Rezension über:

Jonathan Hogg: British Nuclear Culture. Official and Unofficial Narratives in the Long 20th Century, London: Bloomsbury Publishing 2016, XIV + 230 S., 23 s/w-Abb., 1 Kt., ISBN 978-1-4411-6976-1, GBP 19,79
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Rezension von:
Mathias Haeussler
Universit├Ąt Regensburg
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Mathias Haeussler: Rezension von: Jonathan Hogg: British Nuclear Culture. Official and Unofficial Narratives in the Long 20th Century, London: Bloomsbury Publishing 2016, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 9 [15.09.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/09/30550.html


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Jonathan Hogg: British Nuclear Culture

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"We've got to have this thing over here whatever it costs [...] We've got to have the bloody Union Jack on top of it" (54). Mit diesen drastischen Worten sprach sich Außenminister Ernest Bevin im Oktober 1946 für die Entwicklung einer eigenständigen britischen Nuklearwaffe aus. Auch heute noch wird die britische Haltung zu Atomwaffe und Nuklearenergie oftmals als Ausdruck britischen Nationalstolzes sowie Teil einer vermeintlich alternativlosen militärischen Absicherung im Kalten Krieg gesehen. [1] Jonathan Hoggs anregende Studie zeigt jedoch, dass die britische Gesellschaft wesentlich ambivalenter und kritischer auf die nukleare Revolution des 20. Jahrhunderts reagierte. Seine Analyse stützt sich im Gegensatz zu vielen früheren Arbeiten nicht primär auf offizielle Überlieferungen, sondern hauptsächlich auf eine Vielzahl von zu diesem Thema bisher wenig bearbeiteten Quellen wie Zeitungen, Magazine, Popsongs und Computerspiele.

Mit diesem eklektischen Quellenkorpus unterscheidet Hogg zwischen "offiziellen" und "inoffiziellen" Nuklear-Narrativen, die durchgängig nebeneinandergestellt und gelegentlich auch explizit kontrastiert werden. Generell erkennt Hogg insbesondere für die Zeit nach 1945 eine Diskrepanz zwischen den weitgehend positiven Staats- und Regierungs-Narrativen und "inoffiziellen" gesellschaftlichen Narrativen, die oftmals von Verwirrung, Zweifel und Dissens geprägt waren. Nach einem kurzen Überblick über die Entwicklungen bis 1945 springt das Buch in die unmittelbare Nachkriegszeit, in der einige entscheidende Determinanten zukünftiger Diskurse identifiziert werden: Denn während die britische Regierung mit hohem finanziellen Aufwand und oft nebulöser Geheimhaltung die schnelle Entwicklung einer eigenständigen Nuklearwaffe forcierte, waren die gesellschaftlichen Reaktionen hierauf häufig von Unsicherheit und Schock geprägt. So identifiziert das Buch bezüglich der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki anhand von Quellen aus dem Mass Observation Archives einen interessanten Kontrast zu den USA: Triumphgeheul der Bevölkerung war kaum auszumachen, vielmehr erfüllte die britische Beteiligung am Einsatz viele Menschen mit Machtlosigkeit und Scham.

Diese bereits früh aufgestellten Grundlinien der Argumentation werden in den folgenden Kapiteln chronologisch weiter herausgearbeitet. In den 1950er Jahren lässt sich eine Verhärtung der Narrative erkennen, die vor allem mit dem rapide wachsenden gesellschaftlichen Wissen über Chancen und Gefahren der Nuklearenergie sowie mit den bekannten Krisen des frühen Kalten Kriegs erklärt wird. So sahen die 1950er Jahre sowohl die Entwicklung einer eigenständigen britischen Atombombe als auch eine zunehmend öffentlich geführte Debatte über die Gefahren nuklearer Kontamination sowie vermeintlich bevorstehende Atomkriege. Für die 1960er und 1970er konstatiert das Buch trotz der Entspannungsphase zwischen den Supermächten ein standhaftes Bekenntnis des britischen Staats zur nuklearen Verteidigung und eine damit einhergehende Radikalisierung "inoffizieller" Narrative, die unter anderem in Presse und Popkultur ihren Ausdruck fand. Die Konjunktur des antinuklearen Protests in den 1980er Jahren erklärt das Buch relativ konventionell mit dem "Wiederaufflammen" des Kalten Kriegs, wobei die antinuklearen Tendenzen in Gesellschaft und Popkultur überzeugend mit der harten Rhetorik der Regierung Thatchers kontrastiert werden. Seit den 1990er Jahren stellt Hogg eine Depolitisierung des nuklearen Diskurses fest, die jedoch auf das Faktum der britischen Nuklearmacht kaum nennenswerte Auswirkungen hätte.

