Rezension über:

Hannes Lachmann: Die "Ungarische Revolution" und der "Prager Frühling". Eine Verflechtungsgeschichte zweier Reformbewegungen zwischen 1956 und 1968 (= Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa; Bd. 49), Essen: Klartext 2018, 571 S., ISBN 978-3-8375-1210-6, EUR 49,95
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Rezension von:
Yves Bizeul
Universität Rostock
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Yves Bizeul: Rezension von: Hannes Lachmann: Die "Ungarische Revolution" und der "Prager Frühling". Eine Verflechtungsgeschichte zweier Reformbewegungen zwischen 1956 und 1968, Essen: Klartext 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 11 [15.11.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/11/33704.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Hannes Lachmann: Die "Ungarische Revolution" und der "Prager Frühling"

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Das umfangreiche Werk ist die überarbeitete Fassung einer Dissertation, die im Februar 2012 an der Philosophischen Fakultät der Universität Passau eingereicht wurde. Es beschäftigt sich mit der Verflechtungsgeschichte der "Ungarischen Revolution" und des "Prager Frühlings" zwischen 1956 und 1968. Der Verfasser, Hannes Lachmann, war am Graduiertenkolleg "Sozialistische Diktatur als Sinnwelt" des Prager Instituts für Zeitgeschichte und des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung beteiligt. Heute leitet er die 2014 eingerichtete Repräsentanz des Freistaates Bayern in Prag.

Die Arbeit beruht auf einer gedankenreichen Analyse eines umfangreichen Quellenmaterials aus ungarischen, tschechischen und slowakischen Archiven. Lachmann entwirft auf dieser Grundlage eine spannende Verflechtungsgeschichte (histoire croisée). Der Ansatz geht auf die Arbeiten von Bénédicte Zimmermann und Michael Werner zurück und soll mehr als eine komparatistische bzw. transfergeschichtliche Methode oder eine einfache Analyse von Krisenketten sein. Die Verflechtungsgeschichte ermöglicht eine transnationale Geschichte, die "in der 'multiperspektivistischen' Verschränkung der Untersuchungsobjekte" (70) besteht. Lachmann möchte mit seiner Studie Rückschlüsse auf die Krisenanfälligkeit der staatssozialistischen Herrschaftssysteme sowie auf ihre Fähigkeit zur Selbsttransformation ziehen. Dabei sollen neben den eigentlichen Krisen der "Ungarischen Revolution" und des "Prager Frühlings" auch die stabilisierenden Faktoren innerhalb dieser Systeme wahr-genommen werden. Neben den Repressionsmechanismen und der institutionellen Ebene wird auch die Akteur-Ebene durch eine Analyse der Wahrnehmungsstrukturen beleuchtet. Weiterhin sind die wechselseitigen Transfers von Reformdiskursen Gegenstand der vielschichtigen Untersuchung.

Das Hauptergebnis der Studie wird vom Verfasser selbst wie folgt zusammengefasst: "[D]ie Erschütterungen von per se asymmetrischen und damit krisenanfälligen Herrschaftssystemen [folgen] weniger einem gleichbleibenden Muster [...]. Vielmehr entwickelten sie sich auf der Basis einer relativen Wahrnehmung der eigenen Situation" (472). Die gegenseitige Wahrnehmung der Situation in Ungarn und in der Tschechoslowakei war zugleich ein stabilisierendes Element und ein Risiko für das jeweilige Herrschaftssystem. Hier kreuzen sich die Perspektiven. Der Wert des Buches besteht vor allem darin - neben der akkuraten Aufarbeitung der Forschungsquellen -, zu schnelle Ursachenforschungen im Fall der beiden untersuchten Krisen kritisch zu hinterfragen.

