Rezension über:

Sebastian Wemhoff: Städtische Geschichtskultur zwischen Kontinuität und Wandel. Das Beispiel Straßburg 1871 bis 1988 (= Geschichtskultur und historisches Lernen; Bd. 18), Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2019, 488 S., 16 s/w-Abb., ISBN 978-3-643-14359-4, EUR 49,90
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Rezension von:
Katrin Minner
Historisches Seminar, Universität Siegen
Redaktionelle Betreuung:
Christian Kuchler
Empfohlene Zitierweise:
Katrin Minner: Rezension von: Sebastian Wemhoff: Städtische Geschichtskultur zwischen Kontinuität und Wandel. Das Beispiel Straßburg 1871 bis 1988, Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 7/8 [15.07.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/07/33679.html


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Sebastian Wemhoff: Städtische Geschichtskultur zwischen Kontinuität und Wandel

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In seiner an der Universität Münster eingereichten Dissertation widmet sich Sebastian Wemhoff der städtischen Geschichtskultur Straßburgs zwischen 1871 und 1988. Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Abwägung, an welchen Narrativen und Mythen sich im Stadtraum Identitätskonstruktionen anschlossen: an nationalen Meistererzählungen, an lokalen / regionalen Deutungen oder gar an transnationalen Verbindungen. Mit der Überlegung, ob in Straßburg eher nationale Meistererzählungen wirksam waren oder doch ein lokaler / regionaler 'Eigensinn' zur Geltung kam, schließt sich die Studie einer in den letzten Jahren gängigen Fragestellung an, in der die Kategorie der Region wieder an Bedeutung gewinnt. [1]

Auf den ersten Blick erscheint die Auswahl einer einzigen Referenzstadt für eine Qualifizierungsarbeit recht überschaubar. Die besondere Aussagekraft gewinnt das mikrogeschichtliche Beispiel aber durch den Status der umkämpften Grenzstadt, die im untersuchten Zeitraum zwischen 1871 und 1988 vier Herrschaftswechsel erlebte und damit gerade für die Frage nach der Relevanz nationaler Deutungsmuster prädestiniert ist. Wemhoff lotet aus, inwieweit Straßburg als deutsche, französische, elsässische oder als Europastadt definiert wurde beziehungsweise inwieweit sich in einem Längsschnitt eine Pluralität der Geschichtsbezüge eines komplexen Erinnerungsorts feststellen lässt (16).

In diachronen Abschnitten, die nach den historisch-politischen Zäsuren gesetzt werden, skizziert der Autor jeweils einführend die politischen und soziokulturellen Voraussetzungen, die Rahmenbedingungen der lokalen Geschichtskulturen (das heißt, vor allem die institutionellen Gegebenheiten von Wissenschaft, Museen / Ausstellungen, Vereinen und lokaler Historiografie), um dann als Kernstück der Studie zentrale Narrative und Mythen herauszuarbeiten. Das Vorgehen orientiert sich dabei an klassischen Verfahren der hermeneutischen Interpretation.

Der Autor beruft sich im Hinblick auf Desiderate der Forschung darauf, dass sowohl auf lokaler Ebene nur einzelne Längsschnittanalysen zu einer breit aufgestellten Geschichtskultur existierten als auch für den deutsch-französischen Grenzraum keine "vergleichbare, umfassende Analyse" bisher vorliege (19). Anders als in vielen anderen Untersuchungen wählt Wemhoff nicht ein einzelnes Phänomen der Geschichtskultur, das über einen längeren Zeitraum betrachtet wird, sondern hat sich ambitioniert dafür entschieden, mehrere, in der Regel von der Quellenlage her gut dokumentierte Phänomene in die Analyse einzubeziehen. Als theoretisches Fundament der Orientierung richtet er seine Analyse nach den Achsen Raum und Zeit aus. Er beleuchtet historiografische Angebote meist aus dem universitären Milieu und die Ausrichtung von Museen, im Mittelpunkt der Untersuchung stehen aber vor allem Denkmäler, Straßen- / Platzbenennungen und historische Jubiläen. Insbesondere die Denkmäler werden im Detail durchdekliniert: von der Genese, der Umsetzung, dem Einweihungsablauf bis hin zu Kritiken. Unklar bleibt bisweilen aber das Gesamtfeld geschichtskultureller Manifestationen, aus denen er (nach welchen Kriterien?) die Untersuchungsbeispiele ausgewählt und in direkten Vergleich gesetzt hat. Dabei beschleicht die Rezensentin ein gewisses Unbehagen, inwieweit nur solche Beispiele ausgewählt wurden, die für die Argumentation am passfähigsten erschienen.

