Rezension über:

Alexander Vazansky: An Army in Crisis. Social Conflict and the U.S. Army in Germany, 1968-1975, Lincoln: University of Nebraska Press 2019, XXII + 325 S., ISBN 978-1-4962-1519-2, USD 60,00
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Rezension von:
Christian Th. Müller
Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Christian Th. Müller: Rezension von: Alexander Vazansky: An Army in Crisis. Social Conflict and the U.S. Army in Germany, 1968-1975, Lincoln: University of Nebraska Press 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 9 [15.09.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/09/33754.html


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Alexander Vazansky: An Army in Crisis

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In seiner zwischen 2004 und 2009 am Center for American Studies der Universität Heidelberg entstandenen, aber erst 2019 bei University of Nebraska Press veröffentlichten Dissertation hat sich Alexander Vazansky einem bislang weitgehend vernachlässigten Thema zugewandt. Während die Proteste gegen den Vietnamkrieg, die Auseinandersetzungen um Rassendiskriminierung und Bürgerrechte ebenso wie der Wandel von Jugendkultur und Drogenkonsum in der US-amerikanischen Gesellschaft der 1960er und 1970er Jahre bereits seit längerem als etablierte Themen der historischen Forschung gelten können, sind die Auswirkungen dieser gesellschaftlichen Phänomene auf die in Europa stationierten US-Streitkräfte bislang allenfalls schemenhaft bekannt gewesen.

Im Mittelpunkt von Vazanskys Untersuchung steht die hauptsächlich in der Bundesrepublik Deutschland stationierte U.S. Army Europe (USAREUR), die neben der Bundeswehr und der britischen Rheinarmee das zentrale Element der NATO-Bündnisverteidigung in Mitteleuropa gegen einen etwaigen sowjetischen Angriff bilden sollte. Den Ausgangspunkt seiner Betrachtung bildet die 1971/72 erschienene Artikelserie "Army in Anguish" der "Washington Post", die unter anderem am Beispiel der Merrell Barracks in Nürnberg auf einige grundlegende Probleme im inneren Gefüge der U.S. Army im Allgemeinen und der USAREUR im Besonderen aufmerksam machte. Baufällige Kasernen, Langeweile, Kriminalität, Drogenkonsum, Rassenkonflikte und Rebellion der Wehrpflichtigen gegen militärische Vorgesetzte waren die hier beschriebenen Phänomene.

Vazansky erblickt darin eine "social crisis", die den Zustand von USAREUR in den Jahren 1968 bis 1975 nachhaltig geprägt habe. Diese Krise sei maßgeblich durch drei Entwicklungen ausgelöst worden: die Personaltransfers innerhalb der U.S. Army während des Vietnamkrieges, die verschlechterte sozioökonomische Situation der US-Soldaten in der Bundesrepublik sowie die sozialen Transformationsprozesse und Konflikte in der US-amerikanischen Gesellschaft im Zuge von Bürgerrechtsbewegung und veränderter Jugendkultur.

Die Studie gliedert sich in drei Teile. Im ersten mit "Race Discrimination and Black Power in USAREUR" überschriebenen Teil betrachtet der Autor zunächst die Lage afroamerikanischer GIs im Nachkriegsdeutschland und die offizielle Aufhebung der Rassentrennung in den US-Streitkräften zwischen 1948 und 1954. Letztere tat der "off base discrimination" (15) ebenso wie der Benachteiligung afroamerikanischer Soldaten bei Beförderungen und Bestrafungen jedoch keinen Abbruch.

Vor dem Hintergrund der erstarkenden Bürgerrechtsbewegung in den USA und des Vietnamkrieges führte dies, wie Vazansky im zweiten Kapitel ausführt, in den 1960er Jahren zu wachsenden Rassenspannungen in der USAREUR. Den zunehmenden Protesten afroamerikanischer GIs gegen andauernde Diskriminierungen stand eine tendenziell ignorante Haltung der überproportional vielen weißen Offiziere und höheren Unteroffiziere gegenüber. Gleichzeitig verstärkte aber auch der offen rassistische Ku-Klux-Klan seine Aktivitäten in der U.S. Army Europe (28).

So spitzte sich die Situation bis Anfang der 1970er Jahre sukzessive zu. Zu lange hatten die Vorgesetzten aller Grade es vorgezogen, Praxen rassistischer Diskriminierung zu bagatellisieren oder gänzlich totzuschweigen. Stattdessen beklagten sich der Stabschef der U.S. Army, General William Westmoreland, und der Oberbefehlshaber von USAREUR, General James H. Polk, über kritische Presseberichterstattung (55). Auf Druck aus dem Verteidigungsministerium und angesichts öffentlich sichtbarer Aktivitäten der Black Panther Party, die unter anderem mit ihrer Zeitschrift "Voice of the Lumpen" afroamerikanische GIs für ihr Programm zu mobilisieren suchte, verabschiedete Polk 1971 immerhin ein erstes, noch recht paternalistisch daherkommendes "equal opportunity program" (56).