In Anlehnung an Kurt Imhof [1] definiert Lachmann die Krise als Zerstörung des "Zusammenhang[s] von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont" (493). Destabilisierende Faktoren ähnlicher Art waren sowohl in Ungarn als auch in der Tschechoslowakei vorhanden, führten jedoch nicht zu gleicher Zeit zu Unruhen. Diese Ungleichzeitigkeit entstand - so der Verfasser - aus der Tatsache, dass "[d]ie Balance zwischen politischem Entgegenkommen und diktierten Einschränkungen" (475), die sich in den beiden Ländern lange stabilisierend ausgewirkt hatte, zu unterschiedlichen Zeiten aus den Fugen geraten ist. Die Bedeutung außerparteilicher reformorientierter Organisationen wird von Lachmann besonders hervorgehoben. Ihre Existenz war nur möglich, weil in beiden Ländern infolge von Liberalisierungsmaßnahmen Spielräume entstanden waren. Vor allem die inkonsequente Anwendung administrativer Maßnahmen und die damit verbundene Unberechenbarkeit haben Lachmann zufolge die Legitimität des jeweiligen Herrschaftssystems in Frage gestellt. Zudem betont er die Bedeutung positiver Erwartungshaltungen in einem Teil der Bevölkerung für die gesellschaftliche Mobilisierung. Eigenerfahrungen spielten dabei auch eine bedeutende Rolle. Der Verfasser macht deutlich, dass wir unbedingt eine Mehrfaktorenanalyse brauchen, um die ganze Komplexität des untersuchten Phänomens zu erfassen. Die Verflechtungsgeschichte setzt sie voraus, geht aber noch einen Schritt weiter, da sie den Einfluss des Umfelds auf mehrere Ebenen berücksichtigt.

Lachmann geht davon aus, dass die Unterdrückungsmechanismen - vor allem die ständige Drohung einer Intervention russischer und fremder Armeeeinheiten, wie sie in der DDR 1953 und in Ungarn 1956 geschah - nicht ausreichend waren, um die Stabilität der staatssozialistischen Herrschaftssysteme zu gewährleiten. Er behauptet: "Die vorliegenden Ergebnisse geben Hinweise darauf, warum Repressionen allein die kommunistische Herrschaft in beiden Ländern langfristig nicht zu sichern vermochten. Oft wirksamer als Gewaltmaßnahmen waren für die (passive) Folgebereitschaft der Bevölkerungsmehrheit Planbarkeit und die Befriedigung aktueller Konsumbedürfnisse" (509). Sicherlich ist diese Aussage nicht völlig aus der Luft gegriffen. Allerdings zeigen die späteren "sanften Revolutionen" in den real-sozialistischen Ländern, dass ein gelungener Transformationsprozess eine Änderung der Machtkonstellation in der Sowjetunion als Voraussetzung haben musste. Auch diese Ansicht kann übrigens Teil einer histoire croisée, die es noch zu erzählen gilt, sein. Nichtsdestotrotz ist die Arbeit von Lachmann ein wichtiger Beitrag zum besseren Verständnis der Krisen in den Ostblockländern und sollte entsprechend gewürdigt werden. Das Buch endet mit interessanten Betrachtungen zu der stark nationalistisch geprägten Aufarbeitung der Vergangenheit im heutigen Tschechien, in der Slowakei und in Ungarn. Gegen die staatliche Instrumentalisierung und die Mythologisierung der Vergangenheit stellt der Verfasser zu Recht fest, dass die Bevölkerung der beiden "Satellitenstaaten" keineswegs nur "hilflose Opfer sowjetischer Machtinteressen" (515) waren. Er erinnert uns daran, dass "in Ungarn und in der Tschechoslowakei bis 1989 etwa zehn Prozent der Bevölkerung Parteimitglieder waren und sich eine große Zahl von Menschen im dortigen Staatssozialismus fast über die gesamte Dauer seiner Existenz weitgehend konform verhielt" (512f.). So trägt das Buch auch zur Aufklärung einer derzeit politisch missbrauchten Vergangenheit bei.


Anmerkung:

[1] Kurt Imhof: Die Diskontinuität der Moderne. Zur Theorie des sozialen Wandels, Frankfurt a. M. / New York 2006, 190.

Yves Bizeul