Rezension über:

Michaela Sohn-Kronthaler / Jacques Verger (Hgg.): Europa und Memoria. Festschrift für Andreas Sohn zum 60. Geburtstag, St. Ottilien: EOS Verlag 2019, 655 S., zahlr. s/w-Abb., ISBN 978-3-8306-7955-4, EUR 39,95
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Rezension von:
Joachim Werz
Fachbereich Katholische Theologie, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Joachim Werz: Rezension von: Michaela Sohn-Kronthaler / Jacques Verger (Hgg.): Europa und Memoria. Festschrift für Andreas Sohn zum 60. Geburtstag, St. Ottilien: EOS Verlag 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 6 [15.06.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/06/33344.html


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Michaela Sohn-Kronthaler / Jacques Verger (Hgg.): Europa und Memoria

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Zum 60. Geburtstag des Pariser Mediävisten Andreas Sohn erschien 2019 die vorliegende Festschrift, in der die periodenübergreifende Forschung des Jubilars im Bereich der europäischen Kirchen-, Ordens-, Stadt-, Sozial- und Universitätsgeschichte gewürdigt wird. Der Band mit seinen 27 Beiträgen renommierter Autoren und zweier (!) Autorinnen aus den Geschichtswissenschaften und Theologien gliedert sich in drei Teile, in denen die europäische Perspektive sowie die Funktion der Memoria - zentrale Begriffe und Kategorien im wissenschaftlichen Œvre von Andreas Sohn - im Zentrum stehen und aus verschiedenen zeitlichen und räumlichen Perspektiven beleuchtet werden.

So widmen sich die sechs Autoren der ersten Sektion der klösterlichen und ordensspezifischen Memoria in Vergangenheit und Gegenwart (61-174). Exemplarisch sei hierbei der Beitrag des Tübinger Kirchenhistorikers und Franziskus-Biographen Volker Leppin angeführt, der die Funktion der Erinnerung für den Frieden innerhalb der franziskanischen Ordensgemeinschaften herausarbeitet (81-97). Hierfür greift er auf die Legenda maior zurück, die von Bonaventura in seiner Funktion als Generalminister des Franziskanerordens im Auftrag des Kapitels von Narbonne (1260) verfasst wurde. Die Vita des Ordensgründers Franz von Assisi sollte vor allem dazu dienen, um den zu diesem Zeitpunkt aufgrund von Streitigkeiten um die Armutsfrage in Konflikten und Uneinigkeiten verstrickten Orden zu befrieden. Bonaventura zeigt in seinem Werk den Mitgliedern seines Ordens Franziskus als Vor- und Idealbild der paupertas sowie der daraus resultierenden humilitas und oboedientia auf. Die Legenda Bonaventuras konzentriere sich im Unterschied zu früheren Quellen stärker auf die Ideale der Armut, der Demut und des Gehorsams. Bonaventuras Deutung des Franz als das sechste Siegel der Apokalypse markiert er als außerordentlichen Wendepunkt der Geschichte, welcher das Ende der Welt und die Wiederkunft Christi einläute, weswegen die Ordensmitglieder in besonderer Weise gemäß der Regel leben sollten. Leppin verweist summierend darauf, dass sich durch die Legenda maior in der weiteren Bio- und Hagiographieschreibung des Franz von Assisi ein entscheidender Wandel vollzog, der das Testament des Ordensgründers ethisch und apokalyptisch konnotierte und in gewisser Weise sogar umschrieb.

