Rezension über:

Rudolf Tempsch: Aus den böhmischen Ländern ins skandinavische Volksheim. Sudetendeutsche Auswanderung nach Schweden 1938-1955. Hg. von Krister Hanne und Stefan Troebst, Göttingen: Wallstein 2018, 397 S., ISBN 978-3-8353-1226-5, EUR 34,90
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Rezension von:
Birgit Vierling
Technische Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Birgit Vierling: Rezension von: Rudolf Tempsch: Aus den böhmischen Ländern ins skandinavische Volksheim. Sudetendeutsche Auswanderung nach Schweden 1938-1955. Hg. von Krister Hanne und Stefan Troebst, Göttingen: Wallstein 2018, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 7/8 [15.07.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/07/34616.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Rudolf Tempsch: Aus den böhmischen Ländern ins skandinavische Volksheim

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Die Migration Sudetendeutscher ins nicht-deutschsprachige Ausland wurde bislang in der Forschung kaum beachtet. Rudolf Tempschs auf Schwedisch verfasste Dissertation, mit der er 1998 an der Universität Göteborg promovierte, schließt somit eine Forschungslücke: Sie beleuchtet die Migration von ca. 5.000 Sudetendeutschen nach Schweden in den Jahren 1938 bis 1955. Dies war auch der Anlass für die posthume Herausgabe dieses Buches in deutscher Übersetzung. Die Herausgeber wollten damit die "globale Dimension sudetendeutscher Migrationsgeschichte" (12) stärker ins Bewusstsein rufen. Der Originaltext wurde im Wesentlichen beibehalten.

Ein wichtiger Aspekt der Publikation besteht darin, dass der 1944 in Neubistritz (Nová Bystřice) geborene Verfasser 1948 mit seinen Eltern nach Schweden emigrierte, nachdem er nach Kriegsende durch eine "wilde Vertreibung" nach Österreich gelangt war. Tempsch arbeitete in Schweden als Lehrer. Er befasste sich zeitlebens mit sudetendeutschen Themen und veröffentlichte mehrere wissenschaftliche Aufsätze in deutscher und schwedischer Sprache. Entsprechend engagiert und detailliert gestaltet sich seine Dissertation. Sein persönliches Anliegen und seine Biografie spiegeln sich auch im Forschungskonzept wider: Tempsch möchte die Migration von Sudetendeutschen nach Schweden "dokumentieren". Sein Ziel ist es, "den Verlauf zu beschreiben und zu erklären" (20 f.). Seine Untersuchung stützt sich vor allem auf Akten staatlicher Stellen im schwedischen Nationalarchiv beziehungsweise im Zentralarchiv der schwedischen Arbeitsmarktbehörde sowie auf das Archiv der schwedischen Arbeiterbewegung in Stockholm und Bestände des Stadtarchivs in Eskilstuna. Daneben besuchte Tempsch auch Archive im Ausland, unter anderem in Bonn und in Prag, sowie Privatarchive und führte Interviews mit Zeitzeugen. Den Begriff "sudetendeutsch" verwendet Tempsch für die Gesamtheit aller Deutschen in der Tschechoslowakei.

Zunächst erfolgt eine Überblicksdarstellung der Geschichte der böhmischen Länder seit der keltischen Besiedlung. Die Person des Verfassers spiegelt sich gerade in diesem Kapitel mitunter in einem pädagogisch geprägten, manchmal auch tendenziösen, von persönlicher Betroffenheit durchzogenen Schreibstil wider. Zudem wird deutlich, dass die Arbeit 1997 fertiggestellt wurde und mehr als 20 Jahre Forschung nicht berücksichtigt werden konnten. Bei den Migrantinnen und Migranten handelte es sich vor allem um sudetendeutsche Sozialdemokraten. Für eine Ausreise nach Schweden sprachen die dortige sozialdemokratische Regierung und die über das gemeinsame politische Engagement entstandenen persönlichen Beziehungen zwischen der schwedischen und sudetendeutschen Arbeiterbewegung. Wichtige Akteure in Schweden waren somit Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbund, aber auch der Verein "Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten" (TG).

