Rezension über:

Marcin Wodziński: Hasidism. Key Questions, Oxford: Oxford University Press 2018, xxxi + 336 S., ISBN 978-0-19-063126-0, USD 74,00
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Rezension von:
Susanne Talabardon
Universität Bamberg
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Susanne Talabardon: Rezension von: Marcin Wodziński: Hasidism. Key Questions, Oxford: Oxford University Press 2018, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 3 [15.03.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/03/34165.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Marcin Wodziński: Hasidism

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Das vorliegende Werk Marcin Wodzińskis bietet in sieben, teils auf bereits publizierten Essays basierenden Kapiteln einen anregenden und nachgerade spannenden Einblick in wesentliche Forschungsfragen eines ebenso dynamischen wie enigmatischen Sektors der jüdischen (Religions-)Geschichte. Das Anliegen des Autors, dem man problemlos folgen kann, besteht darin, die vielfachen methodischen und thematischen Engführungen in der Erforschung des ostmitteleuropäischen Chassidismus aufzubrechen (xxiv). Dabei wählt Wodziński einen dezidiert "anti-imperial" respektive "anti-elitist approach" mit dem Ziel, die Historie jener Strömung nicht nur als Geschichte ihres Führungspersonals, der Zaddikim, zu zeichnen. Es gälte vielmehr, einen multidisziplinären Ansatz zu wählen, der überdies das 19. Jahrhundert als die in der bisherigen Forschung vernachlässigte Blütezeit des Chassidismus stärker berücksichtigt und die Quellenbasis systematisch auf Memoiren, Archivalien und Gedenkbücher (yiskor bikher) vernichteter jüdischer Gemeinden in Polen, Russland, Ungarn und Rumänien ausdehnt (vgl. xxiv f.). Als methodologisch besonders verdienstvoll kann das Bestreben des Verfassers gelten, die Dichotomie zwischen historischer und religionshistorischer Perspektive schließen zu helfen. Überhaupt ist es Wodziński darum zu tun, (erstmals) quantitative, religionssoziologische und komparative Methoden auf den Chassidismus anzuwenden.

Als die im Titel angekündigten Kernfragen - die zugleich als Hauptkapitel des Werks fungieren - hat der Autor die folgenden, in der Tat zumeist wesentlichen Probleme bisheriger Forschung identifiziert: die Definition des ostmitteleuropäischen Chassidismus (Kapitel 1); Frauen als Teil jener Strömung (Kapitel 2); die Führungsstruktur (Kapitel 3); Demografie (Kapitel 4); Geografie (Kapitel 5); Ökonomie (Kapitel 6); sowie eine Revision von Auffassungen über Höhepunkt und Ende des Chassidismus in Ostmitteleuropa (Kapitel 7). Die Zusammenfassung bietet einen sehr gelungenen Überblick des Verfassers zu Schwerpunkten, Neuansätzen und Desideraten der eigenen Arbeit.

Die Reflexion der Definition - angekündigt als Gegenüberstellung von herkömmlichen Versuchen und Alternativen - erweist sich womöglich als das schwächste Kapitel des ansonsten äußerst lesenswerten Werks, da auf einem sehr komplexen Themenfeld zu plakativ argumentiert wird. Der bisherigen Forschung wird ein "elitist" respektive "essentializing approach" (5) bescheinigt, der den Chassidismus der einfachen Anhänger nicht widerspiegele. Wodziński schlägt demgegenüber eine radikale egalitäre Perspektive vor, "to free the study of Hasidic performance from preoccupation with elitist mystical experience and a limiting focus on ritual" (9). Dieser Anspruch wird im Folgenden kaum eingelöst, befasst sich doch der Verfasser hauptsächlich mit der kaum relevanten Frage, ob der Chassidismus eine Sekte sei oder nicht - was man mit Blick auf die moderne Religionswissenschaft recht schnell hätte ausschließen können. Unter Hinweis auf die "grassroot perspective" kommt Wodziński zu dem Schluss, dass es vor allem (eigene) Betstuben und die Pilgerreisen seien, die chassidische Praxis definieren (28-32) - niedrigschwellige Charakteristika, die letztlich zu wenig ausgeprägten sozialen Barrieren führen. Insgesamt wäre der Chassidismus daher eher als "Ḥevra" beziehungsweise "Ḥevruta" (Bruderschaft, Kollegium, confraternity) zu fassen und nicht etwa als "Sekte". An diese "Definition" wäre - ebenso wie an viele der bisherigen Versuche - die Frage zu richten, warum einige wenige Facetten des Phänomens zuungunsten etlicher anderer derart stark akzentuiert werden.

