Rezension über:

David C. Yates: States of Memory. The Polis, Panhellenism, and the Persian War, Oxford: Oxford University Press 2019, XX + 337 S., 3 Kt., ISBN 978-0-19-067354-3, GBP 55,00
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Rezension von:
Michael Jung
Münster
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Michael Jung: Rezension von: David C. Yates: States of Memory. The Polis, Panhellenism, and the Persian War, Oxford: Oxford University Press 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 6 [15.06.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/06/33433.html


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David C. Yates: States of Memory

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David C. Yates hat es unternommen, eine Darstellung der Perserkriegserinnerung in der griechischen Welt in der klassischen Zeit vorzulegen. Dabei geht es ihm nicht um eine Analyse der Wirkungsgeschichte einzelner Ereignisse, sondern um den Gesamtkomplex der Perserkriege. Eine solche Gesamtdarstellung ist in der Tat ein Desiderat.

Ausgehend von einer Analyse des Anathems der Schlangensäule in Delphi (29-60) macht Yates rasch deutlich, in welche Richtung seine Studie zielen soll. Dieses Weihgeschenk sei keinesfalls eine Weihung mit panhellenischen Implikationen, vielmehr sei die Eradierung der Pausanias-Inschrift gerade als Triumph der Eigenidentität der einzelnen Poleis über einen arrogant-abgehobenen Panhellenismus z.B. des Pausanias zu verstehen. Yates geht, gestützt auf Anekdoten über Kritik an Themistokles und Pausanias, davon aus, dass die Poliskultur schon 477 v. Chr. dominant war und es keine panhellenische Bezugsebene der Erinnerung gab.

Dies ist das Leitmotiv der gesamten Studie. In einer Analyse der frühesten Erinnerungszeugnisse (61-98) versucht er, panhellenische Bezüge durchgehend zu dekonstruieren und stattdessen konkurrierende antagonistische Erinnerungsmuster der einzelnen Poleis als leitend für die Erinnerung zu betrachten. Am Beispiel der unterschiedlichen Weihungen in Delphi (99-134) versucht Yates, dieses auch an Denkmälern und Weihgeschenken nachvollziehbar zu machen, die lediglich die Polissicht auf das Ereignis darstellen sollen. Dies führt er weiter (135-167), indem er deutlich macht, dass der Ereigniskomplex "Perserkriege" in den einzelnen Poleis schon sehr unterschiedlich gesehen werden konnte - welche Ereignisse noch dazu gehörten, welche nicht (z.B. Marathon o.a.), hing von der konkurrierenden Aussageabsicht der einzelnen Poleis und ihrer jeweiligen Rolle ab. Diese gegenwartsbezogene Deutung wird noch weiter untersucht, u.a. am Beispiel der Polis Plataiai (168-201). Erst Philipp II. und Alexander, so die fanfarenhafte Schlussthese Yates' (202-248), hätten eine panhellenische Perspektive und Deutung der Ereignisse propagandistisch geschaffen. Dies sei auch nach dem Ende der Makedonenherrschaft so geblieben (267-274).

Yates' Studie ist nicht nur im Hinblick auf ihren überaus polemischen Umgang mit früheren Forschungsbeiträgen bemerkenswert. Sie konstruiert auch Gegensätze, wo keine sind. Das gilt schon für die Ausgangsthese. Niemand hat bestritten (auch nicht der Rezensent), dass die Perserkriegsvergangenheit rasch zu einem Gegenstand antagonistischer Deutungen der Poleis wurde und die Gemeinsamkeit "panhellenischer" Erinnerung sprengte. Die Frage ist allerdings, ob Yates mit seiner frühen Datierung dieser Gegensätzlichkeit und seiner sozialgeschichtlichen Deutung richtig liegt. Immerhin unterscheidet sich die Schlangensäule von späteren Denkmälern in Delphi, deren antagonistische Deutung der Ereignisse Yates sicher richtig einordnet, eben durch die Gemeinschaftlichkeit ihrer Weihung vor den Augen eines über die Polisgrenzen hinausgehenden Publikums und wurde auch bis in die Spätantike (Konstantin!) in dieser Exzeptionalität gedeutet. Die Entfernung der Pausanias-Inschrift geschah nach den expliziten Aussagen Thukydides' nach dem Protest der übrigen Bündner (also in einem Kontext überstaatlicher Kompromissfindung) und nicht, wie Yates zu belegen sucht, aufgrund der Kritik biederer Polisbürger an einer abgehobenen panhellenisch orientierten Elite von Heerführern.