Im Herbst 1938 organisierte die schwedische Flüchtlingshilfe der Arbeiterbewegung (AF) die erste Migrationsaktion, mit der 36 Personen, darunter auch Deutsche und Österreicher, nach Schweden kamen. Etwa 370 politische Flüchtlinge folgten nach der Proklamation des "Protektorats Böhmen und Mähren". Es handelte sich zumeist um junge Familien, deren Väter in der Industrie tätig und in der Arbeiterbewegung engagiert waren. Während des Krieges nahm Schweden noch circa 230 sudetendeutsche Flüchtlinge aus skandinavischen Nachbarländern auf. Die Migration wurde streng gesteuert. So wollte man möglichst anpassungsfähige, demokratisch gesinnte Personen aufnehmen und legte großen Wert auf deren berufliche Qualifikation. Jüdische oder kommunistische Flüchtlinge waren weniger willkommen. Durch die rasche Integration in Schweden bekamen Sudetendeutsche ein positives Image als leicht integrierbare und gut qualifizierte Arbeitskräfte.

Sehr ausführlich stellt Tempsch auch die Entwicklung auf dem Gebiet der "Tschechoslowakei" 1938-1947 dar. Als sich 1942/43 eine radikale Lösung der Minderheitenfrage abzeichnete, startete die TG eine Pressekampagne gegen die Vertreibungspläne und organisierte eine Hilfsaktion, insbesondere für sudetendeutsche Gegner der Nationalsozialisten. Unterstützung kam auch vom schwedischen Sozialminister Gustav Möller sowie vom Gewerkschaftsbund und dem Roten Kreuz. Allerdings konnten aufgrund der chaotischen Lage in Europa 1945/46 nur etwa 250 Sudetendeutsche nach Schweden ausreisen. Für die Nachkriegsmigration spielte insbesondere die prosperierende schwedische Wirtschaft eine wichtige Rolle, die zwar nicht von den Kriegsereignissen beeinträchtigt worden war, aber unter Fachkräftemangel litt. Die Regierung wollte daher gezielt weitere sudetendeutsche Arbeiter anwerben. Allerdings befanden sich zahlreiche Sudetendeutsche inzwischen in der amerikanischen Besatzungszone und fielen unter das Emigrationsverbot für Deutsche. Es durften daher 1948 lediglich circa 170 Sudetendeutsche, die eine Tätigkeit im Widerstand nachweisen konnten, nach Schweden ausreisen (sogenannte "Hessen-Aktion").

Da Sudetendeutsche in Österreich als staatenlos galten und auswandern durften, schloss die schwedische Arbeitsmarktkommission im Oktober 1947 ein Abkommen mit den dortigen amerikanischen und britischen Militärbehörden zur Überführung von bis zu 5.000 sudetendeutschen Arbeitern mit ihren Familien. Auch hier stieß man auf unerwartete logistische Schwierigkeiten, unter anderem aufgrund der Zoneneinteilung. Zudem war das Interesse von sudetendeutscher Seite zunächst gering. Gleichwohl handelt es sich hier um die zahlenmäßig stärkste Migrationsphase, in der zwischen Oktober 1947 und Herbst 1948 über 1.800 Sudetendeutsche nach Schweden kamen. Wegen eines konjunkturellen Abschwungs im Herbst 1948 sowie fehlender Wohnungen wurde die Aktion schließlich abgebrochen. Danach verlegte sich die schwedische Arbeitsmarktpolitik auf die individuelle Immigration. Bis 1955 kamen die sudetendeutschen Einwanderer mehrheitlich aus Deutschland (circa 1.500), gefolgt von der Tschechoslowakei (circa 200) und Österreich (circa 100).

Im Anschluss verortet Krister Hanne in einem 30-seitigen Beitrag die sudetendeutsche Auswanderung nach Schweden im Gesamtkontext der sudetendeutschen Migration in das europäische und außereuropäische Ausland.

Insgesamt handelt es sich bei dem vorliegenden Werk um eine äußerst detailreiche und umfassende Darstellung. Mitunter droht aufgrund der Fülle der rote Faden etwas verloren zu gehen. Hilfreich sind die Zwischenfazits sowie Zusammenfassungen am Ende von Unterkapiteln. Zudem ermöglichen ein Personen- und ein Ortsregister den raschen, zielgerichteten Zugriff. Es war Tempsch offenkundig ein großes Anliegen, die sudetendeutsche Migration nach Schweden zu dokumentieren. Seine Studie ist dadurch allerdings weniger eine fokussierte Forschungsarbeit, sondern trägt eher den Charakter eines Handbuchs. Klare Forschungsergebnisse kann Tempsch folglich nicht vorweisen. Grundsätzlich bietet das Werk eine wertvolle Grundlage zur weitergehenden strukturellen Analyse der sudetendeutschen Migration nach Schweden sowie generell für weitere strukturelle Forschungen zur europäischen Migrationsgeschichte. Darüber hinaus ist die Arbeit ein bedeutender Beitrag zur Geschichte der europäischen Sozialdemokratie.

Birgit Vierling