Die in der Sache verdienstvolle Rückfrage nach der Zugehörigkeit von Frauen in der chassidischen Strömung krankt ein wenig an ihrem engen Zusammenhang mit der gewählten "non-sectarian perspective" (43). In einer als hauptsächlich durch Betstuben und Wallfahrten geprägten religiösen Gruppierung können Frauen in der Tat keine Rolle spielen, und waren - so die These des Verfassers - zumeist völlig von ihr ausgeschlossen (47). Das methodische Problem zeigt sich indessen schon darin, dass Frauen in traditionellen Gesellschaften (wie eben auch Teilen der nicht-chassidisch jüdischen Bevölkerungen) bei öffentlichen Aktivitäten nicht involviert waren (vgl. 65). Die selbstgewählte Beschränkung der Definition auf Gebet und Pilgerfahrt und die vermeintlich fehlende weibliche Teilhabe am chassidischen Leben besteht den Praxistest am Ende nicht - wie denn auch der Autor eine ganze Reihe häuslicher Riten und Verhaltensweisen anführt, die durchaus für eine distinkt chassidische Lebensweise sprächen (76ff.) und die Einbeziehung von Frauen im 20. Jahrhundert erklären helfen.

Die nachfolgenden fünf "Schlüsselfragen" - von der Führungsstruktur bis hin zu den zeitlichen und geografischen Grenzen des Chassidismus - zeigen sich demgegenüber nicht nur innovativ, sondern auch enorm weiterführend. So findet sich die eingangs angekündigte Ausweitung der Quellenbasis vorbildlich ausgeführt, wenn Wodziński zwei Sammlungen von Bittschriften (kvitlekh), auswertet (vgl. 102-130). Bei den Kvitlekh handelt es sich um kurze, formalisierte Texte, die dem Zaddik während einer Audienz überreicht wurden und werden. Wiederum folgt der Verfasser seinem Ansatz, eine nicht-elitäre Perspektive einzunehmen. Seiner quantitativen Auswertung nach bestätigen die Kvitlekh die in den theoretischen Stellungnahmen begründete Funktion des Zaddik als die eines theurgischen Mittlers von Segenskraft, Gesundheit, Kindern und Lebensunterhalt. Sie gehen aber noch darüber hinaus, indem die Bittsteller ihn als eine Art "economic intelligence service" (127), als Ratgeber und Schiedsrichter in Beschlag nehmen.

Das heikle Thema der demografischen Reichweite der chassidischen Bewegung führt zu besonders einschneidenden und nachvollziehbaren Korrekturen an bisherigen Einschätzungen der Forschung. Wodziński dekonstruiert zunächst übliche (und tatsächlich kaum begründbare) Anschauungen und entwickelt dann selbst drei Sets an Daten, die er sorgfältig auswertet - mit dem Ergebnis, dass der Anteil von Chassidim an der jüdischen Gesamtbevölkerung wesentlich geringer gewesen sei als zumeist angenommen und der Höhepunkt der Strömung nicht um das Jahr 1800, sondern deutlich später (Mitte beziehungsweise Ende des 19. Jahrhunderts) anzusetzen sei. Dies sind in der Tat gravierende Paradigmenwechsel, welche die Forschung in den kommenden Jahren prägen werden. Wodziński offeriert im Übrigen (neben klaren methodischen Hinweisen) etliche enorm instruktive Grafiken und Tabellen.

Dies gilt auch für die folgenden Kapitel (Geografie, Ökonomie und zeitliche Begrenzungen). Methodisch und von der Tragweite der Ergebnisse her soll die Frage der Geografie stellvertretend hervorgehoben werden - da sie sich mit dem nachgerade klassischen Problem befasst, warum der Chassidismus nicht westwärts über Ostmitteleuropa und in das nördliche Litauen ausgreifen konnte. Weiterhin fragt der Autor nach den regionalen Ausprägungen chassidischer Strömungen und dem Verhältnis von Zentrum und Peripherie (167). Die Beispiele sind insgesamt geschickt gewählt; die teilweise kühnen Schlussfolgerungen werden zu substanziellen Diskussionen Anlass geben - was will man mehr?

Insgesamt handelt es sich um ein Werk, das auch ohne judaistische Spezialkenntnisse gelesen werden kann. Wer immer sich mit der jüdischen Geschichte Ostmitteleuropas befasst, sollte nicht nur, sondern muss es lesen - da es nicht nur methodisch innovativ daherkommt, sondern auch etliche neue Perspektiven einfordert, die zu diskutieren sein werden.

Susanne Talabardon