Für die Reichslandzeit (1870-1918) konstatiert der Autor, dass deutsche nationale Deutungsangebote vorherrschend waren, die die Region für das Deutsche Reich vereinnahmten und auf die Integration der Bevölkerung angelegt waren. Neben den monarchisch-dynastischen Traditionslinien zum Beispiel eines Kaiserdenkmals und dem bildungsbürgerlichen Mythos der (deutschen) Kulturnation, der insbesondere auf den Goethe-Aufenthalt in Straßburg aufbaute, stellt Wemhoff einen größeren Zuspruch regionaler Deutungsangebote fest. Diese waren insbesondere dann erfolgreich, wenn sie sich in ihrer Mehrdeutigkeit zwischen "Heimat" und "petite patrie" für beide Seiten interpretieren ließen. Wemhoff zeigt auch Bemühungen zu traditionell frankophilen Bestrebungen und alternativen beziehungsweise kritischen Sinnstiftungen (zum Beispiel zur Erinnerung an den General Kléber oder den Wissenschaftler Pasteur) auf, die aber - so der Autor - für diesen zeitlichen Abschnitt entsprechend umstritten waren und sich kaum als Gegenerzählungen etablieren konnten.

Die Rückkehr nach Frankreich führte für den Zeitabschnitt von 1918 bis 1939 dazu, dass im Stadtraum geschichtskulturell die nationalstaatliche Erinnerung symbolisch überschrieben wurde (Straßennamen, Einführung der französischen Nationalfeiertage, Gedenken an Jeanne d'Arc und Louis Pasteur). Allerdings konstatiert Wemhoff, dass der Mythos von der Rückeroberung der "provinces perdues" vor Ort auch auf Skepsis stieß. Der Zwiespalt von elsässischen Soldaten auf beiden Seiten im Ersten Weltkrieg ließ nur ein pazifistisch-transnational-integratives Gefallenendenkmal zu. Bemerkenswert ist, wie sich in der Zwischenkriegszeit mit der autonomistisch orientierten Heimatbewegung ein regionales Sonderbewusstsein ausbildete, das in der folgenden Phase der deutschen Annektierung ab 1940 als Vorläufer der NS-Bewegung vereinnahmt wurde. Dass in dieser Zeit Geschichte wiederum von deutscher Seite für politische Zwecke instrumentalisiert und ideologisiert wurde sowie auch rassistische Deutungsmuster Einzug hielten, überrascht nicht. Neben der sogenannten "Entwelschung" im Stadtraum zum Beispiel bei Straßen- und Platznamen stellt Wemhoff auch das Bemühen der Verwaltung fest, auf Kontinuitäten zu verweisen: Verbindungslinien zwischen Region und Nation dienten dabei aber dem Zurückweisen französischer Machtansprüche (366).

Der spannendste Abschnitt der Untersuchung gilt dem Ausblick auf die Geschichtskultur der Stadt zwischen 1945 und 1988, in der sich neue Narrative entwickelten. Während das zunächst dominierende Narrativ der "Libération" noch eine traditional-exemplarische Erzählweise von militärischen Heroen in einer national-französischen Rahmung bediente, beobachtet Wemhoff ab Ende der 1950er Jahre eine Abkehr von politisch-nationalen Ausrichtungen und eine allmähliche Pluralisierung in der lokalen Geschichtskultur. Aus der früheren Dichotomie zwischen deutscher und französischer Zugehörigkeit führte nun die Öffnung Richtung Europa mit grenzüberschreitend-vermittelnden Impulsen und wiederum die Fokussierung auf lokale und regionale Bezüge. So symbolisierte zum Beispiel der Janus-Brunnen eine Brückenfunktion sowohl zwischen Regionen als auch Staaten. Kontinuierlich genutzte Projektionsflächen wie das Straßburger Münster zeigen - über alle zeitlichen Zäsuren hinweg -, dass sie in jeder Zeit den entsprechend aufkommenden Geschichtsdeutungen angepasst werden konnten: von der mittelalterlichen deutschen Kulturnation über ein vermeintlich überzeitliches, unpolitisches und charakteristisches Symbol der Stadt bis hin zur europäischen Verbindung.