Im zweiten Teil wird in neun Beiträgen der Memoria in Kirche und Universität nachgespürt (175-331). Exemplarisch sei hier der Beitrag über den Trierer Erzbischof Franz Rudolf Bornewasser (amt. 1922-1951) von Bernhard Schneider genannt, der das Sterben, die Beisetzung sowie die Memoria des beinahe 30 Jahre amtierenden Bischofs untersucht, der bei Zeitgenossen sowie in der bistumshistorischen Forschung als "der letzte Kirchenfürst" bezeichnet wird (313-331). Schneider arbeitet heraus, auf welche Art bestimmte Akteure Sterben und Grablegung Bornewassers zu einer öffentlichen Inszenierung werden ließen, in der - so eine seiner Hauptaussagen - die Stadt Trier durch performative Aneignung temporär zu einem sakralen Raum wurde: Nach dem Sterben Bornewassers im Trierer Krankenhaus wurde sein Leichnam mit den bischöflichen Insignien erstmals in verschiedenen Kirchen Triers aufgebahrt und die Strecke des Trauerzugs neu konzipiert, den Schneider folgendermaßen beschreibt: "Der Trauerzug bot in seiner Länge, mit den dutzenden Fahnen und hunderten Kränzen, dem von sechs Pferden gezogenen geschmückten Totenwagen und der unterschiedlichen Kleidung der beteiligten Personengruppen ein imposantes Bild, was in den zeitgenössischen Berichten einen lebhaften Nachhall fand." (320) Auch die Anwesenheit vieler Persönlichkeiten des öffentlichen und politischen Lebens signalisierte und kommunizierte die Stellung und Rolle der Bischofsstadt sowie jene des verstorbenen Bischofs in aller Deutlichkeit. Schneider spricht hierbei von einem Medienereignis, bei dem sich die katholische Kirche der Nachkriegszeit, gegenüber Traditionen und Ritualen verpflichtet, zugleich den gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst und entschieden triumphalistisch präsentierte. Deutlich wird durch seine Untersuchung der Feierlichkeiten, ihrer medialen Darbietung sowie der Gestaltung der bischöflichen Grablege, dass es für die Etablierung von Memoria einer Mobilisierung bedarf, deren Gelingen nicht nur vom Geschick bestimmter Akteure, sondern auch von der gesamtgesellschaftlichen Anerkennung einer Institution und ihrer Führungspersonen abhängig ist.

Insgesamt zwölf Beiträge bilden den dritten Teil der Festschrift, in dem "Kontextualisierungen und Memorialdiskurse" (332-567) im Fokus stehen. Aufgrund der aktuellen Begebenheiten soll hierfür exemplarisch der Beitrag des Erlanger Historikers Wolfgang Wüst über Seuchen und Epidemien im frühmodernen Diskurs am Beispiel der Franzosenkrankheit besprochen werden (428-450). Die chronische Geschlechtskrankheit Syphilis hatte sich rasch über die Hafenstädte des westlichen und mittleren Mittelmeers verbreitet. Vor dieser Seuche, deren zeitgenössische Umschreibung auf Frankreich als vermeintliches Ursprungs- und Verbreitungsland verwies und die auch jenseits des spätmittelalterlichen Europas verbreitet war, wurde in Polizei-, Stadt- und Spitalordnungen eindringlich gewarnt. Wüst exemplifiziert dies anhand einschlägiger Quellen aus dem süddeutschen Raum und zeigt, dass im Diskurs die Krankheit keineswegs nur als eine Gefahr für die Menschen, sondern auch als Bedrohung für das Vieh kommuniziert wurde. Die sogenannte "Lust- und Venusseuche", die im Kontext der gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen des ausgehenden Spätmittelalters analysiert wird, wurde in ihren risikohaften Ursprüngen durch die staatliche Obrigkeit einzudämmen versucht und mit hohen Strafen geahndet: Prostitution, Vergewaltigung und Hurerei, außerehelicher Sex sollten nicht nur wegen ihrer Sündhaftigkeit, sondern auch aus medizinischen Gründen unterlassen werden.

Eigens positiv hervorzuheben sind die von den Herausgebern erstellten Zusammenfassungen / Résumés / Summaries sämtlicher Beiträge in deutscher, französischer und englischer Sprache (569-606). Im Anschluss daran findet sich das Schriftenverzeichnis des Geehrten (569-605), das Autorenverzeichnis (607-636) und ein Personenregister, das von Stephanie Glück und Christof Müller erstellt wurde (637-655).

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die vorliegende Festschrift spiegelt sowohl in ihrer mehrseitigen Tabula gratulatoria (13-20) und den insgesamt fünf Geleitworten (29-60) als auch in ihrer konzeptionellen Anlage nicht nur die verschiedenen wissenschaftlichen Forschungsschwerpunkte sowie die internationale Vernetzung von Andreas Sohn wider, sondern zeigt zudem, wie der Geehrte mit seinem Forschen und Lehren die wissenschaftlichen Diskurse innerhalb und jenseits der Mediävistik mitbestimmt und prägt.

Joachim Werz