Rezension über:

Martin Lohmann: Alpenblick hinter Stacheldraht. Das polnische Offiziersgefangenenlager VII A in Murnau 1939–1945, München: Allitera 2017, 400 S., ISBN 978-3-86906-981-4, EUR 29,90
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Rezension von:
Heribert Macher-Kroisenbrunner
Karl-Franzens-Universität, Graz
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Heribert Macher-Kroisenbrunner: Rezension von: Martin Lohmann: Alpenblick hinter Stacheldraht. Das polnische Offiziersgefangenenlager VII A in Murnau 1939–1945, München: Allitera 2017, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 7/8 [15.07.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/07/34617.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Martin Lohmann: Alpenblick hinter Stacheldraht

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Seit Gudrun Schwarz Anfang der 1990er Jahre sechzehn unterschiedliche Kategorien von Lagern im nationalsozialistischen Deutschland auflistete und von Zygmunt Bauman der Begriff vom 20.Jahrhundert als "Jahrhundert der Lager" geprägt wurde, liegt eine vergleichsweise intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Themenfeld "Institution Lager" vor.[1] Auch zu Kriegsgefangenenlagern im NS-Staat, in denen Millionen Soldaten ihr Leben fristen mussten, erschienen zahlreiche Studien. In diesen Arbeiten wurden entweder Nationalitätengruppen untersucht, wie die in deutsche Kriegsgefangenschaft geratenen Soldaten der Roten Armee, oder der Blick auf einzelne Lager gerichtet. Martin Lohmanns Werk ist Letzterem zuzuordnen. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen die Lebenswelten und Schicksale der sich in deutschem Gewahrsam befindlichen polnischen Offiziere im Kriegsgefangenen-Offizierslager Oflag VII A in Murnau 1939-1945.

Bereits seit mehreren Jahren beschäftigt sich der als Gymnasiallehrer in Murnau tätige Verfasser mit dieser Thematik und leitete verschiedene Projekte zum Oflag VII A. Unter dem Eindruck einer Ausstellung und einer Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des Lagers im Jahre 2015 entstand unter Einbindung bislang noch unbearbeiteter Quellen, die eine Beantwortung neuer Fragestellungen erlauben, die vorliegende Monografie. Lohmann wertete zahlreiche Dokumente und Erinnerungsberichte ehemaliger Kriegsgefangener aus und führte mit deren Nachkommen einen regen Briefwechsel. In Verbindung mit Quellen aus deutschen Archiven kann er somit ein detailliertes Bild von den Zuständen im Oflag VII A nachzeichnen. Er schließt damit an eine Dissertation der polnischen Historikerin Danuta Kisielewicz aus dem Jahr 1990 an, die 2015 in einer überarbeiteten Fassung veröffentlicht wurde.[2] Lohmann legt nicht nur erstmals eine Gesamtdarstellung des Lagers in Murnau für den deutschsprachigen Raum vor, sondern verortet dieses auch innerhalb des Systems der Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht. So gelingt ihm eine Verflechtung seiner lokal- und regionalgeschichtlichen Ausrichtung mit übergreifenden Fragestellungen.

Im ersten Teil seiner Ausführungen beleuchtet Lohmann die Bau- und Entstehungsgeschichte der Kemmel-Kaserne in Murnau bis hin zu deren Verwendung als Kriegsgefangenenlager für polnische Offiziere. Parallel dazu werden die Ausgangsbedingungen des deutschen Kriegsgefangenenwesens und deren Veränderungen während des Zweiten Weltkriegs im Allgemeinen und für die polnischen Kriegsgefangenen im Speziellen erläutert. In diesem ersten Drittel des Werkes finden sich neben den Belegzahlen auch Erläuterungen über die verschiedenen Gefangenentransporte ins Lager sowie zahlreiche biografische Skizzen - sowohl von polnischen Offizieren, deren Weg in die Gefangenschaft nachgezeichnet wird, als auch von den deutschen Kommandanten.

In der ersten Hälfte des Hauptteils folgt eine anschauliche Darstellung des Alltagslebens der Kriegsgefangenen. Lohmann geht hier auf Bereiche wie Sport, religiöse Betreuung oder die kulturellen Unterhaltungs- und Bildungseinrichtungen ein. Dieser alltagsgeschichtliche Teil der Arbeit fördert jedoch eher wenig Neues zutage. Interessant ist die Darstellung der Beziehung zwischen den annähernd 200 polnisch-jüdischen Offizieren im Lager zu der deutschen Lagerverwaltung einerseits sowie zu ihren nichtjüdischen Kameraden anderseits. In der zweiten Hälfte des Hauptteiles geht der Verfasser schließlich, etwas sperrig, anhand der drei Komponenten "Konzeption durch die Genfer Konvention", "deutsche Intention" und "Praxis" der Frage nach, ob es sich beim Oflag VII A Murnau um ein sogenanntes "Musterlager" gehandelt haben könnte.

Im letzten Drittel seiner Ausführungen beleuchtet Lohmann weitere Aspekte eines Kriegsgefangenenlagers wie Subversion, Fluchtversuche und Todesfälle. Bei Letzterem überrascht bezüglich des Murnauer Lagers eine Sterberate von 0,9 Prozent, die deutlich unter dem Durchschnitt, der in deutschem Gewahrsam verstorbenen polnischen Kriegsgefangenen liegt. Der Schlussteil zur Befreiung des Lagers durch US-amerikanische Truppen ist als besonders wertvoll einzuschätzen. Lohmann legt diesen Vorgang aus mehreren Perspektiven sehr detailreich dar und lässt bislang überlieferte Berichte, die von einem Liquidierungsbefehl in der Endphase des Lagers ausgehen, in einem neuem Licht erscheinen (300 f.). In einem letzten Punkt geht Lohmann schließlich der schwierigen Repatriierungsfrage von polnischen Offizieren ins sowjetisch besetzte Polen nach. Eine Rückkehr in die Heimat hätte für sie Verhaftung und Schlimmeres bedeuten können, sodass viele Offiziere ein Leben im Exil vorzogen.

Zusammenfassend betrachtet, bietet die Studie einen umfassenden, auf breiter Quellenbasis recherchierten Überblick über eines der größten Offizierslager für polnische Kriegsgefangene im nationalsozialistischen Deutschland. Ein roter Faden lässt sich jedoch nur mühsam finden, da das reich bebilderte Buch in insgesamt 24 Kapitel unterteilt ist. Manche der Kapitel beziehungsweise Unterkapitel, die sich noch dazu in unterschiedlichen Teilen des Werkes befinden, würden sich mühelos zusammenfügen lassen. Bei anderen Thematiken, wie zum Beispiel dem Kapitel über die Volksdeutschen im Lager, hat man wiederum den Eindruck, dass sie nur eingefügt wurden, um sie nicht unberücksichtigt zu lassen. Der Wert der Arbeit überwiegt jedoch diese Kritik. Wer sich mit Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg beschäftigt, hat nun Zugriff auf eine weitere quellengesättigte "Lagergeschichte".


Anmerkungen:

[1] Gudrun Schwarz: Die nationalsozialistischen Lager, Frankfurt am Main / New York 1990; Zygmunt Bauman: Das Jahrhundert der Lager, in: Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte (1994), 1, 28-37.

[2] Danuta Kisielewicz: Niewola w cieniu Alp. Oflag VII A Murnau [Gefangenschaft im Schatten der Alpen. Oflag VII A Murnau], Opole 2015.

Heribert Macher-Kroisenbrunner