Rezension über:

Daniel Kupfert Hellert: Jabotinsky's Children. Polish Jews and the Rise of Right-Wing Zionism, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2017, xiii + 331 S., ISBN 978-0-691-17475-4, USD 35,00
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Rezension von:
Daniel Mahla
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universit√§t, M√ľnchen
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Daniel Mahla: Rezension von: Daniel Kupfert Hellert: Jabotinsky's Children. Polish Jews and the Rise of Right-Wing Zionism, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2017, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 9 [15.09.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/09/33452.html


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Daniel Kupfert Hellert: Jabotinsky's Children

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Der revisionistische Zionismus erfreut sich seit geraumer Zeit eines gesteigerten Forschungsinteresses. Dies kann in Betracht der Dominanz rechter Strömungen im heutigen Israel kaum verwundern. So sind in den letzten Jahren wichtige Werke zu Ideologie und organisatorischer Entwicklung des Rechtszionismus entstanden. Daniel Kupfert Heller legt nun eine Studie zur revisionistischen Jugendbewegung Betar in Polen vor. Betar wurde 1923 gegründet und entwickelte sich schnell zu einer Massenorganisation. In den 1930er Jahren zählte die Jugendbewegung in der Zweiten Polnischen Republik knapp 40.000 Mitglieder.

"Jabotinsky's Children" sticht jedoch in vielerlei Hinsicht aus der bestehenden Forschungsliteratur hervor. Bereits der Fokus auf die Zweite Polnische Republik ist bemerkenswert. Der Großteil der Forschung hält Palästina für die wichtigste Bühne des revisionistischen Zionismus. Viele der israelischen Studien ignorieren weitgehend die polnischen Quellen und Hintergründe.[1] Kupfert Heller gelingt es, solche Annahmen gründlich zu widerlegen, indem er den Einfluss des polnischen Nationalismus auf die jungen Revisionisten aufzeigt und deren Auseinandersetzung mit den sich ändernden Verhältnissen in der Zweiten Republik nachzeichnet. Ausgerechnet die Rechtszionisten, so zeigt er, kultivierten einen ausgeprägten polnischen Patriotismus und forcierten die Zusammenarbeit mit der Regierung. An den polnischen Nationalfeiertagen suchten Betaristen regelmäßig nach Möglichkeiten, sich an Aufmärschen von Pfadfindergruppen und Soldaten zu beteiligen. Wie solche Affinitäten mit dem strammen jüdischen Nationalismus der Bewegung zusammenpassten und welche Spannungen sich daraus ergaben, lotet der Verfasser meisterhaft aus. Um ein differenziertes Bild dieser "politics of belonging" (Kapitel 4) zu zeichnen, greift er neben Quellen aus zahlreichen polnischen und israelischen Archiven auch auf eine im YIVO in New York liegende einmalige Sammlung von Autobiografien jüdischer Jugendlicher aus den 1930er Jahren zurück.

Lange Zeit konzentrierte sich die Erforschung der frühen revisionistischen Bewegung vor allem auf die Person ihres Gründers und herausragenden Vordenkers: Vladimir (Zeev) Jabotinsky.[2] Auch Kupfert Heller räumt dem in Odessa geborenen Intellektuellen und Politiker eine wichtige Stellung ein, wie der Titel des Buches bereits andeutet. Doch ist er weit davon entfernt, sich lediglich auf die Person Jabotinskys zu beschränken. Vielmehr gelingt es ihm aufzuzeigen, wie sich die revisionistische Ideologie und Politik durch den engen Dialog zwischen dem Gründer und den jugendlichen Köpfen von Betar in Polen und Palästina beständig fortentwickelte. Solch eine Sichtweise eröffnet tiefe und vielfältige Perspektiven auf die revisionistische Jugendbewegung und zeigt zugleich regionale Unterschiede auf.

Die Jugend war es auch, die sich immer weiter radikalisierte. Jabotinsky, der sich nicht nur am italienischen Faschismus orientierte, sondern auch den autoritären Stil Józef Piłsudskis bewunderte, baute Betar von Anfang an als straff organisierte Bewegung auf, deren Jugendkultur höchst militaristische Elemente aufwies. Über die Intentionen ihres Gründers noch hinausgehend, waren junge Revisionisten in den 1930er Jahren und dann im Palästina der 1940er Jahre zunehmend bereit, sich nicht nur gegen die Angriffe polnischer Antisemiten und palästinensischer Araber zu verteidigen, sondern selbst Attentate und Terrorakte durchzuführen. Dieser Terror, so argumentiert Kupfert Heller, war maßgeblich von den Erfahrungen und Diskussionen in der Zweiten Polnischen Republik geprägt, und er arbeitet dabei die enge Verflechtung zwischen dem europäischen Bezugsraum und Palästina heraus.

In diesem Zusammenhang widmet sich der Verfasser auch der spannenden Frage, inwieweit Betar als faschistische Bewegung einzuordnen ist. Politische Gegner insbesondere in der jüdischen Arbeiterbewegung attackierten Betar scharf und verlachten Betaristen als die "Fußsoldaten" des "jüdischen Mussolinis" oder gar "jüdischen Hitlers" (12 ff.). In der Jugendbewegung selbst stand man faschistischen Ideen durchaus offen gegenüber. Anstatt Betar nun anhand vorher festgelegter Definitionen einzuordnen, zeichnet Kupfert Heller die Aushandlungen innerhalb der Organisation selbst nach. Betars Anführer, so argumentiert er, nutzten durchaus rhetorische Mehrdeutigkeiten, um für faschistische Ideen offen zu bleiben und gleichzeitig nicht diejenigen Anhänger zu verprellen, die sich von den autoritären Bewegungen Europas klar abgrenzen wollten.

Auch Jabotinsky selbst drückte sich gerne zweideutig aus, um aus der Ambiguität politischen Nutzen zu ziehen. So überrascht es sicher nicht, dass sich bis heute ein weites Spektrum der politischen Vertreter Israels auf den Gründer der revisionistischen Bewegung beruft. Diese Entwicklung zeichnet Kupfert Heller in seinem Epilog nach, der an manchen Stellen etwas eklektisch wirkt und sicherlich das schwächste Kapitel der Studie darstellt. Doch kann dies das Gesamtbild nicht trüben. In einer höchst innovativen und sehr lesbaren Studie präsentiert Kupfert Heller ein vielschichtiges und differenziertes Bild der revisionistischen Jugendbewegung in Polen. Damit eröffnet er nicht nur neue Perspektiven auf die zionistische Bewegung, sondern leistet auch einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der Zweiten Polnischen Republik und ihrer Bürger sowie der autoritären Bewegungen der Zwischenkriegszeit.


Anmerkungen:

[1] So bleiben die polnischen Hintergründe zum Beispiel in der ansonsten höchst gelungenen Biografie des ersten rechtszionistischen israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin weitgehend unbeleuchtet. Avi Shilon: Menachem Begin. A Life, New Haven 2012.

[2] In den letzten Jahren hat die Forschung zwar begonnen, sich auch für den Einfluss anderer Persönlichkeiten zu interessieren, doch die schillernde Figur Jabotinskys genießt weiterhin eine zentrale Stellung. Siehe zum Beispiel Colin Shindler: The Rise of the Israeli Right. From Odessa to Hebron, New York 2015.

Daniel Mahla