Der Autor versucht häufiger, seinem Deutungsparadigma entsprechend, konkrete Belege umzudeuten. Anders als in der Studie wird man aber die gemeinsame Bestattung der Gefallenen mehrerer Poleis in Plataiai, die sich deutlich abhebt von der sonst geübten Praxis, als Beleg für einen panhellenischen Bezugsrahmen sehen müssen, zumal noch bei Thukydides die Plataier von einer ihnen von den "Hellenen" insgesamt übertragenen Aufgabe sprechen. Auch der bei Yates als quantité negliable behandelte "Hellenenbund" bestand dem Zeugnis des Thukydides zufolge noch bis zum Erdbeben in Sparta - ein Umstand, den der Autor gar nicht diskutiert. Die Leugnung eines unmittelbar nach den Ereignissen noch bestehenden panhellenischen Rahmens wird man insgesamt als extrem überspitzte These ansehen müssen, zumal man im Hinblick auf die des Medismos beschuldigten Poleis auch noch gemeinsam vorging, als nach Yates' These bereits nur noch Rivalität der Poleis Programm war.

Viele der folgenden Analysen zur Entstehung und Ausbildung des Antagonismus der Erinnerung sind sicher zutreffend, manche aber auch nicht neu - entgegen Yates' bisweilen polemischer Darstellung wurde auch zuvor schon gezeigt, dass die Erinnerung an Marathon so eng mit dem athenischen Hegemonialanspruch verknüpft war, dass sie für andere Poleis untragbar war und für diese kein Ereignis der Perserkriege war.

Die zweite Kernthese der Studie, dass der Panhellenismus als Deutungskonzept für die Perserkriege von Philipp II. und Alexander politisch inauguriert wurden, bedarf einer genaueren Analyse. Yates versucht dies vor allem für Plataiai zu zeigen, scheitert aber wie frühere Vorgänger daran, dass es dafür keinen positiven Quellenbeleg gibt. Die zentrale und konstitutive Rolle Spartas in den Ritualen und Agonen des dritten Jahrhunderts v. Chr. lässt es als schwer möglich erscheinen, dass der Korinthische Bund - bei allen gewollten Analogien - hier ausgerechnet in den 330er Jahren, als Sparta sich demonstrativ fernhielt, der Schöpfer gewesen sein soll. Die Fokussierung auf Philipp II. und Alexander und deren Deutungskonzept übersieht auch, dass schon beim Tod Alexanders eine ganz andere Deutung der Perserkriegsvergangenheit möglich war, nämlich als Freiheitskampf gegen die Fremdherrschaft (der Makedonen). Im Lamischen Krieg nutzen die Poleis bereits wieder die Erinnerung - aber ganz anders, als es das Konzept Yates' wahrhaben will. Glaukon, Chremonides und die anderen Protagonisten des Kampfes gegen das dann antigonidische Makedonien in der Mitte des 3. Jahrhunderts, die so intensiv Gebrauch machen von der Freiheitsemphase der Perserkriegsvergangenheit, wären wohl überrascht gewesen, wenn sie erfahren hätten, dass sie damit eigentlich nur Variationen makedonischer Geschichtsdeutung vortragen oder fruchtlosen Widerstand gegen ein gültiges Paradigma leisten. Hier wird das Grunddilemma der Studie deutlich: Die Untersuchung und Dekonstruktion antiker Meisterzählungen findet da eine Grenze, wo man selbst einer alten Meistererzählung aufsitzt, nämlich der von einer ewig im Kampf gegeneinander befindlichen Poliswelt der klassischen Zeit, die schließlich in der globalisierten Welt hellenistischer Großreiche aufgeht. Das ist gerade bei der Perserkriegserinnerung falsch. Athen und andere Poleis konnten in ihrem Kampf um Freiheit und Autonomie eigene Deutungen auch in hellenistischer Zeit behalten, umformen und politisch aktualisieren - gerade auch in Abgrenzung zu den großen monarchisch geführten Staaten. Die Geschichte der Deutung der Perserkriegsvergangenheit endet nicht mit Philipp II. und Alexander, sie blieb politisch, und sie war kontrovers - sogar noch bis in die römische Zeit hinein. Es ist bedauerlich, dass Yates hier signifikant hinter die erreichten Forschungsergebnisse zurückfällt.

Alles in allem darf man Yates' Studie als einen interessanten, zugespitzten, aber in den zentralen Deutungen sicher nicht alternativlosen oder abschließenden Beitrag zur Diskussion der Perserkriegsvergangenheit im antiken Griechenland verstehen.

Michael Jung