Shandler: Adventures in Yiddishland. Postvernacular Language and Culture, Berkeley 2005, 42-50.

[3] Jürgen Osterhammel: Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaats. Studien zu Beziehungsgeschichte und Zivilisationsvergleich (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 147), Göttingen 2001.

[4] Cecile Esther Kuznitz: YIVO and the Making of Modern Jewish Culture. Scholarship for the Yiddish Nation, Cambridge / New York 2014; Joshua Shanes: Diaspora Nationalism and Jewish Identity in Habsburg Galicia, Cambridge / New York 2012.

[5] Simon Dubnow: Weltgeschichte des Jüdischen Volkes. Von seinen Uranfängen bis zur Gegenwart (10 Bde.), Berlin 1925-1929.

Martin Wiesche