Erst sein Nachfolger General Michael S. Davison implementierte die im vierten Kapitel vorgestellten "new race relations policies". Davison verfolgte einen der Öffentlichkeit, der Bürgerrechtsbewegung und den eigenen Soldaten gegenüber deutlich flexibleren und kommunikativeren Kurs. Auftretende Probleme und Proteste wurden nun als "leadership failure" (69) gewertet. Zugleich wurden die Vorgesetzten vom Bataillonskommandeur aufwärts in den halbjährlich durchgeführten "USAREUR Commanders Conferences on Race Relations" (75) für das Thema sensibilisiert. Für Vorgesetzte aller Grade wurde zum gleichen Zweck die "USAREUR Race Relation School" in München gegründet (83).

Im zweiten Teil seiner Arbeit widmet sich Vazansky dem "Political Protest and Antiwar Activism" (93). Während das fünfte Kapitel zunächst die Praxen und Organisationsformen des Widerstandes gegen den Vietnamkrieg in der U.S. Army insgesamt betrachtet, geht das sechste auf die spezifische Situation der USAREUR ein. Seit der Eskalation des Krieges hatte hier die Zahl der Desertionen mit anschließender Flucht nach Frankreich oder Schweden merklich zugenommen. Unterstützung erhielten die Deserteure aus den Kreisen der Friedens- und Studentenbewegung. Dies stand auch in Verbindung zu den Aktivitäten von "Resistance Inside the Army" (RITA), einer ab 1967 in den US-Streitkräften aktiven Bewegung von GIs für GIs, die sich gegen den Krieg in Vietnam und gegen die Wehrpflicht aussprach. Über selbst gefertigte Zeitschriften wie "Fight Back" und "Forward" (154) suchte sie die GIs zu mobilisieren. In der Bundesrepublik erhielt sie dabei insbesondere in den Universitätsstädten Heidelberg, Frankfurt und München auch Unterstützung aus der deutschen Studentenbewegung.

Allerdings stieß die Klassenkampfrhetorik von RITA bei der Masse der Wehrpflichtigen nur auf sehr begrenzte Resonanz. Bereits 1971/72 sorgte das "Early Out"-Programm (135) zur vorzeitigen Entlassung von Wehrpflichtigen für eine weitgehende Austrocknung des Protestpotentials. Ein Übriges tat das in Zusammenarbeit mit den deutschen Sicherheitsbehörden erfolgende Vorgehen gegen RITA-Aktivisten und deren Unterstützer.

Deutlich schwieriger gestaltete sich demgegenüber die im dritten Teil des Buches geschilderte Bekämpfung des Drogenkonsums. Vazansky gibt dazu im siebten Kapitel zunächst einen allgemeinen Überblick des US-amerikanischen "War on Drugs" und des ab 1968 im Zuge des Vietnamkrieges wachsenden Drogenproblems in den US-Streitkräften.

Die Drogenproblematik in der USAREUR zwischen 1970 und 1975 ist Gegenstand des achten Kapitels. Der Autor schildert hier sehr anschaulich die von Verband zu Verband differierenden Praxen im Umgang mit potentiellen Drogenkonsumenten. Generell sollte dabei Rehabilitation den Vorrang vor Repression haben. Die Methoden zur Überwachung des militärischen Personals waren jedoch mit Entfernung der Türen von Kasernenstuben, Durchsuchung privater Wohnungen und Kraftfahrzeuge, Leibesvisitationen sowie der Wegnahme von Zivilkleidung und anderem persönlichen Eigentum rigide und nach Urteil des U.S. District Court Washington D. C. vom Januar 1974 verfassungswidrig.

Schließlich betrachtet Vazansky im neunten Kapitel die westdeutschen Reaktionen auf die Probleme der U.S. Army Europe. Im Vordergrund steht dabei die Presseberichterstattung, die etwa in Gestalt des Spiegel-Artikels "Wir mußten die 7. Armee ruinieren" aus dem Jahr 1972 ausgiebig referiert wird.

Diese Verfahrensweise ist symptomatisch für das gesamte Buch. Immer wieder werden Berichte aus Zeitungen oder Zeitschriften gleichsam nacherzählt. Dies mag hinreichend sein für eine plastische Phänomenologie der Problemlagen. Vazansky hat jedoch erkennbare Schwierigkeiten, diese in ihrem Umfang und ihren Konsequenzen - insbesondere für die Funktionsfähigkeit der U.S. Army Europe als Pfeiler der NATO-Bündnisverteidigung - zu gewichten. Das zeigt sich auch bei der Auswertung der durchaus zahlreich herangezogenen archivalischen Quellen. Statistische Angaben etwa zum Drogenkonsum in verschiedenen Verbänden zu verschiedenen Zeitpunkten werden im Text aneinandergereiht, ohne dass sie vom Autor zueinander in Beziehung gesetzt oder gar zu einem Gesamtbild für den Untersuchungszeitraum zwischen 1968 und 1975 zusammengeführt werden. Auch die Entwicklung der Desertionen oder der Beteiligung an Aktivitäten der Black Panther Party oder von RITA lässt sich so allenfalls erahnen.

Insgesamt hat Alexander Vazansky in seinem Buch die Problemlagen der U.S. Army Europe und die getroffenen Gegenmaßnahmen anschaulich beschrieben. Am Ende bleibt allerdings weitgehend offen, wie ausgeprägt die diagnostizierte Krise war und was diese letztlich tatsächlich bedeutete.

Christian Th. Müller