Hoggs ebenso ambitionierter wie breit angelegter Studie gelingt es, vorherrschende Wahrnehmungen der britischen Nukleardebatte insbesondere nach 1945 konsequent zu hinterfragen und in wichtigen Punkten zu modifizieren. Der von Staat und Regierung forcierten Identifizierung nuklearer Energie mit nationalem Prestige und technologischem Fortschritt stellt das Buch eine oft ambivalente und skeptische Haltung der britischen Gesellschaft gegenüber. Hierbei spielen nicht nur bekannte Akteure wie J. B. Priestley oder die Campaign for Nuclear Disarmament eine wichtige Rolle; die Studie interessiert sich gleichermaßen auch für lokale Debatten und popkulturelle Verarbeitungen. Besonders spannend sind eine Vielzahl persönlicher Perspektiven und individueller Schicksale, die Hogg oftmals minutiös rekonstruiert - so beispielsweise die tragische Geschichte eines nordenglischen Ehepaares, das sich selbst und ihren drei Kindern Ende der 1950er Jahre wohl in Angst vor einem bevorstehenden Nuklearkrieg das Leben nahm.

Zwar ist die enorme Quellenbreite eine der größten Stärken des Buchs; dennoch hätte eine etwas stärkere Hierarchisierung und auch Differenzierung dieses eklektischen Korpus in Teilen gutgetan. So ist die analytische Trennschärfe zwischen "offiziellen" und "inoffiziellen" Narrativen nicht immer vollständig klar, wie Hogg auch selbst in der Einleitung einräumt. Ebenso wäre es interessant gewesen, noch mehr zu den vielfältigen Transfers und Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichen Ebenen der britischen Debatte zu erfahren. Zwar liegt Hogg mit seinem Urteil, dass der Nuklearstaat weitgehend abgeschottet von gesellschaftlichen Diskursen operieren konnte, sicherlich richtig, doch wie sah es anders herum aus?

Vor allem aber bleibt unklar, worin genau sich denn das spezifisch Britische an den von Hogg so umfassend dargestellten Debatten verorten lässt. Zwar verspricht die Einleitung des Buches Aufschlüsse über die Rolle der "nuclear culture" für britische Identitätskonstruktionen (4, 8), doch liegt es in der Natur einer national angelegten Fallstudie, dass dieser Anspruch nur teilweise erfüllt werden kann. Das ist schade, denn gerade zu Fragen der zivilen Nutzung von Kernenergie oder auch zum NATO-Doppelbeschluss drängt sich der Vergleich mit kontinentaleuropäischen Debatten geradezu auf - im Kapitel zu den 1980er Jahren ist die Bundesrepublik jedoch primär mit Kraftwerk und Nena vertreten. Auch die transnationalen Verflechtungen von Wissenschaftlern ebenso wie von Nukleargegnern werden zwar mehrfach angerissen, aber nicht eingehender untersucht. [2] Eine etwas umfangreichere Berücksichtigung europäischer Nachbarländer hätte sicherlich geholfen, die im Titel benannte "British nuclear culture" genauer auszudifferenzieren.

Insgesamt gelingt Hogg mit seiner äußerst quellenreichen und analytisch tiefgehenden Studie eine eindrucksvolle Darstellung, wie ambivalent und vielfältig die britische Gesellschaft des 20. Jahrhunderts mit dem neuartigen Phänomen des Nuklearen umgegangen ist. Es ist dem Buch zu wünschen, dass es nicht nur in Großbritannien eine breite Leserschaft findet, sondern auch weitere Studien im europäischen Kontext inspiriert.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Peter Hennessy: The Secret State. Preparing for the Worst 1945-2010, London 2010; Matthew Grant: After the Bomb. Civil Defence and Nuclear War in Cold War Britain 1945-68, Basingstoke 2010.

[2] Vgl. Holger Nehring: Politics of Security. British and West German Protest Movements and the Early Cold War, 1945-1970, Oxford 2013; Christoph Laucht: Elemental Germans. Klaus Fuchs, Rudolf Peierls and the Making of British Nuclear Culture, 1939-59, Basingstoke 2012.

Mathias Haeussler