In der Gesamtschau lässt sich festhalten, dass eine Stärke der Arbeit der gute und reflektierte Überblick über die theoretische Grundlage der Geschichtskultur ist. Daraus wird gezielt das für die Studie notwendige methodische Instrumentarium abgeleitet. Mit dessen Hilfe werden die vor allem räumlichen und zeitlichen Dimensionen aufgespannt und die vier Zeitabschnitte gleichförmig abgearbeitet.

Die Formulierung des Klappentextes von der vollständigen Widerlegung der "These des Primats nationaler Meistererzählungen" scheint zu zugespitzt. [2] Tatsächlich weist die Studie ja durchaus die prominenten Manifestationen nationaler Narrative mindestens bis in die 1960er Jahre nach, die auch nicht scheiterten, wenngleich sie eben zunächst von lokalen, regionalen flankiert oder schließlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von transnationalen Identitätskonstruktionen abgelöst wurden.

Letztlich bleibt der Blick auf die Manifestationen der Geschichtskultur bei Angeboten einer Elitenkultur, mal der 'Altdeutschen', mal der 'Altelsässer', mal der Verwaltungsspitze. Welche Meinungen, Wirkungen / Einflüsse beziehungsweise alternative Identitätsdiskurse innerhalb der gesamten Bevölkerung (insbesondere jenseits von politischen und akademischen Netzwerken) kursierten, bleibt ungeklärt und - zugegeben - immer schwer greifbar, wenngleich interessante Ansatzpunkte in der Studie bisweilen sogar selbst angerissen werden, wie das Fest zur Einweihung des Musée Alsacien 1907 mit historisch kostümierten Gästen (88).

Die Studie widmet sich den klassischen Phänomenen der Geschichtskultur mit der entsprechend gut greifbaren Quellenlage durch Historiografie, Denkmäler, Straßennamen und Feste beziehungsweise Jubiläen. Aus der Sicht heute mit den Impulsen der in den letzten Jahren starke Aufmerksamkeit findenden Public History hätten auch Zugänge über andere mediale Angebote (zum Beispiel Untersuchung von Diskursen in (Massen-) Medien) spannend sein können. Dazu muss aber angemerkt werden, dass die Studie als Dissertation auf das Jahr 2014 zu datieren ist, als eine solche Orientierung gerade erst anlief.

Der Anspruch, eine Grundlage für einen komparatistischen Ansatz zu bieten, bleibt mit einem kurzen Absatz im Schlusskapitel, der sich auf ostmitteleuropäische Regionen bezieht, (leider) nur ein kursorischer Aufschlag, der auf Potentiale des Vergleichs aufmerksam macht, aber die Arbeit in ihrem Zuschnitt überfordert hätte.

Abschließend lässt sich sagen, dass der Band theoretisch-methodisch klar fokussiert ist, untersuchte Elemente akribisch durchdekliniert, Schlüsse nachvollziehbar daraus entwickelt und als Längsschnittsynthese gerade für die Geschichte Straßburgs eine erstaunliche Lücke der Forschung geschlossen hat.


Anmerkungen:

[1] Vergleiche zum Beispiel Bernd Schönemann: Die Region als Konstrukt. Historiographiegeschichtliche Befunde und geschichtsdidaktische Reflexionen, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 135 (1999), 153-187; Anke John: Lokal- und Regionalgeschichte, Schwalbach / Ts. 2017; Bärbel Kuhn / Matthias Weipert (Hgg.): Region und außerschulische Lernorte, St. Ingbert 2019.

[2] Vergleiche auch die Aussage des Autors auf Seite 414: Auch Wemhoff konstatiert, dass die lokale Geschichtskultur von der Reichslandzeit bis über 1945 hinaus "durchweg stark von den jeweilig nationalen Rahmungen geprägt war", kommt aber angesichts der Debatten über einzelne Ereignisse zu dem Schluss, ortsansässige Eliten hätten "den Versuchen einer primär nationalen Identitätsstiftung oftmals reserviert gegenübergestanden" oder diese gar boykottiert.

Katrin Minner